Sport im Alter Spazieren gehen auf dem Laufband

Sport im Alter: Spazieren gehen auf dem Laufband Fotos
Ferdi Keuter

Leibesertüchtigung? Nein, danke. Jahrzehntelang hat es Ferdinand Keuter ohne Sport ausgehalten. Doch als der Pensionär nach einer Knie-OP Aufbauübungen machen soll, sieht er zum ersten Mal ein Fitnessstudio von innen - und nimmt den Kampf mit den rätselhaften Kraftmaschinen auf. Von

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Wer rastlos ist, der rostet nicht? Fehlanzeige! Zwar lag ein nahezu sportfreies Leben hinter mir. Aber 90.000 Kilometer pro Jahr hinterm Steuer und eine Sechstagewoche auf den Autobahnen der Republik von A nach Z waren für meine Begriffe der Inbegriff der Rastlosigkeit. Sie ließen nur einfach keinen Sport zu. Eine Knieoperation wurde im Jahre 2003 deshalb unausweichlich, Reha und anschließender Aufbausport eingeschlossen. Aufbausport! Was für ein furchtbares Wort in den Ohren eines unfreiwilligen Sportnovizen.

Da im nasskalten November keine duftige Wiese blühte und kein schattiges Wäldchen zur sportlichen Betätigung einlud, nahm mich meine Frau, trotz meiner ausgeprägten Schwellenangst, ins Fitnessstudio mit. Fitnessstudio! Ein weiteres furchtbares Wort. Vollverspiegelte Jahrmärkte der Eitelkeiten kamen mir in den Sinn, Menschen, hinter deren notorisch trainierten Hüllen sich wenig Bemerkenswertes verbarg. Die Fitnesshysterie, der Jugendwahn war ja allgegenwärtig, die Städte tapeziert mit den makellosen Leibern der Teens und Twens. Und jetzt sollte ich ein Teil dieser Maschinerie werden? Mit über Siebzig? Inmitten derer, die sich im Schweiße ihres lustlosen Angesichtes abmühten, in Form zu bleiben?

Bei meinem ersten Fitnessstudiobesuch beunruhigte mich der ungewohnte Anblick der Fitnessmaschinen. Einige sahen schier rätselhaft aus. Für welche perfide Foltermethode hatte man sie entwickelt? Ich blickte in eine ungewisse Fitnessstudio- und Aufbausportzukunft. Alles schien möglich zu sein. Für einen Moment erwog ich, den schnellsten Fluchtweg ausfindig zu machen. Nur für den Fall. Man konnte schließlich nie wissen. Aber dann lernte ich auch schon Surab kennen, den georgischen Trainer.

Bauer Büttgens Problem

Surab nahm mich sprichwörtlich an die Hand. Er führte mich fürsorglich und versiert in die Verwendung der Geräte ein und lehrte mich, meine Beschwerden in den Griff zu bekommen. Krankheitslamentos waren streng tabu im Studio. Die erste zu bestehende Prüfung erwartete mich auf dem Laufband. Wie froh ich war, keine Zuschauer zu haben! Einen sportlichen Eindruck hätte ich wohl nicht hinterlassen. Bei einer Geschwindigkeit von zwei Kilometern pro Stunde habe ich zehn Minuten auf dem Laufband zugebracht. Laufen konnte man meine Bewegungsart schließlich nicht nennen. Nur zur Erinnerung: Rein rechnerisch handelte es sich um läppische 400 Meter, gefühlt dagegen war es ein Marathon.

Nach meinem beschämenden Einstand als Sportneuling zeigte Surab viel Geduld mit mir, und bald stellten sich kleine Erfolge ein. Die neuen sozialen Kontakte trugen ihr Übriges dazu bei. Zwar schloss ich keine engen Freundschaften, aber dafür machte ich gute Bekanntschaften. Es gab eben doch Menschen, die im Fitnessstudio trainierten und vollständige Sätze sprechen konnten. Außerdem gab es überraschenderweise noch viele andere Aufbausportler.

Als da wäre Bauer Büttgen. "Surab", sagte der wörtlich, "du musst mir helfen." Bauer Büttgen war 70 Jahre alt und beklagte sich beim verständnisvollen Surab über ein schwerwiegendes Problem: Er könne den Kopf nicht mehr schnell genug drehen, um den jungen Mädchen hinterher zu sehen. Früher sei er da ganz fix gewesen. Heute dagegen seien die Mädels längst außer Sichtweite, wenn das morsche Gelenk die Drehung vollzogen hat. Surab versprach lächelnd Abhilfe. Er wollten den Ärmsten wieder zu einem Adonis aufbauen. Bauer Büttgen war motiviert. Bei Surabs Künsten ist es nicht unwahrscheinlich, dass er heute problem- und schmerzlos in den Genuss kommt, ein schönes Mädchen mit der gebotenen Kopfdrehgeschwindigkeit anzuhimmeln.

Hans, der Hochleistungssportler

Dann gab es da noch die ältere, rundliche Dame am Beingerät, der man eines Tages übel mitspielte. Sie übte mit den leichtesten Gewichten und bewegte freudlos und langsam ihre Beine. Jede Ablenkung war ihr willkommen. Während sie mit einer Bekannten plauderte, verstellte ein Spaßvogel unbemerkt die Gewichtlast an ihrem Gerät. Als sie wieder zu trainieren begann, verfinsterte sich ihr Blick. "Das Gerät ist kaputt", beschwerte sie sich bei Surab. Der vermeintliche Schaden war schnell behoben, die Laune der Frau dagegen unwiderruflich dahin. Wer weiß, vielleicht hat der Schelm über sie gelacht, und sie hat es gesehen.

Dann gab es da noch Kraftmeier. Dieser setzte fälschlicherweise Kraft mit Kondition gleich. Man hörte ihn übrigens, noch bevor man ihn sah. Gewichte und Hanteln ließ er aus großer Höhe fallen. Mit donnerndem Getöse knallten sie in die Halterungen oder auf den Boden. Eines Tages stand er vor dem Wandspiegel und begann seine Muskeln anzuspannen. Sie waren sein ganzer Stolz. In einer fernen Ecke des Studios hoffte ich darauf, nicht als Voyeur enttarnt zu werden. Dabei war ich unabsichtlich in die Beobachterrolle gerutscht - die Spiegel waren einfach überall. Man konnte dem Geschehen kaum entgehen. Glücklicherweise war der schlechte Film zu Ende, als das Fleisch gewordenen Klischee endlich in die Garderobe ging.

Der bemerkenswerteste Studiogast aber war Hans. Hans war über Siebzig und betrieb nicht etwa läppischen Aufbausport, sondern Hochleistungssport. Als meine Enkelin mich eines Tages ins Studio begleitete und etwas gelangweilt den mediokren Fitnessaktivitäten ihres Opas zusah, wusste ich, dass es bald etwas zu Staunen für sie geben würde. Inzwischen kannte ich nämlich die Trainingsabläufe der meisten Studiogäste in- und auswendig. Ich behielt Hans im Auge und wartete auf seinen sportlichen Vitalitätsausbruch. Nachdem er sich, wie immer, auf dem Rad aufgewärmt hatte, schloss sich die erste beeindruckende Übung an: zehn stramme Klimmzüge, zügig und sauber ausgeführt. Staunend sahen wir zu. Hans' Übungen verfehlten - das wusste er - nie ihre Wirkung. Dann folgte der ultimative Höhepunkt seiner Kür. Hans machte einen Kopfstand. Nach der Beendigung seiner Vorstellung fragt meine Enkelin: "Opa, ist das noch normal?"

Obwohl diese Frage die zweifelhafte Vorstellung belegte, die die Jungen von uns Alten haben, lag mir ein "Nein" auf der Zunge.

Betagte Fitnessjunkies

Das Wort "Sport" hat mittlerweile seinen Schrecken verloren. Das Knie hat sich bestens erholt und ich habe mich an das Sporttreiben gewöhnt. Einmal die Woche besuche ich einen Kurs, der voller Herren über 70 ist, die so fit sind wie der sprichwörtliche Turnschuh, mich eingeschlossen. Die Zeiten haben sich ein wenig geändert. Während früher, in den Neunzigern die Alten noch belächelt wurden, wenn sie sich in die Sportstudios verirrten, gehören sie inzwischen zum Sportalltag dazu. Zumindest im Fitnessstudio meiner Wahl, wo am Morgen die betagten Fitnessjunkies trainieren und am Abend erst die Jungen, die entweder den Tag verschlafen oder auf Arbeit zugebracht haben. Jedem das seine, lautet das Gebot. Es geht zwanglos zu. Ob alleine oder in Gemeinschaft, jeder kann sein Trainingspensum absolvieren wie gewünscht.

Seit ich regelmäßig trainiere, ist die Fitnessstudio zu meinem persönlichen Fitnesshimmel geworden: Meine Lebensqualität und meine Leistungsfähigkeit haben sich entschieden verbessert. Erst kürzlich habe ich in der Stadt Plakate entdeckt, auf denen die Bundesregierung für sportliche Betätigung wirbt. Eines zeigt einen älteren Herren, der den Sport für sich entdeckt hat. Ich nehme also an, ich gehöre zur Avantgarde und schließe mich der Aussage eines Trainingskollegen an: Früher nahm ich zwei Tabletten am Morgen. Heute nehme ich beim Treppensteigen zwei Stufen. Es ist nie zu spät. Glücklicherweise habe ich das früh genug erkannt.

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