AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2009

Spionage Verrat mit Todesfolge

Bloß ein seltsamer Zufall - oder mehr? Vor seinem tödlichen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg hatte der Polizist und Stasi-Agent Karl-Heinz Kurras einen Überläufer verraten, der später in bulgarischer Haft starb. Sein Name: Bernd Ohnesorge.

Von , und

Stefan Appelius

Das chiffrierte Fernschreiben unterrichtete Außenminister Hans-Dietrich Genscher über einen politisch relevanten Todesfall. Am frühen Morgen des 15. Dezember 1987, so meldete die Botschaft in Sofia, habe sich ein deutscher Staatsbürger in der bulgarischen Haftanstalt Stara Zagora mit brennbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet. Der Mann, wegen Spionage für die CIA zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, schwebe in Lebensgefahr.

Zwei Tage später war der Gefangene tot. 60 Prozent seiner Haut waren zerstört, der Häftlingsanzug aus Nylon hatte sich in seinen Körper eingebrannt. Nachdem die Leiche des 43-Jährigen in einem Zinksarg nach Deutschland ausgeflogen worden war, schlossen gleich mehrere Geheimdienste ihre Akten. Der Tote war sowohl der amerikanischen CIA, dem britischen MI 6 als auch dem ostdeutschen Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gut bekannt. Er hieß Bernd Ohnesorge.

Die frappierende Ähnlichkeit zu dem Namen Benno Ohnesorg, jenem Studenten, der am 2. Juni 1967 durch eine Berliner Polizeikugel starb, mag Zufall sein. Doch eine weitere Verbindung zwischen den Todesfällen könnte jetzt, Jahrzehnte später, wieder Nachrichtendienste und Ermittler beschäftigten. Der Mann, der Ohnesorg erschoss, trägt möglicherweise auch eine Mitverantwortung für den Tod von Ohnesorge in Bulgarien. Karl-Heinz Kurras, West-Berliner Polizist und Stasi-Spion, hatte dem MfS belastendes Material gegen den Agenten geliefert, das ihm Jahre später offenbar zum Verhängnis wurde.

Der Kriminalbeamte und der spätere CIA-Spion Ohnesorge begegneten sich 1966 in Berlin, der surrealen Spionage-Hauptstadt zwischen Ost und West. In der geteilten Stadt tobte der Kalte Krieg in seiner heißesten Form. Spione jeglicher Couleur stellten einander nach, boten ihre Dienste als Doppelagenten an; Maulwürfe drangen in die innersten Bereiche der jeweils feindlichen Hauptquartiere ein.

Kurras agierte damals als Topquelle der Staatssicherheit. Er hatte 1955 beim DDR-Geheimdienst angeheuert und arbeitete inzwischen in der West-Berliner Kripo-Abteilung I, dem Staatsschutz, der vor allem Jagd auf Stasi-Agenten machte.

Ebenfalls für die Stasi spitzelte damals auch Bernd Ohnesorge. Im Alter von 22 Jahren hatte er von West- nach Ost-Berlin überwechseln wollen, doch die Stasi hatte - ähnlich wie bei Kurras - befunden, er könne im Westen nützlicher sein. Ohnesorge unterschrieb eine Verpflichtungserklärung, nahm den Decknamen "Urban" an und lieferte Material "über die Grenzsicherung von Westberliner Seite". Zudem wurde er, gegen Geld, auf mutmaßliche Schleuser angesetzt. Das Problem bei seinen Berichten war allerdings, dass sie oft mehr Dichtung als Wahrheit enthielten.

So kühlte sich die heimliche deutschdeutsche Beziehung schnell wieder ab. Ohnesorge, vom Agentenleben begeistert, machte sich auf die Suche nach einem neuen Auftraggeber. Im Herbst 1966 offenbarte er sich dem britischen Geheimdienst und bot seine Mitarbeit an. Der aber wollte mit dem Überläufer nichts zu tun haben und gab der West-Berliner Kripo kurzerhand den Tipp, sich den MfS-Mann Ohnesorge vorzuknöpfen.

Der Fall landete ausgerechnet bei Staatsschützer Kurras. Bei seinen Ermittlungen zu Ohnesorge zeigte sich der Stasi-Mann angewidert von der Familie des Überläufers, die seit Jahren "wiederholt kriminalpolizeilich aufgefallen" sei. Kurras beschrieb die Mutter als "notorische Lügnerin und Betrügerin", die "sicher eine abwegige, querulatorische Persönlichkeit" sei. Die minderjährige Schwester von Bernd Ohnesorge, notierte Kurras verächtlich, pflege bereits seit frühester Jugend intime Verhältnisse zu älteren Männern. In Briefen an ihre Mutter dekonspiriere Ina Ohnesorge gar die Liaison mit einem Stasi-Offizier in Ost-Berlin.

Derartige Erkenntnisse hatte Kurras durch Vernehmungen und eine Hausdurchsuchung bei den Ohnesorges gewonnen, bei der auch die Schreiben der Schwester beschlagnahmt worden waren. Selbstverständlich verriet Kurras den Inhalt postwendend an die Stasi und übergab zusätzlich Durchschläge seiner Berichte für den Staatsschutz-West, um das MfS vor der Familie als Sicherheitsrisiko zu warnen - insbesondere vor Bernd und dessen Schwester Ina. Bei einem konspirativen Treff am 7. Januar 1967 meldete Kurras seinem Führungsoffizier: "Die Haussuchung fand statt, da der Bernd Ohnesorge sich beim Engländer über seine Verbindung zum MfS offenbart hat." Kurras' Informationen hatten Folgen in beiden Teilen Berlins. Im Westen wurde Bernd Ohnesorge wegen Verdachts auf landesverräterische Tätigkeit festgenommen, im Osten wurden Kurras' Berichte über den Überläufer penibel von der Stasi archiviert. Ohnesorges Schwester, die sich in Ost-Berlin aufhielt, geriet sofort ins Visier des MfS. Nur vier Tage nachdem Kurras bei seinem Agentenführer ausgepackt hatte, wurde die 20-Jährige verhaftet. In einem Verfahren vor dem Stadtgericht wurde sie wegen "Staatsverleumdung" der DDR und "falscher Beschuldigung" zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Es war nicht der einzige folgenschwere Verrat der Quelle Kurras. Zwischen 1955 und 1967 lieferte der Spitzenagent ausweislich seiner Akte Hunderte Berichte an die Stasi. Darunter 24 "Informationen über festgenommene IM des MfS" sowie Details über mindestens fünf "desertierte MfS-Angehörige".

In der Schattenwelt der Agenten und Geheimdienste können Akten ein fatales Eigenleben entwickeln, auch wenn sie Jahrzehnte unberührt in den hauseigenen Archiven geschlummert haben. Weggeworfen wird nichts, vernichtet höchstens Belastendes.

Bernd Ohnesorge gelang es nicht mehr so recht, einem seriösen Broterwerb nachzugehen. Er lebte von Sozialhilfe und Gelegenheitsjobs, der gelernte Tierpräparator gab sich als promovierter Pathologe aus. Schließlich kehrte er zu den Geheimdiensten zurück. Anfang der achtziger Jahre heuerte er bei der CIA an. Er flog in die USA zur Ausbildung und kam mit einem delikaten Auftrag nach Europa zurück. Er sollte sich an die Gattin eines ranghohen bulgarischen Militärs heranmachen.

In der Rolle des Romeo erwies sich Ohnesorge als erfolgreich, als Spion weniger. Im August 1984 offenbarte er sich dem bulgarischen Geheimdienst und bot an, künftig als Doppelagent zu arbeiten. In den tagelangen Vernehmungen behauptete Ohnesorge aber auch, er sei ein illegaler Kader der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion. Die Experten der Spionageabwehr in Sofia wurden immer misstrauischer. Per Fernschreiben fragten sie beim Bruderdienst in Ost-Berlin nach, ob der Mann dort bekannt sei.

Die Antwort fiel fatal aus. Das MfS hatte Ohnesorges Akte aus dem Archiv geholt und war offenbar auch auf die alten Kurras-Berichte gestoßen. Im August 1984 berichtete die für Spionageabwehr zuständige Stasi-Hauptabteilung II: Die "operative Nutzung" von Ohnesorge sei bereits 1967 "abgebrochen" worden, wegen "Dekonspiration und Unehrlichkeit".

Die bulgarischen Tschekisten, die eigens nach Ost-Berlin gereist waren, verstanden sofort. Ohnesorge war ein notorischer Überläufer, nicht einsetzbar. In einem Geheimverfahren vor einem Militärtribunal wurde er in Abwesenheit eines Anwalts zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die CIA, sein letzter Auftraggeber, ließ den Agenten ebenfalls fallen und kümmerte sich nicht um den deutschen Staatsbürger. Auch Ohnesorges verzweifelte Briefe an Bundeskanzler Helmut Kohl kamen nie an - sie wurden vom bulgarischen Geheimdienst abgefangen.

Erst Jahre später wurde sein mysteriöser Feuertod publik, dank der akribischen Nachforschungen des Berliner Politologen Stefan Appelius. Der Wissenschaftler ist schockiert über den Umgang der bundesdeutschen Behörden mit dem Fall Ohnesorge: "Trotz der prekären Haftbedingungen, eines Hungerstreiks und schließlich der von Mitgefangenen bezweifelten Selbstverbrennung existiert zu dem Fall eine Mauer des Schweigens - bis heute." Ohnesorge bat kurz vor seinem Tod einen deutschen Konsularbeamten vergebens um Hilfe. Er befürchtete, dass er das Gefängnis nicht lebend verlassen werde.

Kurras, der Ohnesorge an die Stasi verraten hatte, dürfte wenig Mitleid mit ihm gehabt haben. Was mit Überläufern wie ihm geschehen solle, hatte er bereits Anfang 1967 einem Stasi-Offizier erklärt. Man müsse "gegen solche Verräter scharf vorgehen".



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torsten steinbeck, 12.06.2009
1.
mal ganz ehrlich, so einen Zufall, dass Kurras ohne den Namen von Ohnesorg zu kennen und ihn nicht für Ohnesorge zu halten, kann es nicht geben und somit will ich hier mal ganz deutlich schreiben, was wohl jeder automatisch denkt: Kurras hat beweußt geschossen um sein Opfer auszuschalten. Er war unmittelbar zugegen als Benno Ohnesorg möglicherweise nach seinem Namen gefragt wurde, da dieser fast identisch mit dem von Bernd Ohnesorge war, hat Kurras ev. Bernd Ohnesorge verstanden und ist entsprechend sofort davon ausgegangen es mit dem Stasi Spitzel zu tun zu haben. Soweit kann man wohl ziemlich sicher sein, dass es so war. Warum er geschossen hat, wird aber noch heraus zu finden sein und da bleiben nur die Versionen, dass auf Ohnesorge ein Kopfgeld ausgesetzt war bzw. gegen ihn seitens der Stasi ein Liquidierungsbefehl vorlag oder Kurras die sofortige Enttarnung durch Ohnesorge befürchtete und ihn sicherheitshalber ausschaltete. Dabei ist eben auch die Frage ob er kaltblütig agierte, also schlicht sofort einen eventuellen Liquidationsbefehl umsetzte, oder im Affekt handelte weil er, aus welchen Gründe auch immer, die sofortige Enttarnung befürchtete. Die Tat als geplanten und erfolgreichen Versuch den Westen zu destabilisieren und die Unruhen auszulösen, kann man nun nach Bekanntwerden dieses Zusammenhanges eher weniger vermuten aufgrund dieser extremen Namensähnlichkeit, denn das hätte mit jedem anderen auch funktioniert..... Eine gezielte Suche nach Ohnesorge in dem Getümmel darf auch ausgeschlossen werden...der Zufall liegt tatsächlich in dem Zusammentreffen aber der Schuß galt nicht Benno Ohnesorg sondern Bernd Ohnesorge und das genaz bewusst - dessen bin ich mir zumindestens sehr sicher.
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