Die Madonna von Stalingrad Vom Krieg gezeichnet

Die Madonna von Stalingrad: Vom Krieg gezeichnet Fotos
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Ein Moment der Besinnung in der Weltkriegshölle: Draußen explodierten Bomben, drinnen enthüllte Feldarzt Kurt Reuber ein Weihnachtsgeschenk, das seine Kameraden zutiefst berührte. Der Künstler kehrte nie mehr heim. Doch seine Zeichnung gelangte nach Deutschland - und wurde zur Ikone. Von Karoline Kuhla

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Am Ende wird es immer ganz ruhig. Nicht selten fließen Tränen. Denn jede Führung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin endet in dieser kleinen Nische, in der eine Kohlezeichnung hängt: die Stalingrad-Madonna. Selbst wer die Schrecken, die mit dem Namen Stalingrad verbunden sind, heute nicht mehr im Detail kennt, verstummt instinktiv.

Denn diese Zeichnung ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Wunder: Sie ist Weihnachten 1942 entstanden, mitten im Krieg, während einer der verlustreichsten Schlachten der Weltgeschichte. Sie hat Menschen in bitterer Kälte und ständiger Überlebensangst einen kurzen Moment Trost und Hoffnung gespendet. Und sie hat es aus Stalingrad herausgeschafft und ist schließlich in die Berliner Gedächtniskirche gelangt.

Die berührende Geschichte der Stalingrad-Madonna begann vor nun 70 Jahren. Seit dem 23. November 1942 waren die deutschen Soldaten der 6. Armee unter General Friedrich Paulus eingeschlossen. Die Versorgung aus der Luft war schlecht. Bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad unter Null verloren viele der hungernden und frierenden Soldaten den Glauben an die versprochene Befreiung aus dem Kessel.

Unter den Eingeschlossenen war auch der Theologe und Mediziner Kurt Reuber als Truppenarzt stationiert. Ein für die Nationalsozialisten unbequemer Mann: Der dreifache Vater und Pfarrer aus dem hessischen Dorf Wichmannshausen war mit seinen Predigten und seiner antifaschistischen Einstellung aufgefallen. Dafür war er 1939 an die Ostfront geschickt worden, aber auch dort handelte er gegen den Willen der Vorgesetzten, indem er etwa Zivilisten versorgte.

"Festliches Niveau in allem armen Dreck"

Bei seinem Heimatbesuch im Oktober 1942 war seine jüngste Tochter Ute erst vier Jahre alt. Den Vater, der viele Zeichnungen mitbrachte, hat die heute 74-jährige Ute Tolkmitt noch genau vor Augen: "Er hat fröhlich mit mir gespielt. Seine Vaterliebe war so unglaublich herzlich, das habe ich sehr liebevoll in Erinnerung." Im November musste Reuber wieder nach Stalingrad zurück.

Trotz all des Elends klingen Reubers Briefe aus Stalingrad hoffnungsvoll. Als Christ und Humanist knüpfte er seine Zuversicht daran, dass die Nächstenliebe der Menschheit diese dunklen Tage überdauern werde. Dabei hätte er allen Grund gehabt, mit dem Schicksal - oder Gott - zu hadern: Wäre er nur 48 Stunden später an die Front zurückgekehrt, wäre er dem Kessel Stalingrad entkommen. Hinter ihm hatten die sowjetischen Truppen die Deutschen eingeschlossen.

Den Männern im Kessel, zermürbt vom Krieg, erschien der Gedanke an Weihnachten so fern wie ihre Familien. Dennoch bereiteten sie sich auf die Feiertage vor: Sie sparten die knappen Lebensmittel zusammen, putzten und dekorierten ihre kalten Unterkünfte, schnitzten Weihnachtsteller und bastelten Adventskränze und Weihnachtsbäume aus Steppengras und Holzspänen. "Festliches Niveau in allem armen Dreck", beschrieb Reuber die Atmosphäre in einem Brief an seine Frau Martha Reuber-Iske.

Überraschung am Heiligen Abend

Heimlich bereitete auch er tagelang in seinem behelfsmäßigen Atelier eine Überraschung vor. Mit einem Stück Kohle zeichnete er auf die Rückseite einer 95 mal 115 Zentimeter großen, sowjetischen Landkarte ein Bild.

Am 24. Dezember war es soweit: Mittags sangen die Bunkerbesatzungen gemeinsam "Stille Nacht" und "Es ist ein Ros entsprungen". Nach der Ansprache des Kommandeurs Wilhelm Grosse öffnete Reuber für seine Kameraden im engen Bunker die Verschlagstür - ganz so, wie man sonst für Kinder die Tür zum Weihnachtszimmer öffnet. Vom Schein einer Kerze beleuchtet fiel der Blick der Soldaten auf Reubers Zeichnung, die an ein Holzbrett in der Lehmwand genagelt war.

Gebannt und andächtig schweigend betrachteten die Soldaten das schlichte Bild der Madonna. Maria und das Jesuskind sind in runden, weichen, abstrahierenden Formen dargestellt. Schützend sind beide in ein weites Tuch eingehüllt, mit starken Händen hält die Mutter das Kind nah bei sich. Ein liebevolles Lächeln liegt auf ihren Lippen. Die Falten im Stoff zeichnen tiefe Schatten, doch auf die Gesichter von Mutter und Kind fällt Licht. Das Bild strahlt Geborgenheit und Wärme aus. Die Worte: "Weihnachten 1942 im Kessel, Festung Stalingrad" rahmen das Bild.

Die Soldaten waren gerührt. Ganz unerwartet hatte sie mitten in der Hölle von Stalingrad die Weihnachtsbotschaft erreicht. Beim Zeichnen, schrieb Reuber später an seine Familie, seien ihm die johannitischen Worte "Licht, Leben, Liebe" in den Sinn gekommen. Gemeinsam mit dem Bild war diese Formel als Verheißung für die Soldaten gedacht. Licht - mitten im russischen Winter, der fast nur Dunkelheit und Kälte kennt. Leben und Liebe - in einer todbringenden Schlacht, einem hasserfüllten Krieg. Reuber weiter: "Die Worte werden zum Symbol einer Sehnsucht nach allem, was äußerlich so wenig da ist und was am Ende nur in unserem Innersten geboren werden kann."

Die letzte Flasche Sekt und "Oh du fröhliche"

Im Bunker stießen die Soldaten mit der letzten Flasche Sekt auf alles an, "was wir lieben". Doch jäh wurden sie aus der besinnlichen Stimmung gerissen: Vier Bomben schlugen in unmittelbarer Nähe ein. Reuber eilte nach draußen, fand einen Toten und vier Verletzte. Der Tote hatte kurz zuvor die feierliche Runde verlassen. "Er hatte eben noch gesagt: Aber erst will ich das Lied mit Euch zu Ende singen, 'Oh du fröhliche'", schrieb Reuber betrübt in die Heimat. "Unser Feiern war danach vorbei." Artilleriegeschosse dröhnten von sowjetischer Seite durch die Heilige Nacht, während sich die Blicke der Soldaten an der Madonna festhielten.

In den folgenden Wochen spitzte sich die Lage für die Deutschen weiter zu. Anfang 1943 wurde Reubers schwer verwundeter Kommandeur Grosse mit einem der letzten Flugzeuge aus Stalingrad geflogen. Ihm gab der Theologe seine Zeichnungen für seine Familie mit. Dazu notierte er: "Auf dem einen Bild ist Euer Vater, es gehört der Mutter. (...) Die Festungsmadonna gehört Euch allen."

Kurz darauf nahmen die sowjetischen Truppen Stalingrad ein. Von den mehr als 300.000 eingeschlossenen Soldaten der 6. Armee gerieten 90.000 Überlebende in Gefangenschaft, darunter Reuber. Nur 6000 sind - teilweise erst nach zehn Jahren - in die Heimat zurückgekehrt. Reuber war nicht unter ihnen. Nach seiner Genesung vom Fleckfieber im Lager Oranki litt er an einer chronischen Mittelohrvereiterung. Er marschierte noch durch den Winter mit ins Lager Jelabuga, fiel dort ins Koma und starb am 20. Januar 1944.

"Vor dem Nichts, im Bann des Todes"

Im Pfarrhaus in Wichmannshausen, wo die Stalingradmadonna im Wohnzimmer hing, nagte unterdessen die Ungewissheit an seiner Familie. Erst 1946 erreichte sie die Todesnachricht - zusammen mit dem letzten Brief Reubers und seiner letzten Zeichnung, der "Gefangenen-Madonna": eine schwarz umhüllte Maria mit tiefen Falten im Gesicht, die das erleuchtete Jesuskind an sich geklammert hält.

Es ist ein deutlicher Bruch. Die neue Madonnenzeichnung ein Jahr nach Stalingrad ist trostloser und zeigt Reubers Verzweiflung. Um das Bild herum schrieb er am 25. Dezember 1943 "an die deutsche Frau und Mutter" seine vielleicht letzte Predigt: "So ganz am Ende, vor dem Nichts, im Bann des Todes - welch eine Umwertung der Werte hat sich in uns vollzogen! So wollen wir diese Wartezeit nützen als Familie, im Beruf, im Volk. Mitten auf unserem adventlichen Todesweg leuchtet schon das Freudenlicht der Weihnacht als Geburtsfest einer neuen Zeit, in der - wie hart es auch sein möge - wir uns des neugeschenkten Lebens würdig erweisen wollen."

Diese zwei Madonnen, rund 150 Zeichnungen und Hunderte Briefe der Eltern sind Reubers Kindern als Erinnerung geblieben. Für Ute Tolkmitt ist dieser Nachlass Segen und Berufung. Mit ihren Geschwistern beschloss sie 1983, die Stalingrad-Madonna auszustellen. Die Gedächtniskirche in Berlin, zerstört im Zweiten Weltkrieg und als Mahnmal gegen den Krieg nie wieder aufgebaut, erschien ihnen dafür der geeignete Ort.

Von der Kirche aus wurden inzwischen zwei offizielle Kopien der Stalingrad-Madonna verschenkt. Eine ging ins englische Coventry, dort steht ebenfalls eine Kirchenruine als Mahnung gegen den Krieg. Die andere Kopie wurde als Zeichen der Versöhnung in die Kathedrale von Wolgograd gegeben, das vor 70 Jahren noch Stalingrad hieß.

Zum Weiterlesen:

Martin Kruse (Hrsg.): "Die Stalingrad-Madonna - Das Werk Kurt Reubers als Dokument der Menschlichkeit". Lutherisches Verlagshaus, Hannover 2012, 176 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Zum Hingehen:

In der Sonderausstellung "Stalingrad" im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden ist noch bis zum 30. April 2013 Original-Madonna zu sehen.

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1.
Nicolas Linkert 24.12.2012
Der tägliche III. Reich (Stralingrad/Nazi/Neonazi etc ...) -Artikel von SPON. Gibt's nichts Interessanteres?
2.
Thomas Thomas Göthe 24.12.2012
Ist ja wieder wie in den Fünfziger-Jahren zu Weihnachten eine rührselige Geschichte aus Stalingrad. Aber kein Gedanke daran, warum es zum Krieg kam. NEIN DANKE!
3.
Peter Salz 24.12.2012
Es gibt noch eine Kopie der Madonna von Stalingrad. Sie hängt in der Pfarrkirche Schönberg/Soonwald über dem Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkrieges. Sie kam über einen Pfarrer und einen Einwohner, der aus Stalingrad heraus kam nach Schöneberg.
4.
Stefan Wenzel 24.12.2012
Deutsche Soldaten als Menschen und die Muttergottes als Zeichen der Liebe, der Hoffnung und des Trostes. Und das in SPON! Respekt!
5.
Werner Haertel 24.12.2012
"Trost und Hoffnung" spenden sollte die Zeichnung nur den deutschen Soldaten, die in Stalingrad endlich einsehen mussten, dass ihr Vormarsch in der "Festung" Stalingrad beendet war. Der Wunsch nach Leben und Liebe galt ja wohl nicht für die sowjetischen Verteidiger ihrer Heimat, und als "Antifaschist" hätte Kurt Reuber besser zur Roten Armee überlaufen sollen, statt seine Kameraden aufzumuntern, diesen verbrecherischen Krieg weiter zu führen.
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