Spuk von Rosenheim Geisterjäger, bitte kommen

Es begann mit einem merkwürdigen Anruf: Im Sommer 1967 geschah in einer Anwaltskanzlei plötzlich Unerklärliches. Glühbirnen platzen, Teller flogen - und ein Angestellter der Stadtwerke verzweifelte auf der Suche nach den Gründen. Erst hochkarätige Wissenschaftler fanden eine schaurige Antwort.


Die Sache mit dem Bild ist zu viel für Paul Brunner. Mit eigenen Augen sieht er, wie das Blumengemälde an der Wand einmal am Nagel herumwirbelt. Nur einen Schritt von ihm entfernt.

Seit Wochen ist der Mann von den Rosenheimer Stadtwerken mysteriösen Ereignissen in der Anwaltskanzlei Adam auf der Spur: unerklärliche Anrufe, platzende Glühbirnen, herausfliegende Sicherungen. Mit einem Team aus Technikern und Ingenieuren hat er das gesamte Büro mit Meßgeräten verkabelt und sogar einen Direktanschluss zur Transformatorenzentrale gelegt. Erklärungen für die seltsamen Phänomene findet er keine.

Als sich dann noch das Bild an der Wand dreht, gibt Brunner auf. Er notiert:

"Bei einem kurzen Gespräch mit einer Bürokraft (Frl. Sch.) am kleinen Tisch vor dem Ölofen stand ich direkt vor dem Blumenbild, als RA Adam von links kommend das Büro betrat. In diesem Moment drehte sich das Bild sehr rasch ca. 320 Grad im Linksdrehsinn, so dass sich der Aufhängedraht am Haken verwickelte. Mit aller Bestimmtheit hat niemand diesen Vorgang durch manuelle Betätigung ausgelöst, da er sich in ca. einem Meter Entfernung von mir abspielte."

Damit erklärt er die Tests für beendet und erstellt einen Abschlussbericht. Gegen Geister und Gespenster sind die Stadtwerke Rosenheim machtlos. Den Fall übernimmt nun ein Team aus Physikern, Psychologen und Polizei. Da ist das beschauliche Städtchen Rosenheim in Oberbayern längst Thema in den internationalen Medien.

Platzende Glühbirnen, unerklärliche Anrufe

Begonnen hat alles mit einem Anruf. An einem Sommermorgen im Jahr 1967 klingelt in der Anwaltskanzlei Adam das Telefon. Adam hebt ab, doch die Leitung ist tot. Der Rechtsanwalt denkt sich nicht viel dabei; als er allerdings wenig später mit einem Mandanten telefoniert, wird plötzlich die Leitung unterbrochen. Die Vorgänge häufen sich, bald klingeln alle vier Telefone der Kanzlei gleichzeitig. Am Ende des Monats bekommt Adam eine saftige Telefonrechnung: Von seinem Büro aus wurden massenhaft Anrufe an die Zeitansage 0119 getätigt.

Im Herbst bittet Adam schließlich die Post um Hilfe; zahllose Anrufe und Leitungsunterbrechungen haben das Arbeiten in seiner Kanzlei mittlerweile unmöglich gemacht. Im Oktober tauscht die Post die Apparate aus und installiert einen Gebührenzähler vor Ort. Der verzeichnet bereits am ersten Tag ein abgehendes Gespräch, obwohl niemand im Büro telefoniert hat. Am nächsten Tag gehen innerhalb einer Viertelstunde 42 Anrufe an die Zeitansage. Adam tut, was ein Rechtsanwalt tut: Er stellt Anzeige gegen unbekannt, wegen Täuschung und Unterschlagung.

Tage später vernehmen die Angestellten einen lauten Knall, die Lampen erlöschen. Handwerker stellen fest, dass die Leuchtstoffröhren an der zweieinhalb Meter hohen Decke um 90 Grad in ihren Halterungen verdreht sind, der Kontakt ist unterbrochen. Noch während die Röhren ausgetauscht werden, kracht es wieder. Die neu eingesetzten Röhren haben sich vor den Augen des Personals erneut in ihren Halterungen gedreht. Adam entscheidet, die Lampen durch herkömmliche Glühbirnen zu ersetzen. Dann explodiert eine Glühbirne und verletzt eine Büroangestellte. Alle Lampen werden nun mit Nylonnetzen verhangen. Noch am selben Nachmittag platzen vier weitere Birnen.

Ist das Stromnetz schuld?

Der Rechtsanwalt vermutet die Ursache im Stromnetz und wendet sich an die Stadtwerke. Das Technische Prüfamt unter Leitung von Paul Brunner nimmt sich nun der Sache an. Brunner installiert Strommesser; die Geräte werden verplombt, um Manipulationen auszuschließen.

Schon in den ersten Tagen verzeichnen die Messgeräte zeitgleich zu den Knallgeräuschen Vollausschläge über 50 Ampere. Nach allen Überprüfungen können Kurzschlüsse oder Fehler in den Geräten ausgeschlossen werden. Brunner lässt eine direkte Stromleitung zur Transformatorenzentrale legen, um Schwankungen im Stromnetz auszuschließen.

Abhilfe bringt das nicht - vielmehr eskalieren die Ereignisse in den folgenden Tagen: Unter den Augen der Techniker und Angestellten springen Wandteller von den Wänden, Lampen beginnen zu schwingen, Schubladen öffnen sich wie von Geisterhand, und aus einem Kopierapparat läuft Säure aus. Obwohl sämtliche Telefone mittlerweile mit Schlössern versehen sind, zu denen nur Adam den Schlüssel besitzt, wird im November die Zeitansage über 500-mal gewählt. Brunner vermerkt: "Vielfach zersprangen zu dieser Zeit Osram-Glühbirnen. In einem Fall wiederholte sich das Zerspringen drei Minuten nach Auswechseln unter den Augen der Revisoren."

Die Kriminalpolizei schaltet sich ein. Mittlerweile haben die unerklärlichen Vorgänge auch das Interesse der Presse geweckt; Ende November berichtet die ARD erstmals über den "Spuk von Rosenheim".

Ein Fall für die Geisterjäger

Adam erhält jetzt Post aus der ganzen Welt. Selbsternannte Geisterjäger raten ihm, einen Wünschelrutengänger zu engagieren. Für die Okkultisten steht fest: Es muss sich um einen Poltergeist handeln.

In der Folklore sind Poltergeister Dämonen, die ein Haus und seine Bewohner schikanieren. Ausgelöst werden sollen sie durch sogenannte Fokuspersonen - meist junge, konfliktgeladene Menschen in der Pubertät. Dass die Phänomene eine menschliche Ursache haben müssen, stellen auch Brunner und sein Team fest: Alle verzeichneten Phänomene treten ausschließlich während der Bürozeiten auf.

Paul Brunner von den Stadtwerken will dieser Fährte nicht mehr folgen. Er hat alles getan, um die Störungen mit herkömmlichen Mitteln zu erklären. Als die Sache mit dem Bild passiert, wirft er das Handtuch.

Mittlerweile vermeldete die deutsche Presse täglich Neues über den "Spuk von Rosenheim". Auch im Ausland berichtet man von dem "Rosenheim Poltergeist".

Da weder Brunners Stadtwerke noch die Rosenheimer Kripo Erklärungen liefern können, wird ein hochkarätiges Expertenteam zusammengestellt: Die Physiker Dr. Karger vom Max-Planck-Institut und Dr. Zicha von der TU München sollen die Ereignisse dokumentieren und analysieren. Prof. Hans Bender, Leiter des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene soll Spuren jenseits der herkömmlichen Lehrmeinung verfolgen. Außerdem wird Prof. Andreas Resch hinzugezogen, Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck.

Liegt es an Annemarie?

Die Kanzlei wird zur Geisterfalle: Die Forscher installieren Kristallmikrofone, Magnetometer, Temperaturfühler, Strommesstrommeln und Oszillografen. Dann legen sie sich auf die Lauer.

Die Ereignisse lassen nicht lange auf sich warten: Wieder zerplatzen Glühbirnen, obwohl der Glühfaden intakt ist. Ein 180 Kilogramm schwerer Eichenschrank verschiebt sich vor den Augen der Wissenschaftler um 30 Zentimeter. Der dem Okkulten nicht ganz abgeneigte Prof. Bender ist nun sicher, einen Poltergeist vor sich zu haben. Doch wer ist die Fokusperson?

Der Verdacht fällt bald auf die 19-jährige Schreibkraft Annemarie Schaberl. Seit zwei Jahren verbringt die alleinerziehende Mutter ihre Lehrzeit in der Kanzlei. Die Störungen treten nur dann auf, wenn Annemarie zugegen ist, und niemals vor 7.30 Uhr - Annemaries Arbeitsbeginn. Man nimmt die Auszubildende genauer ins Visier. Parapsychologe Bender notiert: "Wenn das Mädchen durch den Flur geht, beginnen Lampen hinter ihr zu schwingen, explodieren Beleuchtungskörper, fliegen Scherben auf sie zu."

Das Mädchen selbst klagt seit kurzem über einen heftigen Druck im Ohr. Sie weist eine starke, bis in den Hals hinunterreichende Rötung auf, die ein hinzugezogener Arzt als Hyperämie diagnostiziert, eine unnatürliche Gefäßerweiterung.

Um ihren Verdacht zu bestätigen, regen die Wissenschaftler an, alle Angestellten nacheinander für ein paar Tage in den Urlaub zu schicken. Annemarie geht als erste - und die Phänomene hören schlagartig auf. Doch bereits am Tag ihrer Rückkehr sind die abnormalen Aktivitäten wieder mit voller Kraft zur Stelle. Die Ursache des Phänomens scheint nun geklärt. Am 18. Januar wird Annemarie Schaberl gekündigt. Doch die Wissenschaftler bleiben ratlos zurück.

"Ich hab keine Kräfte, glauben's mir das"

Die Physiker Karger und Zicha können nur festhalten, dass die Phänomene messbar waren und nicht als bloße Einbildung abgetan werden können. Manipulation schließen die Wissenschaftler aus; die Geräte wurden unter Aufsicht plombiert, niemand konnte Einfluss auf die Messungen nehmen. Karger vermerkt in seinem Abschlussbericht: "Diese Experimente waren eine echte Herausforderung für die Physik. Was wir in Rosenheim gesehen haben, ist mit der herkömmlichen Wissenschaft nicht zu erklären."

Prof. Bender vom Freiburger Institut für Parapsychologie hingegen ist euphorisch: "Die Ausschläge hatten nichts mit Stromänderungen zu tun, sondern erwiesen sich als psychokinetische Bewirkung. Spontane Psychokinese ist damit zum ersten Mal objektiv registriert worden. Für unser Institutsteam ist dieser Fall ein ermutigender Start in das neue Jahr!"

In seinem Institut unterzieht Bender die Auszubildende eingehenden psychologischen Untersuchungen. Demnach ist Annemarie instabil, reizbar und leidet an frustrierter Wut. All ihre Enttäuschung, so Bender, habe sich bei ihr per Psychokinese entladen und so die Phänomene ausgelöst, mit denen das Büro zu kämpfen hatte.

Auch wenn der Spuk endlich ein Ende hatte, streitet Anwalt Adam noch jahrelang vor Gericht mit der Post. Letztlich muss er die Telefonkosten von 15.000 DM begleichen.

Und Annemarie selbst? Sie hatte in die Anwaltskanzlei Weinzierl gewechselt, wo es noch gelegentlich zu seltsamen Vorkommnissen gekommen sein soll. Vor ein paar Jahren hat die mittlerweile 60-Jährige in einem Fernsehinterview ihre Unschuld beteuert. "Ich bin ein ganz normaler Mensch, mit einem normal ausgeprägten Gehirn, das normal denken kann", versichert die Rentnerin darin sichtlich verärgert. "Ich hab keine Kräfte, glauben's mir das. Es muss was anderes gewesen sein."

Doch was, das kann bis heute niemand erklären.

Zum Autor:

Airen ist ein deutscher Blogger und Schriftsteller. Mit seiner Familie lebt er in Mexiko.



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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Albert Stadler, 18.11.2013
1.
Ich selber sehe mich als Ingenieur der Wissenschaft verpflichtet und tue mir eigentlich schwer, an Übernatürliches zu glauben. Da aber die Phänomene von Wissenschaftlern beobachtet, dokumentiert und nicht erklärt werden konnten, kann man schon stutzig werden. Man darf wohl das Undenkbare nie ganz ausschließen.
Albert Stadler, 18.11.2013
2.
PS: Könnt ihr euren Autoren mal ein großes Lob ausrichten? Im Gegensatz zum Rest von Spiegel Online wird hier noch Recherche betrieben und die Qualität hochgehalten. Weiter so! :)
Kurt Mueller, 18.11.2013
3.
Interessantes Thema, aber sehr dünne Geschichte - und daß die Kanzleigehilfin das alles ausgelöst haben soll, klingt doch sehr seltsam. Der Zusammenfall ihrer Anwesenheit und der Vorfälle ist zwar bemerkenswert. Aber ähnlich extreme Fälle wurden ja danach anscheinend nicht mehr aktenkundig. Wenn sie tatsächlich die Kraft hatte, Bilder rotieren und Lampen platzen zu lassen: Soll nur eine Person auf der ganzen Welt (die zudem noch jeden Zusammenhang mit den Vorkommnissen verneint) je in der Lage gewesen sein, derartige Dinge auszulösen? Sehr merkwürdig, das...
Kurt Diedrich, 18.11.2013
4.
Schön, dass an diese vergessene Geschichte, die ich als Kind in den Medien mitverfolgte, nochmal erinnert wurde. Sie beweist, dass tatsächlich Phänomene existieren, die wissenschaftlich nicht erklärbar sind und erinnert an das ein paar Jahre zurückliegende Phänomen im italienischen Canneto, das sogar weitaus spektakulärer war und ein ganzes Dorf betraf. Der heutige Leiter des vergleichbaren, freiburger Institus, Dr. von Lucadou, berichtet, dass sich ähnliche Vorgänge in Deutschland auch heute noch sehr häufig abspielen. Es liegt wohl am Zeitgeist, dass sich heute zumindest offiziell kaum noch jemand dafür interessiert. Nur schade, dass jetzt wieder manch ach so "aufgeklärter" Forist trotz erdrückender Beweise laut "Humbug" und "Sinnestäuschung" rufen - und alle, die sich mit solchen Dingen bechäftigen, als geitig unterbelichtet bezeichnen wird.
Imke Meißner, 18.11.2013
5.
...wenn ich zu Beginn des Artikels schreibe "erst hochkarätige Wissenschaftler fanden eine Antwort", wie kann ich den Artikel dann ohne "Lösung" für das Problem belassen? Ich war davon ausgegangen, dass die Vorgänge irgendwie erklärt wurden, denn ohne Lösung ist so ein Artikel zwar interessant, aber auch enttäuschend.
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