Spionage im Zweiten Weltkrieg Ein Toter zieht in den Krieg

Spionage im Zweiten Weltkrieg: Ein Toter zieht in den Krieg Fotos

Er war vielleicht der erfolgreichste Agent des Zweiten Weltkriegs - und das, obwohl er schon tot war: Um die Nazis von der geplanten Invasion auf Sizilien abzulenken, statteten die Briten 1943 eine Leiche mit fingierten Dokumenten aus - die post mortem sogar Hitler narrte. Von Christoph Gunkel

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.5 (65 Bewertungen)

Eine Leiche musste her. Unbedingt. Schnell. Ewen Montagu war nervös, denn er stand vor einem Riesenproblem: Er brauchte einen Mann Anfang 30, der eines natürlichen Todes gestorben war. Doch wie sollte er an einen Toten kommen, wenn er kein Wörtchen darüber verlieren durfte?

Denn Ewen Montagu arbeitete seit Herbst 1942 beim britischen Nachrichtendienst an einer streng geheimen Mission, die so bizarr war, dass sie direkt den Drehbüchern Hollywoods entsprungen sein könnte: Mit Hilfe der Leiche eines vorgeblichen britischen Offiziers, den es in Wahrheit nie gegeben hatte, wollten die Engländer die Nazis über die wahren Ziele der Alliierten täuschen - und somit den Kriegsverlauf entscheidend verändern.

Dabei klang es zu verrückt, um zu funktionieren: Der Tote sollte mit einer falschen Identität ausgestattet werden und in einem Koffer scheinbar brisante Dokumente bei sich tragen. Vor der Küste Spaniens von einem britischen U-Boot ausgesetzt, sollte die Leiche von der Strömung ans Festland getrieben werden - in der Hoffnung, dass die falschen Dokumente von spanischen NS-Kollaborateuren an die Deutschen weitergereicht würden. Funktionierte der Bluff, würde die Wehrmacht die geplante Invasion der Alliierten nicht in Sizilien erwarten, sondern Hunderte Kilometer entfernt in Griechenland.

Umgeben von Leichen

Doch der Plan barg etliche Risiken, Unwägbarkeiten und praktische Probleme: Wie konnte man sichergehen, dass der Tote wie das Opfer eines Flugzeugabsturzes aussah - in Wirklichkeit aber Monate früher gestorben war? Wer garantierte, dass er an die Küste trieb - inklusive Koffer? Und wie konnten die Briten den Deutschen weismachen, dass sie einen Stabsoffizier mitten im Krieg mit Unterlagen von höchster Wichtigkeit von London nach Nordafrika schickten?

Mit solchen Problemen hatten Ewen Montagu und seine Mitarbeiter bei der Feindnachrichtenabteilung der Admiralität gerechnet - aber nicht, dass bereits die Suche nach der Leiche fast im Fiasko endete: Mal passte die Todesursache nicht, mal das Alter, dann wieder galten die Angehörigen nicht als verschwiegen. "Wir waren im Jahr 1942 sozusagen von Leichen umgeben", erinnert sich Montagu später in seinem Buch ("Der Mann, den es nie gab") über seine morbiden Nachforschungen, "aber es gab keine, die wir brauchen konnten."

Als er schon überlegte, eine Leiche zu stehlen, hörte er von einem Mann, dessen Angehörige nicht reden würden. Warum, verriet Montagu nie - aber ein Historiker fand es Jahrzehnte später heraus: Der Tote hieß Glyndwr Michael und war ein Landstreicher aus Südwales, der inzwischen in London lebte. Dort starb er im Alter von 34 Jahren, nachdem er Rattengift genommen hatte. Für den Geheimdienst der perfekte Tote - ein einsamer Mann ohne Geld, Verwandte und Freunde. Es war der Beginn der "Operation Hackfleisch", wie die Briten mit tiefschwarzem Humor die geplante Mission des Toten tauften.

Offizier mit kleinen Lastern

Mit Feuereifer feilte Montagu nun an dem Lebenslauf des Verstorbenen: Er taufte ihn auf den Allerweltsnamen Major William Martin, was für deutsche Spione schwer zu überprüfen sein würde. Er ließ falsche Ausweise anfertigen und rieb die Papiere stundenlang an seiner Hose, bis sie die richtige Patina hatten. Und er verschaffte Major Martin eine bildhübsche Verlobte namens Pam, die im Badeanzug für ihn posierte und ihm schwülstige Liebesbriefe schrieb.

"Wir redeten über Martin, bis wir das Gefühl hatten, er sei ein alter Freund, den wir schon seit Jahren kannten", berichtete Montagu nach dem Krieg. Akribisch schufen die Nachrichtenoffiziere einen Charakter, den sie den Deutschen mit Hilfe persönlicher Dokumente in den Taschen des Toten unterjubeln wollten. Natürlich sollte der Major ein ausgezeichneter Offizier sein, aber ein paar kleine Laster würden ihn glaubwürdiger machen: Und so wurde Martin am Reißbrett zu einem Mann, der sich gern amüsiert, Rechnungen nicht sofort begleicht und sein Konto überzieht.

Das Kernstück der Täuschung waren jedoch falsche Briefe, die tatsächlich von höchster Stelle verfasst worden waren. In dem wichtigsten schrieb General Archibald Nye, Vizechef des Generalstabs der britischen Armee, über angebliche Invasionspläne der Alliierten für den griechischen Peloponnes und Sardinien. Geschickt deutete Nye an, dass Sizilien nur scheinbares Ziel dieser "Operation Husky" werden solle. "Wir haben sehr gute Aussichten, den Feind zur Ansicht zu bringen, dass wir nach Sizilien gehen werden, denn das ist ein naheliegendes Angriffsziel und eines, das ihm Sorgen machen muss."

Ein Toter geht auf Reisen

In der Tat war Sizilien die mit Abstand wahrscheinlichste Variante für eine Invasion im Mittelmeerraum - schließlich lagen die alliierten Truppen nach dem Sieg über Rommel in Nordafrika nur wenige hundert Kilometer Luftlinie entfernt. "Jeder außer einem völligen Trottel musste wissen, dass Sizilien drankommt", glaubte auch Englands Premier Churchill. Die Briten hatten also wenig zu verlieren und viel zu gewinnen: Lief es gut, konnten sie bei der Wehrmacht Zweifel säen. Funktionierte der Trick nicht, würden die deutschen Truppen sie sowieso an der Küste Siziliens erwarten.

Monatelang arbeitete Montagu für diese dürre Hoffnung, die Nazis mit einem psychologischen Trick überlisten zu können - und stieß dabei oft auf makabere Probleme: So mussten dem tiefgefrorenen Major Martin Maß genommen werden, um ihn in Offizierskleidung zu stecken, doch die Schuhe ließen sich der Leiche auch mit Gewalt nicht anziehen. Die Rettung brachte ein elektrisches Heizgerät, mit dem die Füße des Toten kurz angetaut wurden, ohne dass der ganze Körper auftaute - und damit zu früh verwest wäre.

Denn Major Martin hatte eine lange Reise vor sich. Für ihn wurde extra ein Spezialkanister mit doppelten Stahlblechwänden und einer 50 Kilogramm schweren Isolierung aus Asbestwolle hergestellt. Luftdicht verschlossen und mit Trockeneis gekühlt sollte der falsche Offizier in diesem Behälter in den Krieg ziehen. Offiziell befanden sich in dem riesigen Kanister optische Instrumente.

Köder "ganz und gar" geschluckt

Von London ging es am 18. April 1943 zunächst per Auto in die schottische Hafenstadt Greenock westlich von Glasgow. Von dort wurde der 200 Kilogramm schwere Kanister auf ein britisches U-Boot gebracht. Zwölf Tage später setzte die Besatzung die Leiche nachts um 4.30 Uhr mit einer Schwimmweste aus - rund 1500 Meter von der spanischen Küstenstadt Huelva entfernt. Damit alles wie ein Flugzeugunglück wirkte, wurde gleichzeitig ein Rettungsboot ausgesetzt.

Huelva war mit Bedacht gewählt, denn die Briten wussten, dass dort ein sehr umtriebiger deutscher Agent war, der von spanischen Kollaborateuren gut mit Nachrichten versorgt wurde. Jetzt hofften sie auf die Tüchtigkeit des Deutschen - und darauf, dass der größte Schwachpunkte der Story nicht auffiel: Der wichtige Dokumentenkoffer war mit einem Gürtel an das Handgelenk des Toten gekettet worden.

Doch der Coup gelang. Schon bald erfuhr der ahnungslose britische Marineattaché in Madrid von der angeschwemmten Leiche. Ein Arzt vermutete Unterkühlung als Todesursache. Es begannen hektische diplomatische Aktivitäten, die Nachrichtenoffiziere ließen den Attaché bewusst nach den "geheimen Unterlagen" fahnden. Schließlich erhielten sie einen Teil der Briefe zurück - und konnten an den Falzspuren erkennen, dass sie heimlich geöffnet worden waren. "Hackfleisch ganz und gar verschluckt", wurde Premier Churchill daraufhin stolz gemeldet.

Hitler lässt sich täuschen

Gleichzeitig glaubten auch die Deutschen, einen spektakulären Coup gelandet zu haben. Nach dem Krieg ließ sich an Hand des Schriftverkehrs des deutschen Nachrichtendienstes eindeutig nachweisen, dass die Mission "Hackfleisch" ein voller Erfolg war: Schon in der ersten Maiwoche telegrafierten deutsche Agenten die übersetzten Briefe nach Berlin. "Die Echtheit der erbeuteten Dokumente steht außer Zweifel", schrieben sie in ihrer Analyse und legten die Unterlagen Marinechef Karl Dönitz vor.

Schließlich ließen sich sogar das Oberkommando der Wehrmacht und Hitler persönlich täuschen. Als Mussolini einen Angriff auf Sizilien befürchtete, widersprach er dem Duce energisch und vermutete, "dass die geplante Offensive in erster Linie gegen Sardinien und gegen den Peloponnes gerichtet sein wird". Eine fatale Fehleinschätzung: Eine Panzerdivision aus Frankreich wurde nach Griechenland geschickt, die Deutschen legten dort neue Minenfelder an, sie zogen eine Flottille Schnellboote aus Sizilien ab und verstärkten die Verteidigung Korsikas und Sardiniens.

In der Nacht zum 10. Juli 1943 griffen die Alliierten mit Fallschirmspringern, Flugzeugen und Schlachtschiffen Sizilien an - und überraschten die deutschen und italienischen Truppen, die anfangs nur wenig Widerstand leisteten und zu Zehntausenden in Gefangenschaft gerieten. Die Einnahme Palermos löste am 22. Juli sogar einen Putsch gegen Mussolini aus. Die Achse Rom-Berlin zerbrach; die Invasion Siziliens war zum Triumph der Alliierten geworden.

Und Major Martin? Nach dem Krieg wurde er kurzzeitig berühmt, als 1956 ein Film über die geheime Mission gedreht wurde, doch ebenso schnell geriet er wieder in Vergessenheit. Noch heute liegt sein Grab fern seines wahren Todesortes in Huelva. Im Mai 1943 war er dort beerdigt worden, die britischen Spionageexperten ließen extra einen Kranz von seiner falschen Verlobten Pam nach Spanien schicken. Vielleicht auch aus Mitgefühl, womöglich aber nur aus kalter Professionalität.

Artikel bewerten
4.5 (65 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Adrian Stangl 26.07.2010
Schöne Geschichte, schöner Artikel, leider aber etwas platt aus dem "New Yorker" abgekupfert, der das Thema vor ein paar Wochen im Heft hatte.
2.
Christer Almqvist 26.07.2010
ZITAT der größte Schwachpunkte der Story nicht auffiel: Der wichtige Dokumentenkoffer war mit einem Gürtel an das Handgelenk Toten gekettet worden. ENDE Ende der 60er und Anfang der 70er wohnte ich in London und flog geschäftlich jede Woche "nach Europa". Manchmal kam als letzter Passagier ins Flugzeug ein Herr mit einem kleinen Lederkoffer gekettet an das Handgelenk. Ganz vorne dürfte er sitzen und der Koffer trug den Initialen H.M.S. oder F.O.. Ich habe mich immer gewundert das wichtige Staatsdokumente so prahlend umgetragen wurden. Aber es waren damals andere Zeiten. Heute hätte "man" im Ernstfall wohl einfach den Hand abgeschnitten, falls man an die Dokumente kommen wollte. Ein Schwachpunkt der Story war der angekettete Koffer sicherlich nicht, eher hat er zur Glaubwürdigkeit beigetragen.
3.
Philipp Appel 08.01.2013
Der Artikel und die Kommentare sind zwar schon alt, aber trotzdem gibts einen viel größeren Fehler: Die Operation hieß nämlich "Mincemeat" und nicht "minced meat" - Ist zwar beides was zum essen, allerdings trifft der anscheinend so sarkastische Begriff "Hackfleisch = minced meat" hier nicht zu!! Mincemeat Mincemeat ist eine Mischung aus klein gehacktem Trockenobst, Weinbrand und Gewürzen!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen