Spionagetechnik aus dem Ersten Weltkrieg Verschwinden auf Rezept

Die CIA hat ihre ältesten archivierten Dokumente freigegeben: Sechs Schriftstücke aus dem Ersten Weltkrieg beschreiben Mixturen und Methoden, mit denen Geheimschrift sicht- oder unsichtbar wurde. Die Technik ist heute überholt, doch die Dokumente geben einen faszinierenden Einblick in die Arbeit früher Geheimagenten.

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"Man nehme eine Tablette Pyramidon, eine Tablette Aspirin und 400 Milliliter reines Wasser": Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Apotheker-Rezept, ist tatsächlich die Herstellungsformel für deutsche Geheimtinte. Vom 14. Juni 1918 datiert dieses Dokument in französischer Sprache. Es zeugt davon, dass die Franzosen den Geheimcode der deutschen Feinde geknackt hatten, mit dem diese während des Ersten Weltkrieges ihre brisanten Botschaften quer durch die Schützengräben transportierten.

Vier Jahre lang hatten sich die verfeindeten Nationen in einem zermürbenden Stellungskrieg gegenüber gestanden. Die Formel für die Geheimschrift der Deutschen zu kennen, war ein großer Vorteil für die Franzosen. Ein noch größerer aber war es, zu wissen, wie sich die Nachrichten wieder sichtbar machen ließen. Denn das Dokument listet ebenso die Zutaten auf, mit denen die deutsche Spionagetinte wieder sichtbar gemacht werden konnte: 22 Gramm Alkohol, 50 Gramm destilliertes Wasser, 0,5 Gramm Kaliumnitrat, 27 Gramm Essigsäure und 20 Gramm Tetrachlorkohlenstoff - mit dieser Lösung mussten verdächtige Schriftstücke betupft werden.

Das nun freigegebene Relikt der Spionagetechnik mit der Nummer 433 schlummerte nahezu ein Jahrhundert in den Archiven der CIA, bevor es am Dienstag der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde. Es ist eines von sechs Dokumenten, die der US-Geheimdienst jetzt zugänglich gemacht hat.

Die Unterlagen, laut CIA ihre ältesten überhaupt, enthalten nicht nur diverse Rezepte für unsichtbare Tinte beziehungsweise deren Dechiffrierung, sondern vermitteln auch Einblick in andere Geheimtechniken der Spione, Generäle und Diplomaten des Ersten Weltkrieges. So geben sie etwa Aufschluss über chemischen Methoden, mit deren Hilfe man damals versiegelte Briefumschläge öffnen konnte, ohne sie aufzuschneiden. Wichtige Warnung für die Hersteller der geheimen Mixturen: "Atmen Sie nicht die Dämpfe ein!" Ein anderer Hinweis für die Benutzer der selbst hergestellten Geheimtinte: "Benutzen Sie eine Schreibfeder und keinen Stahlstift wegen des Verätzungs-Risikos."

Ein weiteres nun veröffentlichtes CIA-Dokument, verfasst von einem Handschriften-Experten aus San Francisco, zählt 50 mögliche Szenarien auf, wie Geheimtinte benutzt werden kann, und wendet sich an US-amerikanische Post-Inspektoren. "Es gibt noch sehr viel mehr von Spionen und Schmugglern benutzte Möglichkeiten, je nach Fähigkeiten und Ausbildung. So zum Beispiel das Schreiben unter Briefmarken, das Verpacken von Botschaften in Pillenkapseln oder das Eingravieren von Nachrichten auf Zehennägel", schreibt der Experte und schließt: "Der Krieg zwischen Spionen, Fälschern und Experten bringt ständig neue Methoden hervor."

Erheiterte Presse, irritierte Experten

Die Dokumente mit den heute indes größtenteils völlig archaisch anmutenden Erkenntnissen aus den Jahren 1917 und 1918 waren seit dem Ersten Weltkrieg unter Verschluss - so lange, "bis technologische Fortschritte die Freigabe ermöglichten", sagt CIA-Direktor Leon E. Panetta. "Wenn historische Informationen nicht länger brisant sind, stellen wir uns unserer Verantwortung und machen sie dem amerikanischen Volk zugänglich", so Panetta weiter.

Die späte Herausgabe der Dokumente sorgte in den USA für Erheiterung, aber auch für Irritationen. "Es mutet ein wenig seltsam an", schrieb etwa die "Washington Post", "dass diese Dokumente fast 100 Jahre lang geheim gehalten wurden, obwohl heute längst jedes Kind mit ein wenig Zitronensaft seine eigene Geheimtinte brauen kann."

Befremdet äußerte sich auch Steve Aftergood von der "Federation for American Scientists": "Geheimtinte wurde bereits vor langer Zeit durch die digitale Verschlüsselung überflüssig und ist nicht etwa durch jüngste Entwicklungen überholt worden", sagte er der Nachrichtenagentur AP. Einer offiziellen Anfrage aus dem Jahr 2002, die Dokumente freizugeben, wurde laut "Daily Mail" nicht stattgegeben.

Im vergangenen Jahr hat die CIA Geheimdokumente mit einem Volumen von mehr als 1,1 Millionen Seiten veröffentlicht. Die nun veröffentlichten Unterlagen befanden sich zunächst in der Hand des US-amerikanischen Office of Naval Intelligence, das in französischer Sprache verfasste Dokument erwarben die Amerikaner von den Franzosen. Später fanden die Dokumente Eingang in die Archive der erst 1947 offiziell gegründeten CIA.



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Detlev Vreisleben, 23.04.2011
1.
Informationen zu HV A- und BND-Geheimtinten liegen in den MfS-Akten bei der BStU, der Gauck/Birthler/Jahn-Behörde.
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