Ständige Vertretung der BRD Eine Botschaft, die keine sein durfte

Vor 40 Jahren wurde in Ost-Berlin die Ständige Vertretung eröffnet. Ihr Leiter Hans Otto Bräutigam erlebte Tränen und dramatische Fluchtversuche. Er lobte Honecker und rang jahrelang um kleine Erfolge - doch dann verpasste er den größten Moment.

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Der Stasi-Aufpasser hatte keine Manieren. Hans Otto Bräutigam grüßte ihn jeden Morgen auf dem Weg zu seinem provisorischen Arbeitsplatz, einem Hotelzimmer in Ost-Berlin. Von hier aus sollte Bräutigam im Frühjahr 1974 die erste diplomatische Vertretung der Bundesrepublik in der DDR aufbauen. Ein höchst sensibles Unternehmen, deshalb saß auch ein Stasi-Beamter vor dem Hotelzimmer. Und ignorierte Bräutigams Grüße. Eisern, Tag für Tag.

Irgendwann platzte sogar dem korrekten Berufsdiplomaten der Kragen. "Richten Sie bitte Ihrem Vorgesetzten aus, dass es überall auf der Welt üblich ist, morgens und abends einen kurzen Gruß auszutauschen. Ich würde empfehlen, das auch in der Hauptstadt der DDR zu tun", wies Bräutigam seinen Aufpasser formvollendet zurecht. Stoisches Schweigen. Zwei Tage später dann ein kleines Wunder: Der Wachmann antwortetete freundlich mit "Guten Morgen!". Offenbar hatte er tatsächlich seinen Vorgesetzten gefragt.

"Es war irgendwie ein symbolischer Start in diese neue Phase der deutsch-deutschen Beziehung", sagt Bräutigam genau vierzig Jahre später. Das oft so bleierne Schweigen. Das schwierige Ringen um kleine Gesten. Die Annäherung in Trippelschritten.

Porträt eines jungen Diplomaten

Bräutigam, mittlerweile 83 Jahre alt, ist immer noch ein Diplomat, wie er im Buche steht: Jackett, gewienerte Schuhe, akkurat gekämmtes Haar. Höflich führt er durch seine Altbauwohnung im vornehmen Berliner Ortsteil Westend. An den Wänden hängen Gemälde, viele von bekannten DDR-Künstlern. Ein Werk fällt besonders ins Auge, Bräutigam hat es 1974 selbst in Auftrag gegeben: Es zeigt ihn in Ost-Berlin, in der Hand einen großen Stadtplan, im Hintergrund sind die Mauer, DDR-Staatsverlag, Wilhelmstraße und Spuren des zerstörten Hitler-Bunkers zu erkennen. Historisch vermintes Gelände, und mittendrin ein junger Diplomat, suchend.

Vielleicht lohnte es sich, diese Zeit festzuhalten. Nicht nur Bräutigam orientierte sich im Frühling 1974 neu, auch die beiden deutschen Staaten taten genau das: Das so lange erstarrte Verhältnis erwachte plötzlich zu neuem Leben.

Über Jahrzehnte hatte die Bundesrepublik jeden Schritt vermieden, der auch nur den leisesten Anschein hätte erwecken können, sie erkenne die DDR als Staat an. Damit wollte die Regierung vermeiden, das in der Verfassung verankerte Gebot zur Wiedervereinigung zu verletzen. Doch Willy Brandts Ostpolitik weichte dieses Dogma auf.

Zähes Ringen um Begriffe

Damit war etwas lange Undenkbares plötzlich möglich geworden: Die Einrichtung von diplomatischen Dependancen der BRD in Ost-Berlin und der DDR in Bonn. Nur: "Botschaften" wollte die BRD sie auf keinen Fall nennen, während die DDR sich genau das als politische Aufwertung wünschte. Für die Bundesrepublik jedoch war die DDR offiziell kein Ausland. Also taufte sie die neue Einrichtung sperrig "Ständige Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR". De facto arbeitete sie aber wie eine Botschaft.

Ähnlich zäh wurde um jedes Detail gerungen. Die DDR versuchte, die Vertretung möglichst weit an den Berliner Stadtrand zu drängen. "Wir aber wollten für alle DDR-Bürger präsent und gut erreichbar sein", sagt Bräutigam. Erst nach langen Verhandlungen schlug die DDR ein Gebäude in der zentral gelegenen Hannoverschen Straße vor. Das Misstrauen aber blieb: Die BRD richtete einen fensterlosen, abhörsicheren Raum ein, den sie harmlos die "Laube" nannte.

Fast wäre die Mühe umsonst gewesen. Als Bundeskanzler Brandt wegen der Guillaume-Affäre kurz vor dem Rücktritt stand, wurde überlegt, die für den 2. Mai 1974 geplante Eröffnung der Vertretung aus Protest platzen zu lassen. Bonn entschied sich dann für eine mittlere Eskalationsstufe, sprach nicht von einer "Eröffnung", sondern schickte lediglich ein diplomatisches "Vorauskommando" nach Ost-Berlin - geleitet von Bräutigam.

"Ich will hier raus!"

Sofort erlebte er, was ihn in den kommenden Jahren erwarten würde. Zur Besichtigung der Vertretung - noch eine Baustelle - hatte Bräutigam einen ARD-Korrespondenten mitgenommen. Einem SED-Funktionär passte das nicht, es kam zu einem heftigen Wortgefecht. "Ich habe dann ganz ruhig gefragt: Sie haben doch nichts zu verbergen, oder? Nur weil die Kamera schon lief, wurden wir nicht rausgeworfen."

Es war eine deutsch-deutsche Kraftprobe mit Folgen, denn der Bericht wurde auch im Osten gesehen. Obwohl die Ständige Vertretung noch gar nicht offiziell eröffnet war, kamen sofort Besucher. Der erste rief erregt: "Ich will hier raus! Stellen Sie mir sofort einen Pass der Bundesrepublik aus!" Die zweite Besucherin, eine 18-jährige Frau, erzählte, sie habe ihre Eltern seit 13 Jahren nicht gesehen, weil die bei einem Besuch im Westen vom Mauerbau überrascht worden waren. "Sie war völlig aufgewühlt, den Tränen nahe", erinnert sich Bräutigam. "Ihr Schicksal berührte mich zutiefst. Ich habe den Fall Bonn mitgeteilt und man konnte schnell helfen."

Das war eher eine Ausnahme. Veränderungen, das merkte Bräutigam schnell, waren selten mit der Brechstange zu erzwingen. Bis 1977 war er Stellvertreter des Amtsleiters Günter Gaus, ab 1982 leitete er selbst die Vertretung. Nicht unbedingt sein Traumjob. "Als ich im Auswärtigen Dienst anfing, hatte ich von der großen, weiten Welt geträumt", erzählt Bräutigam. Jetzt war er gefangen in einer ziemlich beengten Welt. Einer Welt der kleinen Fortschritte durch komplexe Vereinbarungen zum Kulturaustausch und Reiseverkehr, zur Regelung von Erbschaftsfragen und Geldtransfers.

Diplomatie mit freundlicher Hilfe der Spitzel

Oberstes Ziel waren humanitäre Verbesserungen für DDR-Bürger, und Bräutigam legte sich schnell besondere Strategien zurecht. Begleitete er etwa Honecker, dann lobte er ihn vor laufender Kamera - nur ein bisschen, nicht zu plump. Meist kamen positive Worte zurück. "Für uns waren diese feinen Klimaverbesserungen enorm wichtig", erinnert sich Bräutigam. "Wenn sich Honecker optimistisch zu den deutschen Beziehungen äußerte, dann druckten das die Zeitungen, dann sahen das seine Beamten. Nur in so einer Atmosphäre konnte man Veränderungen anstoßen." Umgekehrt dramatisierte Bräutigam manchmal absichtlich Probleme in Telefonaten, von denen er sicher war, dass sie abgehört werden würden - und versuchte so, die DDR zum Einlenken zu bewegen.

Auf diese Taktik setzte er auch 1984, während der schwersten Krise der Ständigen Vertretung. DDR-Bürger flüchteten damals in die Vertretung und versuchten, ihre sofortige Ausreise zu erzwingen. Über den gut vernetzten Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der seit Jahren die Ausreise von Häftlingen vermittelte, waren die ersten zwölf Flüchtlinge im Januar 1984 noch diskret in den Westen gebracht worden. Doch wie von Bräutigam befürchtet, stürmten bald Dutzende Nachahmer in die Vertretung.

Nun war die DDR nicht mehr bereit, nachzugeben. Mitte Juni war die Vertretung mit 40 Flüchtlingen, darunter 13 Kindern, bis zum Bersten gefüllt. "Wir hatten Büros leergeräumt und im fünften Stock ein Matratzenlager aufgebaut", erinnert sich Bräutigam. "Die Stimmung war explosiv." Die Vertretung wurde zu einer Festung, von der Polizei belagert. Jetzt spielten sich täglich Dramen ab: Ein Mann, der sich weigerte, den Volkspolizisten seinen Ausweis zu zeigen, wurde vor der Vertretung zusammengeschlagen und weggezerrt. Ein anderer überschüttete sich mit Benzin und konnte gerade noch daran gehindert werden, sich anzuzünden.

Tränen der Flüchtlinge, Geschenke für die Kinder

"Das gab den Ausschlag", berichtet Bräutigam. "Ich musste die Vertretung schließen und war äußerst deprimiert. Das war der Tiefpunkt meiner Karriere." Und die Krise verschärfte sich noch weiter, denn nun stoppte die DDR auch die Bearbeitung aller regulär gestellten Ausreiseanträge. Bräutigam wiederum drohte auf seine Weise zurück: In Telefonaten betonte er immer wieder, welch schlimme Folgen es haben würde, wenn das Problem nicht bald gelöst würde: Unterbrechung der deutsch-deutschen Verhandlungen, kein neuer Milliardenkredit für die DDR. Er übertrieb, weil er wusste, dass die Stasi mithörte.

Das wirkte womöglich. Die DDR sagte zu, die Flüchtlinge ausreisen zu lassen, bestand aber darauf, dass sie zuerst in ihrem Heimatort einen offiziellen Ausreiseantrag stellen müssten. Es ging darum, das Gesicht zu wahren. Doch niemand traute dem Deal. Bräutigam redete und redete, bis sich endlich ein Mutiger fand, der die Vertretung verließ. Als er nicht verhaftet wurde, verließen auch die anderen nach und nach die Vertretung. "Ich war erleichtert und bewegt. Viele bedankten sich unter Tränen bei uns", erzählt Bräutigam. Die Kinder bekamen ein kleines Abschiedsgeschenk, Kellogg's-Cornflakes zum Beispiel, die es in der DDR nicht gab. Alle konnten kurz danach ausreisen.

Fünf Jahre später stürmten wieder DDR-Bürger die Vertretung, doch Bräutigam war da schon in New York: Im Januar 1989 hatte er seinen neuen Posten als Botschafter bei der UN angetreten, sein alter Traum von der großen Diplomatie in der weiten Welt erfüllte sich.

Bald bedauerte er das. Fast zwei Jahrzehnte hatte er in Ost-Berlin für die kleinsten Veränderungen gekämpft. Nun musste er den größten Moment in der deutschen Geschichte aus der Ferne verfolgen.

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insgesamt 5 Beiträge
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Jürgen Lehmann , 18.04.2014
1. Das ist Unfug!
Letztendlich hieß aber auch diese Quasi-Botschaft "Ständige Vertretung der DDR bei der DDR".
Daniel Steinert, 18.04.2014
2. Berichtigung
Stoph war nicht Vorsitzender des Staatsrates der DDR, sondern "nur" Vorsitzender des Ministerrates der DDR. Ersteres waren Ulbrich, Honnecker, Krenz und Gerlach. Eh egal, massgebend war allein die Mitgliedschaft im PB, also die Parteifunktionen und nicht die Staatsämter. Bezeichnend für die DDR, die ja eine Verfassung hatte.
Klaus Groeger , 19.04.2014
3. Willi Stoph war...
..von 1973-1976 vorsitzender des staatsrates. Also praktisch Staatschef der DDR.ständige Vertretung hin oder her,letztendlich haben auch diese einen Beitrag der Entspannung gebracht . Man soll nicht versuchen alles nieder zu machen . Die ehemaligen Politiker der BRD waren auch keine Engel. Aber selbst ein Franz Joseph Strauß hat das Gespräch mit der DDR gesucht und die Vernunft der Gemeinsamkeit erkannt. Schade das es heute nicht mehr Politiker wie Strauß, Schmidt oder Weizsäcker gibt.
Soeren Balko, 19.04.2014
4. Was ich immer noch nicht verstehe
Warum wurde Honecker bei seinem Besuch in der Bundesrepublik 1987 nicht sofort verhaftet und wegen der Mauermorde angeklagt? Hätte man das nicht mit Gorbatschow aushandeln können? Die Wende wäre so 2 Jahre früher möglich gewesen.
juri Kroma, 19.04.2014
5. @Jonathan Machner
Das liegt an der diplomatischen Immunität. Vertreter anderer Staaten sind idR dem Zugriff der nationalen Stellen entzogen, das ist ganz klar verbindliches Völkerrecht. Übrigens werden ja auch andere ausländische staatliche Funktionäre nicht verhaftet, die nach deutschem Rechtsverständnis strafbar wären. Wie früher z.B. Ghaddaffi. Das völkerrechtlich gesehen schärfste Mittel wäre eine Ausweisung gewesen. Einfach so gegen die diplomatische Immunität zu verstoßen wäre ein grandioser Fauxpas gewesen, wohl mit der Folge, dass andere Staaten das Prinzip der diplomatischen Souveränität nicht mehr durch die BRD gewaehrleistet sehen würden und es ggü. Vertretern der BRD nicht mehr anwenden. Und die eigenen diplomatischen Vertreter den Rechtssystemen irgendwelcher Autokratieen auszuliefern ist nicht zumutbar im engeren Sinne.
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