Spionage im Kalten Krieg Geburt des amerikanischen Alptraums

Die Anklage von elf mutmaßlichen russischen Spionen erinnert an fast vergessene Zeiten: 1945 lieferte erstmals ein Überläufer Hinweise darauf, dass die USA von Schläfern infiltriert war. einestages über den Beginn der Kommunismus-Paranoia - und die spektakulärsten Spionagefälle des Kalten Krieges.

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Die Polizisten der rotgeschürzten Royal Canadian Mounted Police in Ottawa trauten ihren Ohren nicht, als am 5. September 1945 ein junger Mann atemlos in ihre Dienststelle stürmte. Aufgeregt stotterte er mit einem starken russischen Akzent, er befände sich auf der Flucht vor dem sowjetischen Militärnachrichtendienst und habe Beweise dafür, dass Kanada und die USA von russischen Spionen infiltriert worden seien. Dokumente habe er dabei, gestohlen aus der sowjetischen Botschaft in Ottawa, handsigniert von Josef Stalin selbst. Als er dann auch noch anfing, Hunderte von wild zerknitterten Zetteln unter seinem Pullover hervorzuzerren, beschlossen die Mounties schließlich, ihn freundlich, aber bestimmt vor die Tür zu setzen.

Sie ahnten nicht, dass der verwirrte 26-Jährige die Geschichte der USA für immer verändern sollte. Igor Gusenkos Aktion war einer der entscheidenden Faktoren für den Ausbruch des Kalten Krieges. Denn die Dokumente waren tatsächlich echt. Zwei Jahre hatte Gusenko für die sowjetische Botschaft in Ottawa Geheimnachrichten chiffriert und dechiffriert - und dabei seine neue Heimat Kanada ins Herz geschlossen. Mit den Informationen, die er den Mounties anbot, wollte er sich das Bleiberecht in seiner neuen Wunschheimat erkaufen. Dafür hatte er mit dem brisanten Diebstahl sein Leben aufs Spiel gesetzt - nie hätte er sich erträumt, dass sein Plan daran scheitern sollte, dass ihm schlicht niemand glaubte. Doch auch die Redaktion des "Ottawa Journal" warf ihn raus, als er sie von seiner Geschichte zu überzeugen versuchte.

Erst in der folgenden Nacht begriff die kanadische Polizei den Ernst der Lage - als sie zu einem Einbruch mehrerer Männer in einem Apartment gerufen wurde. Es war Gusenkos Wohnung. Sowjet-Agenten hatten das Fehlen der Dokumente bemerkt und sich gewaltsam Zugang zur Bleibe des Überläufers verschafft, die sie nun auf der Suche nach den Dokumenten auf den Kopf stellten. Der abtrünnige Chiffrierbeamte und seine Familie hatten sich nur knapp in benachbarte Wohnungen retten können und beobachteten das Treiben verängstigt durchs Schlüsselloch. Gründlich durchkämmten die Spione die Wohnung - erst von der eintreffenden Polizei ließen sie sich verscheuchen.

Filmstar auf lebenslanger Flucht

Endlich wurde der Überläufer in Sicherheit gebracht und fand Gehör. Und was er zu sagen hatte, war erschütternd: Der Sowjet-Geheimdienst schleuse schon seit Jahren einen ganz neuen Typ Geheimagent in die USA und Kanada ein - "Schläfer", die zunächst jahrelang unerkannt ein vollkommen normales Leben im Ausland lebten und so eine wasserdichte Doppelidentität aufbauen sollten, ehe sie zur Spionage eingesetzt würden. Und was noch bestürzender war: Gusenko belegte Pläne Stalins, mit Hilfe eingeschleuster Doppelagenten das Atomwaffenmonopol der USA zu brechen. Die Enthüllungen des sowjetischen Überläufers wurden zur Basis für eine Paranoia, die noch jahrzehntelang anhalten und die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära zu Beginn der fünfziger Jahre ebenso befeuern sollte wie das atomare Wettrüsten zwischen Washington und Moskau.

Mit seinem historischen Frontenwechsel brachte Igor Gusenko ein Pendel der Spionage und Gegenspionage, des Informationsdiebstahls und der Attentate zwischen USA und UdSSR in Schwung, das noch für Jahrzehnte immer weiter ausschlagen sollte. Denn während Gusenko fortan unter ständiger Polizeibewachung lebte, nur noch vermummt Interviews gab und jährlich Identität und Wohnort wechselt, während er Bücher über seine Erlebnisse schrieb und im Hollywood-Film "The Iron Curtain" 1948 seine Geschichte sogar auf Leinwand gebannt wurde, führte das wachsende Misstrauen zwischen Ost und West zu einem Wettrüsten der Nachrichtendienste - und einer Reihe von Spionageskandalen.

Etwa 1955, als der CIA-Top-Spion William King Harvey sich mit einem Spezialistenteam unter der Grenze zur sowjetischen Besatzungszone in Berlin durchgrub, um dort über Monate vollkommen nutzlose Informationen abzuzapfen. Oder 1961, als der abgestürzte Spionagepilot Gary Powers seinen Selbstmord per Giftkapsel verweigerte und so einen Friedensgipfel zwischen Eisenhower und Chruschtschow platzen ließ.

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Spionage im Kalten Krieg: Geburt des amerikanischen Alptraums

einestages erinnert an die schockierendsten, folgenreichsten und skurrilsten Agenten-Abenteuer des Kalten Krieges.



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Ralf Bülow, 01.07.2010
1.
Kleiner Hinweis: Ab 1943, als mitten im 2. Weltkrieg, sammelten amerikanische Stellen geheime UdSSR-Kommunikation, siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Venona_project Die erste Entschlüsselung gelang zwar erst 1946, aber getraut hat man den Sowjets schon lange vorher nicht.
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