Sportspionage bei Olympia 1972 Eiskalter Krieg

Sportspionage bei Olympia 1972: Eiskalter Krieg Fotos
Thorsten Hartmann / CC BY-SA 3.0

Bau auf, bau auf? Bau nach! Als die BRD für die Kanurennen der Olympischen Spiele 1972 einen künstlichen Eiskanal errichtete, fürchtete die DDR um ihre Medaillen. Die Lösung war so genial wie perfide: Die Wildwasserbahn wurde einfach nachgebaut. Um an die Pläne zu kommen, wurde der Osttrainer zum Spion im Westen. Von

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Der August 1971 endet für den Trainer Werner Lempert mit einem Desaster. Mickrige zwei Bronzemedaillen in vier Wettbewerben holen die Kanuten der DDR bei den vorolympischen Spielen in Augsburg. Für die amtierenden Weltmeister ist das eine peinliche Niederlage - und ein schlechtes Omen für die Olympischen Spiele, die nur zwölf Monate später beim Klassenfeind stattfinden.

Für die DDR sind diese Wettkämpfe extrem wichtig. Es sind die ersten Sommerspiele, bei denen die Ostdeutschen unter eigener Flagge und mit eigener Hymne antreten dürfen. Vier Jahre zuvor in Mexiko-Stadt waren die beiden deutschen Staaten zwar schon mit getrennten Teams aufgelaufen, allerdings unter der gleichen Flagge (schwarz-rot-gold mit olympischen Ringen in der Mitte) – und Beethovens "Ode an die Freude" als gemeinsamer Hymne.

1972 ist das Jahr für die DDR, die Sommerspiele in München, Augsburg und Kiel sollen zur Bühne werden für eine Nation, die sich nach internationaler Anerkennung sehnt. Und die fest entschlossen ist, dem Klassenfeind auf sportlichem Weg ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Das gilt auch für den Kanuslalom, der zum ersten Mal als olympische Disziplin vertreten ist.

Die Kanupleite von 1971 passt deshalb überhaupt nicht in den Plan, sie ist ein Schock. Doch der Grund für die miserablen Ergebnisse ist schnell ausgemacht: Die Westdeutschen haben für die Spiele die erste künstliche Kanuslalom-Strecke der Welt gebaut. Die Anlage ist brandneu und weltweit einzigartig - und die DDR-Athleten sind darin hilflos. "Wir hatten Schwierigkeiten, mit dieser Strecke zurechtzukommen", erklärt der damalige DDR-Nationaltrainer Werner Lempert die Niederlage von Augsburg.

Bisher sind alle Kanuten in Wildwasser gefahren. Jetzt paddeln sie in einer etwa 700 Meter langen Betonrinne mit künstlichen Hindernissen. "Aufgrund der Steilwände schwankt das Wasser stark, das ist mit einer natürlichen Strecke nicht zu vergleichen", erklärt Rolf-Dieter Amend, der damals für die DDR den künstlichen Kanal hinunterfuhr. „Das gab ein fürchterliches Erschrecken“, sagt Trainer Lempert.

Mit dem Zentimetermaß

Bei den Olympischen Spielen droht 1972 droht Desaster vor den Augen der ganzen Welt, die ersehnten Medaillen scheinen für die DDR mit dem Augsburger Eiskanal in weite Ferne gerückt. Doch so leicht wollen die Ostdeutschen sich nicht geschlagen geben. Ein Plan wird ausgeheckt, der so waghalsig wie genial ist: Eine eigene künstliche Strecke soll her - und das ist kürzester Zeit. Zehn Monate brauchte die Bundesrepublik für den Bau ihrer Strecke. Die Ostdeutschen müssen es in drei Monaten schaffen.

"Ich habe mir erstmal überlegt, wo man so etwas bauen könnte", erinnert sich Werner Lempert. Die Bode im Harz scheidet aus, dort protestieren Naturschützer. "Da fiel mir ein alter Mühlgraben in der Mulde bei Zwickau ein, der teilweise schon zugeschüttet war." Dort hat niemand etwas gegen den Bau, im Gegenteil: die benachbarten Kleingärtner freuen sich sogar.

Das nächste Problem ist nicht so einfach zu beheben: Niemand hat Baupläne vom Augsburger Eiskanal, und ohne genaue Zeichnungen kann dieser nicht nachgebaut werden. Die Kanu- Funktionäre beschließen, die westdeutsche Strecke auszuspionieren. Die erste Beobachtungsdelegation hat keinen Erfolg, erzählt Werner Lempert. Sie wird an der Absperrung des Geländes von den Westdeutschen abgewiesen. "Also habe ich mich entschlossen, selbst zu fahren."

Und der DDR-Trainer hat tatsächlich Erfolg. Dreimal reist er nach Augsburg, mit Fotoapparat, Skizzenblock und Zentimetermaß im Gepäck - und immer wird ihm Einlass gewährt. Er erzählt den Westdeutschen wolkig, er komme "vom Kanuverband" und wolle den Fortschritt der Bauarbeiten auf dem Olympischen Gelände beobachten. Und Lemperts List geht auf: "Keiner hat Fragen gestellt. Ich wurde sogar zum Kaffee eingeladen."

In Zwickau warten jedes Mal eifrige Bauarbeiter auf seine Zeichnungen. In drei Monaten – von November 1971 bis Februar 1972 – formen sie in der Mulde eine Betonstrecke, die der Augsburger ähnlich ist. Das Training für das Unternehmen Olympiagold kann beginnen, den halben Monat üben die Kanuten in der Zwickauer Kanalkopie. "Wir konnten nicht einfach durchtrainieren, erst musste das Wasser angestaut werden“, erklärt Lempert.

Eisige Stimmung im Eiskanal

Bei den olympischen Spielen im August 1972 folgt dann der Triumph: Die DDR-Kanuslalom-Fahrer gewinnen alle vier Wettbewerbe. Die BRD muss sich mit Silber- und Bronzemedaillen begnügen. Die Gesamtbilanz der Ostdeutschen wird dadurch wesentlich verbessert. Sie landen auf dem dritten Platz in der Nationenwertung. Mit 20 Gold-, 23 Silber- und 23 Bronzemedaillen verweisen sie die Bundesrepublik mit deutlichem Abstand auf den vierten Rang.

Lempert ist sich sicher, dass die Siege nicht allein an der Strecke liegen. "Aber wir konnten den Heimvorteil der BRD minimieren." Für die Westdeutschen bedeuten die Ergebnisse eine Schmach. Denn auch sie zählen eigentlich zur Weltspitze. Siegessicher sei er zwar nicht gewesen, sagt der BRD-Nationaltrainer Günter Brümmer heute. Aber das Resultat war trotzdem eine Enttäuschung.

Brümmer hat erst kurz vor Beginn der Spiele von der ostdeutschen Trainingsstätte in Zwickau erfahren. Das Verhältnis zu den DDR-Kollegen in dieser Zeit beschreibt er als "eisig". „Ein bisschen Ost-West-Krieg war das schon", sagt der damalige Cheftrainer der Westkanuten. "Die Ostdeutschen haben nicht mit uns gesprochen." Der Sport sei zu dieser Zeit auf beiden Seiten eben sehr politisiert gewesen, sagt sein DDR-Kollege Lempert im Rückblick. "Wir fühlten uns tatsächlich als Vertreter der DDR und wollten die guten Entwicklungen in unserem Land, von denen wir glaubten, dass sie da waren, durch gute Leistungen zeigen."

Die beste Leistung war jedoch eine Kopie gewesen.

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1.
Ralf Bülow, 09.10.2011
Faszinierende Story - hier ist noch eine kleine Fotoserie: http://www.kanuslalom-hanau.de/galerie/2009/zwickauereiskanal.php
2.
Peter Hammer, 09.10.2011
"Die Lösung war so genial wie perfide: Die Wildwasserbahn wurde einfach nachgebaut." Einfach nachgebaut - das muß man sich mal vorstellen: EINFACH NACHGEBAUT. Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Die Perfidie dieser roten Bande kannte wirklich keine Grenzen. Unbeschreiblich. Genial natürlich auch, klar. GENIAL. Puh - ein Glück, daß sie trotzdem weg vom Fenster sind.
3.
Uwe Schwarz, 09.10.2011
?Die beste Leistung war jedoch eine Kopie gewesen.? Was für ein Unsinn! Fahren mußten die Kanuten ja schließlich selber. Und hat jemand den westdeutschen Fahrern verboten, auf ihrer Heimstrecke zu gewinnen? In den meisten Sportdisziplinen wird heute darauf geachtet, daß Mannschaften keine solchen außersportlichen Vorteile haben, z.B. durch Vorschriften für die Auslegung von Rennrädern und Bobs (man spricht von ?Einheitsbobs?; sie sollen dafür sorgen, daß das Rennen nicht ausschließlich durch das Budget des Teams entschieden wird).
4.
Thilo Schwarz, 10.10.2011
Schlimm. Wirklich schlimm! BLOSS GUT, DASS DER KALTE KRIEG VORBEI IST.
5.
Holger Kammel, 11.10.2011
Eiskanal?? Und ich dachte bisher, daß Kanufahren im Wasser stattfindet! Ja, dann war es aber schon ein entscheidender Heimvorteil! :-)
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