Spurensuche HipHop mit'n Tüdelband

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Irgendetwas stimmte nicht mit seinen Großeltern: Der junge Rapper Dan Wolf ahnte das - doch er stellte keine Fragen. Bis vor ein paar Jahren ein Hamburger an seine Haustür in San Francisco klopfte und ihn mitnahm. Dorthin, wo seine Vorfahren große Erfolge feierten. Von

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Ein junger Mann mit Wollmütze läuft wippend und Finger schnippend über eine Brücke am Hamburger Hafen. Er spricht einen Liedertext im Rap-Stil: Rhythmisch stößt er die Reime aus sich heraus und formt eine wohlbekannte Melodie. Der 25-Jährige hat einen amerikanischen Akzent und stolpert noch ein wenig über die platt gedrückten hanseatischen Worte:

Klau'n, klau'n, Äppel wüllt wie klau'n,

Ruck zuck übern Zaun.

Ein jeder aber kann das nicht,

Denn er muss aus Hamburg sein.

Der Rapper heißt Dan Wolf. Als er im Jahr 2000 mit seiner HipHop-Band Felonious das erste Mal an die Elbe reiste, begriff er noch nicht wirklich, was er hier zu suchen hatte. Der Hamburger Filmemacher Jens Huckeriede hatte ihn in San Francisco aufgespürt und mit der künstlerischen Tradition und Geschichte seiner Familie konfrontiert. Begleitet von Huckeriede und dessen Kamera besuchte Dan Wolf in Hamburg die historischen Orte seiner Vorväter: das Operettenhaus auf der Reeperbahn, St. Pauli, die Flora, das Bismarckdenkmal, die Synagoge, das Konzentrationslager Neuengamme. Dan ist der Urgroßenkel von Leopold Wolf, einem der Gebrüder Wolf, die bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 das kulturelle Leben der Stadt mitprägten.


Film-Ausschnitte "Return of the Tüdelband": Auf den Spuren der Gebrüder Wolf Jetzt anschauen!

"Gesangshumoristen" auf der Reeperbahn

Die Wolfs hießen mit Nachnamen eigentlich Isaac und waren drei von 13 Kindern eines Schlachtergesellen. Sie kamen aus der Neustadt im Herzen Hamburgs, dort, wo die Armen lebten und viele Juden, bevor diese um die Wende zum 20. Jahrhundert ins Grindelviertel umzogen. Es war 1895, als Ludwig Isaac, der sich als Rummelplatzsänger verdingte, seine beiden Brüder Leopold und James animierte, das "Wolf-Trio" zu gründen. Mit ihren Liedern, wahren Ohrwürmern, ihren kessen Sprüchen, Parodien und Possen eroberten sie in den Varietés und Revuetheatern rund um die Reeperbahn das Publikum und waren schon bald im Ausland gefragt. Die "Gesangshumoristen", wie sie sich nannten, hatten den Zeitgeist erfasst und verstanden sich vorzüglich auf Unterhaltung.

Bruder James verließ das Trio nach elf Jahren, um in der Bismarckstraße in Hamburg-Eimsbüttel einen Zeitungsladen aufzumachen. Aus dem Trio wurde ein Duo: die Gebrüder Wolf, die "Marx Brothers von Hamburg", wie Huckeriede sie nennt. Besondere Erfolge feierten die kreativen Kabarettisten mit ihren Figuren "Fietje und Tetje", zwei fiktive Hafenarbeiter in gestreifter Arbeitskleidung, die allerhand Schabernack trieben. In dieser Zeit entstanden die bis heute bekannten Gassenhauer "Snuten und Poten", "Mariechen, du süßes Viehchen" und "Dat Paddelboot".

Zur heimlichen Hymne Hamburgs wurde ihr Lied "Een echt Hamborger Jung!", die Geschichte vom Bub mit dem "Booderbrod mit Kees" in der einen Hand und dem Tüdelband in der anderen. Das Tüdelband war ein Eisenring für Holzfässer, den die Kinder mit einem Stöckchen vor sich hertrieben. "Seit 90 Jahren ist das Lied fester Bestandteil der kulturellen und sozialen Identität der Hamburger Bevölkerung", sagt Jens Huckeriede. "Dieses Lied begleitete mich wie selbstverständlich während meiner Kindheit - in der Schule, auf Familienfeiern und später in den Hafenarbeiterkneipen, ohne dass irgendjemand wusste, welche Geschichte dieses Lied verbarg."

Albern, anzüglich, gesellschaftskritisch

Die Gebrüder Wolf traten bis zu acht Mal täglich auf. Mit ihren rund 600 Liedern hatten sie ein reiches Repertoire, aus dem sie schöpfen konnten. Ihre Texte waren ebenso gesellschaftskritisch wie herrlich albern und anzüglich - besonders politisch waren sie nicht. Das Gespann nahm die hanseatischen Pfeffersäcke aufs Korn und amüsierte sich über die Spießbürger aus Vororten wie Poppenbüttel ("Meyer, du kleiner Schieber"). Die politische Atmosphäre in Deutschland und ihr Erfolgsdrang nötigten die Gebrüder offenbar dazu, sich um des Amüsements ihrer Zuschauer willen auch antisemitischer Klischees zu bedienen, insbesondere, wenn sie orthodoxe Juden parodierten.

Über die Jahre produzierten die Isaacs mehr als 60 Tonträger. Sie drehten sogar einen eigenen Film mit dem Titel "Glückspilze". Die Schaffenskraft der "Könige der Reeperbahn" schien schier unerschöpflich. Doch der Erste Weltkrieg machte ihnen einen Strich durch die Rechnung - in kritischen Zeiten hatten die Menschen für Kultur kein Geld übrig. "Geld allein macht nicht glücklich. Man muss es nur haben", sagt Fietje zu Tetje. Zu jener Zeit hatten die Wolfs es noch.

Die beiden Künstler - Ludwig war der Komponist, Leopold der Geschäftstüchtige - kauften zwei Theater, in der Hoffnung, sich wirtschaftlich zu halten. Sie standen aber auch sonst unter massivem Druck: Zunehmend mussten sie unter Beweis stellen, dass sie "gute Deutsche" waren. Deshalb traten sie nun in grauer Felduniform als kaisertreue Frontsoldaten mit deutsch-nationalen Standpunkten auf. Diese Rollen spielten sie so überzeugend, dass ein Historiker später mutmaßte, die Wolfs seien selbsthassende Juden mit reaktionären und rassistischen Ansichten gewesen.

Bunte Abende beim Jüdischen Kulturbund

Ihre mittlerweile bürgerliche Existenz schützte die Gebrüder indes nicht vor inneren Zerreißproben oder dem wachsenden Antisemitismus - im Gegenteil. Ludwig und sein Bruder nahmen ihren Künstlernamen 1924 offiziell als Nachnamen an: Die Isaacs gab es jetzt nicht mehr. Zwei Jahre später starb Leopold an einem Herzinfarkt. An seiner Stelle sprang sein Sohn James Iwan ein, ein Künstler aus dem Stegreif, denn er hatte bislang nur Schreibmaschinen repariert. Mit dem Aufstieg der Nazis kamen die Wolfs immer mehr in Bedrängnis. Sie verloren nun auch fast alle ihre Anteile am Operettenhaus an ein NSDAP-Mitglied. Die Nazis schränkten ihre Auftrittsmöglichkeiten radikal ein, ihre Döntjes durften sie nur noch an "Bunten Abenden" des Jüdischen Kulturbundes in den Kammerspielen in der Hartungstraße zum Besten geben. Vor allem "Snuten und Poten" war den Fanatikern ein Dorn im Auge - ein so hamburgisches Lied dürfe nicht von Juden gesungen werden, argumentierten sie absurderweise.

Ausgerechnet in den Kammerspielen am Grindel wurden die Juden zur Deportation gesammelt. Ludwig entkam der Gefahr, indem er eine Nichtjüdin heiratete, und überlebte so den Holocaust. Der Zeitungshändler James, damals schon 71, kam mit seiner Frau im KZ Theresienstadt um. Leopolds Sohn James Iwan war kurzzeitig im KZ Sachsenhausen inhaftiert und konnte dann mit seinem Bruder Donat emigrieren. Donats Frau und sein Sohn Dan fielen den Nazis zum Opfer. Über Shanghai kamen die Brüder 1947 schließlich nach New York. Dort reparierte James wieder Schreibmaschinen, Donat hielt sich mit kleinen Jobs über Wasser. In alter Tradition traten die ehemaligen Isaacs als Fietje und Tetje auf, zuletzt in der Schwabenhalle in Brooklyn und auf dem "deutschen Broadway" in Manhattan. Sie hatten ein hartes Leben in der erzwungenen Emigration und ihre Biografien viele Brüche.

Als Ludwig 1955 in Hamburg starb, hatte es mit den Gebrüdern Wolf vollends ein Ende. Die Erinnerung an sie verblasste, einen schriftlichen Nachlass gab es nicht, Film und Originalnoten waren verschwunden. Nur ihre Lieder, die vergaßen die Hamburger nicht. Die Musik, die die Nazis zu "deutschem Liedgut" erklärt hatten, reklamierten die Hanseaten für sich. Von den Urhebern und deren Schicksal war keine Rede mehr. 1975 erlebte Donat noch die Geburt seines Enkels, den sein Sohn nach dem ermordeten Bruder benannte: Dan. Über die Vergangenheit oder darüber, warum sie als Deutsche in den USA lebten, sprachen die Wolfs nie. Der Enkel stellte damals keine Fragen, obwohl ihm auffiel, dass seine Verwandten nicht wie andere Amerikaner waren. Donat und James starben beide Anfang der achtziger Jahre: in Amerika.

Verschwunden, verblasst ... zurück

Dan Wolf entwickelte sich zum Schauspieler, HipHop-Musiker und Autor. Er ahnte nicht, dass er die Tradition seiner Vorväter fortsetzte - bis Jens Huckeriede aus Hamburg eines Tages vor seiner Tür stand. Der Regisseur lud ihn "auf eine Reise in umgekehrter Richtung" ein. In Hamburg entdeckte Dan seine künstlerischen Wurzeln und seine deutsch-jüdische Identität. "Ich bin zurück, wo alles anfing", sagt er, "ich kann die Geschichte im Heute spüren. Ich bin ein Jude in Deutschland und fühle mich im Gegensatz zu meinen Vorfahren nicht mehr bedroht."

Seit seiner "Rückkehr" erleben die Gebrüder Wolf ein Comeback. 2002 hatte das Theaterstück "Die Jungs mit dem Tüdelband" an den Kammerspielen Premiere und war ein solcher Publikumsreißer, dass das Stück über zwei Jahre auf dem Spielplan stand. 2003 kam Huckeriedes Dokumentarfilm "Return of the Tüdelband" heraus, der weiterhin mit viel Erfolg auch im Ausland aufgeführt wird. Durch die Recherchen zum Film entdeckten sich auch die anderen noch lebenden Wolfs: Nach Jahrzehnten der Trennung kamen die in der Welt verstreuten Mitglieder der Familie wieder zusammen.

Dan Wolf kommt seither einmal jährlich nach Deutschland und zeigt an deutschen Schulen sein Theaterstück "Stateless". "'Stateless' ist eine Liebeserklärung an meine mir fremden Großeltern", sagt Wolf. "Es ist ein tiefer Blick auf das, was hätte sein können. Es ist die Aufdeckung einer Hinterlassenschaft - eine von Millionen Familien, die auseinander gerissen wurden." Sein Großvater Donat hatte immer vom "Wolf Luck" gesprochen, weil er zu den Glücklichen zählte, die den Nazis entkommen waren. Wenn am 5. Juni der "Gebrüder Wolf Platz" in Hamburg, St. Pauli, eingeweiht werden soll, will Dan dabei sein.

Zur Einweihung des Gebrüder Wolf Platzes siehe "Inszenierung der Erinnerung": www.katholische-akademie-hh.de


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