Zynisches SS-Projekt Kaninchenparadies im KZ

Die Idee stammte von Himmler persönlich: Für flauschigere Militärkleidung ließ er in Konzentrationslagern Tausende Angorakaninchen züchten. Die Tiere genossen ein luxuriöses Leben, während die Menschen rings um sie elendiglich zu Grunde gingen. Manche Gefangene kostete das absurde Projekt das Leben.

Von

Wisconsin Historical Society

Eine der entsetzlichsten Entdeckungen, die US-Kriegsberichterstatterin Sigrid Schultz in ihrer Karriere machen sollte, hatte niedliche kleine Knopfaugen. Es war früh im Jahr 1945, und die deutschstämmige Undercover-Reporterin des "Chicago Tribune" war mit einer Einheit des amerikanischen Heeresnachrichtendienstes unterwegs zum Landhaus Heinrich Himmlers am Tegernsee. Sie hofften, im verlassenen Anwesen Beweise für die Kriegsverbrechen des Reichsführers SS zu finden. Doch das Glück schien nicht auf ihrer Seite zu sein: Offenbar hatte Himmler wichtige Unterlagen frühzeitig vor den alliierten Truppen versteckt.

Erst in einer nahe gelegenen Scheune machte Schultz schließlich den Fund, den sie noch Jahre später als "bestürzend" beschreiben sollte: Ein etwa 33 mal 38 Zentimeter großes Buch, eingeschlagen in einen Einband aus weicher Kaninchenwolle, darauf das SS-Runensiegel von Himmlers gefürchteter Schutzstaffel. Und, in großen Druckbuchstaben, das Wort "ANGORA".

Das Album enthielt rund 150 Fotos, die meisten davon Aufnahmen possierlicher Angorakaninchen: Flauschige Langohren, die auf den Hinterbeinen standen und Männchen machten. Zufrieden wirkende Karnickel, die sich von Frauenhänden ihren langen, schneeweißen Pelz kämmen ließen. Und winzige Jungtiere, die selbst auf Angorawolle gebettet waren, damit das Stroh sie nicht allzu sehr piekste.

Es schien, als hätten Tierfreunde mit einem besonders großen Herz ihren Hopplern ein Paradies auf Erden geschaffen. Nur, dass die Namen der Kaninchenparadiese, die sorgsam in einer Übersichtskarte eingetragen waren, erschreckend vertraut klangen: Buchenwald. Sachsenhausen. Dachau. Auschwitz. Sowie 27 weitere Konzentrationslager.

Himmlers tierisches Rüstungsprojekt

Durch Zufall hatte Sigrid Schultz ein bizarres Projekt Himmlers entdeckt, das den Alliierten bis dahin unbekannt geblieben war: Angora-Zuchtstationen in deutschen KZ. Tausende Kaninchen fristeten in den Todeslagern ein überaus komfortables Dasein und wurden mit liebevoller Hingabe gepflegt, gestriegelt und geschoren - während die SS nur wenige Meter weiter Gefangene elendiglich zugrunde gehen ließ, folterte und mordete.

Begonnen hatte das Angora-Projekt 1941, als Deutschland gerade den Angriff auf die Sowjetunion startete. Himmler war eine absurde Idee gekommen, wie man deutschen Frontsoldaten das Kämpfen und Töten bei Eiseskälte ein wenig angenehmer gestalten könnte: Aus dem Fell langhaariger Angorakaninchen, die bereits im Ersten Weltkrieg erfolgreich zur industriellen Wollproduktion eingesetzt worden waren, sollten kuschelige Rollkragenpullover und Fliegerjacken für Kampfpiloten, flauschige Socken für U-Boot-Besatzungen und lange Unterhosen für Soldaten des Heeres gefertigt werden. Im ganzen Reich sollten zu diesem Zweck Zuchtstationen in Konzentrationslagern eingerichtet werden.

Das Vorhaben stand im perfekten Einklang zu der verqueren Faszination des gelernten Landwirts Himmler für alles, was mit Züchtung zu tun hatte: Er ließ im KZ Dachau einen neuen Teutonenpfeffer anbauen, der importierten Pfeffer aus Südostasien ersetzen sollte; er plante, eine neue Rasse winterfester Steppenpferde zu erschaffen; er fabulierte von der Gründung einer blonden, blauäugigen Herrenrasse. Zudem zeigte der Menschenschlächter sich gerne als Tierfreund: etwa bei seiner ersten Posener Rede am 4. Oktober 1943, bei der er lobte, die Deutschen hätten "als Einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier" - ja, ihre Tierliebe ginge sogar soweit, dass sie selbst "Menschentieren" gegenüber Anstand zeigen würden. Gemeint waren Angehörige anderer Völker.

Von dem behaupteten Anstand gegenüber Letzteren war in den Lagern nichts zu spüren: Millionen Gefangene starben bekanntlich in den Arbeits- und Vernichtungslagern des "Dritten Reichs" in entsetzlichem Elend. Himmlers KZ-Kaninchen indes lebten tatsächlich unter äußerst komfortablen Bedingungen.

In Buchenwald, wo Zehntausende zu Tode hungerten, hätten die Kaninchen eine nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten maßgeschneiderte Ernährung genossen, erläuterte Sigrid Schultz 1967 der Wisconsin Historical Society, der sie das "Angora"-Album nach dem Krieg übergeben hatte. Ärzte untersuchten regelmäßig die Gesundheit der Mümmler, und damit die Tiere nicht frieren mussten, wurden ihre ordentlich gestrichenen, sauberen Ställe sogar beheizt. "In dem gleichen Lager, in dem 800 Menschen in Baracken für 200 gequetscht wurden", so Schultz, "lebten die Kaninchen ein luxuriöses Leben in elegant gestalteten Ställen." Selbst die im Album gezeigten Instrumente zur Haarpflege der Tiere erinnerten die Reporterin frappierend an Produkte im Schaufenster feiner Kosmetikboutiquen.

Flauschiges SS-Symbol

Das mit adrett kalligraphierten Bildunterschriften versehene Büchlein ist ein fast unerträglich zynisches Zeugnis der Menschenverachtung des NS-Regimes. "Die gleichen SS-Männer, die Gefangene auspeitschten, folterten und töteten", so Schultz, "achteten darauf, dass die Kaninchen liebevoll umsorgt wurden." Die Hingabe, mit der sie die Kaninchen verhätschelten, hielt den Gefangenen zugleich auf demütigende Weise vor Augen, wie wenig ihre Leben der SS wert waren. Holocaust-Experte Harold Marcuse berichtete 2007 im Interview mit "Wisconsin Public Radio" von einem Fall im KZ Dachau, bei dem hungernde Insassen eines der Kaninchen gegessen hätten. Sie wurden hingerichtet. In anderen Fällen, so Marcuse, seien Gefangene sogar schon erschossen worden, wenn sie ein Kaninchen nur falsch behandelt hatten. Irgendwann hätten die Insassen die Tiere nicht mehr nur aus Hunger töten wollen - sondern weil die Kaninchen für sie zu einem Symbol der SS geworden waren.

Vielleicht war genau das auch der Grund, weshalb Himmler sein absurdes Vorhaben mit solcher Hartnäckigkeit verfolgte: Ein Diagramm im Buch visualisiert das Wachstum der Zucht mit einem von Jahr zu Jahr fetter werdenden Kaninchen - waren 1941 noch 6500 Mümmler in den KZ-Ställen gewesen, hielt man ein Jahr später schon 13.000 Exemplare und 1943 ganze 25.000 Tiere. Die Angora-Produktion mauserte sich zu einem Vorzeigeprojekt, das NS-Würdenträgern stolz präsentiert wurde, wenn sie die Lager besuchten. Doch die Kaninchenzucht blieb unwirtschaftlich: Zwar suggeriert das Bild einer gigantischen Waage im Album, dass der Wollertrag astronomische Höhen erreichte, hatte er sich doch von 460 Kilo im Jahr 1941 zu 1470 Kilo im Folgejahr und 2800 Kilo 1943 gesteigert. Am Ende aber waren nicht einmal fünf Tonnen Wolle ein mehr als dürftiges Ergebnis von drei Jahren Zucht.

Wann genau das Projekt vom federführenden SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt schließlich fallengelassen und die Angorakaninchen aus den Lagern verbannt wurden, ist nicht überliefert. Die Statistiken in Himmlers Album enden mit dem Jahr 1943. Fest steht: Als alliierte Streitkräfte im Frühjahr 1945 die deutschen KZ befreiten, fanden sie in den Lagern Hunderte gut gepflegte, aber leere Kaninchenställe vor.

Auch wenn das Projekt Angora für die Nazis erfolglos verlaufen war - am Ende fand die Wolle der KZ-Kaninchen doch noch ihre Abnehmer, wie sich der ehemalige US-Soldat Jack DeWitt erinnert: Bei der Befreiung des Lagers Dachau im April 1945 seien er und seine Kameraden auf einen Haufen angenehm weich und dick mit Kaninchenfell gefütterter Jacken gestoßen. "Fast jeder nahm eine mit", so DeWitt. Seiner eigenen habe er sogar einen Namen gegeben: "Häschenmantel."



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insgesamt 13 Beiträge
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Arno Nuehm, 25.09.2013
1.
Auch wenn Nazi-Deutschland (zum Glück) nur 12 Jahre angedauert hat. Für 1000 Jahre hat es Stoff für die Spiegel-Artikel geliefert.
Katrin Koelle, 25.09.2013
2.
Das ist doch bis heute bei sehr vielen Zeitgenossen und -genossinnen so: Wird ein Tier auch nur leicht misshandelt, gibt es Aufschreie und Tränen - geht es um Menschen, bleiben dieselben Leute oft unberührt. Dazu passt, was ich vor Jahren mal erlebt habe. Es ging um eine Spendenaktion, bei der man bestimmen sollte, ob die Spende einer Tierschutz- oder einer Kinderschutzorganisation zukommen sollte. Rund 70 % stimmten für die Tierschutzorganisation.
H. Lorenz, 25.09.2013
3.
Wie oft noch? Es heißt KL und nicht KZ!!! der dazu passende Terminus: K onzentrations - L ager. Ist das so schwer?
Hans-Joachim Gattermann, 25.09.2013
4.
Bei der vorgestellten Schrift: ANGORA kommen mir Zweifel der Echtheit dieses Buches. Wurde diese Schriftart damals überhaupt verwendet? Nazischriften sahen ganz anders aus. Ich befürchte, dass es sich bei diesem Buch um die Fortsetzung von "Hitlers Tagebuch" handelt. J.Gattermann 25. September 2013 - 15:32 Uhr
Robiwan, 25.09.2013
5.
>Wie oft noch? Es heißt KL und nicht KZ!!! der dazu passende Terminus: K onzentrations - L ager. Ist das so schwer? Beides ist richtig! Die Abkürzung "KZ" kommt von "'K'onzentrationslager für 'Z'ivilpersonen")
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