Sportskandale Eis-Zeit in Genf

Eishockey-WM 1961: In Genf soll Deutschland gegen Deutschland spielen - das erste Duell zwischen BRD und DDR bei einem Ereignis dieser Art. Doch die bundesdeutsche Auswahl läuft nicht auf, die DDR siegt kampflos 5:0. Henry Wahlig über einen Politskandal auf dünnem Eis.

AP

Die Zuschauer in der Eishalle von Genf trauten ihren Ohren nicht: Bis zu 50 Franken hatten für sie ein Billet des Abschlusstages der 28. Eishockey-Weltmeisterschaft gezahlt und sich auf das Abstiegs-Entscheidungsspiel zwischen Deutschland West und Ost gefreut - doch dann passierte das: Kurz vor Spielbeginn verkündete der Hallensprecher den perplexen Schweizern, das Team der BRD habe beschlossen, heute nicht anzutreten.

Gellende Pfiffe der sonst so bedächtigen Eidgenossen waren die Folge. Die Gastgeber hatten ihren Schuldigen für den "Skandal von Genf" - wie die Schweizer Presse am nächsten Tag titelte - schnell gefunden: Während das westdeutsche Team die Halle durch einen Hintereingang verlassen musste, wurden die Spieler der DDR noch am gleichen Abend mit dem Fairnesspreis des Turniers ausgezeichnet: Ausgerechnet eine Rolex-Uhr durfte jeder "Botschafter des Sozialismus" als Trophäe mit in den Arbeiter- und Bauernstaat nehmen.

Wie aber hatte es zu einer solchen Eskalation auf dem Eis von Genf kommen können? Um die Ereignisse im März 1961 verstehen zu können, muss man zunächst in die Bundesrepublik der fünfziger Jahre zurückblenden. Unter Kanzler Adenauer stellte die bloße Existenz eines zweiten deutschen Staates ein rotes Tuch dar. Die "Zone" galt für Bonn schlicht als quasi nicht existent und ihr sogenanntes Spalterzeichen, die Flagge mit Hammer und Zirkel, war in der BRD strafrechtlich verboten.

"Keine Kompromisse mit der Zone!"

Doch was bereits in den eigenen Grenzen nur schwer zu kontrollieren war, wurde im internationalen Sport endgültig zur Farce. Hier ließen sich Begegnungen mit der DDR und ihrer Fahne nicht vermeiden. Schließlich hatte es Ost-Berlin durch tatkräftige Hilfe der sowjetischen Verbände seit Anfang der Fünfziger geschafft, in nahezu allen olympischen Föderationen aufgenommen zu werden. Für den wenig sportbegeisterten Konrad Adenauer änderte das freilich wenig an seiner wichtigsten Maxime: "Keine Kompromisse mit der Zone!"

So entwickelte die Bundesrepublik fortan ihr eigenes System, um die berühmt-berüchtigte Hallstein-Doktrin, mit der die DDR international isoliert werden sollte, auch auf die Spielfelder des internationalen Sports zu übertragen. Wo immer Ende der fünfziger Jahre westdeutschen Sportler auf die ostdeutsche Fahne zu treffen drohte, wurde das hoch bezahlte Botschaftercorps der BRD ausgeschickt, um vor Ort auf das Nichtzeigen der DDR-Symbole hinzuwirken.

In sozialistischen Ländern blitzte die BRD mit solch eindeutigen politischen Störmanövern ab. Folgerichtig sagten einige westdeutsche Sportverbände, mehr oder weniger freiwillig, ihre Teilnahme an internationalen Wettkämpfen im Osten ab. Um solche unpopulären Maßnahmen aber nicht überhand werden zu lassen, ließen sich die Bonner Politstrategen schließlich einen neuen Winkelzug einfallen: 1960 legte das Außenministerium fest, dass bei Sportveranstaltungen fortan die DDR-Fahne in einem Wald mit anderen Flaggen akzeptabel sei, da sie hier vom westdeutschen Athleten "ja einfach übersehen" werden könne. Der westdeutsche Sport verfing sich immer tiefer in den Netzen der Politik.

Hoffen auf die Gruppenarithmetik

International geriet der bundesdeutsche Sport mit solchen Tricks zunehmend ins Abseits. Die Ereignisse bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 1961 wurden hier zum traurigen Höhepunkt, denn das Turnier hatte für die BRD von vorneherein unter einem schlechten Stern gestanden: Wie kein anderer Verband hatten die Herren des Pucks im Weltverband IIHF schon seit Jahren einseitig Partei für den Osten ergriffen.

Dennoch entschied sich der westdeutsche Eissportverband zunächst für eine Reise in die Schweiz; man hoffte einfach, wieder einmal um das unerwünschte direkte Aufeinandertreffen mit der DDR herumschlittern zu können. Diese vage Aussicht jedoch machte der Turnierverlauf schon bald zunichte: Als die beiden Gruppenletzten trafen Deutschland West und Ost am letzten Tag im Ausscheidungsspiel aufeinander. Es ging immerhin um den Abstieg aus der A-Gruppe, der dem Verlierer drohte.

Sofort übernahmen hinter den Kulissen die Funktionäre das Heft des Handelns: Willi Daume, der Präsident des Deutschen Sport Bundes (DSB), eilte im Porsche aus seinem Urlaub herbei, um vor Ort einen Kompromiss auszuhandeln. Doch sein scheinbar salomonischer Vorschlag, nach betreffendem Spiel einfach auf alle Zeremonien zu verzichten, wurde vom Eishockeyverband eiskalt abgeblockt: Man werde seine Protokollregeln keinesfalls nationalen Wünschen anpassen, polterte IIHF-Präsident Bunny Ahearne.

Keine Ehrung der "Spalterfahne"

Gleichzeitig geriet Daume aber nun von anderer Seite unter Druck: In Bonn hatte Außenminister Heinrich von Brentano Wind von der drohenden deutsch-deutschen Begegnung auf dem Eis bekommen und schaltete sich nun höchst persönlich in die Verhandlungen ein. Eine mögliche Ehrung der "Spalterfahne" durch BRD-Nationalspieler stelle für ihn eine absolute Unmöglichkeit dar und musste um jeden Preis verhindert werden.

Dabei ließ sich der Hockeylaie auch nicht davon überzeugen, dass ein Sieg der DDR bei der hohen Favoritenstellung der BRD als unwahrscheinlich galt. Falls Daume nicht absolut garantieren könne, dass die BRD das Spiel gewinnen werde, ließ der offensichtlich ebenfalls wenig sporterfahrene Brentano wissen, dürfe er die westdeutschen Spieler keinesfalls aufs Eis schicken.

Bis zur letzten Minute rang Daume weiterhin um einen Ausweg, als ihm der IIHF eiskalt auch noch die letzte Hintertür zuschlug: Bereits vorsorglich kündigte Ahearne den Ausschluss der BRD aus seinem Verband für den Fall an, dass sich die westdeutschen Spieler nach einem DDR-Sieg vor Abspielen der Hymne vom Eis begeben würden.

In einem solchen Klima fühlte sich der DSB-Präsident erpresst - und sah keine andere Wahl, als tatsächlich den ersten größeren Boykott der bundesdeutschen Sportgeschichte zu beschließen: "Man kann einem jungen Sportler einfach nicht zumuten, die Symbole der Spaltung seines Heimatlandes zu salutieren", diktierte Daume trotzig in die Schreibblöcke der Weltpresse.

Tauwetter im Eishockey

Eben diese jungen Athleten waren aber wohl die tragischsten Protagonisten der Ereignisse von Genf. Sie waren bis zuletzt im Unklaren über Spielen oder Nicht-Spielen gelassen worden, erst in der Mannschaftskabine hatte man sie aufgefordert, wieder ihre Taschen zu packen. Ohne Widerworte, aber sicher mit einiger Wut im Bauch, machten sie sich auf den Weg zurück ins Hotel. Der Höhepunkt ihres Sportlerjahres, auf den sie lange mit Bundestrainer Markus Egen lange hingearbeitet hatten, war ihnen ohne eigenes Zutun entrissen worden. Und schließlich bedeutete die Spielabsage zugleich den Abstieg in die B-Gruppe der Weltmeisterschaft.

Es sollten Monate vergehen, bis nach der Eiszeit von Genf wieder Tauwetter im internationalen Eishockey einsetzte. Im Sommer des Jahres beschloss der IIHF, auf eine weitere Bestrafung Westdeutschlands zu verzichten. Parallel dazu wurde in Berlin die Mauer gebaut, die auch die Geschichte der deutsch-deutschen Sportbeziehungen radikal veränderte: Denn während die BRD zuvor mit allen Mitteln versucht hatte, Spielen mit der "Zone" aus dem Weg zu gehen, erkannte sie nun, dass der Sport eine der letzten intakten Brücken in den anderen Teil Deutschlands bilden konnte.

"Kurzzeitig desorientiert"

Dieses Credo setzten die westdeutschen Verbände bis zur "Wende" von 1989 fort, auch im Eishockey. Nur zwei Jahre nach den Ereignissen von Genf sollten dies auch die Hockeyfans bereits erstmals vor Augen geführt bekommen: Als der Spielplan der WM 1963 erneut ein Duell zwischen BRD und DDR ergeben hatten, waren etwaige Flaggenfragen in der westdeutschen Politik plötzlich kein Problem mehr. Das Team trat einfach an - und gewann.

Nunmehr jedoch bewies die DDR, dass es auch sie glänzend verstand, Sportduelle mit hoher Politik zu vermischen - und hierfür nachher eine passende Rechtfertigung zu finden: Als nach Spiel-Ende die bundesdeutsche Fahne aufgezogen wurde, drehten ihr die ostdeutschen Athleten kollektiv den Rücken zu. Wieder sprachen die Zeitungen von einem Politskandal auf dem Eis, nur der Mannschaftsführer der DDR blieb cool. Er entschuldigte seine Spieler, die nach einer anstrengenden Partie schlicht "kurzzeitig desorientiert" gewesen wären.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.