Sprachexperimente mit Primaten Mit Händen und Grüßen

Noch ein Spruch, wissenschaftlicher Durchbruch! In den sechziger Jahren versuchten Wissenschaftler erstmals, Affen das Kommunizieren beizubringen. Die Schimpansin Washoe verständigte sich mit den Forschern tatsächlich per Zeichensprache - und wurde zum Medienstar. Dann rüsteten die Skeptiker zum Gegenangriff.

Corbis

Von Ralf Bülow


Im Juni 1966 bekam die Luftwaffenbasis Holloman im US-Bundesstaat New Mexico Besuch von zwei Zivilisten. Die Verhaltensforscherin Beatrice Gardner und ihr Mann, der Psychologe Robert Allen Gardner, trafen hier eine Gruppe von bedeutenden wissenschaftlichen Mitarbeitern bei der Weltraumforschung, unter ihnen zwei Pioniere im All. Die Namen der Helden: Ham und Enos - Schimpansen. Ham war 1961 der erste Primat im Orbit, Enos wenige Monate später der erste US-Affe, der im All die Erde umrundete.

Auch die Gardners waren auf der Suche nach einem Pionier. Allerdings sollte er nicht in den Kosmos vorstoßen, sondern in ein anderes unbekanntes Gebiet. Die Gardners suchten nach einem Schimpansen, der zu den Grenzen seiner Sprachfähigkeit aufbrechen sollte. Für ihr Experiment wählten sie die acht Monate alte Schimpansin Kathy, tauften sie in Washoe um und begannen, sich mit ihr zu verständigen.

Dass Affen kluge Tiere sind, bewies der deutsche Zoologe Wolfgang Köhler schon 1914. In seinem Institut auf Teneriffa steckten sie in Versuchen zum Beispiel Stangen zusammen, um eine hochhängende Banane zu erreichen. In den vierziger Jahren versuchte ein Psychologenpaar in Florida, einer Schimpansin Englisch beizubringen. Nach jahrelangem Training brachte die kleine Viki aber bloß "Mama", "Papa", "up" und "cup" heraus. Kaum verwunderlich. Die Physiognomie des Affen ist einfach nicht zum Sprechen geschaffen. Die Gardners hatten eine bessere Idee: Sie lehrten Washoe die amerikanische Zeichensprache, kurz ASL.

Sprachtraining und Elektroschocks

Nach zwei Jahren beherrschte Washoe über 30 ASL-Worte, im August 1969 publizierten die Gardners ihre Resultate im Wissenschaftsmagazin "Science". Der Artikel machte weltweit Schlagzeilen. "Schimpanse redet mit Menschen", titelte das "Hamburger Abendblatt", "seitdem sie die Wörter 'ich' und 'du' gelernt hat, bildet sie kurze, vernünftige und wahrheitsgemäße Sätze", staunte der SPIEGEL. 1970 zählten die Forscher in Reno bereits 132 Gesten, verstehen konnte Washoe etwa die doppelte Menge. Die meisten hatte sie gelernt, indem Menschen der schlauen Primatin eine Bewegung vormachten, die sie dann nachahmte, doch manchmal guckte sie auch Gesten von zwei Menschen ab, die sie in einem ASL-Gespräch beobachtet hatte. Washoe erstaunte außerdem damit, dass sie Begriffe eigenständig neu kombinierte. Als sie etwa das erste Mal einen Schwan erblickte, formte sie die Zeichen "Wasser" und "Vogel".

1970 gaben die Gardners Washoe an William Lemmon weiter, Psychologieprofessor und Primaten-Fan an der Universität von Oklahoma. Lemmon betreute zwei Dutzend Schimpansen. Ein erfolgreicher, aber auch berüchtigter Experte, der dafür bekannt war, dass er seine Schützlinge schon mal mit dem Elektroschock-Knüppel züchtigte. Doch Washoe hatte einen Verbündeten: Roger Fouts, der bereits als Student den Gardners assistiert hatte. Mittlerweile war er promovierter Psychologe und mit seiner Familie nach Oklahoma gezogen, um die tierische Kommunikation zu erforschen. Fouts konnte Lemmon überreden, Washoe mit vier anderen jungen Schimpansen auf einer kleinen Insel wohnen zu lassen.

Fouts brachte auch anderen Affen die ASL-Gesten bei, und als Washoe geschlechtsreif wurde, unterhielt sie sich mit ihrem Freund, dem Schimpansen Ally, in Zeichensprache. 1976 und 1979 wurde sie schwanger, doch in beiden Fällen starben ihre Babys bald nach der Geburt. Nach dem zweiten Todesfall verfiel Washoe in tiefe Depressionen und verweigerte alle Nahrung; Roger Fouts rettete sie mit dem kleinen Schimpansen Loulis, den sie als Adoptivkind akzeptierte - und ihre Fähigkeiten an ihren Schützling weitergab. In wenigen Monaten erlernte Loulis von Washoe und Ally zwei Dutzend Gesten.

Nur Selbstbetrüger und Schwindler?

Die siebziger Jahre waren die goldene Ära der Sprachforschung bei Primaten. Die Presse brachte lange Berichte, Bücher wurden geschrieben, Filme gedreht, und Forscher außerhalb von Oklahoma entdeckten die Talente der Menschenaffen. Die Gorilladame Koko lernte in Kalifornien ASL, während die Schimpansin Sarah in Pennsylvania mit Hilfe kleiner Plastiktäfelchen kommunizierte. Im Bundesstaat Georgia teilte sich ihre Geschlechtsgenossin Lana per Computertastatur mit, die nach der Eingabe geometrische Figuren auf einem Bildschirm aufleuchten ließen.

Alle diese Forschungen verstießen allerdings gegen ein Dogma, das der Linguist Noam Chomsky formuliert hatte. Demnach wären nur Menschen fähig, nach im Gehirn verankerten Regeln sinnvolle Wortfolgen zu bilden und damit zu kommunizieren. Viele Akademiker misstrauten den vielbeachteten Forschern, die versuchten, Primaten das Sprechen beizubringen - und schlugen schließlich zurück.

1979 publizierte der New Yorker Psychologe Herbert Terrace seine Studie mit dem Schimpansen Nim Chimpsky. Terrace und seine Helfer hatten ihm vier Jahre lang ASL-Ausdrücke eingeübt, die der kleine Nim auch benutzte, doch kam der Psychologe zu dem Schluss, dass das keinesfalls Sprache war. Der Affe hätte mit seinen Gesten nur Futter und Zuneigung erbetteln wollen.

Im Folgejahr organisierte der Semiotiker Thomas Sebeok in New York eine Tagung über "Das Kluge-Hans-Phänomen", die Dialoge mit Tieren unter die Lupe nahm. Der Kluge Hans war ein Pferd aus Berlin, das vor dem 1. Weltkrieg Aufsehen erregte, als es Rechenaufgaben löste; die Zahlen zeigte es jeweils durch Hufschläge an. Ein Phänomen - bis jemand merkte, dass der Vierbeiner einfach immer dann stoppte, wenn die Zuschauer durch Laute oder Körpersprache zeigten, dass die korrekte Zahl erreicht war. Die Botschaft war klar: Auch die angeblich so intelligenten Affen sprechen nicht, sondern reagieren nur auf zustimmende oder ablehnende Signale ihrer menschlichen Partner. Für Sebeok teilten sich die Affensprachforscher in drei Gruppen: "Eins, vollkommener Schwindler; zwei, Selbstbetrüger; drei, alle Mitarbeiter von Terrace. Wobei die mittlere Gruppe bei weitem die größte ist."

Fünf Affen und fast pleite

Die Konferenz bewirkte, dass wichtige Fachzeitschriften keine Forschungsberichte mehr zu diesem Thema akzeptierten und Stiftungen den Geldhahn zudrehten. Die Forscher erholten sich nur langsam von diesen Schlägen; Roger Fouts hatte überdies alle Hände voll zu tun, um für Washoe eine neue Existenz aufzubauen. Nach einem finalen Krach mit William Lemmon hatte er 1979 Washoe und ihren Sohn aus der Reichweite von Lemmon geschafft und in einer Flugplatz-Baracke untergebracht. 1980 fand er für die Tiere eine neue Bleibe in der Central Washington University.

1981 war Fouts Affenfamilie bereits auf fünf Köpfe angewachsen und der Forscher fast pleite. Die Versorgung der Schimpansen kostete 40.000 Dollar im Jahr, der Forscher war gezwungen, die Supermärkte nach unverkauftem Obst und Gemüse abzuklappern. Die Rettung kam schließlich aus Hollywood: Ein Beraterjob beim Tarzanfilm "Greystoke - Die Legende von Tarzan, Herr der Affen" von 1984 brachte Fouts 100.000 Dollar. Genug, um seine Forschungsarbeit fortzusetzen.

In dieser spielten Videokameras eine immer größere Rolle, denn sie zeichneten nun die Kommunikation der Schimpansen auf, die ohne menschliche Eingriffe stattfand. Die 45 Stunden Filmmaterial, die zwischen 1983 bis 1985 zusammenkamen, zeigen eindeutig, dass die Gebärdensprache zum Alltagsleben der Tiere gehörte. Nesthäkchen Loulis etwa nutzte bei jeder achten Interaktion die ASL-Worte.

1993 erhielt die kleine Affenkolonie ein neues Gebäude mit angeschlossenem Freigelände, wo sie weitgehend unter sich blieb. Die Menschen beschränkten sich darauf, aus der Ferne ihre Worte und Taten zu erfassen. Washoe starb am 30. Oktober 2007 im Alter von 42 Jahren, betrauert von Affenfans in aller Welt und drei Schimpansen in Ellensburg, ihrem Adoptivsohn Loulis, dem Männchen Dar und dem Weibchen Tatu.



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Frank Möller, 03.10.2011
1.
Sehr geehrter Herr Bülow, Leider bleiben hier wichtige Projekte unerwähnt, wie zum das "great ape language"-projet in mit Sue Savage-Rumbaugh in Atlanta. Eine Japan Broadcasting Corporation-Dokumentation von 1993 zeigt sehr eindringlich die erstaunlichen Sprachfähigkeiten des Bonobo-Männchenn Kanzi und dürfte alle Spekulationen ob Bonobos Sprache benutzen können beenden. Leider scheinen sich die Kritiker der Forschungsergebnisse, darunter Noam Chomsky, in Spitzfindigkeiten zu ergehen was nun das "Bererrschen" von Sprache ausmacht. Entscheidend ist aber, dass die Fähigkeiten von Kanzi und anderen Primaten teilweise erstaunlich sind, und das vor allem die Kommunikation und die Kommunikationsforschung mit den anderen Primaten weitergeführt wird. Voreilige Kritik führte teilweise zum Abbruch von Forschungsprojekten, was angesichts der offensichtlichen Forschungsergebnisse von z.B. Sue Savage-Rumbaugh ein Skandal ist. Lange Rede - kurzer Sinn: die Sprachforschung mit Primaten lebt und ist nicht, wie Ihr Artikel vielleicht bei manchen implizieren mag, am Ende. MfG Frank Möller
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