Spionage im Kalten Krieg Hinter der Mauer auf der Lauer

Spionage im Kalten Krieg: Hinter der Mauer auf der Lauer Fotos
DER SPIEGEL

Absurde Falschmeldungen, spektakuläre Materialien: Erstmals hat der BND Akten zur Wende freigegeben. Gespräche zwischen Gorbatschow und Honecker waren bestens dokumentiert. Den DDR-Staatschef erklärten die Spione trotzdem fünf Jahre zu früh für tot - und auch bei der Wiedervereinigung lagen sie daneben. Von

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Es hätte ein echter Coup sein können: Erich Honecker haut in den Westen ab, und der Bundesnachrichtendienst (BND) weiß es als Erster. Es ist der 7. November 1989, zwei Tage vor dem Mauerfall. Der BND meldet dem Kanzleramt: Der einige Wochen zuvor gestürzte SED-Führer habe "am 6. 11. seine Schwester in Wiebelskirchen/Saarland besucht" und sei "dann zur ärztlichen Behandlung in die Schweiz weitergereist".

Wenig später folgt die Ernüchterung: Der Geheimdienst hat es nicht nur als Erster gewusst, sondern auch als Einziger. Die Meldung ist falsch, in Wirklichkeit sitzt Honecker in Wandlitz und nimmt den Untergang der DDR übel.

Honecker und der BND - das ist eine Geschichte des Hörensagens, des Wissens und der Falschinformation. Im September 89 zum Beispiel unterrichten die Geheimen in einer "Express-Meldung" das Bonner Kanzleramt, der Staatsratsvorsitzende sei am 13. des Monats verstorben, das Begräbnis sei für den 24. geplant. So hatten es die Amerikaner ermittelt, so stand es in "Bild", und so kolportierte der BND den vermeintlichen Knüller - wenn auch mit der Anmerkung, am Inhalt der Meldung seien "erhebliche Zweifel" angebracht. Zu Recht: Honecker sollte noch bis 1994 leben.

Künstlerpech? Unfähigkeit? Oder die üblichen Schrammen, die sich holt, wer im Halbdunkeln über fremdes Terrain stakst? Was taugt der Dienst? Darüber wird seit seiner Gründung gestritten. Und wie effizient die westdeutsche Aufklärung auf dem Gebiet der DDR war, vermochten nicht mal Insider seriös einzuschätzen. Umso erstaunlicher, dass der BND nun auf Antrag des SPIEGEL erstmals zahlreiche Akten zu einem Großereignis der Nachkriegsgeschichte deklassifiziert hat: dem Mauerfall 1989 und dem Ende der DDR.

Ausgerechnet der ob seiner Geheimniskrämerei bei Wissenschaftlern und Journalisten berüchtigte BND setzt sich damit international an die Spitze der historischen Aufklärung, weit vor den sowjetischen KGB, die amerikanische CIA oder den britischen MI6, die ihre Dossiers zum Wendejahr 89 weiterhin unter Verschluss halten.

Es sind Tausende Seiten, die nun im Bundesarchiv in Koblenz vorliegen. Sie bilden zwar nur einen Teil der BND-Papiere zum Untergang des SED-Staats - die Akten zur DDR-Wirtschaft, zur Stasi oder zur Auslandsspionage sind noch verschlossen -, doch auch so lässt sich abschätzen, was der Geheimdienst wusste, etwa über die Nationale Volksarmee der DDR (fast alles), von der Stimmung an der SED-Basis (ziemlich viel), vom Geschehen im Politbüro (fast nichts).

In dem Dokumentenschatz finden sich neben absurden Falschmeldungen auch spektakuläre Materialien. Etwa jene Aufzeichnungen aus der ersten Jahreshälfte 1990, die von Hans Modrow handeln, damals Regierungschef der DDR und heute Vorsitzender des Ältestenrats der Linken.

Im BND hatte der Reformbefürworter lange einen guten Ruf. "Der war unser Held", erzählt Dieter Gandersheim, in der Wendezeit beim Dienst für die "Gesamtlage" zuständig. Doch dann reiste Modrow nach Moskau, um sich am 30. Januar mit Kreml-Chef Michail Gorbatschow abzustimmen. Die Wirtschafts- und Währungsunion stand vor der Tür und die SED vor dem Machtverlust.

Nach BND-Erkenntnissen bot Modrow seinem Gastgeber das Letzte an, was die Partei noch zu bieten hatte: die Stasi. Zunächst ging es um die Hauptverwaltung Aufklärung, zuständig für Auslandsspionage, dieses "effizient arbeitende" Spionageinstrument, das derzeit "kaum genutzt" werde; dies könne er "weitestgehend zur Verfügung" stellen, zitiert der Dienst den DDR-Chef. Allerdings müssten die Sowjets die Übernahme der materiellen Basis sichern, vulgo: die Gehälter zahlen. Aber dafür würden sie ja auch etwas bekommen, so Modrow laut BND-Bericht: "Es seien nach wie vor alle wichtigen Aufklärungsbereiche abgedeckt", insbesondere in der Bundesrepublik.

Aber auch die 260.000 hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi, welche die SED-Diktatur nach innen absicherten, wollte der Ost-Berliner Regierungschef den Dokumenten zufolge dem KGB vermachen. Nach BND-Erkenntnissen lockte er mit dem Hinweis, das "dicht geknüpfte Agenten- und Informantennetz (erfasse) weitestgehend das Parteien- und Oppositionsspektrum in der DDR". Der Dienst notierte: "Gorbatschow zeigte sich interessiert."

Modrow sagt dazu heute: "Nichts von dem ist wahr." Die BND-Informationen seien "eine glatte Lüge". Viele BNDler hingegen glauben, dass der KGB Stasi-Leute zumindest teilweise übernommen hat.

Wenn es um den Zustand und die Zukunft der DDR ging, ließ sich aus den Gesprächen des Kreml-Chefs generell Interessantes ableiten. Eine Aufzeichnung, die der BND am 5. Juni 1989 ans Kanzleramt und ausgewählte Ministerien schickte, bezieht sich auf ein wegweisendes Gespräch zwischen Gorbatschow und Honecker aus dem Vorjahr. Gorbatschow wollte damals sowjetische Truppen aus der DDR abziehen, Honecker protestierte. Doch der Moskauer Regent blieb laut BND-Akten hart: "Jedes Land trage für seine innere Sicherheit die alleinige und ausschließliche Verantwortung: Unter seiner Führung werde die Sowjetunion nicht intervenieren, um eine Partei bzw. Obrigkeit vor unzufriedenen Massen zu schützen."

Deutlicher konnte die Weltmacht die Breschnew-Doktrin kaum widerrufen, der zufolge sich niemand im roten Imperium vom real existierenden Sozialismus verabschieden durfte. Die sowjetische Bestandsgarantie für die DDR war abgelaufen - mindestens ein Jahr vor dem Mauerfall.

Solche Einsichten dürften das Rätsel lösen, woher Kanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher 1989 die Zuversicht nahmen, dass Moskau die Wende geschehen lassen würde.

Die jetzt zugänglichen Papiere stammen aus Haus 103. Der dreistöckige Betonkasten mit den Stahlgittern vor den Fenstern steht im hinteren Teil des BND-Geländes in Pullach bei München. Dort saßen, zumeist in Einzelbüros, die Auswerter der Abteilung 3; ungefähr 30 von ihnen kümmerten sich um den ostdeutschen Arbeiterund-Bauern-Staat.

Sie mussten beurteilen, was Spione und Abhörer von jenseits des Eisernen Vorhangs anschleppten oder was die Lektüre des "Neuen Deutschland" an Interpretationen zuließ. Der Glamourfaktor ihres Jobs ging gegen null, nur gelegentlich gab es eine Dienstreise nach Washington. Nie konnten die Auswerter einen Agenten treffen (dafür waren die Beschaffer zuständig), nie durften sie in den Ostblock reisen - zu gefährlich. Und eine Pistole hatten sie auch nicht.

Das Konvolut der freigegebenen Dokumente setzt Mitte der achtziger Jahre ein. Der BND genoss unter den westlichen Diensten seinerzeit den Ruf, die DDR besonders gut zu kennen. Doch Hans-Georg Wieck, der 1985 den Chefposten übernommen hatte, erzählt heute, in ersten Besprechungen hätten Mitarbeiter behauptet, das SED-Regime sitze "fest im Sattel" und die DDR-Bevölkerung habe die Einheit abgeschrieben. So sahen es damals auch Spitzenpolitiker aller Bonner Parteien.

Der CDU-Mann Wieck kam aus dem Auswärtigen Amt und hatte als Botschafter in Moskau den grauen sozialistischen Alltag erlebt. Von der herrschenden Meinung hielt er wenig - und mehr davon, systematisch Hinweise darauf zu suchen, was die Ostdeutschen über ihre Regierung und die deutsche Frage wirklich dachten.

Am liebsten wäre Wieck die DDR-Urlauber an den Stränden des ungarischen Plattensees oder in den Bars an der Schwarzmeerküste Bulgariens angegangen. Aber das fanden seine Sicherheitsexperten zu riskant. Stattdessen suchten die Geheimdienstler aus Pullach das Gespräch mit DDR-Wissenschaftlern, Kombinatsleitern und Privatreisenden, die im Westen zu Besuch weilten, oder machten sich an Übersiedler und Flüchtlinge heran. Alles natürlich inkognito.

So gab es beim BND Spezialisten für das Plaudern in der Eisenbahn, zumeist Frauen mittleren Alters, intern "Zugbefragerinnen" genannt. Andere Agenten nutzten die Hotelbar, gaben sich als Journalist, Versicherungsvertreter oder gar Meinungsforscher aus, plauderten über den FC Magdeburg und erkundigten sich - nach dem dritten Bier -, was der Besucher denn so von der deutschen Einheit halte.

Ungefähr 600 Interviews kamen auf diese Weise pro Halbjahr zustande, wurden ergänzt durch Kenntnisse, die der Dienst aus abgehörten Telefonaten oder Briefen erhielt; der BND öffnete routinemäßig Schreiben aus der DDR in die Bundesrepublik. Alles Material für Analysen über die Lage in der DDR.

Dazu zählen kluge Einschätzungen, etwa über die doppelt destabilisierende Wirkung von Westreisen. Honecker ließ ab 1986 die Ostdeutschen vermehrt in die Bundesrepublik reisen. Wie der Dienst herausfand, waren die Menschen nach der Rückkehr zunächst überwältigt von ihren Eindrücken aus Hamburg oder Stuttgart; bald jedoch folgten Wut und Resignation über die Zustände in der Heimat und schließlich depressive Phasen mit wochenlangen Krankmeldungen.

Westreisende waren für die SED zumeist verloren. Und jene, die nicht reisen durften, grollten ebenfalls der Staatspartei - ob der Benachteiligung.

Auch die regelmäßigen BND-Berichte über die "psychopolitische Lage in der DDR" spiegeln eine interessante Facette deutsch-deutscher Wirklichkeit. In einem Dokument vom Februar 1986 ist zu lesen, dass "der Gedanke an die deutsche Nationalität in der DDR-Bevölkerung tief verwurzelt" sei und allenfalls eine Minderheit den SED-Staat uneingeschränkt bejahe. Eine Einschätzung, die sich in den folgenden Jahren wenig ändern sollte.

Nicht auszuschließen ist freilich, dass mancher BND-Informant recherchierte, was der konservative Chef hören wollte. Anlass zu solchem Misstrauen gibt eine Studie, die in diversen BND-Berichten erwähnt wird. Sie soll vom Ost-Berliner "Institut für Internationale Politik und Wirtschaft" (IPW) stammen und 1988 im Auftrag der SED-Führung erstellt worden sein. Demnach befürworteten sehr viele Ostdeutsche die Einheit, nur etwa jeder Zehnte unter der arbeitenden Bevölkerung lehnte sie ab.

Das Problem dieses Befunds: Es gibt die Studie offenbar nicht. In den DDR-Archiven wurde sie jedenfalls nicht gefunden. Und der damalige Leiter des IPW, Max Schmidt, sagt, er habe ein derartiges Dokument nie gesehen; solche Forschungen hätten auch nicht zu den Aufgaben seines Instituts gezählt.

In anderen Fällen meldete der BND nachweislich Falsches - zog daraus aber die richtigen Schlüsse. So schätzte der Dienst Anfang 1989 die Zahl der Ostdeutschen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, auf bis zu 1,5 Millionen. Das beruhe auf "nachrichtendienstlichen Informationen zuverlässiger Quellen". Der BND sah eine große Ausreisewelle bevorstehen, was ja auch stimmte. Nur: Nicht 1,5 Millionen, sondern 113 500 Ostdeutsche hatten zu diesem Zeitpunkt die Ausreise beantragt. Da sei man SED-internen Manipulationen aufgesessen, sagt Wieck.

Der gebürtige Hamburger zählte zu jenen BND-Präsidenten, die gelegentlich dem Kanzler vortragen durften. Meist dauerten die Vieraugengespräche mit Kohl 20 Minuten, anschließend ging es in großer Runde weiter, und da Kohls Frau Hannelore von privaten DDR-Reisen Eindrücke mitbrachte, die sich mit den Geheimdiensterkenntnissen deckten, war die Stimmung zeitweise durchaus aufgeräumt.

Wieck hatte ja auch gute Nachrichten für den daheim in der Kritik stehenden Kanzler: Etwa als der BND am 12. Juli 1989 meldete, dass die Ostdeutschen ihn auf einmal schätzten. Sie sähen in ihm nicht mehr den revanchistischen Erzreaktionär, sondern einen pragmatischen Deutschland-Politiker.

Die Meldung muss den Kanzler und seine Getreuen beim Dienst gefreut haben, denn der zuständige Auswerter vermerkte handschriftlich: "Eine stimmungsmäßig besonders aussagefähige Meldung, deren Inhalt große Aufmerksamkeit erregt hat. (...) An solchen Stimmungsaspekten besteht größtes Interesse." Die gern verbreitete Behauptung, Kohl habe die BND-Berichte prinzipiell ignoriert, lässt sich durch manchen Aktenvermerk aus dem Kanzleramt schlicht widerlegen.

Andererseits: Was der Dienst im Spätsommer 89 nach Bonn meldete, war wenig kohärent. Am 21. August beobachtete der BND "eine Art Endzeitstimmung in weiten Bevölkerungsteilen" der DDR. Gut zwei Wochen später hieß es dagegen, immer noch würde "ein großer Teil der Bevölkerung dem Regime loyal bzw. resignativ begegnen oder es zumindest akzeptieren".

Immerhin deuteten die Pullacher die Massenflucht über Ungarn treffend als Katalysator. Der Exodus habe "Teile der in Resignation und Lethargie verfallenen Bevölkerung regelrecht reaktiviert". Die Menschen seien "konfliktbereiter und auch veränderungswilliger" geworden. Das stimmte - nur brauchte es für diese Analyse keinen Geheimdienst; das ließ sich auch im SPIEGEL nachlesen.

Wie fast alle westlichen Beobachter unterschätzte der Geheimdienst die Wirkung der Bürgerrechtsbewegung. Diese finde "fast keine Resonanz in der Bevölkerung", schrieb Wieck Ende September nach Bonn. Die Sicherheitsorgane der DDR hätten die Lage im Griff.

Über ein dichtes Netz von Funkaufklärstationen entlang der deutsch-deutschen Grenze konnte der BND Telefonverkehr abhören. "Laus-Material" nannten die Geheimen die so gewonnenen Informationen, darunter waren auch Berichte der SED-Kreisleitungen an die Parteizentrale. Von "tiefsitzendem Unbehagen" an der Basis, "Orientierungslosigkeit und Vertrauensverlust in die Führung" berichtet der BND im Mai des Wendejahres. Im Herbst der DDR registrierte der Dienst dann "Misstrauen und Resignation nicht nur unter den einfachen Genossen, sondern auch unter den Funktionären der Grund-, Kreis- bis in die Bezirksorganisationen".

Und dennoch bezweifelte der BND lange, dass die SED-Führung die Macht friedlich abgeben würde. Erst am 3. November - längst gingen die Ostdeutschen zu Hunderttausenden auf die Straße - meldete der DDR-Chefauswerter, Deckname "Schönbeck", die SED müsse "eventuell doch das jetzt noch zäh verteidigte Machtmonopol zur Disposition" stellen.

Wie unterschiedlich die Qualität der BND-Quellen war, zeigt sich gerade in jenem Moment, als der zweite deutsche Staat faktisch implodierte. Über die Nationale Volksarmee wusste Pullach gut Bescheid, auch aus dem Zentralkomitee, dem Außen- und dem Innenministerium der DDR flossen Informationen in den Westen. Nur zum engeren Zirkel des Politbüros, wo die Entscheidungen heranreiften, hatten die BND-Agenten - etwa ein Dutzend waren es wohl in Top-Positionen - keinen Zugang gefunden.

Den Geheimdienst hielt das freilich nicht davon ab, munter über Interna der SED-Spitze zu berichten. Manches stimmte, manches nicht. Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass die Stasi wohl fast alle Geheimdienstzuträger umgedreht hatte, wie der BND heute selbst einräumt.

Wahrheit und Desinformation zu trennen war in dieser Gemengelage ein schwieriges Unterfangen. Im Juli etwa hatte Erich Honecker in Bukarest den Gipfel des Warschauer Pakts vorzeitig verlassen müssen. Der BND berichtete von einer "harmlosen Insuffizienz" des 76-Jährigen, die man auch vor Ort hätte behandeln können. Die Schlussfolgerung: Der politisch isolierte SED-Chef sei nicht aus Gesundheitsgründen heimgereist, sondern um sich dem "unangenehmen Klima der Tagung (zu) entziehen".

Doch Honecker war wirklich schwer krank und musste an der Gallenblase operiert werden. Und die Performance des BND wurde nicht besser: Im August meldete Wieck nach Bonn, Honecker leide an Bauchspeicheldrüsenkrebs, einer unheilbaren und besonders bösartigen Krankheit. Wenn das wahr gewesen wäre, hätte Honecker das Jahr 1989 kaum überlebt.

Es waren unruhige Zeiten, in der DDR und bei den Aufklärern in Pullach. Kaum war Honecker Ende September ins Politbüro zurückgekehrt, berichtete Wieck, es liege ein "Hinweis aus kompetenter Quelle" vor, wonach der SED-Generalsekretär Reformen in der DDR einleiten werde. Gorbatschow habe Honecker unter Druck gesetzt. Da hatte Ulrich Schwarz, damals SPIEGEL-Korrespondent in Ost-Berlin, bereits geschrieben, dass "die politischen Tage Erich Honeckers gezählt" seien.

Zwei Wochen später hatte der BND wieder Anschluss gefunden an die tatsächliche Entwicklung jenseits der Mauer. Der Dienst rechnete mit "personellen Konsequenzen an der Spitze der SED, in die möglicherweise Honecker selbst einbezogen wird".

In der Tat forderten die Genossen im Politbüro den greisen und altersstarren Honecker am nächsten Tag, dem 17. Oktober, zum Rücktritt auf. Noch am gleichen Abend räumte der gebürtige Saarländer seinen Schreibtisch.

Die BND-Spitze erfuhr von der Entwicklung durch ein abgefangenes Telefonat, das zwei Spitzengenossen am folgenden Morgen führten: Die Ehefrau - vom BND-Auswerter mit "A" bezeichnet - saß in Ost-Berlin und war informiert, der Gatte ("B") befand sich in Rostock und begriff nur langsam.

Noch musste das Zentralkomitee am Nachmittag dem Sturz Honeckers zustimmen, und die Genossin war in Sorge:

"A: Du wirst es wahrscheinlich noch nicht wissen. Ich will aber am Telefon nicht Klartext reden. Man kann sich profilaktisch (sic!) für heute Abend eine Flasche Sekt oder Wein hinstellen. (Spricht vorsichtig, jedes Wort abwägend, wissend)

B: Aha.

A: Es wird etwas zu feiern geben.

B: Gut.

A: Schön Aktuelle (Kamera -Red.) gucken.

B: Ja, ok.

A: Alles neu.

B: Gut. Wir sind hier eifrig dran. Aber sind natürlich etwas abgenabelt.

A: Ja eben, deshalb. Ich denke, das wird euch - also unbedingt und versucht mal auch tagsüber, aehm, wirklich alles und ganz gravierend.

B: Ich habe heute früh schon gehört, da war gestern das mit den Studenten in der ...

A: Nein, nein. Ich meine wirklich alles und ganz gravierend. (Spricht langsam, eindringlich, klingt glaubhaft)

B: Gut.

A: Also, ich buchstabiere jetzt mal Führung. Fahrzeug, Überfall, Heinrich, Richard, Udo, Nordpol, Gustav.

B: Ok, Liebste.

A: Gänsehaut. Hoffentlich geht es gut.

B: Ja. (...)

A: Schätzchen, weil du ja so darunter gelitten hast, und ich dachte, das muss ich dir ganz, ganz schnell mitteilen.

B: Ok, Schatz."

Dokument eines Machtwechsels in einer Diktatur. Abends konnten A und B dann die Korken knallen lassen. Die Ära Honecker war zu Ende.

Der Nachfolger hieß Egon Krenz, seit Jahren Honeckers Kronprinz. Auch beim BND war er stets als einer der Top-Favoriten für die Nachfolge des SED-Generalsekretärs gehandelt worden, Krenz wurde als "flexibel und pragmatisch" eingeschätzt. Aber was bedeutet das, wenn täglich mehr Menschen auf die Straße gehen und ein Ende der SED-Diktatur verlangen?

Das Personendossier zu Krenz wurde vom BND nicht freigegeben. Nur ein Detail lässt sich aus den im Bundesarchiv vorliegenden Unterlagen entnehmen, und wenn denn stimmt, was dort steht, fällt kein gutes Licht auf Krenz. Er soll sich nach dem Tod seiner Mutter 1975 persönlich dafür eingesetzt haben, die Einreisegenehmigung für seine Halbschwester - die in der Bundesrepublik lebte - zu verzögern, sie sollte nicht an der Beerdigung in der DDR teilnehmen können - was Krenz dementiert. Das sei eine "Fehlinformation"; er habe zu der Verwandten seit 1957 keinen Kontakt mehr gehabt und nicht gewusst, ob sie "überhaupt zur Beerdigung kommen wollte".

Politisch kam Krenz beim BND erstaunlich gut weg. "Der war ein bisschen unser Hoffnungsträger", erinnert sich Gandersheim. Lange glaubte der BND, es sei Krenz' Verdienst, dass Polizei, Betriebskampfgruppen, Stasi und NVA bei der großen Leipziger Demonstration am 9. Oktober nicht auf die Menschenmenge geschossen haben. Doch der Honecker-Nachfolger spielte dabei keine Rolle.

Auch rechnete der BND dem neuen SED-Generalsekretär die Öffnung der Mauer am 9. November zu. Dabei hatte die Parteiführung etwas ganz anderes geplant als das freudige Chaos in der Nacht der Nächte. Die Ostdeutschen sollten nach einer Übergangszeit in einem geordneten Verfahren in den Westen reisen dürfen. Als Gnadenakt von oben gewährt, mit polizeilich erteilter Genehmigung und natürlich der Möglichkeit, diese jederzeit zu versagen.

Politbüro-Mitglied Günter Schabowski erweckte jedoch in seiner legendären Pressekonferenz am Abend des 9. November den Eindruck, man könne sofort rüber. Prompt versammelten sich Tausende Ost-Berliner vor den Grenzübergängen und forderten lautstark deren Öffnung. Die verunsicherten und weisungslosen Grenzer gaben schließlich nach.

Und der BND berichtete am 10. November 1989 nach Bonn: "Um ein Abflauen des Flüchtlingsstromes zu erreichen, hat die SED am Abend des 9. 11. überraschend ihre Westgrenzen geöffnet, was zahlreiche Deutsche zum Besuch im jeweils anderen Teil Deutschlands nutzten (...) Diese geradezu sensationelle Maßnahme ist als bisher radikalster Schritt von Krenz zu werten, mit dem er das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen sucht."

Niemand von den damals Verantwortlichen des BND mag heute mehr behaupten, der Dienst habe rund um den 9. November im Leistungszenit gestanden.

Als die Mauer fiel, waren Kohl und Genscher gerade in Warschau auf Staatsbesuch - und ahnten nichts. Geheimdienstchef Wieck weilte in Washington auf Dienstreise. Von der Öffnung der Mauer erfuhr er im Hotelzimmer, via Fernsehen.

Er rief sofort in Pullach an. Dort hatten sich einige DDR-Experten vor der Mattscheibe versammelt. Ihrem Chef gestanden sie: "Wir sind auch überrascht worden."

Diese Meldung hat gestimmt. Ganz sicher.


Auftrag: Weltfrieden - Die unmögliche Mission des Barack Obama

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