SS-Propagandafilm "Theresienstadt" 90 Minuten Lüge

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte die SS den Propagandastreifen "Theresienstadt". Der Film zeigte das jüdische Getto als Freizeit-Idyll mit glücklichen Bewohnern. Forscher rätseln, für wen dieser Film gedacht war.

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Die Bewohner des Gettos schlendern in Grüppchen durch die Sonne, einige haben sich zu einem Nickerchen auf den Rasen gelegt. Andere sitzen auf Bänken, plaudern, stricken oder lesen. Kinder spielen Fußball und schlagen Rad. Vier junge, hübsche Frauen vollführen Freiluft-Gymnastik in knappen Shorts.

Die knapp einminütige Filmszene kommentiert eine zackige Männerstimme aus dem Off mit den Worten: "Auf den Wällen der alten Festung verbringt bei strahlender Sonne jeder gern ein paar Stunden seiner Freizeit." Unterlegt ist die Aufnahme mit einer Instrumentalversion des jiddischen Swing-Schlagers "Bei mir bistu shein".

So "shein" - so "schön" also soll es im Getto Theresienstadt gewesen sein. Dies war die zentrale Botschaft des Propagandafilms "Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet" von 1944/45. Ein Dokument der Täuschung, das, so Historiker Wolfgang Benz, "zu den ärgsten Zynismen von Theresienstadt gehört".

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Auf einer Länge von ursprünglich rund 90 Minuten verschleierte der Film die triste Realität des Gettos und verklärte das Lager als beschaulichen Erholungsort, als Eiland der Glückseligen. Eine Perversion: erdacht, in Auftrag gegeben und produziert von der SS.

"Stadtverschönerung" vor dem Filmdreh

Wie der niederländische Historiker Karel Magry nachweisen konnte, ging die Initiative zu dem Film weder vom Propagandaministerium noch vom Reichsprotektor aus, sondern von SS-Sturmbannführer Hans Günther. Er war Leiter des Prager "Zentralamts zur Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren", vormals "Zentralstelle für jüdische Auswanderung". Laut Magry fasste Günther den Plan für den Film bereits im Dezember 1943, mit dem streng geheimen Dreh beauftragte er die Prager Wochenschaugesellschaft "Aktualita".

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Regie musste der Regisseur und Schauspieler Kurt Gerron führen, der seit dem 26. Februar 1944 in Theresienstadt interniert war. Allerdings wurde er nach der Hälfte der Drehtage de facto durch den "Aktualita"-Chef Karel Peceny abgelöst. Als "Schauspieler" wurden die Getto-Häftlinge verpflichtet. Sie waren es auch, die den ihr Schicksal verhöhnenden Film finanzierten: 350.000 Tschechische Kronen, also rund 35.000 Reichsmark kostete die aufwendige Propagandalüge. Das Geld stammte aus dem "Zentralamt" - das seine Kassen mit beschlagnahmtem jüdischen Vermögen füllte.

Zwar existieren Fragmente eines bereits Ende 1942 gedrehten Dokumentarfilms und hatte es weitere Dreharbeiten schon im Januar 1944 gegeben. Doch entschied SS-Sturmbannführer Günther dann, einen längeren Propagandafilm erst im Sommer 1944 zu realisieren - nach der Visite des Dänischen und Internationalen Roten Kreuzes. Eigens für die ausländischen Inspektoren wurde das Getto in ein schmuckes Städtchen verwandelt: mit Rosenbeeten, Spielplätzen, Cafés und Läden.

"Theresienstadt als Hollywood der SS-Opfer!"

Hier, vor der Kulisse eines gespenstischen potemkinschen Dorfes, fanden vom 16. August bis zum 11. September 1944 unter ständiger SS-Bewachung die Dreharbeiten statt. Zahlreiche der in Theresienstadt internierten prominenten Häftlinge, unter ihnen Jazzmusiker Coco Schumann, Dirigent Karel Fischer, Rabbiner Leo Baeck und Soziologe Paul Eppstein, wurden gezwungen, an dem Film mitzuwirken.

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"Man hat uns fürs Mitmachen die Freiheit versprochen. Und ich habe es geglaubt", sagt Gitarrist Schumann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die erzwungene Präsenz zahlreicher Berühmtheiten im Film kommentierte der gleichfalls im Getto internierte Schriftsteller

Coco Schumann im Interview: "Dass ich hier sitze, habe ich der Musik zu verdanken"
imago

Coco Schumann im Interview: "Dass ich hier sitze, habe ich der Musik zu verdanken"

Hans Günther Adler 1955 mit den bitteren Worten: "Theresienstadt als Hollywood der SS-Opfer!" Geschnitten und vertont wurde der ursprünglich 2400 bis 2500 Meter lange und damit etwa 90 Minuten laufende Propagandastreifen bis Ende März 1945 - zu diesem Zeitpunkt war der größte Teil der jüdischen Statisten längst in Auschwitz ermordet worden.

Einzigartig an dem nur fragmentarisch erhaltenen Propagandafilm "Theresienstadt": Die Häftlinge wurden hier, anders als etwa in dem antisemitischen Film über das Warschauer Getto von 1942, nicht als habgierig, verschlagen und niederträchtig dargestellt, sondern als gut aussehende, disziplinierte, soziale Menschen. Daher kann, so Historiker Magry, der Adressat unmöglich das Deutsche Reich gewesen sein: Eine solch positive Darstellung der Juden hätte die dortigen Zuschauer zu sehr verwirrt.

Film als Beweismittel für einen Prozess nach Kriegsende?

Magry kommt zu dem Schluss, dass der Film, lange Zeit bekannt unter dem vermeintlichen Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", ausschließlich für ein Publikum im Ausland konzipiert gewesen sei. Dies wird auch gestützt durch die vier belegten Vorführungen, die es gab: Nachdem Anfang April 1945 hochrangige SS-Offiziere den Film in Prag zu sehen bekamen, fanden weitere Vorführungen für Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes sowie neutrale Besucher des Gettos in Nordböhmen statt.

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NS-Getto Theresienstadt: Relaisstation des Holocaust

Dennoch: Auch 70 Jahre nach der Entstehung des Propagandafilms ist dessen Geheimnis nicht restlos gelüftet. Mit welchem Ziel wurde "Theresienstadt" gedreht? An wen richtete sich der Film? Und warum steht er in krassem Gegensatz zur offiziellen antisemitischen Propaganda?

Einer These der Slawistin und Filmwissenschaftlerin Natascha Drubek zufolge könnte der Propagandafilm als potenzielles Beweismittel für eventuelle Prozesse nach dem Krieg geplant worden sein - mit dem Ziel, vor Gericht zu beweisen, wie gut die Nationalsozialisten die Juden während des "Dritten Reichs" behandelten. Eine große Rolle spielte für die SS-Leute, so Drubek, "der Wunsch, die Geschichte umzuschreiben, als hätte es die Gettos und Konzentrationslager nie gegeben, als wären sie immer jene utopischen Siedlungen gewesen, die im Film wie ein Kibbuz in Mitteleuropa aussehen sollen".

Drubek weist zudem auf die Möglichkeit hin, dass alle Theresienstadt-Filmprojekte Botschaften der Insassen und der Kameraleute enthalten - so etwa Hinweise auf die strenge Überwachung des Drehs durch die SS. Die Teilnehmer einer internationalen Konferenz, die sich im September 2014 in Terezin mit dem Film befassten, konnten die Fragen nach Adressat und Absicht des Propagandaprojekts nicht abschließend beantworten: "Der Film ist so sehr mit Mythen überwuchert, dass eine Konferenz nicht genügt hat, Licht in diese Grauzonen zu bringen", so Drubek.

Fest steht: Seinen propagandistischen Auftrag hat die auf Zelluloid gebannte Zwangsillusion "Theresienstadt" damals klar verfehlt. Denn als Anfang April 1945 die ersten Vorführungen stattfanden, war das Vernichtungslager Auschwitz längst befreit worden. Das "Dritte Reich" lag in Trümmern, und vielen Menschen war die grausige Realität des Judenmords mittlerweile klar. Erst langfristig entfaltete der Film seine fatale Wirkung - als gefundenes Fressen für Holocaust-Leugner und Revisionisten.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang Krutz, 14.01.2015
1. Leseempfehlung
Die Entstehungsgeschichte dieses Films schildert Charles Lewinsky in seinem 2011 erschienenen Roman "Gerron" - ein erschütternder Bericht über die Verfolgung, Verhöhnung und Ermordung gerade auch sehr prominenter Juden.
Volker Eschen, 14.01.2015
2.
"Einer These der Slawistin und Filmwissenschaftlerin Natascha Drubek zufolge könnte der Propagandafilm als potenzielles Beweismittel für eventuelle Prozesse nach dem Krieg geplant worden sein" Das halte ich für unwaahrscheinlich. Wer so etwas plante, hätte damit ja zugegeben, dass er nicht an den "Endsieg" glaubte, was in der Endphase des "Dritten Reichs" eins der schlimmsten Verbrechen war. Der Film dürfte für die Personengruppe bestimmt gewesen sein, der er auch vorgeführt wurde: Ausländer, die sich um das Schicksal der Juden im Deutschen Reich und den von ihm besetzten Gebieten sorgten. Dass man die nicht mit antisemitischer Propaganda füttern wollte, ist auch verständlich. Deren Zweck war, die "deutschen Volksgenossen" dahingehend zu beeinflussen, dass sie das Verschwinden der Juden aus Deutschland begrüßten oder zumindest nichts dagegen unternahmen.
Jeff Duzi, 14.01.2015
3. Dichtung und Wahrheit
Mir greift die Bezeichnung "Propaganda" zu kurz. Sinnvoller wäre eine Gegenüberstellung von Film, Zeitzeugen und historischen Aufzeichnungen. Simplifizierungen werden dem Thema nicht gerecht. Übrigens schrieb Goebbels in seinen Tagebüchern (das Zitat findet sich auch auf Wikipedia): "Auch eine Reihe von alten Juden können nicht mehr nach dem Osten abgeschoben werden. Für sie soll ein Judenghetto in einer kleinen Stadt im Protektorat eingerichtet werden." Man fragt sich, bald 80 Jahre später, warum Deutschland solch einen Aufwand betrieb, wenn es doch allein um die Vernichtung von Menschen ging? Wozu ein "Protektorat"?
Christoph Spall, 14.01.2015
4. Ein sehr empfehlenswertes Buch,
in dem dieser Film eine wichtige Rolle spielt, ist der Roman "Austerlitz" von W.G. Sebald.
Hans Peter, 14.01.2015
5.
Natürlich ist der Film Propaganda und dass die "Endlösung" erst eine Folge der zunehmenden Radikalisierung des Antisemitismus während des Weltkrieges war ist wohl auch kein Geheimnis.
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