Stalingrad-Protokolle "Ich verlor aus Feigheit den Kopf"

Stalingrad-Protokolle: "Ich verlor aus Feigheit den Kopf" Fotos

1942 interviewten Forscher Hunderte russische Frontsoldaten in Stalingrad. Nun hat ein Historiker die Dokumente erstmals ausgewertet. Die vermeintlichen Helden der Sowjetunion sprechen unzensiert über Feigheit und Angst. Von

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Der Staub machte ihm Sorgen. Denn nun wusste Obersergeant Alexander Parchomenko, dass der Gegner nicht mehr weit war.

"Unter dem Staub näherten sich die deutschen Panzer. Die ganze Zeit kreisten Flugzeuge. Wissen Sie, in der Festung Stalingrad war ja ein ungeheurer Staub, ganz unglaublich, und kein Wasser, nichts."

Und mit dem Staub, gab Parchomenko mitten im Krieg zu Protokoll, kam nicht nur der Feind. Sondern die nackte Angst.

"Wir waren mit dem Krieg nicht vertraut, uns kam das alles ganz furchtbar vor. Wenn nachts die Luftwaffe flog, Leuchtraketen abgeschossen wurden und das Bombardement begann - ich hielt das kaum aus. Offen gesagt, andere waren mutig - ich nicht."

"Ich Feigling"

So auch am 27. August 1942, als Parchomenkos Brigade im Industrieviertel von Stalingrad in Stellung ging. Die Deutschen saßen vor dem Traktorenwerk und beschossen seine Brigade an der Wolga.

"Wir fuhren also im Panzerfahrzeug auf Erkundung, und ich dummer Kerl verlor aus Feigheit den Kopf. Ich war überhaupt ein Feigling, aber in dem Moment dachte ich das noch nicht. Unser Fahrzeug wurde von 15 Bombern im Sturzflug angegriffen. Ich dachte, wenn uns eine Bombe trifft, ist das das Ende. Ich gab den Befehl anzuhalten und lief (aus dem Wagen) in eine Senke. Einer kam im Sturzflug runter und durchschoss mir die linke Hand und beide Beine."

Parchomenkos wilde Flucht endete im Lazarett. Sein Fahrer hingegen hatte einen kühlen Kopf bewahrt und war einfach im Panzerfahrzeug geblieben - unverletzt.

Unzählige Bücher sind über die Schlacht um Stalingrad geschrieben worden, deren dramatischste Phase - die Einkesselung der deutschen 6. Armee am 23. November 1942 - sich in diesen Tagen zum siebzigsten Mal jährt. Die erbitterten Häuserkämpfe, das vermeintlich heroische Sterben in der Schneehölle - das alles kennt man. Doch offene Selbstkritik oder gar Zeugnisse über die eigene Feigheit findet man bisher so gut wie nicht.

Stalingrads vergessene Augenzeugen

Parchomenkos ungewöhnlich ehrliches Zeugnis ist dabei nur einer von 215 Augenzeugenberichten, die erst kürzlich von dem deutschen Historiker Jochen Hellbeck ausgewertet werden konnten. Diese bisher unbekannten Stalingrad-Protokolle wurden teils während der Schlacht, teils wenige Wochen danach von einer sowjetischen Historikerkommission angefertigt. Selbst einen nüchternen Analytiker wie Hellbeck bringt das ins Schwärmen.

"Diese verschütteten Stimmen aus dem Krieg auszugraben", sagt der 46-Jährige, "das war wirklich ein sehr bewegender Moment, ein Höhepunkt in meiner bisherigen wissenschaftlichen Tätigkeit."

Das Besondere: Die Zeitzeugen wurden nicht erst Jahrzehnte nach der Schlacht interviewt, wenn Details vergessen und Erlebtes neu bewertet ist. Das macht ihre Aussagen authentisch, zumal die Interviews von Historikern geführt wurden, die laut Hellbeck damals "ungewöhnlich sorgfältig und detailliert" arbeiteten.

"Eine Sensation"

Zudem befragten die Interviewer bewusst Soldaten, die Seite an Seite gekämpft hatten, so dass sich ihre Erlebnisse wie in einem Theaterstück ergänzen oder überlappen: dieselben Niederlagen und Triumphe - erzählt aus verschiedenen Perspektiven. "Eine historisch einzigartig dichte Erzählweise", meint Hellbeck, und bei einer so weltbedeutenden Schlacht sei das schlicht "eine Sensation".

Zu verdanken hat er den erstaunlichen Fund einem sowjetischen Historiker: Isaak Minz, Sohn eines jüdischen Händlers. Minz legte eine Blitzkarriere hin, publizierte viel zum russischen Bürgerkrieg und wurde mit 40 Jahren Mitglied in der renommierten Akademie der Wissenschaften. Als Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, sah er den Moment für eine historische Mission, wie er in seinem Tagebuch schrieb:

"Heute dürfen wir keine Zeit verlieren. Die gegenwärtigen Ereignisse müssen festgehalten werden. Später wird die Menschheit fragen, wie all das geschehen ist. Ich schlage vor, eine Kommission zu bilden, die Material auswertet, analysiert und eine Chronik (…) erstellt."

Vorbild Maxim Gorki

Minz schwebte vor, die sowjetische Gesellschaft mit den Werkzeugen des Historikers zu mobilisieren und für den Krieg zu begeistern. Das Kalkül: Soldaten, die im Krieg interviewt werden, würden sich ernst genommen fühlen; Berichte über ihre Heldentaten könnten wiederum andere begeistern.

Ganz neu war dieser Gedanke nicht. Schon 1920 war eine "Historische Kommission der Kommunistischen Partei" gegründet worden. Sie sollte die Erinnerung an die russische Oktoberrevolution wachhalten. Systematisch wurden die Erlebnisse von Zeitzeugen protokolliert, um den Geist der Revolution weiterzutragen. Auch Schriftsteller wie Maxim Gorki beteiligten sich an solchen Großprojekten; Gorkis hundert Mitarbeiter interviewten in allen großen Fabriken Werkarbeiter.

Doch jetzt, im Sommer 1941, fand Historiker Minz kein Gehör für ähnliche Pläne. Stalin hatte andere Sorgen: Die Wehrmacht eilte von Erfolg zu Erfolg. Im Oktober bereitete sie den Sturm auf Moskau vor.

"Schwierigkeiten und Mängel nicht vertuschen"

Erst als die deutschen Angriffe im Dezember steckenblieben, bekam Minz seine Chance: An der Spitze eines Arbeitsstabs sollte er zwar eigentlich nur eine Chronik der Verteidigung Moskaus erstellen. Doch schnell erweiterte der ehrgeizige Historiker das Projekt eigenhändig auf andere Frontabschnitte. Schon bald hatte er 40 Mitarbeiter zusammen: Stenographen, Historiker, Literaturwissenschaftler.

Vier von ihnen schickte er im Dezember 1942 nach Stalingrad - in jene Stadt, die damals von beiden Seiten zum Ort der Entscheidung erhoben worden war. Kein Wunder, dass Minz' Mitarbeiter an einem derart symbolischen Ort besonders eifrig arbeiteten: Von Dezember 1942 bis März 1943 tippten sie etwa 3000 Seiten an Interviewprotokollen.

In groben Richtlinien hatte Minz vorgegeben, "besonders ausgezeichnete Helden, Kämpfer, Kommandeure" zu befragen. Doch gleichzeitig ermunterte er seinen Stab, die Befragten frei erzählen zu lassen:

Schwierigkeiten und Mängel nicht vertuschen. Die Wirklichkeit nicht schönfärben. (…) In allen Darstellungen die historische Wahrheitstreue streng einhalten. Durch Kreuzverhöre der Leute und Dokumente alle Ereignisse, Daten, Namen und Fakten genau prüfen.

Viele Protokolle spiegeln Hass und Verachtung auf die deutschen "Barbaren" wider, dabei hatten viele Russen die Deutschen als kultiviert verehrt. An die Öffentlichkeit gerieten solche Zeugnisse trotzdem nicht. Zu offen hatten die sowjetischen Soldaten auch über eigene Schwächen geredet. Außerdem missfiel Stalin zunehmend Minz' Konzeption: Nicht eine Vielzahl von Soldaten und Offizieren sollten nach dem Krieg als Retter des Vaterlandes gelten - sondern allein er.

So wurde Minz' Projekt Opfer des stalinistischen Personenkults, und auch der Historiker selbst fiel in Ungnade: Er verlor seine Professur an der Moskauer Staatlichen Universität und wurde an ein anderes Institut strafversetzt; seine Gegner beschimpften ihn als jüdischen "Parasiten". Erst nach Stalins Tod wurde Minz rehabilitiert.

Das beruhigte ihn nicht. Seine wertvollen Protokolle versteckte er im Sanatorium der Akademie der Wissenschaften, von wo sie später in den Keller des Moskauer Instituts für Geschichte gebracht wurden. Dort gerieten sie in Vergessenheit, bis Historiker Hellbeck sie nach einem Tipp eines russischen Kollegen 2006 sichtete und nun in Auszügen veröffentlichte.

Ein gebrochener Held

Nur eines dieser 215 Stalingrad-Protokolle wurde noch zu Minz' Lebzeiten publiziert: ein Gespräch mit Wassili Saizew, dem besten Schützen der Roten Armee. 242 Deutsche soll er in Stalingrad erschossen haben. Saizew erzählt in dem 1943 veröffentlichten Interview, wie er schon als Zwölfjähriger durch die Wälder zog und auf die Jagd ging. So treffsicher wie er Füchse, Eichhörnchen und Rebhühner erlegte, will er später Deutsche niedergestreckt haben:

"Ich legte durchs Fenster an, feuerte, der Deutsche fiel. Es waren 80 Meter, ich hatte ihn mit einem einfachen Gewehr getroffen. Da erhob sich ein Sturm der Begeisterung (…). Man lachte im Scherz über mich, war begeistert. Da sahen wir, dass ein zweiter dem ersten zur Hilfe kam. (…) Man rief: 'Saizew, Saizew, da kommt noch einer, knall den auch ab!' Ich legte an, feuerte - der Deutsche fiel. Schon zwei in etwa 30 Minuten. Die Sache begann mich zu interessieren."

Doch ganz so kaltblütig war Saizew wohl in Wirklichkeit nicht; in dem Interview zeigt sich, dass auch der "Held der Sowjetunion" eigentlich ein gebrochener Mann ist:

"Vor Stalingrad wurde ich dreimal verwundet. Jetzt habe ich kranke Nerven, zittere ständig. Da muss man sich erinnern, und die Erinnerung hat eine starke Wirkung."

Die russischen Zensoren strichen diese Passage bei der Veröffentlichung 1943 - und machten an anderer Stelle aus einer Schussentfernung von 80 Meter lieber 800 Meter.

Zum Weiterlesen:

Jochen Hellbeck: "Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, 608 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
T. T. 17.11.2012
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackgroundXXL/a25963/l3/l0/F.html#featuredEntry "Im Januar 1943 nehmen russische Soldaten während der Schlacht um Stalingrad einen deutschen Panzer in Beschlag." Blätter an den Bäumen, kein Schnee,... nie und nimmer wurde dieses Foto im Januar aufgenommen!
2.
Uwe Wegener 17.11.2012
Dass Soldaten Angst haben und das zu allen Zeiten an allen Fronten die jeweilige Propaganda die eigenen Soldaten als Helden und die jeweiligen Feinde als Verbrecher bezeichnet haben , ist so alt wie der Krieg selbst. Also was soll diese angebliche Überraschung. Trotz dieser Protokolle, ist nachweislich den faschistischen deutschen Agressoren nirgendwo ein solch erbitterter Widerstand entgegen gebracht worden, wie an der sowjetischen Ostfront, die weit über 70% der deutschen Truppen banden und an der die Entscheidung über Sieg oder Niederlage des Weltkrieges römisch II, letztendlich getroffen wurde. Die deutsche Westfront auch nach der Invasion vom 6 Juni 1944 in der Normandie, die ja ohnehin nur verhindern sollte, dass die Russen zu weit nach Westen vorstießen, war gegenüber den Kampfhandlungen an der Ostfront militärisch faktisch bedeutungslos.
3.
Jens Oertling 17.11.2012
Konnte man unter Stalins Terrorherrschaft ehrlich über sein Verhalten in der Schlacht berichten? Musste man nicht befürchten, sofort hingerichtet zu werden, wenn man von Feigheit, Flucht und Versagen erzählt hat?
4.
Thomas Hintze 17.11.2012
Zu Bild 10: Die Entfernung betrug ca. 800m, nicht 80m.
5.
Florian Geier 18.11.2012
"Verwundete in einem russischen Lazarett, im Vordergrund eine Krankenschwester, aufgenommen im Mai 1941." Da hatte der Krieg doch noch gar nicht begonnen, und lt. Bildunterschrift handelt es sich um ein Photo aus "Juni/Juli 1941". Und bei " Minz Konzeption" fehlt m.E. ein Apostroph.
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