Sputnik-Schock Roter Mond über Amerika

Sputnik-Schock: Roter Mond über Amerika Fotos
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Eine piepsende Blechkugel namens Sputnik versetzte 1957 die Supermacht Amerika in Panik. Als Reaktion auf den sowjetischen Simpel-Satelliten erfand sich Amerika als High-Tech-Nation neu - zwölf Jahre später stand ein US-Astronaut als erster Mensch auf dem Mond.

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Am 4. Oktober 1957 war der amerikanische Schriftsteller James A. Michener ("Die Quelle") mit einem Flugzeug von Guam nach Tokio unterwegs, als die Maschine im Pazifik notwassern musste. Aus ihrem Gummiboot gerettet, wurden der Autor und seine Mitreisenden nach der Landung in Tokio sofort von Reportern bedrängt: Ob sie schon die Neuigkeit gehört hätten? "Ja, wir sind im Pazifik notgelandet", schoss Michener sarkastisch zurück. "Nein, die Russen haben einen Satelliten ins All geschossen!" Innerhalb von Minuten, erinnerte sich der Pulitzer-Preistäger später, "hatten wir unser eigenes Abenteuer im Schatten eines so unendlich viel größeren vergessen".

Wenige Ereignisse haben so nachhaltige Spuren im 20. Jahrhundert hinterlassen wie der Start des sowjetischen Satelliten "Sputnik" ("Weggefährte") an diesem sonnigen Herbstfreitag. Mikrochips und Satellitennavigation, TV-Liveübertragungen oder das Internet - der spektakuläre Flug der strandballgroßen, 83 Kilogramm schweren und mit vier Antennen bestückten Alu-Kugel gab den Startschuss. Und wie bei späteren epochalen Ereignissen - dem Mord an Kennedy, dem Fall der Mauer oder dem 11. September - weiß heute noch fast jeder, der dabei war, was er an diesem Tag gemacht hat.

Hammerschlag aus heiterem Himmel

Sputnik war für die Nachkriegszeit, was der erste Motorflug der Gebrüder Wright 1903 für die Generation der Jahrhundertwende gewesen war: ein epochaler Schritt, hinein in eine völlig neue Dimension. Nachdem der Mensch in den Dünen von Kitty Hawk die Fessel der Schwerkraft abgestreift hatte, setzte er nun mit Sputnik an zum Sprung zu den Sternen. Mit dem ersten Orbit eines menschengemachten Objekts hatte das Zeitalter der Weltraumfahrt begonnen, welches Ingenieure, Denker und Visionäre erträumt hatten, seit Isaac Newton Ende des 17. Jahrhunderts die Möglichkeit, einen künstlichen Trabanten im Orbit zu halten, theoretisch bewiesen hatte.

Aber der Sputnik-Start markierte auch den vorläufigen Höhepunkt des Kalten Krieges, in den sich die Supermächte Sowjetunion und USA seit Ende der vierziger Jahre hineingesteigert hatten. Im Wettlauf der Systeme hatten sich die Amerikaner bislang obenauf gewähnt - ob Atombombe oder Interkontinentalraketen, stets waren die Vereinigten Staaten dem roten Konkurrenten jenseits der Beringstraße voraus gewesen.

Seit Anfang 1956 hatten die Medien die amerikanische Öffentlichkeit darauf eingestimmt, dass als nächstes ein Erdtrabant aus US-Produktion ins All geschossen werde. Schon anderthalb Jahre vor dem geplanten Start hatte etwa die angesehene Zeitschrift "National Geographic" das US-Satellitenprojekt "Vanguard" als den "ersten künstlichen erdumkreisenden Satellit der Geschichte" vorgestellt. Auch sonst war "Vanguard" 1957 in aller Munde; dass die Eroberung des Alls durch Amerika anstand, war im Grunde Allgemeinwissen.

So traf der Coup der Sowjets Amerika wie ein Hammerschlag. Die US-Öffentlichkeit reagierte mit Anzeichen von Panik: Die Zeitungen überschlugen sich in Warnungen und Anklagen. "Eine schwerwiegende Niederlage", erkannte die "New York Herald-Tribune", und der demokratische Senator Henry M. Jackson konstatierte einen "niederschmetternden Schlag gegen das Prestige der Vereinigten Staaten". "Newsweek" fragte: "Kann man Unterdrückern Ungarns mit diesem neuen Satelliten trauen, dessen Verwendungen kein Mensch ermessen kann?"

"Wir werden euch begraben!"

Was als "Sputnik-Schock" in die Geschichtsbücher einging, war dabei die Reaktion auf eine durchaus komplexe politisch-psychologische Gemengelage in der amerikanischen Gesellschaft, die sich am künstlichen "Roten Mond" am Himmel lediglich entzündete.

Im Sommer 1957 war es nach jahrelangem Boom mit der Wall Street abwärts gegangen, Inflationsängste nagten am bis dahin ungebrochenen Zukunftsglauben der US-Bürger. Für das erste Halbjahr 1957 hatte das FBI die höchste Kriminalitätsrate in der Geschichte der USA registriert; ein verrückter Bombenleger, verantwortlich für 32 Attentate, wurde gefasst, und der perverse Massenmörder Ed Gein, später unter anderem Vorbild für den Film "Das Schweigen der Lämmer", gefasst. Die schlimmste Grippe-Epidemie seit 1919 raffte 70.000 Amerikaner dahin.

Dazu kam die Systemauseinandersetzung zwischen Kommunismus und Kapitalismus, überschattet von der Angst vor einem neuen, womöglich nuklearen Krieg. Ein knappes Jahr vor Sputnik, im November 1956, hatte KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow dem Westen sein donnerndes "Wir werden euch begraben!" entgegengeschleudert. Bereits sechs Wochen vor der Premiere im All war der erste nuklearwaffentaugliche Interkontinentalrakete der Sowjets vom Typ "Semjorka" erfolgreich getestet worden. Sie war so schnell, dass sie für die Strecke Moskau-New York 30 Minuten gebraucht hätte. Und nur zwei Tage nach dem spektakulären Start von Sputnik testeten die Sowjets erstmals einen neu entwickelten nuklearen Raketensprengkopf.

Wenig später kam es im britischen Windscale zum ersten großen Unglück in einer westlichen Atomanlage. Während die lange belächelten und unterschätzten Russen sich plötzlich als Meister modernster Technologien erwiesen, schien die kapitalistische Welt eben diese plötzlich nicht mehr richtig zu beherrschen - diese Mischung aus unerwarteter Demütigung und diffuser Bedrohung waren der Nährboden für jene kollektive Panik-Attacke namens "Sputnik-Schock".

Eisenhowers Nonchalance

Einer der wenigen, die sich davon nicht beeindrucken ließen, war US-Präsident Dwight D. Eisenhower - der Ex-General ging am Tag nach der sensationellen Nachricht wie gewohnt Golf spielen. Nicht "um ein Jota" habe der Sputnik seine Sorgen erhöht, ließ er auf einer Pressekonferenz wissen. Verteidigungsminister Charles E. Wilson erklärte: "Niemand wird irgendetwas von einem Satelliten auf Sie herunterwerfen, während Sie schlafen, also machen Sie sich keine Sorgen darüber."

Diese nonchalante Haltung fiel der Eisenhower-Administration allerdings alsbald auf die Füße. Sie hatte geglaubt, einen Propaganda-Erfolg Moskaus verschmerzen zu können, weil sie sicher war, Raumsonden mit echtem Nutzwert - Überwachungssatelliten, die jeden Quadratmeter hinter dem bisher so gut wie undurchdringlichen "Eisernen Vorhang" in den Blick nehmen könnten - vor den Russen ins All schießen zu können. Im Grunde war Eisenhower gar nicht so unglücklich über Sputnik. Denn dass die Russen zuerst und dann noch mit einem militärisch nutzlosen Gerät im Orbit waren, passte bestens in die amerikanischen Linie vom "Freedom of Space", nach der das All allen offenstehen solle, solange es nicht für bewaffnete Missionen benutzt werde.

Für solche Feinheiten aber war die US-Öffentlichkeit nicht in der Stimmung. Sie näherte sich immer mehr einem Zustand von Paranoia: Ufo-Sichtungen und Bestellungen für Atomschutz-Sets stiegen explosionsartig an. Menschen auf der Straße diskutierten ernsthaft die Frage, ob sie sich nicht leise unterhalten sollten, um nicht vom "Big Brother" am Himmel abgehört zu werden. Seriöse Medien unterstellten, die US-Armee verstecke Flugzeuge und Panzer, damit der Sputnik sie nicht aufspüren könne. Der Chef-Astronom der renommierten Smithsonian Institution in Washington erklärte es für möglich, dass "die Russen binnen einer Woche den Mond erreichen". Von mancher Kirchenkanzel ertönten gar Endzeit-Predigten, in die selbst Politiker einstimmten: "Auf dem Spiel steht nicht weniger als unser Überleben", erklärte etwa Senator Mike Mansfield aus Montana.

Wahlhelfer aus dem Weltall

Die Wirkung des Sputnik-Schocks auf die amerikanische Politik und Gesellschaft war immens, auch jenseits aller Rhetorik. Mit dem Zweiten Weltkrieg waren die USA zum Zentrum industrieller Massenfertigung und zum weltgrößten Rüstungsproduzenten geworden. Aber erst als Reaktion auf Sputnik wandelte sich Amerika zu der High-Tech-Nation, deren Innovationskraft bis heute beispiellos in der Geschichte ist. Innerhalb kürzester Zeit krempelte das Land seine Wissenschaftsförderung und Bildungspolitik komplett um; von der Großforschung bis zum Mathematikunterricht, von der Stipendienvergabe bis zur Schulbau wurde so gut wie alles reformiert und reorganisiert. Ungeahnte Geldmittel flossen auf einmal in die Grundlagenforschung, neue Großeinrichtungen wie die National Space Agency (Nasa) wurden aus dem Boden gestampft.

Nicht zuletzt erwiesen sich die Sowjets mit dem Sputnik als wichtige Wahlhelfer des demokratischen Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy. Geschickt machte sich der junge und ehrgeizige Senator aus Massachusetts im Wahlkampf 1960 die gefühlte Nachlässigkeit der Eisenhower-Regierung gegenüber den Erfolgen der Russen zu nutze. Dass sein republikanischer Kontrahent Richard Nixon deren Vorsprung im All mit dem Hinweis relativierte, Amerika führe dafür ja bei anderen Zukunftstechnologien wie dem Farbfernsehen, nahm Kennedy dabei gerne als Steilvorlage an - und wurde mit denkbar knappem Vorsprung Präsident.

Recht auf einen langen Anlauf

Unmittelbar nach dem Sputnik-Start hatte Kennedy in einem Bostoner Herrenclub noch den Raketentechnik-Professor Charles Stark Draper vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu überzeugen versucht, dass Raketen und Raumfahrt Geldverschwendung seien, wie Draper später berichtete. Kaum im Weißen Haus, legte Kennedy den Hebel mit Macht um: Im Mai 1961, die Sowjets hatten mit Jurij Gagarin gerade den ersten Menschen ins All geschossen, nahm Kennedy die Mondlandung ins Visier: "Ich glaube, dass diese Nation sich auf das Ziel festlegen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und sicher zur Erde zurück zu bringen."

Es war ein genialer politischer Schachzug. Mit seiner Vision gab Kennedy den Amerikanern exakt das, was ihnen gefehlt hatte: eine Richtung, ein Ziel - und Zeit. Bis dahin glich das "Race in Space" eher einer Folge kurzatmiger Sprints, in denen die eine Seite den Vorsprung der anderen möglichst schnell wettzumachen versuchte. Nun legte Amerika die Latte hoch auf, nahm sich dafür aber auch das Recht auf einen langen Anlauf. Der Maßstab war fortan das selbstgesteckte Ziel, weniger die Sowjets.

Am 21. Juli 1969 um 03.56 Uhr Mitteleuropäischer Zeit setzte der US-Astronaut Neil Armstrong den ersten Fuß auf den Mond. Es war einer dieser welthistorischen Momente, an die sich jeder sofort zurückerinnert, der dabei war - und der Moment, in dem der Sputnik-Schock für Amerika wirklich vorbei war.

Hans Michael Kloth

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 27.09.2007

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1.
Alina Demke 06.01.2014
Woher genau weiß man, dass der Satellit in 92 Tagen 1400 mal die Erde umrundet hat, wenn er nur 3 Wochen gesendet hat? Für eine Antwort wäre wäre ich echt dankbar, weil ich demnächst ein Referat über Sputnik halten muss... :D
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