Sportlerschicksal Der verheimlichte Weltrekord

Sportlerschicksal: Der verheimlichte Weltrekord Fotos
Rolf Oesterreich

Er kam, siegte und verlor beinahe alles: Bei einer kleinen DDR-Bezirksmeisterschaft gelang dem Kugelstoßer Rolf Oesterreich 1976 ein Weltrekord. Die Sportfunktionäre verschwiegen seinen Erfolg - und sorgten mit dubiosen Methoden dafür, dass der Ausnahmeathlet seine Karriere an den Nagel hängte. Von

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Dumpf schlug die Kugel auf der Aschebahn auf - weit hinter dem für die Kugelstoßer abgesteckten Sektor. Den 200 Zuschauern war sofort klar: Der Athlet hatte eine Ausnahmeweite erzielt. Wenige Minuten später bestätigten die Kampfrichter das sensationelle Ergebnis. 22,11 Meter war die Kugel geflogen. Weiter als jemals zuvor. An diesem 12. September 1976 wurde auf den Bezirksmeisterschaften in Zschopau Sportgeschichte geschrieben. Der Amateursportler Rolf Oesterreich hatte den Weltrekord gestoßen und damit den Russen Alexander Baryschnikow an der Weltspitze abgelöst. Strahlend nahm Oesterreich die ersten Glückwünsche entgegen.

Doch der Triumph währte nicht lange.

Der lange Arm des direkt vom Zentralkomitee der SED gesteuerten Deutschen Turn- und Sportbunds (DTSB) reichte an diesem Tag bis nach Zschopau und machte den Stoß seines Lebens ungeschehen. Obwohl fünf Kampfrichter das Ergebnis bestätigt hatten und damit die Voraussetzung für eine Anerkennung erfüllt war, entschieden die anwesenden DTSB-Funktionäre, den Weltrekord zu ignorieren. Bereits bei der Siegerehrung war keine Rede mehr davon. Stattdessen hieß es lapidar: "Die Bezirksmeisterschaft wurde mit der sehr guten Weite von 22,11 Metern von Rolf Oesterreich gewonnen."

Doch warum? Schließlich war das staatlich hochsubventionierte Sportsystem der DDR darauf ausgerichtet, die Überlegenheit des Sozialismus durch sportliche Höchstleistungen unter Beweis zu stellen. In eigenen Kaderschmieden wurden die Athleten zu Leistungsmaschinen herangezüchtet, die auf internationalen Wettkämpfen Medaillen zu erringen hatten. Ein Weltrekord passte also wunderbar ins Konzept. Das Problem war nur: Oesterreich passte nicht ins Konzept. Er war, wie es der SPIEGEL im selben Jahr formulierte, "vom Staatsbetrieb VEB Medaillen und Rekorde nicht eingeplant".

Der lange Kampf um Anerkennung

Oesterreich gehörte nämlich nicht zu jenen staatlich kontrollierten Kaderathleten, sondern war ein einfacher Volkssportler, der in der Hochschulgemeinschaft Zwickau trainierte und sich das Kugelstoßen weitgehend selbst beigebracht hatte. Darüber hinaus nutzte er eine in der DDR als "amerikanisch" verpönte Wurftechnik: Die Drehstoßtechnik, mit der er seine Bestleistung innerhalb von zwei Jahren von 16,84 Meter auf über 20 Meter verbessert hatte. Oesterreich war außerhalb des Systems "groß" geworden. Niemand in Berlin konnte einschätzen, wie linientreu er war. All das machte ihn suspekt.

Schon Monate vor dem Weltrekord war Oesterreich dem DTSB aufgefallen. Auf verschiedenen Wettkämpfen hatte er immer wieder Top-Weiten erzielt. Hoffnungsvoll hatte Oesterreich um die Anerkennung seiner Leistungen und die Aufnahme in den Hochleistungssport der DDR gekämpft. Er träumte davon, für die DDR bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal teilzunehmen. Doch immer wieder hatten ihn die Sportfunktionäre auflaufen lassen und schließlich sogar seine Olympiateilnahme verhindert. Systematisch verbauten sie dem Außenseiter seine Karriere.

Der Kampf zwischen Oesterreich und dem DDR-Sportsystem hatte im Frühjahr 1976 seinen Anfang genommen. Am 2. Mai stieß der jungen Mann aus dem sächsischen Leukersdorf auf dem Leichtathletiksportfest in Ehrenfriedersdorf die Kugel 20,74 Meter weit - und entschied den Wettkampf damit für sich. Es schien, als hätte er damit endlich die heiß ersehnte Eintrittskarte in den Hochleistungssport gelöst. Der Sportklub Karl-Marx-Stadt (SCK), eine der DDR-Kaderschmieden, wurde auf ihn aufmerksam. SCK-Chef Roland Haustein zögerte nicht lange und nahm das Ausnahmetalent Oesterreich als neues Mitglied auf. Schon am nächsten Tag begann dort sein Training. Olympia schien greifbar nahe.

Der Traum von Olympia

Dem DTSB-Vorstand in Berlin aber passte es gar nicht, dass Haustein ohne Rücksprache eine so weitreichende Entscheidung getroffen hatte. Schon wenige Tage später ordnete DTSB-Vizepräsident Horst Röder an, Oesterreich wieder aus dem SCK herauszuschmeißen. Begründet wurde diese Entscheidung nicht. Verbandsintern hieß es, dass es Zweifel an Oesterreichs Linientreue zur Partei, zur DDR und zum Sozialismus gebe. Gleichzeitig kassierte Haustein eine harsche Verwarnung für sein eigenmächtiges Handeln.

Oesterreich trainierte trotzdem weiter für die Olympia-Qualifikation, die am 29. Mai stattfinden sollte. Denn ihm war zu Ohren gekommen, dass Leistungssportchef Röder ihm eine Olympia-Chance einräumen würde, wenn er auf der Qualifikation Weltrekord stoßen würde. Ob Röder dieses Angebot ernst meinte, hinterfragte er nicht lange. Am 19. Mai nahm Oesterreich an einem weiteren Wettkampf teil und stieß die Spitzenweite von 21,45 Metern. Damit hatte er sich bis an die Spitze der DDR-Bestenliste vorgearbeitet und Top-Favorit Udo Beyer von seiner Führungsposition verdrängt. Zum Weltrekord fehlten nur noch 55 Zentimeter. Dass er zehn Tage später die Marke knacken könnte, lag durchaus im Bereich des Möglichen.

Dass Röder letztlich nur nach einem eleganten Ausweg gesucht hatte, um Oesterreich loszuwerden, zeigte sich kurze Zeit später. Aus heiterem Himmel wurde Oesterreich für medizinisch untauglich erklärt. Er sei körperlich nicht belastbar genug, hieß es zur Begründung. Eine Karriere als Hochleistungssportler schlossen die konsultierten Mediziner daher aus. Der SCK sei daher auch nicht mehr an Oesterreich interessiert, meldete ein IM der Stasi nach Berlin. Vermutlich hatte Röder Oesterreichs Potential unterschätzt und sah sich nun gezwungen, sich des Kugelstoßers unsanfter als geplant zu entledigen. Die Olympia-Qualifikation war gestrichen.

"Ich trainierte verbissen"

Oesterreich aber gab sich noch immer nicht geschlagen, wollte allen beweisen, dass er Weltrekord stoßen kann. "Ich trainierte verbissen nur für das eine Ziel." In Zschopau bekam er seine Chance und legte den Stoß seines Lebens hin. Doch der DTSB hatte Oesterreich, den Mann, der nicht ins System passte, bereits abgeschrieben. Deshalb war es aus Sicht der Funktionäre nur konsequent, den Weltrekord einfach zu ignorieren.

Im Nachhinein wurde die Entscheidung mit einem eher konstruierten Argument untermauert. Oesterreich hätte mit einer regelwidrigen Kugel gestoßen, hieß es. "Sie war an der einen Seite abgeflacht und hatte an der anderen Seite eine Erhebung", schrieb der in Zschopau anwesende IM etwa eine Woche später an den DTSB-Vorstand, der diese Information dankend verwertete, ließ sich Oesterreich so doch bestens als Schwindler und Betrüger hinstellen. Oesterreichs Einwand, die Kampfrichter hätten die Kugel untersucht und für regelkonform befunden, blieb ungehört.

Er wurde von der DDR-Bestenlisten gestrichen. Sämtliche Zeugnisse seiner Leistung vernichtet. "Mich gab’s gar nicht." Seinen Traum von der eigenen Sportlerkarriere musste Oesterreich nun endgültig begraben. Als Gegenleistung bot ihm der DTSB Geld und eine Trainerstelle beim SCK an. Beides nahm er an. "Die Angst, im Gefängnis zu landen, wenn ich mich darauf nicht einlasse, hatte ich immer im Hinterkopf", erinnerte er sich in einem Interview mit den "Stuttgarter Nachrichten". Ob er sich noch immer als Weltrekordler fühle, fragte ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 1996. "Ja, das muss ich sagen", entgegnete er. Und setzte hinterher: "Ich wäre es zwei Jahre lang gewesen; bis Udo Beyer 22,15 Meter stieß."

Text: Johanna Lutteroth

Dieser Artikel ist in Kooperation mit dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" 2010/2011 entstanden. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten .

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1.
Peter Meisel 02.01.2012
oesterreich war mit diesen leistungen ein jahrhunderttalent und es ist wieder bezeichnend wie die ddr sport funktionäre mit solchen außenseitern umgegangen sind. mehrfach weiten über 21 meter +den weltrekord von über 22meter und das als nicht kaderathlet, das hätte das ganze ddr sportsystem auf den kopf gestellt.
2.
Ralf Böpple 02.01.2012
Ich gehe einmal davon aus, dass Oesterreich als Amateursportler seine Leistung auch ohne Doping erreicht hat, was bei den damaligen Verhältnissen im Leichtathletiksport allen heutigen Erkenntnissen nach ja wohl einer doppelten Sensation gleich kommt...
3.
Tobias Langhoff 03.01.2012
vielen dank für die erinnerungen, denn österreich war in ddr-zeiten für viele ein heimliches idol, er tauchte ja bei einigen statistiken immer wieder auf und so machte er neugierig. allerdings war es schwer informationen zu bekommen.
4.
bugme not 03.01.2012
Amerikanische Technik? Die kam doch direkt aus der UdSSR? http://einestages.spiegel.de/static/document/18753/gold_fuer_einen_anderen.html?k=tag%3A%22Alexander+Baryschnikow%22&o=original_publicationdate-DESCENDING&s=0&r=3&c=1
5.
Klaus von Grebmer 03.01.2012
Es mutet ja schon ironisch AN: Dieser Artikel ist in Kooperation mit dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" 2010/2011 entstanden. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Koennte der Bundespräsident sich nicht selber am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" 2010/2011 mit seinem Hauskredit beteiligen?
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