Sponti-Slogans Keiner lacht wie niemand!

Sponti-Slogans: Keiner lacht wie niemand! Fotos
Matthias Obergruber

Es war eine Sprachrevolution der komischen Art. Spontis und Friedensbewegte nahmen sich jahrzehntelang Staatsgewalt und Spießertum vor - mit Sprüchen, die ganze Generationen prägten: Legalize Erdbeereis! God shave the Queen! Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen! Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
    3.0 (723 Bewertungen)

"Unter den Talaren / Muff von 1000 Jahren", hallt es Ende der sechziger Jahre im Stakkato-Rhythmus durch die deutschen Universitätsstädte. Der Slogan stammt von zwei Hamburger Studenten, die bei der traditionellen Rektoratsübergabe zum Wintersemester 1967 vor den Magnifizienzen im vollen Ornat ein Stoffbanner mit eben jenem Spruch hertragen und der zum Sinnbild von Aufbruch und studentischer Aufmüpfigkeit wird. Die Professoren sind pikiert, aber eben darum geht es ja.

Jung, rebellisch und spontan tritt die neue Protestkultur auf, an ihren Sprüchen soll man sie erkennen. Formal bedient sie sich bei den Merkreimen, Sprichwörtern und Bauernregeln des spießigen Bildungsbürgertums. Doch die Studenten brechen den Volksweisheiten den moralisch erhobenen Zeigefinger und strecken stattdessen den Mittelfinger aus. "Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund" - das hat wesentlich mehr Sex-Appeal und Drive als "Morgenstund' hat Gold im Mund".

Der Joint wird zur Fackel der noch jungen Protestgenerationen, frei gemäß dem Motto des Kabarettisten Wolfgang Neuss: "Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen." Oder kürzer gesagt: "Es gibt viel zu rauchen - zünden wir es an." Respektlos zeigen sich die Spontis nicht nur gegenüber moralischen Werten und staatlichen Institutionen, auch über Endreimzwänge setzen sie sich, wo es nottut, nonchalant hinweg und dichten: "Lieber geil als Cruise Missile".

"Die schärfsten Kritiker der Elche ..."

"Erst kommt der Reim, dann kommt der Sinn / Sinnverlust ist Lustgewinn": Nach diesem Prinzip texteten Autoren wie F.W. Bernstein, F.K. Waechter und Robert Gernhardt für die Satirezeitschrift "Pardon" schon in den sechziger Jahren. Das Establishment hat für den absurden Humor der "Neuen Frankfurter Schule" - wie sich die Gruppe in Anlehnung an die bierernsten Theoretiker der "Frankfurter Schule" um die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ironisch nennt - zunächst wenig übrig. Das Bürgertum der Adenauer-Ära lacht über Wilhelm Busch, Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz. Doch F.W. Bernstein hält den Spießern mit gnadenlosem Charme den Spiegel vor: "Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche." Kollege Gernhardt setzt noch einen drauf: "Die größten Kritiker der Molche / waren früher selber solche."

Aktion und Reaktion, das alte Klowandprinzip greift auch hier. In den Siebzigern schreibt Gernhardt seine Paulus-Zweizeiler:

"Paulus schrieb an die Apatschen:

Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.

Paulus schrieb an die Komantschen:

Erst kommt die Taufe, dann das Plantschen.

Paulus schrieb den Irokesen:

Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen."

Jahre später dichtet eine Schulklasse, von Gernhardt inspiriert:

"Paulus schrieb an die Navajo:

Oblate isst man nicht mit Majo."

Der Humor der "Neuen Frankfurter Schule" wird kompatibel mit dem Deutschunterricht - und schließlich auch mit dem einst den Spontis so verhassten Universitätsbetrieb: 2006 bekommt Robert Gernhardt eine Gastprofessur an der Universität Düsseldorf. Im selben Jahr besiegelt der Eichborn-Verlag die Kanonisierung der Wandparolen mit dem "Goldenen Album der Sponti-Sprüche", einem Sammelband, der die bis dahin erschienenen sechs Bände mit Sponti-Sprüchen umfasst.

Moralische Neutronenbombe

Mit dem ersten "Sponti-Sprüche"-Band hatte der Frankfurter Verlag 1981 den Grundstein für sein humoristisches Verlagsprogramm gelegt - und damit auch den Begriff in die Welt gesetzt, unter den fortan so ziemlich alle Wand-, Klo-, Demo- und sonstigen Sprüche, die ein gewissen anarchischen Zug besitzen, gefasst werden. Nun wird über die Weisheiten der Protestbewegung auch auf deutschen Schulhöfen gelacht. Begeisterte Knirpse erklären der Obrigkeit den Krieg, rufen "Haut die Bullen flach wie Stullen", fordern "Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier" und kritzeln alles, was irgendwie anstößig klingt, auf Schulbänke und Vokabelhefte. Vieles von dem, was sie da lesen und schreiben, kapieren sie zwar nicht, aber das anrüchige F-Wort aus Amerika ist bekannt und macht politisch verbrämte Schulklokarriere: "Fighting for Peace is like Fucking for Virginity".

Die Protestbewegung gegen den Nato-Doppelbeschluss rüstet sich Anfang der Achtziger mit Sprüchen, die auf manche Älteren wirken wie eine moralische Neutronenbombe: "Petting statt Pershing" ist vielleicht der beliebteste Spruch der Friedensbewegung. Beim Sitzstreik vor dem Raktendepot der US-Armee in Mutlangen 1983 taucht er auf Buttons und Plakaten auf und rückt von dort vor auf die Wände öffentlicher Toiletten.

Ende der Achtziger wird der politische Gehalt der Sponti-Sprüche mehr und mehr Nebensache. Anglophile singen "God shave the Queen" und aus dem Klassiker "Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin" - neben der weißen Taube auf blauem Grund vielleicht der am weitesten verbreitete Aufkleber der Friedensbewegung - wird "Stell dir vor es ist Sonntag und keiner kauft Bild". Was bleibt, ist der Spaß am Wortspiel und an der Demontage alter Binsenweisheiten.

"Eimer geht noch rein"

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich die guten alten Sponti-Sprüche rar gemacht; an Brückenpfeilern dominieren jetzt kryptische Tags von Graffiti-Sprayern, die nur noch Insider entschlüsseln können. Slogans wie "Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle" oder "Keine Macht für Niemand" findet man nicht mehr auf Häuserwänden, sondern fast nur noch im Film. Wenn deutsche Kinoproduktionen den Geist von 68 beschwören wollen, sind Sponti-Sprüche auf WG-Wänden und VW-Bussen fester Bestandteil der Staffage.

Und der Weg in den Mainstream führt, wie eigentlich immer, irgendwann auch in die Werbung. "Lieber trocken trinken als trocken feiern" - ließ sich da ein Sekthersteller vielleicht schon in den Neunzigern von einem gekrakelten "Kein Alkohol ist auch keine Lösung" inspirieren? Und der preisgekrönte Slogan "Wir können alles. Außer Hochdeutsch", mit dem eine große Werbeagentur für Baden-Württemberg wirbt - könnte der seinen Ursprung nicht womöglich auf einer Stuttgarter Abort-Wand gehabt haben? Einige Sponti-Slogans sind regelrecht auf dem Müll gelandet: "Haste mal 'ne Tüte Shit"? oder "Eimer geht noch rein" - mit solchen Sprüchen animieren knallrote Abfalleimer der Hamburger Stadtreinigung Passanten zur ordnungsgemäßen Entsorgung ihres Mülls.

Doch wer nur eine Plünderung des geistigen Kapitals der Subkultur durch die Werbeabteilungen wittert, urteilt vorschnell - Ideenklau und -adaption funktionierte immer auch hervorragend in die andere Richtung. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) etwa bediente sich 1967 für den Plakatslogan "Alle reden vom Wetter. Wir nicht" bei einer bekannten Werbekampagne der Deutschen Bahn. Und der Arbeitsverweigererspruch "Es gibt viel zu tun - warten wir es ab" geht zurück auf die Werbung des Mineralölkonzerns mit dem Tiger im Tank, der 1975 forderte: "Es gibt viel zu tun - packen wir es an."

Plündern gehört auf beiden Seiten eben zum Geschäft.

Artikel bewerten
3.0 (723 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ralf Bülow 22.04.2008
Ach ja - die goldenen 80er, Ära der Sponti-Sprüche! Sie war aber ein wenig prosaischer & geschäftsmäßiger. Die Welle begann 1981 mit dem ersten Eichborn-Bändchen und ebbte 1986 wieder ab. Ich weiß das, weil ich bei der "Konkurrenz", d.h. Heyne von 1984 bis 1986 drei Graffiti-Bücher edierte und beim letzten viele Sprüche selbst machen musste, weil kaum noch Nachschub von den Fans kam. Die Gesamtauflage des Trios lag übrigens bei 124 500 Stück (Stand 1988).
2.
Michael Hack 22.04.2008
Paulus schrieb auch an die sioux doch lesen kann man´s nirgendwu
3.
GERHARD KRAUSE 22.04.2008
In Göttingen stand auf der Rückseite von Hertie in der Weender Strasse in den siebziger Jahren der sinnige Spruch: "Tod den Rabattmarkenfälschern" und Ende dieser Dekade dokumentierte das Gebäude des Studentensekretariats auf seiner ganzen Länge die Wiederannäherung an die Bürgerlichkeit mit: "Tausche lila Latzhose gegen schwarze Straps".
4.
Renate Fauth 22.04.2008
Paulus schrieb an die Philipper ich kann nicht kommen, habe Husten. Mein liebster Spruch stammt aus "Radikalauer" Zensur? Nein, so würde ich es nicht nennen dürfen!
5.
Astrid Ehedy 22.04.2008
"Stell dir vor, es geht, und keiner kriegt's hin." So einfach der Trick mit der Verdrehung der Wörter ist, so sinnig ist der Spruch plötzlich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH