Stalinismus Wie Russland den Terror von 1937 verdrängt

Stalinismus: Wie Russland den Terror von 1937 verdrängt Fotos
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Historiker sprechen vom Großen Terror, im russischen Volksmund heißt die Schreckenszeit des Stalinismus einfach "37". Denn 1937 begannen die Massenerschießungen mit dem Befehl Nummer 00447. Mindestens 1,5 Millionen Menschen wurden verhaftet, davon etwa 700.000 exekutiert. Von

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"Ein einziger Befehl hat mich meiner Kindheit beraubt", sagt die Rentnerin Olga. Sie ist 72 und lebt auf einer kleinen Datscha in Moskau. Sie hat Kinder und Enkelkinder um sich herum. "Die haben eine schöne Kindheit heute", nickt sie stolz und ist glücklich.

Olgas Kindheit allerdings war ein Trauma. Sie weiß nicht, wo sie geboren wurde. Sie kennt ihren damaligen Namen nicht. Sie war gerade zwei Jahre alt, als ihre Eltern eines Nachts einfach verschwanden. Wohin, das hat sie nie erfahren. Vermutlich wurden sie Opfer der landesweiten Repression. Nach dem Warum hat Olga nie gefragt. "Es war die Zeit der Lügen. Damals, du weißt schon: 37."

1937 war das Jahr, in dem der Stalin-Terror seinen Höhepunkt erreichte und das Jahr, in dem Olga in ein Waisenhaus nach Norilsk, eine Stadt am nördlichen Polarkreis, verschleppt und später gezwungen wurde, im dortigen Nickelkombinat zu malochen - wie Tausende anderer Zwangsarbeiter auch. "Wir haben immerzu gefroren, denn dort ist es im Winter bitterkalt und auch im Sommer wird es nie wirklich warm", erinnert sie sich.

Olgas Schicksal ist eines von Zehntausenden. Bei der Nichtregierungsorganisation Memorial, die 1989 aus einer Bürgerinitiative zur Errichtung von Denkmälern für die Opfer der Repressionen hervorgegangen ist, meldeten sich allein im vergangenen Jahr Hunderte Waisen wie Olga. In den Datenbanken von Memorial, die nun mehr als zwei Millionen Kurzbiografien von Opfern enthalten, machen sie sich auf die Suche nach dem Schicksal ihrer Eltern.

"Die Bande antisowjetischer Elemente"

Der berüchtigte Befehl, der Olgas Kindheit zerstörte, trug die Nummer 00447. Ihn hat der Chef des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD), Nikolai Jeschow, am 30. Juli 1937 dem Politbüro vorgelegt. Damit begann offiziell die Zeit des Großen Terrors, der bis 1938 anhielt. Historiker nennen diese Periode auch die "Jeschowschtschina", denn Jeschow war Stalins Exekutor und Organisator der Massenerschießungen.

Der Titel des Befehls lautete: "Über die Repressionsmaßnahmen gegen ehemalige Kulaken, Kriminelle und andere antisowjetische Elemente". Wörtlich heißt es: "Vor den staatlichen Sicherheitsorganen steht nun die Aufgabe, schonungslos die gesamte Bande antisowjetischer Elemente zu zerschlagen, das arbeitende Sowjetvolk vor ihren konterrevolutionären Intrigen zu schützen und schließlich, ein für allemal, ihrer gemeinen Zersetzungsarbeit gegen die Grundlagen des sowjetischen Staates ein Ende zu bereiten."

Insgesamt hat das NKWD nach heutigem Kenntnisstand in 14 Monaten mindestens 1,5 Millionen Menschen verhaftet, etwa 700.000 von ihnen wurden erschossen.

Auf den Befehl 00447 folgte am 15. August Jeschows Befehl Nummer 00486 "Über die sozial gefährlichen Kinder". Das waren Kinder wie Olga: Waisenkinder, deren Eltern als Schädlinge des Sowjetvolkes ins Lager kamen oder erschossen worden waren. Kinder über 15 Jahre fanden sich im Gulag wieder. Vor ihnen lagen acht bis zehn Jahre Zwangsarbeit. Die jüngeren Kinder schickte das NKWD in spezielle Waisenhäuser wie das in Norilsk.

Drang nach Anpassung

"Diese Kinder sind unter traumatischen Bedingungen aufgewachsen", erklärt Memorial-Mitarbeiterin Irina Scherbakowa. Viele könnten bis heute nicht darüber sprechen, stellt die gelernte Historikerin fest, die bei Memorial ein Oral History Projekt betreut und derzeit die Lebensläufe dieser "Kinder von 37" untersucht. "Dabei haben gerade diese Kinder eine große Intellektuellen-Karriere in den sechziger bis achtziger Jahre der Sowjetunion gemacht". Sie hat Hunderte von Interviews mit Menschen dieser Generation geführt und muss immer wieder feststellen: Besonders bei den Kindern von 37 sei der Drang nach Anpassung sehr groß. "Bis heute haben sie Angst, sich gegen die Staatsmacht aufzulehnen."

Diese Generation demonstriere das wahre Problem Russlands: "Die Unfähigkeit zu trauern und die unsagbare Fähigkeit, zu verdrängen." Auch Olga spricht bis heute nicht gerne von ihrem Leidensweg. Auch ihren Familiennamen will die alte gebrechliche Dame nicht nennen, denn "meinen richtigen Namen habe ich nie erfahren", sagt sie traurig. Im Alter müsse man sich an die guten Seiten des Lebens erinnern, ist sie überzeugt, man könne nicht ein Leben lang Opfer bleiben. "Und Stalin ist schon lange tot", winkt sie ab.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 02.08.2007

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