Spionage Mit List und Lippenstift

Spionage: Mit List und Lippenstift Fotos
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Mit ihrem Sex-Appeal avancierte Mata Hari zur berühmtesten Spionin der Welt. Andere Frauen in geheimer Mission hantierten mit Handgranaten und Revolvern - und agierten viel wirksamer als die Vorzeigeagentin. Ein neues Buch stellt die erfolgreichsten Geheimdienstlerinnen vor - und ihre selten damenhaften Methoden. Von

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Eigentlich hätte sie verheiratet sein, ein paar Kinder hüten und ein ruhiges und beschauliches Leben als Hausfrau führen sollen. Stattdessen zischten Belle Boyd im Frühsommer des Jahres 1862 Kugeln um die Ohren. Die junge Frau aus Virginia riskierte ihr Leben, als sie im Laufschritt feindliche Linien durchquerte, um einem Truppengeneral geheime Informationen zu überbringen. Nicht zuletzt die "Entschlossenheit, meinem Land bis zum Letzten zu dienen", schrieb sie später in ihren Memoiren, habe ihr in dieser gefährlichen Situation übernatürliche Kräfte verliehen.

Es war Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten. Am Unabhängigkeitstag 1861 drangen Soldaten der Nordstaaten in das Haus der Familie Boyd ein, weil Belle angeblich eine Flagge der Südstaaten-Konföderation aufgehängt hatte. Ein Streit entflammte, in dessen Verlauf die 17-Jährige einen der Soldaten erschoss. Das impulsive Mädchen verstand nicht, warum sie im eigenen Heim nicht ihr Land ehren durfte. Nach diesem Tag wurde aus Isabella Boyd, der Kaufmanns- und Farmerstochter, Belle Boyd die Spionin. "La Belle Rebelle", wie sie später auch genannt wurde, wollte von nun an den Südstaaten dienen.

Beim Geheimdienst der Konföderation ließ sie sich ausbilden. Fortan überbrachte sie Nachrichten an die Generäle, schmuggelte Waffen, Munition und Medikamente und sammelte Informationen über geplante Manöver. Zweimal wurde die als nicht besonders schön, aber ausgesprochen charmant beschriebene Belle von den gegnerischen Nordstaaten inhaftiert. Beim ersten Mal verdankte sie ihre Freilassung einem Gefangenenaustausch, später wurde sie vor ein Kriegsgericht gestellt und zur Zwangsarbeit verurteilt, dann aber doch mit Verbannung in den Süden bestraft.

Tolle Tänzerin, schlechte Spionin

Die Geschichte der Belle Boyd ist nur wenigen bekannt. Auch andere Spioninnen fristen ein Schattendasein in der Rumpelkammer der Geschichte. Das Paradoxe: Als bekannteste ihrer Zunft, als Inbegriff der Agentin gilt bis heute eine, die tatsächlich wenig erfolgreich war - Mata Hari. Dabei gab es vor und nach der exotischen Tänzerin, die im Ersten Weltkrieg zwar kaum verwertbare Informationen lieferte, zur Statuierung eines Exempels aber dennoch hingerichtet wurde, zahlreiche Frauen, die geheime Informationen sammelten. Diesen widmen sich nun die Autorinnen Ute Maucher und Gabi Pfeiffer in ihrem Buch "Codewort Seidenstrumpf - Die größten Spioninnen des 19. und 20. Jahrhunderts".

Etwa Louise de Bettignies, Mata Haris Zeitgenossin im Ersten Weltkrieg. Sie baute im Auftrag der Briten ein ausgeklügeltes Spionagenetzwerk im besetzten Frankreich auf, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Über 20 Mitverschwörer halfen Louise, die den Decknamen Alice Dubois erhielt, Nachrichten außer Landes zu schmuggeln. Ihre Methoden waren raffiniert: Ein Chemiker entwickelte unsichtbare Tinte, ein Kartograf schaffte es, in Kurzschrift mit einem Kalligrafiestift bis zu 1600 Wörter unter einer Briefmarke zu verbergen.

Virginia Hall dagegen unterstützte während des Zweiten Weltkriegs den französischen Widerstand und avancierte so für die Gestapo zum gefährlichsten aller alliierten Spione - und das trotz einer Beinprothese. Eigentlich hatte die ehrgeizige, gebildete Amerikanerin eine Karriere im diplomatischen Dienst angestrebt, doch nach einem Jagdunfall musste ihr linker Unterschenkel amputiert werden. Der körperliche Makel ließ den Traum von der Laufbahn im Auswärtigen Amt wie eine Seifenblase zerplatzen. Doch Virginia schaffte es, auf andere Weise militärisch und politisch tätig zu werden. Sie nahm die britischen Fallschirme in Empfang, mit deren Hilfe Waffen, Munition, Kleidung, Essen oder weitere Agenten eingeflogen wurden, um der Résistance unter die Arme zu greifen. Lokale Widerstandsgruppen wurden von ihr auf den kommenden Einsatz vorbereitet. Nach dem Krieg ehrten die USA und Frankreich die furchtlose Spionin dafür mit Orden. In den Diplomatischen Dienst wurde sie jedoch immer noch nicht übernommen.

Schreibtisch und Sprengstoff

So unterschiedlich die Frauen, so unterschiedlich ihre Motivation für die Spionagetätigkeit, wie Gabi Pfeiffer erzählt. "Es gibt Frauen wie Mata Hari, die es aus Geldnot oder Geldgier gemacht haben. Es gibt solche, die das Abenteuer gesucht haben. Solche, die sehr hehre Ziele hatten, die sich für ihr Vaterland und die Menschen dort eingesetzt haben." Und für andere, die für Russland und den KGB spionierten, habe der Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland und später der Kampf für einen besseren Gesellschaftsentwurf im Vordergrund gestanden.

Auch die Methoden, die die Damen zur Erreichung ihrer Ziele einsetzten, glichen sich nicht immer.

So war Melita Norwoods Einsatzgebiet vor allem der Schreibtisch. Als Sekretärin in einer britischen Forschungsgemeinschaft, die ab Mitte der vierziger Jahre am Geheimprojekt zur Entwicklung einer Atombombe beteiligt war, sammelte sie jahrelang brisante Informationen, die sie an die Sowjetunion übermittelte. Enttarnt wurde sie aber erst 1999 im gesegneten Alter von 87 Jahren, lange nach ihrer "Pensionierung", als sie nicht mehr mit Brennstäben und Uran, sondern nur noch mit Gartenarbeit und dem Einkochen von Marmelade beschäftigt war.

In Lebensgefahr begab sich dagegen Krystyna Skarbek. Nach der Invasion Polens durch Hitlers Truppen wollte die mittlerweile in Afrika lebende polnische Diplomatengattin ihr Land unterstützen. Auf Skiern kämpfte sich die Tochter eines Grafen über slowakische Bergpässe zurück in ihr Heimatland, wo sie zunächst in eigener Sache Informationen zusammentrug. Unter dem Decknamen Christine Granville begann sie anschließend für die Briten zu arbeiten, lernte zu schießen, zu funken und absolvierte eine Fallschirmspringerausbildung. 1944 brachte sie italienischen Widerstandskämpfern bei, mit Sprengstoff und Waffen umzugehen. "Sie war die mutigste Person, die ich jemals gekannt habe", schwärmte Sir Owen O'Malley, der ehemalige britische Botschafter in Ungarn, von der hübschen Christine. "Die einzige Frau mit einem nostalgischen Hang zur Gefahr. Sie konnte alles mit Dynamit tun - außer es zu essen", sagt er.

Schäferstündchen mit dem Feind

Vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg wurden Frauen verstärkt als Spioninnen eingesetzt, nicht zuletzt weil sie seltener Misstrauen erregten und daher weniger fürchten mussten, entdeckt zu werden. Aber auch der kriegsbedingte Männermangel sorgte dafür, dass systematisch Agentinnen ausgebildet wurden. Die "Special Operations Executive", eine Spezialeinheit der Briten, die den europäischen Widerstand gegen Nazi-Deutschland durch Spionage und Sabotage unterstützen sollte, schickte ihre Aspirantinnen durch ein hartes Training. Der Umgang mit Sprengstoff stand ebenso auf dem Lehrplan wie Nahkampf oder geheime Kommunikationstechniken.

Obwohl etliche Spioninnen an vorderster Front kämpften, gab es dennoch auch die oft in Filmen dargestellte Femme Fatale, die Agentin, die statt Handgranaten und Revolver vor allem ganz andere Waffen einzusetzen weiß. Amy Elizabeth Thorpe, der die Londoner "Times" den Beinamen "Bond in blond" verlieh, vergnügte sich im Auftrag Großbritanniens mit mehreren hochrangigen Politikern und Diplomaten. Dem Presseattaché der Botschaft des Vichy-Regimes in Washington entlockte die lebenshungrige, gebildete Amerikanerin bei Schäferstündchen Informationen über die Kooperation der Vichy-Politiker mit Hitler. Ihren Körpereinsatz bereute sie nie. "Kriege werden nicht durch achtbare Methoden gewonnen", sagte sie später ihrem Biografen.

Doch trotz zum Teil unterschiedlichster Mittel, derer sich die Frauen bedienten, scheint es auch Gemeinsamkeiten gegeben zu haben. Bei ihren Recherchen zum Buch "Codewort Seidenstrumpf" fiel der Journalistin Gabi Pfeiffer vor allem eine Parallele im Leben etlicher Spioninnen auf. "Es waren Frauen, die als Mädchen eher wild waren und sich ungern an Normen hielten."

Elsbeth Schragmüller, die im Ersten Weltkrieg als Leiterin der Frankreich-Sektion des deutschen militärischen Nachrichtendienstes unter anderem Agenten auswählte, instruierte und vernahm, erzählte einer Journalistin: "Ich war mein ganzes Leben entweder das schwarze Schaf oder das Paradepferd meiner Familie."

Und Belle Boyd zeigte bereits als Elfjährige, dass sie nicht bereit war, sich an Regeln zu halten. Als die Eltern ihr die Teilnahme an einem Dinner verboten, weil sie zu jung war, ritt sie kurzerhand auf ihrem Wallach ins Esszimmer. "Er ist doch alt genug, oder?" soll sich das störrische Mädchen gerechtfertigt haben, das nur wenige Jahre später zu einer der größten Spioninnen im amerikanischen Bürgerkrieg wurde.

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