Schlacht von Stalingrad "Menschen fielen vom Himmel"

Die Wehrmacht griff vor 75 Jahren Stalingrad an - und wurde eingekesselt. Hans-Erdmann Schönbeck überlebte die schlimmste Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Er erzählt vom sinnlosen Sterben und von seiner Wut auf Hitler.

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    Der Journalist Tim Pröse hat für sein Buch "Jahrhundertzeugen" 18 Gegner des NS-Regimes getroffen und porträtiert: Holocaust-Überlebende, Widerstandskämpfer, weitere Zeitzeugen wie Hans-Erdmann Schönbeck.

Der alte Herr trägt ein Armband am Handgelenk. Würde er den roten Knopf darauf drücken, im Notfall, käme sofort jemand zu ihm geeilt und könnte sein Leben retten. Manchmal muss er daran denken. Und auch an jene Tage, an denen es eigentlich schon keine Rettung mehr für ihn geben konnte.

Hans-Erdmann Schönbeck, 94, ist ein Gentleman, der Manschettenknöpfe trägt, handgemachte Schuhe und maßgeschneiderte Jacketts. Nur wer genau hinsieht, erkennt, dass seine eine Schulter etwas hängt. Das liegt an den Granatsplittern, die sie damals zertrümmerten. In Stalingrad.

Vor 75 Jahren, am 23. August 1942, zählte Schönbeck zu jenen Wehrmachtssoldaten, die Stalingrad auf Geheiß Hitlers angriffen. Mit Hunderttausenden Kameraden erlebte er ein monatelanges Gemetzel, Hunger und Kälte im strengen russischen Winter. Vor allem aber die Verzweiflung, als Hitler den bereits im November 1942 eingekesselten Soldaten befahl, trotz aussichtsloser Lage weiterzukämpfen.

Hans-Erdmann Schönbeck
Michela Morosini

Hans-Erdmann Schönbeck

Schönbeck lebt in einem großen Appartement einer Münchner Seniorenresidenz. In seinem Wohnzimmer hängen gerahmte Bilder. Von seinen Kindern und Enkeln, seinem Ferienhaus, von schönen Erinnerungen.

Darunter hängt eine Weltkarte. Er deutet auf den Ort einer der schlimmsten Schlachten des 20. Jahrhunderts, der heute anders heißt. Von München ins heutige Wolgograd ist es bloß eine Kleinigkeit.

Weihnachten im Kessel von Stalingrad

Winzig wirken auch die Flugzeuge, die er bisweilen vom elften Stock aus am Himmel vorbeiziehen sieht. Sie versetzen ihn weit weg. In seine Welt von damals. Er muss dann an eine der letzten Maschinen denken, die es im Januar 1943 aus dem Kessel schaffte und ihn aus der Hölle in den Himmel hob. Aus der Hölle von Stalingrad, in der es für 240.000 der 300.000 eingeschlossenen Soldaten kein letztes Flugzeug mehr gab.

Hans-Erdmann Schönbeck erinnert sich aus Traurigkeit nur ungern an diese bittere Szene: wie seine Kameraden auf die letzten Maschinen, die es in den Kessel schaffen, zurennen. Wie sie sich hineinzwängen wollen. Wie die Wachen sie abwehren, auf einige schießen. Wie die Männer schreien, flehen, ringen.

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Zweiter Weltkrieg: Die Schlacht von Stalingrad

Die meisten scheitern an der Einstiegsluke. Mit letzter Kraft klammern sie sich an die Fahrgestelle oder die Flügel der startenden Flugzeuge. Der Pilot wackelt in der Luft mit den Tragflächen, um sie abzuschütteln, auf dass die schwer beladene Maschine nicht wieder zu Boden stürzt. "Die Menschen fielen vom Himmel", sagt Schönbeck. Seine Stimme stockt. Sie fielen von da oben wieder zurück in die Hölle von Stalingrad.

Die Erinnerung lastet bis heute schwer auf ihm. Schönbeck ist Teil einer traumatisierten Generation, viele seiner Heimmitbewohner haben ebenfalls das Grauen des Krieges erlebt: SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel etwa, oder "Der Alte" Rolf Schimpf.

Schönbeck war Fahnenjunker der 11. Panzerdivision, dann Leutnant im 24. Panzerregiment. In Stalingrad führte er eine Schwadron und erinnert sich an Heiligabend 1942: "Wir sangen in unserer Stellung 'Stille Nacht'. Ich hatte sogar einen kleinen Tannenbaum besorgt und zwei Kerzen aus einer Kirche geklaut. In meinem Marschgepäck hatte ich ein weißes Hemd für Weihnachten aufgespart und zog es an. Irgendwoher hatte ich auch etwas Alkohol besorgt für meine Männer, Cognac sogar."

Zusammenbruch bei der Rückkehr

Doch bald darauf wurde seine Einheit versprengt. "Ich kauerte in einer Kuhle im eisigen Boden. Mein Rücken und meine Schulter waren aufgerissen, ich war erblindet von einer schweren Wirbelsäulenverletzung", erzählt Schönbeck. "Dazu war ich steif gefroren bei minus 30 Grad und auf 45 Kilogramm abgemagert. Dumpf hörte ich den Donner der russischen Geschütze. Das Grollen kam immer näher. Ein Kamerad hatte mir eine Pistole mit nur einer Patrone zugesteckt, für den Freitod."

SPIEGEL TV über die Hölle von Stalingrad

SPIEGEL TV

Da hörte er mitten im Gefechtslärm ein vertrautes Geräusch: den Motor einer Heinkel He-111. Dazu die Stimme eines Kameraden. "Der zieht mich aus dem Loch heraus, hievt mich auf seine Schultern, wirft mich in den Laderaum der Heinkel." Er spürte, dass die Maschine an Fahrt aufnahm, dass sie abhob. Dann verlor er das Bewusstsein.

Schönbeck erwachte erst wieder in einem Lazarett hinter der Front. Langsam kehrte sein Augenlicht zurück. Er wurde in einen Verletztentransport verladen und erreichte Wochen später endlich seine Heimat Breslau.

"Meine Mutter stand dort am Bahnsteig mit einem Strauß roter Rosen", erinnert er sich. Mit letzter Kraft schleppte er sich aus dem Waggon, weil er seiner Mutter unbedingt aufrecht entgegengehen wollte. Dann erst brach er zusammen.

Ein Leben nach dem Morden

"Stalingrad!" Wenn Schönbeck heute den Namen sagt, klingt es nicht nach einem Ort. Es klingt nach 94 Jahren Leben und Überleben. Von seinem Küchenfenster aus kann er hinübersehen bis zum BMW-Tower. Schönbeck brachte es dort als Manager bis in den Aufsichtsrat. Er war Präsident des deutschen und des europäischen Automobilverbandes. Er bekam das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden. Seine Kollegen von damals nennen ihn bis heute einen "Sir".

"Nein", sagt Schönbeck, "wer Stalingrad erlebt hat, konnte spätestens dann nicht mehr an Hitler glauben. Ich habe ihn verflucht." Und doch war er einer der unzähligen deutschen Soldaten, die verstrickt waren in diesen verbrecherischen Vernichtungskrieg. Die Gräueltaten der SS im Rücken der vorrückenden Front - "davon haben wir viel zu lange nichts gewusst, und später wollten wir es nicht glauben", sagt er.

Noch vor einigen Jahren steckten ganze Schrapnellteile aus Stalingrad in seiner Schulter. Er ließ sie herausoperieren, von einem Juwelier vergolden und schenkte sie seiner damaligen Frau. Wenn die Schulter schmerzt, versucht er, nicht an das Gestern zu denken. Erzählt er doch davon, dann stets voller Zweifel und Zorn auf Hitler.

Trotz all des Schreckens erlebte er in seiner Truppe vor Stalingrad auch Zusammenhalt. "Ich werde nicht vergessen, wie ich als Leutnant mit meinen letzten Kameraden weinte. Wie ich manchem das Gefühl geben konnte, dass wir es doch noch herausschaffen. Ich konnte manchen Zuversicht geben, den Arm um sie legen und sie trösten", sagt Schönbeck.

Doch genauso wenig vergaß er, wie er Menschen tötete - "um nicht selber getötet zu werden". Dieser Zwiespalt quält ihn bis heute.

"Mein zweites Stalingrad"

Nach seiner Rettung aus Stalingrad kam er ins Oberkommando des Heeres in den Mauerwald in Ostpreußen, nah beim Führerhauptquartier Wolfsschanze. Aus dem Mitmarschierer von einst war ein Hitler-Gegner geworden. "Er hatte seine Soldaten verraten", so Schönbeck. Dadurch sei er zu jemandem geworden, "der sich zutiefst wünschte, er möge getötet werden."

Schönbeck stand den Offzieren sehr nahe, die sich gegen Hitler verbündeten. Sein Vorgesetzter Karl-Heinrich Graf von Rittberg zog ihn mehrmals ins Vertrauen: "Schönbeck, ich erwarte, dass Sie Ihren Eid brechen, kann ich auf Sie zählen?", fragte ihn der Major kurz vor dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Schönbeck antwortete: "Jawohl, Herr Major, selbstverständlich!" Seit diesem Moment wusste er, dass ein Anschlag kurz bevorstand, und schwieg - das allein hätte gereicht, um ihn wie Hunderte anderer Mitwisser hinzurichten.

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Schönbeck war mit dem Mitverschwörer Albrecht von Hagen befreundet, teilte mit ihm eine Baracke. Hagen hatte einen Sprengsatz für Claus Schenk Graf von Stauffenberg unter seinem Bett versteckt, zwei Meter von Schönbecks Matratze entfernt. Und so schlief Schönbeck tagelang neben der Bombe.

Nach dem Attentat wurde er von den Nationalsozialisten verhört, aber die Folter blieb ihm erspart. Das wundert ihn selbst bis heute. "Dass der 20. Juli scheiterte, war mein zweites Stalingrad", sagt er mit bebender Stimme.

Es hat ihn Kraft gekostet, sich noch einmal zu erinnern. Vom großen Wohnzimmerfenster seines Münchner Heims schaut er hinüber bis zur Alpenkette am Horizont. Er sieht den Schnee auf den Berggipfeln. Diesen verfluchten Schnee, der ihn vor 75 Jahren fast getötet hätte.

Dies ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler", für das Tim Pröse unter anderem den Neffen des Hitler-Attentäters Georg Elser und den letzten Überlebenden von Schindlers Liste traf.

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