Stalinismus Messer ins Herz

Gefoltert, getötet, verscharrt: Rund 10.000 Regimegegner ermordete die rumänische Geheimpolizei Securitate während der kommunistischen Diktatur, die Opfer wurden anonym vergraben. Gegen den Widerstand der alten Kader suchen Historiker und Archäologen nun nach den Überresten der Verschwundenen.

Fundatia Memorialul Durerii

Es ist still in den verfallenden Mauern des Gefängnisses, als der hagere alte Mann einen Text zur Hand nimmt. Stefan Serbanescu, 78, liest ein langes Gedicht vor. Es trägt den Titel "Der Fluch" und beschreibt ein Ungeheuer, das hier im Kerker von Ramnicu Sarat, nordöstlich von Bukarest, gewütet hat.

Serbanescus Ungeheuer ist ein Menschenfresser von besonderen Graden und heißt Kommunismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die rumänischen Kommunisten das ganze Land zwischen Karpaten und Schwarzem Meer mit einem dichten Netz von Vernichtungsstätten, Arbeitslagern und psychiatrischen Zwangsanstalten überzogen. Von 1945 bis 1989, so hieß es 2006 im Bukarester Parlament, seien bis zu zwei Millionen Menschen Opfer von Verfolgungen geworden. Dabei bediente sich die rote Diktatur eines Helfershelfers, dessen Name noch heute viele Rumänen erzittern lässt: Die rumänische Geheimpolizei Securitate war mit zuletzt 400.000 Spitzeln in Rumänien allgegenwärtig wie die deutsche Stasi in der DDR - aber dabei noch ungleich brutaler als Mielkes Männer.

Acht Jahre lang hat Stefan Serbanescu hinter den Mauern eines Securitate-Gefängnisses verbracht, in das er jetzt zurückgekehrt ist. Das Dichten - ohne Stift und Papier, nur in Gedanken - half ihm, zu überleben. Den jungen Studenten, die ihm heute im ehemaligen Kerker gebannt zuhören, können am besten frühere Securitate-Opfer wie der pensionierte Kunsthistoriker die finstere Epoche unter dem brutalen Diktator Nicolae Ceausescu vor Augen führen. Das hofft zumindest der Organisator der Gefängnisführung, der 45-jährige Historiker Marius Oprea. Er leitet das Bukarester "Institut für die Erforschung der Verbrechen des Kommunismus" (IICCR), eine 2005 gegründete halbstaatliche Einrichtung, die "eher als ein Wiesenthal-Zentrum denn als Gauck-Behörde" funktionieren soll, so Oprea. Der Historiker, als Student einst selbst Opfer der Securitate, will Aufklärung - aber durchaus auch Vergeltung.

Störende Ermittlungen

Durch zahlreiche Enthüllungen ist Oprea in Rumänien zu einem Störenfried geworden, vor allem für einstige Systemträger, die heute immer noch oder wieder auf wichtigen Posten sitzen. Wiederholt ist Oprea bedroht und bespitzelt worden; seine Frau und sein kleiner Sohn leben deshalb in Deutschland. Immerhin: Staatspräsident Traian Basescu toleriert die unbequemen Aufklärer vom IICCR, deren Arbeit von der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung sowie mit Mitteln aus den USA und den Niederlanden gefördert wird. Die historische Aufarbeitung der Diktatur, für die es in der rumänischen Sprache bis heute keinen eigenen Begriff gibt, kam dadurch in den vergangenen fünf Jahren in Schwung.

Den Zugang zu ihren Unterlagen erhielten die Securitate-Opfer erst nach 2000, als die neu gegründete, seither immer wieder in ihrer Arbeit behinderte Securitate-Akten-Behörde zu sichten begann, was der Geheimdienst nach der Wende nicht vernichtet hatte. 1,8 Millionen Dossiers verwaltet die Bukarester Behörde inzwischen. Sie beschreiben das Wüten einer Geheimpolizei, die Intellektuelle ebenso einsperrte wie Bauern, sie deportierte und sogar ermordete.

Weil Staatsanwälte ihre Verbrechen als gewöhnliche Kriminalität einstufen, sind die Taten nach rumänischem Recht verjährt, auch die Morde. Bis heute sei kein einziger Securitate-Agent ins Gefängnis gekommen, klagt Oprea und fordert: "Diese Taten müssen endlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt werden." Um das zu erreichen, will der Historiker "die ganze Wahrheit ausgraben" - und meint das wörtlich: Schätzungsweise 10.000 Gegner des Ceausescu-Regimes hat die Securitate ohne Prozess hingerichtet und anschließend anonym verscharrt. Für ihre Angehörigen galten sie häufig als verschollen. Nun versucht Oprea mit Hilfe von Archäologen und Historikern, die Überreste der Verschwundenen zu finden und zu bergen. Seit Beginn des Jahres hat das Institut neun Opfer exhumieren können. Insgesamt sind es schon 30 Verschwundene, die postum geehrt und - im orthodoxen Rumänien unabdingbar - mit kirchlichem Segen erneut bestattet wurden.

Stille bis zum Wahnsinn

In den Interviews mit Überlebenden, welche die Historiker des IICCR aufzeichnen und archivieren, zeigt sich das Ausmaß der Schrecken. Durch sie erfährt die Nachwelt, dass innerhalb des rumänischen Gulag einzelne Kerker und Lager für besondere Torturen berüchtigt waren: "Tempel des Schweigens" wurde etwa das in der walachischen Ebene gelegene Gefängnis von Ramnicu Sarat genannt, in dem 1950 der damals 19-jährige Serbanescu eingesperrt wurde, weil er einen antikommunistisch gesinnten Studienkollegen nicht angezeigt hatte.

In seiner Zelle war Serbanescu vollständig isoliert. Sprechen war verboten, im ganzen Gebäude herrschte Grabesstille. Die Wärter schlichen auf Stoffschuhen umher, nur das Knarzen der Schlösser war zu hören. Wenn das Essen verteilt wurde, mussten sich die Gefangenen abwenden, die kleinen Zellenfenster waren geschwärzt. "Wir sollten kein Gesicht sehen und nichts hören", sagt Serbanescu. "Das brachte viele um den Verstand." Mit einem gehusteten Morsesystem überlisteten manche Häftlinge die Securitate-Schergen. "Für einen Satz brauchten wir eine Woche", erinnert sich der heute 91-jährige Ion Diaconescu, der 1947 als Politiker der unliebsamen Bauernpartei zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde: "Nach der Entlassung war ich kein Mensch mehr wie die anderen." Viele der zu Isolation Verdammten mussten in Freiheit das Sprechen neu erlernen.

Der Leiter des berüchtigten Polit-Kerkers im moldauischen Galati, Petrache Voiciu, stach toten Häftlingen vor ihrem Abtransport regelmäßig ein Messer ins Herz, berichtet Serbanescu, der auch dort einsaß: "Damit sie nicht etwa simulierten und entkommen konnten." Am grausamsten ging es in der Haftanstalt von Pitesti zu. Dorthin wurden Häftlinge gezwungen, einander zu foltern, etwa indem sie ihre Köpfe gegeneinander schlugen, bis einer ohnmächtig umfiel. Studenten mussten "schweinisch", wie es hieß, essen: Auf den Knien und die Hände auf dem Rücken, mussten sie heiße Flüssigkeiten aus der Blechschüssel aufschlürfen.

33 Kugeln im Leib

Die Toten, die Oprea und seine Helfer jetzt bergen, stammen vornehmlich aus der Nachkriegszeit, in der sich Oppositionelle gegen die Sowjetisierung des Landes gestemmt hatten. Vor allem die Bauern in Siebenbürgen hatten sich damals gegen die Zwangskollektivierung gewehrt, nach offiziellen Angaben wurden damals etwa 124.000 Menschen verhaftet.

Archivdokumente, Augenzeugenberichte und Bodendetektoren weisen nun den Weg zu längst überwucherten Gräbern. Der damals 24-jährige Iosif Nandra und sein Freund Petru Vitan beispielsweise hatten damals einer Widerstandsgruppe aus dem Städtchen Hateg angehört, als ein gemeinsamer Bekannter sie für zwei Ochsen an die Securitate verriet. Sein Freund wurde erschossen, Nandra hingegen konnte mit durchschossener Schulter und 33 Schrotkugeln im Leib entkommen. Jedes Jahr am 21. November, dem Todestag von Vitan, machte sich Nandra auf den langen Weg an den Tatort - im Sonntagsanzug, mit Blumen in der Hand und einer Flasche Wein im Gepäck. Nun ist der alte Mann glücklich, dass er seinen Freund, der inzwischen exhumiert und ehrenvoll bestattet wurde, auf dem Friedhof besuchen kann.

Die Mörder von damals zum Sprechen zu bewegen, ist bis heute unmöglich. Eine Ausnahme machte Liviu Pangratiu, ein Securitate-Mann im Ruhestand aus der Stadt Cluj. Der mittlerweile 90-Jährige gehörte einem Kommando an, das vor 60 Jahren blutige Aktionen durchführte. Im Landkreis Bistrita folterte es drei Oppositionelle öffentlich, brachte sie heimlich um und verscharrte sie. Mädchen, die damals im Wald Beeren sammelten, hörten die Schüsse und sahen die frischen Gräber. Erst als alte Frauen schilderten sie ihre Erlebnisse der IICCR, deren Forscher dann in einem damals verschickten telegrafischen Bericht an die Zentrale in Bukarest auf den Namen des Securitate-Unterleutnants Pangratiu stießen.

Einem Reporter der Zeitung "Evenimentul Zilei" gelang es tatsächlich, Pangratiu aufzuspüren. Der Pensionär leugnete nicht, zeigte aber auch kein schlechtes Gewissen. "Das ist 60 Jahre her", erwiderte er dem Reporter selbstbewusst, "aber geändert hat sich nicht viel. Damals kämpften wir gegen die Partisanen, heute bekämpfen wir Terroristen."



insgesamt 2 Beiträge
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Michael Kothen, 14.10.2009
1.
Schade das es in dem Artikel "nur" um die Rumänen geht und nicht auch um die Minderheiten, die in dieser Zeit zu leiden hatten.
Robert Geisler, 14.10.2009
2.
Der Diktator Ceau?escu kam erst 1965 an die Macht. Die genannten Gefängnisse wurden unter seinem Vorgänger Gheorghe Gheorghiu-Dej und seiner Aussenministerin Ana Pauker eingerichtet. Im Artikel vermisse ich ebenfalls einen Hinweis auf die christlichen Opfer, die das Regime mit perversen Methoden von ihrem Glauben abbringen wollte. Der bekannteste unter ihnen ist wohl Valeriu Gafencu.
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