Weltkriegsmission Die Nacht der Sintflutbomber

Weltkriegsmission: Die Nacht der Sintflutbomber Fotos
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Das Chaos kam mit einem dunklen Grollen: 1943 bombardierten britische Flieger deutsche Talsperren - mit neuartigen Sprengkörpern, die übers Wasser hüpften. Hunderte Menschen starben in den Wassermassen, Englands Presse jubelte über den "Flutblitz". Dabei war die Mission eigentlich ein Fehlschlag. Von Peter Maxwill

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Als Klaus Schulte in der Nacht auf den 17. Mai 1943 vor die Tür seines Elternhauses trat, erblickte er in östlicher Richtung eine Nebelwand. Begleitet von einem anschwellenden Grollen wuchs das unheimliche Wetterphänomen in den sternenklaren Himmel über Fröndenberg, bewegte sich rasend schnell auf das Örtchen im Ruhrtal bei Dortmund zu. Plötzlich wälzte sich eine gigantische Flutwelle durch das Tal und verwandelte den Ort an der sonst so friedlich dahinfließenden Ruhr in ein brodelndes Inferno. "Aus dem dumpfen Grollen war eine berstende, krachende und splitternde Kakophonie geworden", schilderte Schulte die Katastrophe Jahrzehnte später in der "Zeit", "Menschen und Tiere schrien in Todesangst".

21 Anwohner starben in dieser Vollmondnacht allein in Fröndenberg, doch die Auswirkungen waren noch weitaus heftiger. Denn bevor die Wasserwand Klaus Schultes Dorf erreichte, hatte sie bereits ganze Ortschaften ausgelöscht - und sie rollte weiter in Richtung Ruhrgebiet. Die Fluten waren der Inhalt des Möhnesees, den 30 Kilometer weiter östlich eigentlich ein massiver Damm aufstaute. Eigentlich.

Denn in dieser Nacht war es einer kleinen Gruppe alliierter Flugzeuge gelungen, mit Spezialbomben den 650 Meter langen Möhnedamm in der Mitte zu sprengen. Jahrelang hatten die Briten auf diesen Coup hingearbeitet, hatten Tests durchgeführt, Flugrouten bis auf den Zentimeter genau berechnet und Spezialausrüstung erfunden - alles für ein Kommandounternehmen, das in Großbritannien bis heute als Meilenstein im Zweiten Weltkrieg gefeiert wird. Denn während die Möhne in jener Nacht das Ruhrtal flutete, zogen die Bomber weiter, um weitere Dämme zu zerstören.

Möglich gemacht hatte die Aktion, die der Historiker Ralf Blank in seinem Aufsatz "Die Nacht des 16./17. Mai 1943 - 'Operation Züchtigung'" rekonstruiert hat, eine Reihe technischer Geniestreiche - und ein kühner Flugzeugkonstrukteur: Der Ingenieur Barnes Wallis griff 1940 die Idee auf, mit gezielten Bombenangriffen westdeutsche Staudämme zu zerstören.

Die standen schon seit Oktober 1937 auf einer britischen Liste wichtiger Angriffsziele für den Fall eines Krieges mit Deutschland. Doch niemand wusste, wie ein so kleines und zugleich massives Ziel zerstört werden sollte - zumal einige der Dämme nicht nur mit Flak-Geschützen vor Angreifern, sondern auf ihrer Seeseite auch durch Netze im Wasser vor Torpedos geschützt waren. Genau hier setzte Wallis an, sein Vorschlag: der Einsatz sogenannter Rollbomben.

Abwurf bei Tempo 354 in 18,29 Meter Höhe

Die speziellen Sprengkörper, die Wallis selbst konzipiert hatte, sollten die deutschen Torpedonetze mit einem simplen Trick überwinden: Vor dem Abwurf wurden die zylinderförmigen Minen in Rotation versetzt, damit sie auf der Wasseroberfläche wie ein flach geworfener Kieselstein springen - über die Fangnetze, bis zur Staumauer. Dort angekommen, sollte die Bombe versinken und mit Hilfe eines Wasserdruckzünders in etwa neun Metern Tiefe detonieren. Das gewünschte Ergebnis: ein Loch in der Staumauer, das die nachströmenden Wassermassen noch vergrößern würden.

Dake für Wikimedia Commons.

Die meisten Experten hielten den Plan und seine Befürworter für verrückt. Besonders erbost reagierte Arthur Harris, Chef des Bomberkommandos: "Man sollte ihnen ein Flugzeug geben und sie damit zum Spielen schicken, während wir mit dem Krieg weitermachen", sagte er im Februar 1943 über Wallis’ Arbeitsgruppe. Wallis hatte jedoch längst Luftmarschall Charles Portal und Premier Winston Churchill davon überzeugt, dass die Zerstörung der Talsperren der Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet die Strom- und Wasserversorgung abschnüren würde. Die Operation wurde genehmigt und erhielt den Decknamen "Chastise" - Züchtigen.

Die Vorbereitungen liefen bald auf Hochtouren, denn nur bis Ende Mai waren die Talsperren erfahrungsgemäß randvoll. Die neu aufgestellte Staffel 617 bekam 23 neue Bomber des Typs Lancaster zugewiesen, bei denen Ingenieur Wallis für die rund vier Tonnen schweren Rollbomben eigene Hängungen und einen Elektromotor installieren ließ, um sie vor dem Abwurf rotieren zu lassen. Außerdem erhielten die viermotorigen Maschinen zusätzliche Scheinwerfer und eine dreieckige Holzkonstruktion mit zwei herausragenden Nägeln im Cockpit, mit der die Piloten den idealen Abwurfzeitpunkt der Bombe berechnen konnten: Deckten sich beim Schauen durch das Guckloch die Nägel und die Türme auf dem Damm, musste die Sprengladung ausgeklinkt werden.

Denn die 1,60 Meter lange Rollbombe direkt an der Sperrmauer versinken zu lassen, war Zentimeterarbeit: aus 18,29 Metern Höhe, mit einer Geschwindigkeit von 354 Stundenkilometern, 400 Meter vor dem Damm musste sie ausgeklinkt werden. Wochenlang wurde die Mission daher an entlegenen Seen geprobt, sogar maßstabsgetreue Modelle der Dämme wurden dafür errichtet. Dann war es so weit.

Fehlschläge an Ennepe, Sorpe und Lister

Am 16. Mai um 21.29 Uhr starteten auf dem ostenglischen Fliegerhorst Scampton die ersten Lancaster-Bomber. Schon der Flug zu den Seen war äußerst waghalsig und endete für mehrere der Flieger im deutschen Abwehrfeuer oder in Starkstrommasten - denn sie mussten auf Baumwipfelhöhe durch das deutsch besetzte Westeuropa fliegen, um vom Radar unerkannt die Talsperren zu erreichen. Dort angekommen, sollten die Piloten die offizielle Losung ihrer Staffel in die Tat umsetzen: "Après moi le déluge" - nach mir die Sintflut.

Am Möhnesee hatten die Angreifer Glück: Zwei Monate zuvor hatte die Wehrmacht fast die komplette Luftverteidigung vom Staudamm abgezogen, so dass die Bomber im sechsten Anlauf eine 76 Meter breite und 23 Meter tiefe Lücke in den Damm sprengten. Während daraufhin in den Flusstälern von Möhne und Ruhr ganze Ortsteile von der Landkarte gespült wurden, waren die Angreifer schon auf dem Weg zur zweiten Etappe - dem schwierigsten Teil der Mission.

Denn an der 400 Meter langen Edertalsperre gab es zwar keine Luftabwehr, aber auch kaum Platz: Das langgezogene Gewässer lag in einem engen Tal, so dass eine Attacke auf den Damm als unmöglich galt. Die Piloten mussten ihre Maschinen im Sturzflug in die enge Schneise lenken und danach durch enge Windungen manövrieren. Mehrere Versuche schlugen fehl, als um 1.37 Uhr schließlich die letzte verfügbare Bombe ausgeklinkt wurde. Volltreffer: Abertausende Tonnen Wasser rasten durch das Edertal, die Flut reichte bis in die 50 Kilometer entfernte Innenstadt von Kassel.

Das Zerbrechen der Edertalsperre sollte später darüber hinwegtrösten, dass der Rest der Mission desaströs verlief: Der Erdwall am Sorpesee wurde nur leicht beschädigt, der Angriff auf den Ennepe-Damm bei Hagen schlug fehl, die Lister-Talsperre erreichte nicht eine einzige Lancaster. Von 19 gestarteten Maschinen kehrten nur elf nach England zurück.

"Die Deutschen trifft der Flutblitz"

Da mit den Talsperren an Möhne und Eder aber die Hauptziele zerstört worden waren, feierte die englische Presse euphorisch den Triumph ihrer "Dam Busters", der Staudammknacker: "Die Deutschen trifft der Flutblitz", titelte etwa der "Daily Mirror" am 18. Mai, und der "Daily Telegraph" bejubelte den "Notstand im Ruhrgebiet". Dabei waren die Auswirkungen auf den Kriegsverlauf mickrig, die Opferzahl hingegen hoch: Fast 1600 Menschen starben laut Historiker Ralf Blank in dieser Nacht.

Unter den Opfern waren vor allem Unschuldige: Viele Anwohner waren wegen des Fliegeralarms in Keller geflohen - und damit in den sicheren Tod. Im Ruhrtal starben außerdem Hunderte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in ihren Baracken. Und auch die Angreifer hatten hohe Verluste: Von 133 Männern kehrten 53 nicht zurück. Ein hoher Preis für einen überschaubaren Erfolg.

Denn ihr Ziel, die Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet lahmzulegen, hatten die Briten nicht erreicht. Dort waren zwar etliche Wassergewinnungsanlagen schwer beschädigt und 15 Kraftwerke zerstört. Doch der Stromausfall war innerhalb kürzester Zeit wieder behoben, der Wasserstand der Ruhr konnte mit Hilfe der unbeschädigten Talsperren reguliert werden, und schon im Spätsommer war die Möhnetalsperre repariert.

Die Briten erhoben die fliegerischen Heldentaten von Staffel 617 trotzdem zum nationalen Mythos: 1955 drehte Regisseur Michael Andersson einen glorifizierenden Kinofilm über die "Dam Busters". Die deutsche Version kam erst 20 Jahre später in die Kinos - mit dem nüchternen Titel "Mai 1943 – Die Zerstörung der Talsperren".

Zum Hingehen:

Das Dam Busters Museum im hessischen Edertal zeigt eine Ausstellung zu den Angriffen auf die Talsperren.

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    Seite 1    
1.
Tanja Krienen 15.05.2013
Zu diesem Thema habe ich ein paar Interviews und erstaunliche Fakten zusammengetragen - 70. Jahrestag der Möhnesee-Katastrophe am 17. Mai 1943, Teil I ? https://www.youtube.com/watch?v=7eV6NSbs0mg&list=UUAvCRBKE4pa6qcK-iwMEr9Q&index=2 70. Jahrestag der Möhnesee-Katastrophe am 17. Mai 1943, Teil II - https://www.youtube.com/watch?v=ksUtH1-bmlM Edersee-Bombardierung -http://www.youtube.com/watch?v=CZNiG3JRfIo&feature=mfu_in_order&list=UL
2.
Harald Kucharek 15.05.2013
"Abwurf bei Tempo 354 in 18,29 Meter Höhe " Das hört sich mal wieder so an, als wäre es auf jeden Zentimeter und jedes km/h angekommen. 18,29 m entsprechen 60 Fuss, 354 km/h entsprechen 220 Meilen pro Stunde. Klar, es war Präzision erforderlich, aber wenn ich eine Höhe mit 60 Fuss angebe, können 58 oder 62 Fuss durchaus noch in der Toleranz liegen. Wenn man glatte Werte mit krummen Umrechnungsfaktoren multipliziert und dann alle Nachkommastellen beibehält, täuscht das Ergebnis eine Genauigkeit vor, welche im eigentlichen Wert gar nicht enthalten war. Beliebter Fehler bei Schurnalisten.
3.
Andreas Osterhold 15.05.2013
Bild Nummer 14 zeigt nicht den Wiederaufbau der Sperrmauer des Edersees. Es dürfte sich vielmehr um den Bau des ersten Pumpspeicherbeckens auf dem Peterskopf handeln. Dieser leigt nur wenige Kilometer von der Sperrmauer entfernt.
4.
Andreas Osterhold 15.05.2013
Auch Bild 17 hat definitiv nichts mit der Sprengung der Edersperrmauer zu tun. Das Bild entstand bei einem Hochwasser in Korbach in der Nähe des Stadtparks. Das Jahr der Aufnahme kann ich zurzeit nicht liefern.
5.
Dietrich Torsch 15.05.2013
Warum kamen denn so viele Flieger nicht durch wenn praktisch keine Flugabwehr da war?
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