Spitzenkoch Johann Lafer "Kochen ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt"

Spitzenkoch Johann Lafer: "Kochen ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt" Fotos
dpa

Blick in die Küche: Im einestages-Interview nimmt TV-Starkoch Johann Lafer seine Vorreiter vor den Gourmets in Schutz, ekelt sich vor Jakobsmuscheln mit Zimtzabaione und erklärt, warum die Deutschen das Bruzzel-TV so lieben.

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einestages: In Statur und Frisur, aber auch im Auftritt und Habitus erinnern Sie eindeutig an Clemens Wilmenrod, Deutschlands ersten TV-Koch. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Lafer: Absolut. Nach dem Krieg hieß Essen vor allem: Nahrung aufnehmen. Wilmenrod hat sich als Erster Gedanken gemacht, wie man Essen mit Emotion verbinden kann. Man denke an den Toast Hawaii - Fernweh pur! Eine Kombination aus dem Toastbrot der Amerikaner, dem deutschen Schinken, dem Allgäuer Bergkäse und natürlich der Ananas, die für Exotik steht..

einestages: Wie können Sie als Sternekoch so positiv über Clemens Wilmenrod reden? Dosengemüse, Ketchup und Majo zu verquirlen ist doch keine Kunst!

Lafer: Wilmenrod ist ein Kind seiner Zeit gewesen, das darf man ihm nicht vorwerfen. Damals waren Konserven eben etwas Besonderes.

einestages: Kritiker haben ihm vorgeworfen, dass er nicht mal ein Huhn tranchieren konnte...

Lafer: Ob er kochen konnte, wie wir dies heute von einem Fernsehkoch verlangen oder nicht, spielte damals nicht die entscheidende Rolle. Er hatte etwas Neues entdeckt, nämlich Kochen im Fernsehen, er war konkurrenzlos, da er der Einzige war - und damit war er erfolgreich.

einestages: Inwiefern hat Wilmenrod die Zunft der TV-Köche geprägt?

Lafer: Entscheidend ist, dass es ihm gelungen ist, ein elementares Grundbedürfnis aus dem Kämmerlein herauszuholen und so zu präsentieren, dass die Leute Spaß daran gefunden haben. "Tue Gutes und zeige es den Leuten" - das ist es, was ich von Wilmenrod gelernt habe. Seine präzisen Kochanweisungen waren einfach einzigartig. Ebenso wie die Kunst, auch banale Dinge spannend darzustellen. Bei ihm geriet sogar das Wasserkochen zum Erlebnis!

einestages: Der Mann hatte sein eigenes Konterfei auf der Schürze - ein eitler Gockel, oder?

Lafer: So viel Ego würde heute nicht mehr gut ankommen, das steht fest. Doch auch im aktuellen Kochfernsehen gibt es Formen der Selbstdarstellung, hinter denen ich nicht stehe.

einestages: Und geldgierig war er auch noch, der erste Schleichwerber des deutschen Fernsehens!

Lafer: Das finde ich nicht. Das Getöse um die Schleichwerbung im Fernsehen halte ich für etwas übertrieben Es macht wenig keinen Sinn, Etikette zuzukleben und alles vor der Sendung in Schälchen umzufüllen - das schreckt doch die Menschen vom Kochen ab! Ich möchte den Leuten zeigen dürfen, dass sie eine gute Butter nehmen müssen.

einestages: Warum kochen noch heute vorrangig Männer im Fernsehen?

Lafer: Wenn Sie sich die Situation in der Gastronomie und vor allem der Topgastronomie ansehen, dann gibt es auch dort mehr Männer als Frauen. Die Betonung liegt auf mehr, denn die Frauen erobern auch hier, wie in der Politik und im gesamten täglichen Leben immer mehr Positionen - und das finde ich gut so.

einestages: Wie hat sich das Essverhalten der Deutschen seit Wilmenrod verändert?

Lafer: In den fünfziger Jahren ging es vor allem darum, viel zu essen. Seit den Sechzigern öffnen wir uns für Einflüsse aus fremden Ländern. Und in den Siebzigern begann man damit, es mit der angeblichen Kreativität zu übertreiben. Ich sage nur: Jakobsmuscheln mit Christstollen und Zimt-Zabaione!

einestages: Warum haben die Deutschen die Kochsendungen in den vergangenen Jahrzehnten so lieb gewonnen - obwohl sie doch immer weniger zuhause kochen?

Lafer: Es ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Erfüllung, die die Zuschauer vors Kochfernsehen locken. Wenn jemand auf dem Bildschirm kocht, hat das etwas von Ersatzbefriedigung. Trotzdem wäre es schön, wenn unsere Bemühungen von etwas mehr Erfolg gekrönt wären und mehr Zuschauer dadurch wieder Freude am Kochen finden würden

Das Interview führte Katja Iken

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