Spionage im Zweiten Weltkrieg Jagd auf Hitlers Mister X

Spionage im Zweiten Weltkrieg: Jagd auf Hitlers Mister X Fotos
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Anfang der vierziger Jahre war der britische Secret Service auf der Jagd nach einem deutschen Doppelagenten. Wilhelm Mörz hatte bereits Nazi-Gegner an die Gestapo verraten und gefährdete nun die weiteren Pläne der Alliierten. Doch der Gesuchte mit dem Allerweltsgesicht und den vielen Tarnnamen blieb ein Phantom.

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Die Nachricht, die Geheimdienstoffizier Dick White am 26. Mai 1940 auf den Tisch gelegt wurde, stammte von einem tschechischen Kollegen: Er habe gesehen, wie Wilhelm Mörz in der Londoner Regent Street in ein Taxi gestiegen sei. Bei White schrillten die Alarmglocken. Denn der Name Mörz war in Whites Behörde, dem britischen Spionage-Abwehrdienst MI5, nur zu bekannt.

Den britischen Schlapphüten war der Mann mit den wenigen, gescheitelten Haaren und dem stechenden Blick bereits ein Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in der Tschechoslowakei aufgefallen. Der ehemalige Polizeibeamte aus Hamburg hatte sich als Hitler-Gegner ausgegeben und vom tschechischen Geheimdienst anheuern lassen. Doch dann hatte sich Mörz in die Reihen emigrierter deutscher Nazi-Gegner eingeschlichen - und sie an die Gestapo verraten. Zu spät war den Tschechen aufgegangen, was dieser Mann tatsächlich war: ein deutscher Doppelagent.

Die Briten hatten mit Mörz ebenfalls noch eine Rechnung zu begleichen: Im November 1939 waren im holländischen Venlo zwei britische Agenten des Auslandsgeheimdienstes MI6 enttarnt und über die nahe deutsche Grenze verschleppt worden. Den britischen Quellen zufolge hatte der deutsche Agent hinter dieser Entführung gesteckt.

"Festnahme von allergrößter Bedeutung"

Und nun diese Meldung im Mai 1940, einer Zeit, in der Großbritannien sowieso schon in Aufruhr war: Vor kurzem hatten die Deutschen Polen überrannt, Frankreich und die Benelux-Länder angegriffen. Ende Juli stand die Wehrmacht dann schon auf der französischen Seite des Kanals. Dass just in diesem Moment ein deutscher Spion im Königreich auftauchte, ließ die Geheimdienstexperten im Londoner Thames House nichts Gutes ahnen: Wahrscheinlich wollte Mörz die deutsche Invasion in Großbritannien vorbereiten.

Dokumente, die das britische Nationalarchiv im März veröffentlicht hat, zeigen, wie sich nun eine dramatische Suche nach dem deutschen Spion entfaltete. Das Foto und die Beschreibung des Gesuchten wurde an alle Häfen, Flughäfen und Polizeistationen geschickt. Er sei vermutlich bewaffnet und äußerst gefährlich. Mörz' Festnahme sei "von allergrößter Bedeutung", ermahnte ein Offizier des Geheimdienstes den Polizeichef von London.

Polizisten durchsuchten alle Hotels, in denen der Gesuchte untergekommen sein könnte, während verschiedene Clubs und Bars im Londoner West End ständig observiert wurden. Bald stießen die Beamten auf eine Dawn Karland, eine Hostess im Club "El Morocco". Sie gab zu, mit jemandem Tee getrunken zu haben, der wie Mörz ausgesehen und sich "Morris" genannt habe. Er habe im Kensington Hotel gewohnt. Tatsächlich hatte sich dort ein gewisser Nowak ins Hotelbuch eingetragen - Nowak war einer von Mörz' üblichen Tarnnamen gewesen. "Die Spur wird heißer", meldete ein Fahnder an die Zentrale.

Doch Mörz selbst war inzwischen wie vom Erdboden verschwunden. Erst am 8. Juni wurde er wieder in der Tottenham Court Road in einem Bus gesehen. Eine weitere Bar-Tänzerin meldete sich: Bei dem Gesuchten handele es sich um den deutschen Baron von Rieber. Wieder eine falsche Spur: Der Adelige hatte einmal für die Reichsbank in London gearbeitet, nicht für den deutschen Geheimdienst.

Fahnder produzieren nur Spesen

Tatsächlich ähnelte die Suche nach Mörz immer mehr der Jagd nach einem Phantom. Mörz, Nowak, Michelson, Mikkelsen, ja sogar Morrison und Collins nenne sich der Deutsche, hieß es in verschiedenen Rundschreiben. Doch Mörz' größter Vorteil schien sein Allerweltsgesicht zu sein: "Leider ist jeder, dem wir ein Foto von Mörz zeigen, überzeugt, ihn schon mal gesehen zu haben", stellte eine wütender White im Frühjahr 1941 fest.

Im ganzen Land wollten Zeugen den Spion gesichtet haben: Ein Verdächtiger habe sich in einem Hotel in Edinburgh einquartiert, sei dann aber nach Newcastle weitergereist, hieß es. In Newcastle war die Person nach Behördenangaben auch angekommen, kurz darauf jedoch nach Leeds weitergefahren. Dort verlor sich auch diese Fährte.

Im September 1940 schrieb ein Ermittler frustriert: "Die Polizei hat etwa ein Dutzend Männer festgenommen und befragt. Falls er im Lande ist, entkommt er uns immer noch. Er ist tatsächlich einer der schlauesten Geheimagenten, den die Gestapo hat." Chef-Fahnder White war der Verzweiflung nah: "Die Ermittler mussten zahlreiche Restaurants und Nachtclubs aufsuchen, mit dem Ergebnis, dass wir nun beachtliche Spesenrechnungen haben, aber leider immer noch keinen Wilhelm Mörz."

Nach Ansicht von Christopher Andrew, Geschichtsprofessor und offizieller Historiker des MI5, belegen die veröffentlichten Dokumente, für wie wichtig die Briten Mörz hielten. "Wäre Mörz zwischen 1942 und 1943 im Land gewesen, glaube ich nicht, dass man D-Day (die überraschende Landung der Alliierten in der Normandie), hätte starten können", zitierte die "Sunday Times" den Historiker.

Aber schon im Frühjahr 1941 musste White einsehen, dass der Gesuchte wohl endgültig entkommen ist. Dieses Eingeständnis sollte einmalig bleiben: Nach herrschender Meinung enttarnte die britische Spionageabwehr alle mehr als hundert deutsche Agenten. Ein wichtiger Punkt jedoch bleibt dennoch offen: Er frage sich, schrieb White 1941 in einem Memo, "ob Mörz in diesem Jahr überhaupt in Großbritannien gewesen ist".

Roman Heflik

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 23.05.2006

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