Spionage im Kalten Krieg Als die CIA ihren Tunnel-Coup verpatzte

Spionage im Kalten Krieg: Als die CIA ihren Tunnel-Coup verpatzte Fotos
Das Bundesarchiv/Manfred Beier

Es hätte ein großer Erfolg für die westlichen Geheimdienste werden können - Mitte der fünfziger Jahre buddelte die CIA in Westberlin einen Stollen in Richtung Osten und zapfte ein Nachrichtenkabel der Sowjets an. Doch am Ende war die "Operation Gold" ein heimlicher Sieg für den KGB. Von

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Der heiße Tipp kam aus Ost-Berlin. Gegen Ende des Jahres 1952 übergab ein V-Mann aus der DDR-Postverwaltung den Amerikanern in Berlin die Lagepläne einer amtlichen Fernmeldeleitung. Das dicke Kupferkabel verband die Dienststellen der sowjetischen Administration in Karlshorst bei Berlin mit dem deutschen Hauptquartier der Roten Armee in Wünsdorf bei Zossen.

Die US-Schlapphüte waren elektrisiert: Dies war sie, die Arterie des Gegners. Durch dieses Kabel lief wichtige Kommunikation der Sowjetstreitkräfte, auch die mit anderen Ostblockländern. Und das Schönste: Das Kabel lag stellenweise ganz dicht an der Berliner Demarkationslinie, also in Reichweite.

Spezialisten des britischen Secret Intelligence Service (SIS) hatten kurz nach dem Krieg schon einmal ein unterirdisches Nachrichtenkabel der Russen angezapft, in Wien. Es war ein ziemlicher Coup gewesen, der als "Operation Silber" in die Annalen des Geheimdienstes einging. Da die Berliner Sache ein paar Nummern größer zu werden versprach, legte die CIA verbal noch eins drauf: Das Unternehmen zum Anzapfen des heißen Drahts der Sowjets im Berliner Untergrund lief vom Start weg als "Operation Gold".

Spione in der Straßenbahn

Im Frühjahr 1953 entwarfen leitende Geheimdienstler der Briten und Amerikaner bei einem Treffen in London die Grundzüge der Aktion. Abhörtechnik sollten die Engländer beisteuern, das Geld für den Tunnelbau die CIA. Ort der Handlung war der damals heißeste Schauplatz des Kalten Krieges. In Berlin, der "Ewigen Stadt der Spione" (so Spionageautor John Le Carré) wimmelte es von Agenten - besonders vor dem Bau der Mauer 1961, als jeder Spion, der aus der Kälte kam, einfach nur die U-Bahn nehmen musste.

Bei den Amerikanern leitete die "Operation Gold" der Berliner CIA-Stationschef William King Harvey. Der aus dem Mittleren Westen stammende Harvey, Jahrgang 1915, war ein Tatmensch mit schillerndem Ruf, den Kritiker innerhalb der Behörde als "stets revolverbewehrten Trinker und Ex-FBI-Agent" (so der CIA-Chronist Tim Weiner) verachteten. Tatsächlich war "Bill" Harvey wegen persönlicher Eskapaden vom FBI-Chef J. Edgar Hoover 1947 aus der US-Bundespolizei gefeuert worden - worauf die mit Hoover schwer verkrachte CIA ihn einstellte.

Harveys Gegenspieler war der Leiter der Berliner KGB-Residentur, Jewgenij Petrowitsch Pitowranow, ein kühler Apparatschik, der vorher die sowjetische Auslandsspionage geleitet hatte. Pitowranow allerdings hatte ein As im Ärmel, von dem sein Gegenüber nicht das Geringste ahnte. Schon bei den ersten US-britischen Vorgesprächen saß nämlich ein KGB-Mann mit am Tisch. George Blake, langjähriger Russland-Experte beim SIS, war ein Moskauer Maulwurf, der unter dem Codenamen "Diomid" brühwarm an den KGB berichtete - so dass Moskau über die "Operation Gold" bestens im Bilde war, bevor der CIA-Chef sie überhaupt genehmigt hatte.

Agentenkrimi der Extraklasse

So begann ein Agentenkrimi der Extraklasse. Beide Seiten standen unter hohem Erfolgsdruck. In Moskau musste der neue starke Mann Nikita Chruschtschow im Kampf um Stalins Nachfolge Härte gegenüber dem Westen beweisen. Und die junge CIA sah die Chance, aus dem Schatten der großen Vorbilder, besonders des SIS, zu treten. Wie viel der Agency an Profilierung lag, zeigt eine interne Bilanz am Ende der Aktion: Die Vereinigten Staaten, die bei den Experten als ungeschickte Spionage-Neulinge verschrien seien, so das Fazit, hätten einen Schlag gegen die Sowjets geführt, der allgemein als Meisterstück anerkannt werde. Erst 1961 erfuhren die westlichen Dienste, dass sie hereingelegt worden waren: Ein polnischer Überläufer enttarnte George Blake.

Als Anfang September 1954 in aller Diskretion der erste Spatenstich für die "Operation Gold" gefeiert wurde, waren sowohl CIA wie SIS noch völlig ahnungslos. Als Einstiegsstelle für den Tunnel vorgesehen war eine grenznahe Brache in Rudow, ganz im Süden des amerikanischen Sektors. Zwecks Täuschung östlicher Beobachter errichteten die Amerikaner dort einen Komplex aus Flugradarantennen und Lagerhallen. Hinter deren Mauern konnten die Tunnelbohrer ans Werk gehen und ihren Abraum entsorgen, immerhin rund 3000 Tonnen Erdreich. In sechs Meter Tiefe sollte der 1,80 Meter breite Tunnel etwa 400 Meter ostwärts vorstoßen und das Kabel unter der Schnellstraße zum Flughafen Schönefeld erreichen. Gebaut wurde in einer Art Schildvortrieb, mit Stahlauskleidung der Tunnelwände. Das für die Wühlaktion ausgesuchte amerikanische Pionierkorps hatte zuvor in den USA eigens an einem Probetunnel exerziert.

Das kaum einen Meter unter der Erde liegende Kabel aus der Tiefe anzusteuern, ohne dabei Spuren an der Oberfläche zu verursachen, erwies sich als trickreich. Mal brach auch Wasser ein, mal stießen die Schürfgeräte nach festem Lehm auf rieselnden Sand. Doch trotz aller Widrigkeiten blieben die Mineure im Plan - Anfang 1955 war der Tunnel fertig, picobello, einschließlich Belüftung, Entwässerung und Sprengvorbereitung für eine mögliche Schnellzerstörung. Am Ende des Gangs lag eine mit Stahltüren armierte Kammer mit der zentralen Abhörapparatur, aus der ein Schacht zum Kabel emporführte. Dann klemmten sich englische Spezialisten in die Leitung. Oben schien niemand was gemerkt zu haben, unten funktionierte alles auf Anhieb - ab Februar 1955 begannen die Nachrichten wie erhofft zu sprudeln.

25 Tonnen Tonbänder mit abgehörten Gesprächen

Auf teilweise 500 Kanälen gleichzeitig liefen Sprach- und Telexverbindungen, ein wahrer Kosmos im Militär- und Politkauderwelsch. Aus dem Kupferstrang mit seinen 273 Drahtlitzen zapften die westlichen Maulwürfe täglich neben zahllosen Telefonaten auch Telexbotschaften im Umfang von über tausend Meter Lochstreifen an, ein großer Teil davon auch noch verschlüsselt. In London musste eigens ein Auswertungsbüro für bis zu 317 Spezialisten geschaffen werden, in Washington ein weiteres für 350 Analysten - die US-Regierung verlangte täglich eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse. Am Ende waren 25 Tonnen Tonbandmaterial auf 50.000 Spulen zusammengekommen, 365.000 abgehörte Gespräche mussten von Band abgeschrieben werden.

Daraus ergaben sich alle möglichen Erkenntnisse - über Strukturen östlicher Dienste, das Militär und immer mal wieder auch ein paar strategische Überlegungen. Ab und zu ließ der KGB sehr authentisch klingenden Stoff durch, vertrauliche Papiere, sogar private Telefonate des KGB-Oberen Pitowranow. Mitgeschrieben wurde etwa, wie der seine Berlin-müde Gattin beschwichtigte, über Arbeitsstress klagte und sogar einmal einen Jagdfrevel verabredete - Wildsauhatz mit Nachtsichtgeräten. Sonderlich begeistert waren die CIA-Auswerter nicht von derlei Output, aber Verdacht schöpften sie auch nicht.

Anfang 1956 beschloss Moskau, das Versteckspiel sein zu lassen und der "Operation Gold" ein Ende zu setzen. Um keine Hinweise auf die Information durch Blake zu geben, inszenierte das KGB die Tunnelenttarnung als Zufallsfund: Nach schweren Regenfällen starteten die Russen eine große Entstörungsaktion entlang der Kabeltrasse, bei der sie auch die Abhöranlagen entdecken mussten. In der Nacht des 22. April 1956 meldete ein CIA-Späher an Schönefelder Chaussee Kolonnen von Autos. Dann begann das Aufhacken des Straßenbetons, der alliierte Abhörschacht wurde nach und nach freigelegt. Einer der ersten, die ins frische Loch hinabkletterten, war Markus Wolf, der spätere DDR-Abwehrchef.

Wer war Sieger im Showdown?

Die regieführenden Geheimdienstler hatten das große Finale bis zuletzt unter Kontrolle. Der KGB sorgte für Presse vor Ort und als es hell wurde, auch für Kameras, um die "feindselige Provokation" des Westens süffig in Bild und Ton zu dokumentieren. Sogar eine Pressekonferenz im Tunnel gab es, für die Fotografen gab es als dankbares Motiv ein im Tunnel entdecktes Pappschild, das - wie es später im Westen hieß - der Berliner CIA-Chef Harvey höchstselbst in drolligem Deutsch beschriftet hatte: "Sie treten jetzt in die amerikanischen Sektor hinein."

Aber auch der düpierte Harvey feierte noch einen kleinen Sieg. Die CIA nämlich hatte inmitten der eilig abgeschalteten Horchanlagen ein verstecktes Mikrofon in Betrieb gelassen. So sendete der Tunnel unbemerkt O-Töne von den sowjetischen Agentenjägern, die als erste zur Zapfstelle vordrangen. Die diskutierten über mögliche Sprengfallen, nahmen dann unter "heftigen Äußerungen von Erstaunen und Bewunderung" (so das letzte Abhörprotokoll) die amerikanischen Hightech-Geräte in Augenschein. Und auch DDR-Grenzer sind auf dem letzten Band verewigt, die nicht fassen konnten, was den sowjetischen Freunden hier anscheinend passiert war. "Die müssen total betrunken gewesen sein", zischelte einer, der sich unbelauscht glaubte. Nachmittags entdeckten die Sowjets dann auch das letzte Mikrofon. Um 15.50 Uhr war die Leitung tot, die "Operation Gold" nach elf Monaten und elf Tagen zu Ende.

Zwar ließ sich nie ein ganz eindeutiger Sieger des Showdowns ermitteln. Denn immerhin musste der KGB, um beim Nachrichtenspiel mit dem Gegner jeden Hinweis auf den eigenen Maulwurf zu vermeiden, den Nachrichtenfluss durch das Berliner Kabel so normal wie möglich halten. Das verschaffte der CIA auch echte Informationen - allerdings um den hohen Preis der totalen Blamage: Der KGB genoss seinen Coup bis 1961 im Stillen - während CIA-Leute auch noch zwei Jahre nach der Aushebung des Tunnels am Auswerten der endlosen Tonbänder saßen.

Und auch als Agent Blake alias "Diomid" schließlich verpfiffen und in England zu 42 Jahren Haft verurteilt wurde, konnten die Sowjets den Spott über ihre bloßgestellten Gegner getrost westlichen Medien überlassen. Erst als Blake 1966 unter mysteriösen Umständen aus dem Gefängnis floh, trat das KGB noch einmal in Aktion und schleuste seinen langjährigen Top-Agenten nach Moskau. Dort lebt Blake seither, gelegentlich rühmt er sich in Interviews seiner Taten. Der KGB oder seine Nachfolger aber haben sich zu Details der "Operation Gold" nie geäußert.

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1.
Ralf Bülow 28.08.2009
Ein Segment des Spionagetunnels ist im Berliner www.alliiertenmuseum.de zu besichtigen, und Fotos davon gibt es u.a. auf Flickr, wenn man nach dem "berlin spy tunnel" sucht.
2.
Karin Eitner 28.08.2009
wenn ich die Geschichten meines Vaters Horst Eitner, der wie hier geeschrieben Blake verraten hat, richtig verstanden habe, war der Spionagetummel so geheim wie der Funktum in Berlin ;-)
3.
Janko Scheidacker 29.08.2009
In bewegten Bildern: http://www.youtube.com/watch?v=RFCGfNCM-y4
4.
Jürgen Rose 29.08.2009
Vom 11. bis 26. Oktober 2008 hat der http://www.rudower-heimatverein.de in Berlin Rudow eine Ausstellung über den besagten Spionagetunnel durchgeführt. Einige Panorambilder aus der Ausstellung unter: http://www.neukoelln360.de/index.php?region=Rudower+Heimatverein
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