SS-Ordensburg Wewelsburg Treffpunkt der Massenmörder

SS-Ordensburg Wewelsburg: Treffpunkt der Massenmörder Fotos
Moritz Pfeiffer/Fotoarchiv Kreismuseum Wewelsburg

Sie ist Deutschlands einzige Dreiecksburg - und die Lieblingsimmobilie von Heinrich Himmler. Der "Reichsführer-SS" ließ in der Wewelsburg bei Paderborn ein Refugium für das Spitzenpersonal seines "schwarzen Ordens" einrichten, ein direkt angeschlossenes KZ inklusive. Von

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Kaum war Adolf Hitler an die Macht gekommen, ging sein Adlatus Heinrich Himmler erst einmal auf Immobilienjagd. Der "Reichsführer-SS" suchte eine möglichst trutzige Burg als Stammsitz für seinen "schwarzen Orden", die SS. Im Herbst 1933 stieß Himmler auf die Wewelsburg bei Paderborn - und ordnete noch am Tag der Erstbesichtigung den Erwerb und die Ausarbeitung erster Umbaupläne an.

Hier in Ostwestfalen-Lippe, unweit der als germanische Kultstätte geltenden Externsteine und des Hermanns-Denkmals, das an den Sieg von Chersuker-Fürst Arminius über Varus' römische Legionen erinnert, glaubte der germanisch-mythologisch interessierte Himmler, den perfekten Ort für seine geplante "Reichsführerschule" gefunden zu haben. 1934 wurde der Mietvertrag zwischen dem Landkreis Büren und Heinrich Himmler unterzeichnet und die Wewelsburg für die kommenden 100 Jahre zu einem symbolischen Preis von einer Reichsmark im Jahr an die SS verpachtet. Die in der Wewelsburg untergebrachte Jugendherberge und das dort ebenfalls residierende Heimatmuseum wurden kurzerhand geschlossen.

Ursprünglich war das mächtige Gemäuer - ein Ende des 16. Jahrhunderts errichtetes, dreischenkliges Schloss im Stil der Weser-Renaissance - Nebenresidenz der Paderborner Fürstbischöfe gewesen. Nach teilweiser Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg geriet die Wewelsburg im Zuge der Säkularisierung in preußischen Staatsbesitz, bevor sie 1924 der Kreis Büren übernahm.

Bauaufträge nur an Nazi-Firmen

Diesem kamen die offenkundig finanzstarken neuen Mieter aus dem fernen Berlin Ende 1933 gelegen. Aber entgegen den Hoffnungen des finanzschwachen Landkreises bedeutete die Übernahme der Wewelsburg durch Himmlers SS keineswegs automatisch die Vergabe von lukrativen Bauaufträgen an örtliche Unternehmen. Himmlers Architekt für die Wewelsburg, der Münsteraner Hermann Bartels, bevorzugte Firmen, die "positiv zur nationalsozialistischen Bewegung" standen und Arbeitskräfte, die "nationaler Gesinnung und nach Möglichkeit Angehörige der S.A. und S.S." waren.

Ebenso war der prominente Mieter Himmler für den Kreis kein Werbemagnet, im Gegenteil: Von propagandistischen Inszenierungen war die Wewelsburg ausgenommen, öffentliche Besichtigungen waren nun streng verboten. Die Burg entwickelte sich somit - anders als etwa Adolf Hitlers Feriendomizil am Obersalzberg - nicht zum Wallfahrtsort nationalsozialistischer Volksmassen.

Ohnehin herrschte zunächst auch Uneinigkeit über die Nutzung der Wewelsburg durch die SS. Zwar wurden akademische Schulungsleiter berufen, die dort einen "Forschungsbetrieb" aufnahmen und auch eine umfangreiche Bibliothek einrichteten. Tatsächlich fanden in der "SS-Schule Haus Wewelsburg" aber nie Schulungen statt. Denn Himmler und sein Baumeister Bartels ordneten parallel zahlreiche Maßnahmen an, mit denen die Wewelsburg in eine abgeschirmte zentrale Versammlungsstätte für die SS-Generalität umgestaltet werden sollte. Unter anderem sollte das Schloss ein trutzigeres Aussehen erhalten, wofür der weiße Putz abgeschlagen und der Graben vertieft wurde. In den Innenräumen prägten bald nordisch-germanische Ornamente und Symbole an Treppen, Möbeln, Fußböden, Decken, Geschirr, Besteck und weiteren Gebrauchsgegenständen das Bild.

Das KZ neben der SS-Burg

Die in der Wewelsburg eingesetzten SS-Männer wurden 1935 in den "Persönlichen Stab Reichsführer-SS" übernommen. 1938 ordnete Himmler an, eine jährliche "Gruppenführertagung" als Konferenz der höchsten SS-Offiziere auf der Wewelsburg abzuhalten und die Vereidigung aller neuen SS-Gruppenführer dort vorzunehmen. Außerdem sollten die Familienwappen aller Spitzen-SS-Leute aufgehängt und die Totenkopfringe verstorbener Schutzstaffel-Größen aufbewahrt werden. Statt einer "Reichsführerschule" sollte aus der Wewelsburg also ein zentraler Ort der ideologischen Selbstvergewisserung werden, die Stätte eines selbstkonstruierten politischen Mythos.

Und so wurde die Wewelsburg zunehmend zum Objekt weitreichender architektonischer Planungen. Die diversen Umbaumaßnahmen an der Burg waren zunächst von Privatfirmen oder von Einheiten des "Reichsarbeitsdienstes" (RAD) durchgeführt worden. Ab 1939 aber griff die SS auf die Arbeitskraft von KZ-Häftlingen zurück. Zunächst waren 100 Häftlinge des KZ Sachsenhausen zur Zwangsarbeit in Wewelsburg interniert. In dem Maße, in dem sich die Pläne der NS-Bauherren für die Wewelsburg in einen uferlosen Gigantismus steigerten, erhöhte sich der Bedarf an Zwangsarbeitern.

In wenigen Hundert Metern Entfernung zur Burg wurde deshalb ein Konzentrationslager errichtet, das ab September 1941 als Hauptlager auf der gleichen organisatorischen Stufe mit Lagern wie Sachsenhausen, Buchenwald oder Dachau rangierte. Von den rund 3900 Häftlingen, die im KZ Niederhagen-Wewelsburg inhaftiert waren, überlebten 1285 die Tortur nicht, 56 davon wurden von der Gestapo exekutiert.

Einstimmung auf den Vernichtungskrieg

Die Bedeutung der Wewelsburg als ideologischem Versammlungsort lässt sich anhand der "Gruppenführertagung" beleuchten, die dort vom 12. bis 15. Juni 1941 stattfand. Eine gute Woche vor dem Überfall auf die Sowjetunion versammelte "Reichsführer-SS" Himmler hier seine höchsten SS-Offiziere zu letzten Vorbesprechungen. Anwesend waren unter anderem Reinhard Heydrich, Leiter des "Reichssicherheitshauptamtes" (RSHA), Kurt Daluege, Chef der Deutschen Ordnungspolizei, und Himmlers Stabschef Karl Wolff, also die maßgeblichen Mitarbeiter des "Reichsführers" bei der Vorbereitung des SS-Einsatzes im "Ostfeldzug". Ihnen unterstanden die SS-Einsatzgruppen und Polizeiformationen, die in der Folge Hunderttausende Menschen in der besetzten UdSSR ermorden sollten.

Auch weitere wichtige Offiziere waren in Wewelsburg anwesend, unter anderem die zum Einsatz in den besetzten Ostgebiete vorgesehenen "Höheren SS- und Polizeiführer" Friedrich Jeckeln, Hans-Adolf Prützmann und Erich von dem Bach-Zelewski, außerdem der Führer des "SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes", Oswald Pohl. Den Nachkriegsaussagen Bach-Zelewskis zufolge bezeichnete Heinrich Himmler den bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion während der Besprechungen als "Existenzfrage". Zweck der Aggression sei "die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um dreißig Millionen". In der weltanschaulich anheimelnden Atmosphäre der Wewelsburg sammelten sich die Täter also noch einmal vor Beginn des ideologisch motivierten Vernichtungskrieges und stimmten sich auf die anstehenden Aufgaben ein.

Doch nur anderthalb Jahre später war Schluss mit den elitären SS-Zirkeln auf der Wewelsburg. Nach der Niederlage von Stalingrad wurden die Bauarbeiten an der Burg und im Dorf im Frühjahr 1943 eingestellt. Das Konzentrationslager wurde Ende April 1943 auf ein 42 Mann starkes Restkommando reduziert und war nun organisatorisch ein Außenlager des KZ Buchenwald. Architekt Bartels entwarf jedoch weiterhin Pläne für gigantische Umbaumaßnahmen an der Wewelsburg, wie Pläne noch aus dem Jahr 1944 belegen. Sie sahen vor, das gesamte Dorf zugunsten einer neuen, in einem Dreiviertelkreis angelegten, riesenhaften Burganlage von mehreren hundert Metern Durchmesser abzureißen.

Misslungene Sprengung

Im Zentrum dieser Anlage sollte der Nordturm der Wewelsburg stehen, dessen Räume nach dem "Endsieg" Mittelpunkt der neuen SS-Welt sein sollten. Tatsächlich fertig gestellt wurden bis zur Kapitulation des "Dritten Reichs" nur eine Wohnsiedlung für SS-Offiziere, das Wachgebäude am Burgvorplatz, ein Stabsgebäude, ein Dorfgemeinschaftshaus sowie in Ansätzen zwei Räume im Nordturm, die wohl für Rituale und Zeremonien genutzt werden sollten. Anstelle der Schaffung einer enormen Burganlage stand am Ende die versuchte Sprengung der Wewelsburg durch eine SS-Einheit. Am 2. April 1945 befreiten amerikanische Soldaten die Häftlinge des KZ-Restkommandos.

Mit dem Kriegsende begann auch am Ort von Himmlers Stein gewordenen Phantasien eine langwierige und schwierige Aufarbeitung der Ereignisse während des "Dritten Reichs". Die Wewelsburg wurde 1950 wieder Jugendherberge und Museum und knüpfte damit nahtlos an ihre Funktion vor 1933 an. Dennoch blieb die NS-Vergangenheit präsent. Teile des Dorfes liegen heute auf dem ehemaligen KZ-Gelände, dessen Areal und Gebäude in Ansätzen erhalten geblieben und teilweise bewohnt sind. Seit 1982 erinnert das Kreismuseum mit einer Dauerausstellung an die Schrecken der SS-Herrschaft in Wewelsburg; auch aus dem Dorf heraus haben sich mittlerweile Initiativen zum Gedenken an die Opfer des hiesigen KZs entwickelt

Die Wewelsburg ist seit 1945 aber auch immer wieder Gegenstand von Legendenbildungen, die mit den historischen Tatsachen zumeist nicht viel gemein haben. Esoteriker fühlen sich von dem vermeintlichen "Kraftort" Wewelsburg angezogen und übersehen vielfach die Kontinuitäten zu völkisch-religiösen Ideen der NS-Zeit. Ein im Fußboden des "Obergruppenführersaals" im Nordturm eingelassenes Ornament in Form eines Sonnenrades ist zudem unter dem Begriff "Schwarze Sonne" zu einem Erkennungszeichen unter Rechtsextremen stilisiert worden.

Die wechselhafte Geschichte der Wewelsburg ist nicht zu Ende.

Moritz Pfeiffer ist wissenschaftlicher Volontär im Kreismuseum Wewelsburg. Mitte April 2010 eröffnete dort die umgestaltete Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg mit der deutlich erweiterten Dauerausstellung "Ideologie und Terror der SS".

Den Ausstellungskatalog

Brebeck, Wulff; Huismann, Frank; John-Stucke, Kirsten; Piron, Jörg (Hrsg.): "Endzeitkämpfer. Ideologie und Terror der SS". Deutscher Kunstverlag, München 2012, 464 Seiten.

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