SS-"Lebensborn" Die Kinderraub-Maschine der Nazis

SS-"Lebensborn": Die Kinderraub-Maschine der Nazis Fotos

Lusttempel für SS-Männer, Begattungsheime für blonde deutsche Maiden: Um die Nazi-Organisation "Lebensborn" ranken sich bis heute Gerüchte. Der Historiker Volker Koop hat den mysteriösen Verein neu erforscht - und brutale Details aufgedeckt. Von

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Gregor Ebner war ein vielbeschäftigter Mann. Als ärztlicher Leiter der SS-Organisation "Lebensborn" inspizierte der SS-Oberführer aus dem bayerischen Kirchseeon die Heime, die der "Lebensborn" für uneheliche Mütter und Kinder errichtet hatte. Aber das war der weniger anstrengende Teil seiner Arbeit. Stärker gefragt war er immer dann, wenn es um die "Eindeutschung" von Kindern ging, die der "Lebensborn" aus den besetzten osteuropäischen Ländern verschleppt hatte. Eigentlich war er praktischer Arzt, aber er wusste, was der "Reichsführer-SS" Heinrich Himmler von ihm erwartete: Großzügigkeit auf keinen Fall.

Als Ebner am 25. August 1941 in Schloss Langenzell bei Heidelberg 25 rumänische Kinder begutachtete, war ihm sofort klar, dass "nur wenige Kinder als Bereicherung des deutschen Volkstums anzusehen" waren. Fünf der Kinder stufte Ebner als "unter rassischen und biologischen Gesichtspunkten total unbrauchbar ein". Eines der Mädchen sollte sofort sterilisiert werden, weil die Burschen sich schon für sie zu interessieren begannen. Zwei der Jungs waren zeugungsunfähig zu machen, der eine, weil er an Tuberkulose erkrankt war, der andere, weil er "abstehende Ohren und hängende Schultern" hatte und "einen degenerierten Eindruck" erweckte.

"Blutorden" für Hitlers Schergen

Als 1948 die Verantwortlichen des "Lebensborn" auf der Anklagebank des alliierten Nürnberger Militärtribunals saßen, kamen sie glimpflich davon. Der Geschäftsführer des "Lebensborn", Max Sollmann, der sich durch seine Teilnahme an Hitlers Putschversuch von 1923 den "Blutorden" verdient hatte, die schillernde Figur Inge Viermetz, die als Stenotypistin im "Lebensborn" begonnen hatte und dann zur stellvertretenden Abteilungsleiterin avancierte, und all die anderen Angeklagten hatten den Richtern einreden können, der "Lebensborn" sei eine karitative Einrichtung gewesen, die sich vor allem um uneheliche Mütter und Kinder gekümmert hatte. An den Verbrechen der Nazis wollten sie nicht beteiligt gewesen sein. SS-Arzt Ebner wurde zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt, sein Chef Max Sollmann sogar freigesprochen.

Doch der "Lebensborn" war alles andere als eine karitative Einrichtung. Er war eine kriminelle Organisation und diente in erster Linie den rassenpolitischen Wahnvorstellungen Hitlers und Himmlers. So, wie alles "rassisch Minderwertige" ausgerottet werden sollte, sollte der "Lebensborn" dafür sorgen, dass die deutschen Frauen dem "Führer" in ausreichender Zahl arischen Nachwuchs schenkten. Euthanasie und Geburtenpolitik waren im NS-Reich zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Nachschub für die Wehrmacht

Wenn Heime für uneheliche Mütter eingerichtet wurden, dann nicht aus Fürsorge, sondern weil der "Führer" Kinder als Nachschub für die Wehrmacht brauchte. 600.000 Abtreibungen gebe es in Deutschland jährlich, beklagte Himmler 1940 in einem Brief an Feldmarschschall Wilhelm Keitel. Wenn man diese "Abtreibungsseuche" beende, könnten innerhalb von zwanzig Jahren "18 bis 20 Regimenter mehr marschieren". Deshalb und weil Deutschland ansonsten "bei der Fruchtbarkeit der Russen und bei unserer Überfeinerung, um nicht zu sagen Degeneration" von den Russen und Asiaten "einfach über den Haufen gerannt" würde, so Himmler, sollten nicht nur verheiratete deutsche Frauen mindestens vier Kinder gebären. Jede Frau - auch die ledigen - sollte dem "Führer" Nachwuchs schenken. Selbstverständlich nur "rassisch einwandfreien".

Mit dem "Lebensborn" hatte Himmler das Instrument geschaffen, um diese wirren Vorstellungen umzusetzen. Ende 1935 gründete er den ""Lebensborn" e.V.", dem jeder SS-Führer als Mitglied angehören musste. Steuerzahler, Krankenkassen, das NS-Winterhilfswerk oder SS-Unternehmen mussten ihn finanzieren. Der "Reichsführer-SS" versäumte keine Gelegenheit, für die uneheliche Mutterschaft und auch für die "Lebensborn"-Heime zu werben.

Versteck für die Geliebte

Der "Lebensborn" war keine geheime Einrichtung, aber doch geheimnisumwittert. Gern erzählte man sich Geschichten von "SS-Hengsten", die gleich mehrere blonde Maiden am Tag zu schwängern hatten. Aufrechte deutsche Jungfrauen fragten bei der SS an, wo es denn diese "Begattungsheime" gebe. Zwar kam der "Lebensborn" auch unehelichen Müttern in Not zugute. Aber er diente den SS- und NS-Parteiführern noch eher dazu, ihre schwangeren Geliebten dorthin abzuschieben, ohne dass die Ehefrau etwas davon mitbekam. Schwangerschaft und Geburt wurden geheim gehalten und in eigenen "Lebensborn"-Standesämtern attestiert.

Vor allem aber wurde der "Lebensborn" für die Verschleppung und "Eindeutschung" mittel- und osteuropäischer Kinder gebraucht. Am 25. Juli 1942 beispielsweise hatte Himmler befohlen, Kinder aus der Oberkrain (Slowenien) und der Untersteiermark ins "Altreich" zu überführen. Ihre Väter waren im Rahmen der "Aktion Enzian" erschossen, die Mütter in Konzentrationslager gebracht worden, weil sie angeblich Partisanen unterstützt hatten. 600 Kinder der "Wertungsgruppe I und II im Alter von 6 bis 12 Jahren" wurden dem "Lebensborn" übergeben, "der seinerseits die Betreuung dieser hochwertigen Kinder" durchführen sollte.

Als "Eignungsprüfer" fungierte SS-Hauptsturmführer Georg Rödel. Auf einer zehn Seiten langen Liste standen die Namen der Kinder, dahinter der Vermerk: "Eltern erschossen". Wie auf dem Markt wurden die Kinder - auch von der eigens angereisten Inge Viermetz - besichtigt. Dann wurden sie entweder abgelehnt, weil sie "erscheinungsbildlich" nicht genehm waren, oder zur Adoption freigegeben - wie zwei Kinder aus der Oberkrain, die im März 1943 dem Münchener Stadtkommandanten Hans von Mann und seiner Frau zugeteilt wurden.

"Germanisierung" mit allen Mitteln

Ähnlich schlimm erging es den sogenannten "Lidice-Kindern": Am 21. Juni 1943 hatte Himmler dem "Lebensborn"-Chef Max Sollmann angewiesen, in Prag mit dem Höheren SS- und Polizeiführer, SS-Obergruppenführer Karl Hermann Frank, über "die Versorgung, Erziehung und Unterbringung von tschechischen Kindern" zu sprechen, "deren Väter bzw. Eltern als Angehörige der Widerstandsbewegung exekutiert werden mussten". Das Dorf Lidice hatten die Nationalsozialisten dem Erdboden gleich gemacht, 192 Männer und 71 Frauen standrechtlich erschossen, 19 Männer wenige Tage später in Prag getötet und 198 Frauen ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. 98 Kinder, nunmehr Vollwaisen, sollten auf ihre "Eindeutschungsfähigkeit" überprüft werden: ein typischer Fall für den "Lebensborn".

Die "schlechten" Kinder sollten in Kinderlager kommen, die "gutrassigen" über Heime des "Lebensborn" in deutsche Familien als Pflege- und Adoptivkinder vermittelt werden. Himmler gab Sollmann den Rat mit auf den Weg, eine "sehr kluge" Entscheidung zu treffen, denn gerade die "gutrassigen Kinder" könnten "die gefährlichsten Rächer ihrer Eltern" werden. Nur 13 Kinder waren für den "Lebensborn" letztlich "blond und reinrassig" genug, um nach einer langen Odyssee über das bei Posen liegende Gaukinderheim Puschkau weiter ins "Lebensborn"-Heim "Alpenland" im österreichischen Oberweis und dann im Januar 1945 ins Heim "Hochland" nach Steinhöring bei München gebracht zu werden.

Zu leiden hatten besonders polnische Kinder, denn Himmler - und in seinem Gefolge der "Lebensborn" - unternahm alle Anstrengungen, Polen zu "germanisieren" und die polnische Identität auszulöschen. Schon bald nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurden die dortigen Waisenhäuser nach Kindern durchsucht, deren "Eindeutschung aus rassenbiologischen Gründen wünschenswert" schien. In einer Rede im Oktober 1943 in Bad Schachen erklärte Himmler es als "Pflicht, derartige Kinder aus ihrer Umgebung herauszunehmen, "selbst auf die Gefahr hin, dass wir sie rauben oder stehlen müssen".

Erfundene Geburtstage

Ausdrücklich sollte dabei nicht von "eindeutschungsfähigen Polenkindern" gesprochen werden, sondern von "deutschstämmigen Kindern aus den wieder gewonnenen Ostgebieten". Noch in Polen erhielten die Kinder vom "Lebensborn" deutsche Namen, und zwar nach der Vorgabe, "dass die neuen Namen sich möglichst dem Stamm und dem Klang der bisherigen Namen anpassen". War dies nicht möglich, sollten deutsche Namen "selbstverständlich nicht konfessioneller Richtung" ausgewählt werden, "von der Verwendung betont nordischer Namen" war Abstand zu nehmen.

In ausgesprochen zynischer Weise versuchte die "Lebensborn"-Mitarbeiterin Emilie Edelmann 1947 den alliierten Militärrichtern in Nürnberg das Verfahren zu erläutern: Es sei zu den Namensänderungen gekommen, "wahrscheinlich, weil die polnischen Namen so schwer auszusprechen sind". Eine weitere Namensänderung stand den geraubten polnischen Kindern übrigens dann bevor, wenn sie von einer deutschen Familie adoptiert wurden und deren Namen erhielten.

Aber der "Lebensborn" tat ein Übriges, um die Identität der polnischen Kinder zu verschleiern: Er legte willkürlich Geburtstage und Geburtsorte fest und beurkundete diese in seinen geheimen Standesämtern. Da der "Lebensborn" in der Regel die Kinder in Posen übernahm, wurde der Einfachheit halber jeweils auch Posen als Geburtsort bestimmt. Mit einem solchen Verfahren wurde die Herkunft der Kinder vollends verborgen.

Keine "deutsche Mutter"

Abgesehen von den grausamen Auswirkungen für die Betroffenen war der "Lebensborn" ein bevölkerungspolitischer Fehlschlag: Lediglich etwa 11.000 Kinder kamen in den Heimen zur Welt. Angesichts der herrschenden Moralvorstellungen war es Himmler nicht gelungen, den Unterschied zwischen ehelicher und unehelicher Mutter aufzuheben und die "deutsche Mutter" zu kreieren. Wirkungsvoller war der "Lebensborn" als Bestandteil der nationalsozialistischen Rassenpolitik, beim Raub von Kindern aus den besetzten Gebieten, und bei der rücksichtslosen "Germanisierung" Europas.

Von Volker Koop stammt das neue Buch: "Dem Führer ein Kind schenken - die SS-Organisation "Lebensborn" e.V."; Böhlau Verlag; Köln; 306 Seiten; 24,90 Euro.

Das Buch ist erhältlich im SPIEGEL SHOP.

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1.
Audunn Arnorsson 11.10.2007
In diese kurze Übersicht über die Geschichte des Lebensborn fehlt ein wichtiger Aspekt: im besetzten Norwegen wurden Lebensborn-heime eingerichtet, um das "reine Arierblut" der Skandinavier anzuzapfen. Etwa 8.000 Kinder wurden in diesen Heimen geboren. Lebensborn war auch aus denselben Gründen aktiv in Dänemark und den Niederlanden.
2.
matthias Meißner 18.10.2007
Ich habe das Buch von Volker Koop gelesen. Es ist sicherlich verdienstvoll, dieses Thema in den öffentlichen Fokus zu rücken. Doch in vielen Ansätzen wird nur an der Oberfläche gekratzt Dem Buchautor ist das wahre Wesen des Lebensborn wohl doch eher verschlossen geblieben. Sicher, es sind viele Quellen aufgearbeitet, aber weder treffen die Begriffe Wissenschaftlichkeit noch Vollständigkeit als Adjektive für dieses Buch zu. Schon die Titelwahl lässt den Irrweg erahnen. Schade! Das bereits 1985 erschienene Buch "Der Lebensborn e.V." von Georg Lilienthal triffft den Kern des geheimnisumwitterten Rassenprojektes bei weitem genauer. Wer noch gute Literatur zu dem Thema lesen will, sollte mal nach Büchern der Autoren Dorothee Schmitz-Köster oder Gisela Heidenreich schauen. Diese zeichnen sich dadurch aus, nicht als Ergebnis eines alleinigen intensiven Aktenstudiums entstanden zu sein. Hier waren es auch viele reale Schicksale!
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