Stalins Sohn "Schaffte es nicht einmal, sich zu erschießen"

Millionen Rotarmisten nahm die deutsche Wehrmacht nach dem Überfall auf die Sowjetunion gefangen - auch Stalins Sohn Jakow. 1943 starb er im KZ Sachsenhausen. Suchte er in seiner Verzweiflung selbst den Tod?

imago

Joseph Goebbels war glücklich - Hitlers Sprachrohr schwelgte in bestem Propagandamaterial. "Vollkommene Planlosigkeit" herrsche bei der Roten Armee, las der deutsche Propagandaminister im Verhörprotokoll eines Kriegsgefangenen namens Jakow Dschugaschwili. "Liederlich und schlecht" seien die sowjetischen Truppen organisiert; "unklug", "blödsinnig", gar "idiotisch" habe die Führung die "Einheiten ins Feuer, direkt ins Feuer geschickt".

Dieses Feuer hatte am 22. Juni 1941 die deutsche Wehrmacht an der sowjetischen Grenze entfacht. Über drei Millionen Soldaten überfielen die Sowjetunion, die Rote Armee wurde völlig überrascht. Hunderttausende Rotarmisten nahm die Wehrmacht in den ersten Wochen gefangen, darunter am 16. Juli Oberleutnant Dschugaschwili.

Jakow Dschugaschwili
ullstein bild

Jakow Dschugaschwili

Sein Vater war Josef Dschugaschwili - besser bekannt als Stalin.

Kaum war diese Nachricht bekannt, lief der Nazi-Propagandaapparat auf Hochtouren. Rundfunksender strahlten die Verhöraufzeichnung in russischer Sprache aus, um Rotarmisten zum Überlaufen zu bewegen. Und über den sowjetischen Linien abgeworfene Flugblätter zeigten Stalins Sohn umgeben von deutschen Offizieren.

Schwiegertochter verhaftet, Enkelin ins Heim

In Moskau ließ der Diktator Stalin derweil seine Schwiegertochter Julia stellvertretend für ihren Mann büßen. Sie wurde verhaftet, Jakows und Julias Tochter in ein Heim gebracht. Mit "Verrätern" machte Stalin stets kurzen Prozess - genau wie mit seinem erstgeborenen Sohn.

Jakow war erst ein paar Monate alt, als seine Mutter Ketewan Swanidse 1907 im georgischen Tiflis starb - Stalins große Liebe. Der hatte sich ganz dem Sozialismus verschrieben. Und überfiel Banken, um die Parteikasse zu füllen. Pathetisch klagte Stalin laut seinem Biografen Simon Sebag Montefiore bei der Beerdigung seiner Frau: "Mit ihr sind meine letzten warmen Gefühle für alle menschlichen Wesen gestorben." Kurzerhand überließ er seinen Sohn Verwandten.

Stalins Worte sollten sich als prophetisch erweisen. Mit Intelligenz und völliger Skrupellosigkeit wurde er spätestens Mitte der Dreißigerjahre zum "starken Mann" der Sowjetunion. Millionen ließ er in Lager sperren oder ermorden, selbst alte Genossen verschonte er nicht.

Stalins Härte sollte auch sein Sohn erfahren. Anfang der Zwanzigerjahre wohnte Jakow wieder im Haushalt des Vaters, der 1919 die 23 Jahre jüngere Nadeschda Allilujewa geheiratet hatte. Die Stiefmutter kam mit dem Jungen nicht zurecht. Der Fünfzehnjährige "macht Blödsinn und raucht", beklagte sie sich in einem Brief.

"Haha, danebengeschossen", spottete Stalin

1922 wurde Stalin Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Drei Jahre später wollte Jakow eine 16-jährige Priestertochter heiraten, es kam zum Eklat. In seiner Verzweiflung versuchte Jakow, sich mit einem Schuss ins Herz zu töten. Vergeblich. "Haha, danebengeschossen", spottete Stalin. Monatelang war sein Sohn im Krankenbett. Als "Straßenlümmel" und "Erpresser" bezeichnete ihn Stalin noch Jahre später.

Äußerlich ähnelten Vater und Sohn einander, innerlich waren sie völlig verschieden. Während Stalin brutal und berechnend auftrat, wurde Jakow von seiner Halbschwester Swetlana als "friedlich", "ruhig" und "bescheiden" beschrieben. Ohne Patronage von Stalin versuchte Jakow, sich eine eigene Existenz aufzubauen, wurde Ingenieur und arbeitete in einem Moskauer Automobilwerk, das nach seinem allmächtigen Vater benannt war.


Historische Filmaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg

Spiegel TV

Erst als Jakow in die Rote Armee eintrat, schien Stalin ihn zu respektieren. Anfang Mai 1941 erhielt Jakow sein erstes Kommando: Er befehligte eine Haubitzeneinheit. Wenige Wochen später marschierten die Deutschen ein.

"Geh und kämpfe", befahl der Diktator seinem Sohn per Telefonat nach Beginn der Invasion. Am 9. Juli 1941 attestierte ein Vorgesetzter Jakow noch "besondere Tapferkeit", fünf Tage später wurde er als vermisst gemeldet.

Gefangennahme galt als Vaterlandsverrat

"Schaffte es nicht einmal, sich zu erschießen", kommentierte Stalin die deutsche Bekanntmachung von der Gefangennahme. Seinem anderen Sohn Wassili, einem Luftwaffenoffizier, verbot er kategorisch Kampfeinsätze. "Eine Gefangengabe an den Feind ist Vaterlandsverrat", ließ Stalin die Soldaten der Roten Armee bei ihrer Vereidigung schwören. In der paranoiden Vorstellungswelt des Diktators war jeder Kriegsgefangene ein Verräter - und alle seine Verwandten.

Der bald nach Kriegsbeginn erlassene "Befehl 270" bedrohte insbesondere jeden Offizier der Roten Armee, der in Gefangenschaft geriet, bei der Rückkehr mit dem Tod. Ihre Familien konnten zur Zwangsarbeit verhaftet werden, oft wurde jegliche staatliche Unterstützung gestrichen. Seinen eigenen Befehlen zufolge hätte sich Stalin durch Jakows Gefangennahme selbst verhaften lassen müssen. Stattdessen brachte er kurzerhand seine Schwiegertochter ins Gefängnis.

Sein Sohn Jakow verbrachte die nächsten zwei Jahre in deutschen Kriegsgefangenenlagern: erst im fränkischen Hammelburg, dann nahe Lübeck, schließlich im KZ Sachsenhausen bei Berlin. Dort waren in einem Sonderlager wichtige Kriegsgefangene untergebracht - Briten, Griechen, Russen, neben Stalins Sohn auch ein Neffe des Sowjet-Außenministers Wjatscheslaw Molotow.

Tödlicher Zaun, tödliche Schüsse

Auf dem kleinen Gelände, umgeben von einem hohen elektrisch geladenen Zaun, durften sich die Insassen weitgehend frei bewegen. Jakow Dschugaschwili trug weiterhin seine Uniform, erhielt SS-Kost und konnte sich regelmäßig waschen. So blieb Stalins Sohn körperlich gesund, litt aber wahrscheinlich unter Depressionen. "Während wir anderen richtig marschierten, um uns fit zu halten, schlenderte er nur herum", erinnerte sich der Mitgefangene Thomas Cushing 1968 im SPIEGEL.

Am 14. April 1943 kam es zur Katastrophe. "Er war völlig durchgedreht und lief erregt im Lager herum", sagte der SS-Mann Karl Jüngling später aus. "Posten schießen", brüllte Jakow und stürmte auf den tödlichen Elektrozaun zu. Der Wachmann Konrad Harfich feuerte. So starb Jakow Dschugaschwili.

Einige Tage später schrieb SS-Reichsführer Heinrich Himmler an Außenminister Joachim von Ribbentrop: "Lieber Ribbentrop. Anliegend übersende ich Dir einen Bericht über die Tatsache, dass der Kriegsgefangene Jakob Dschugaschwili, Sohn von Stalin, bei einem Fluchtversuch im Sonderlager A in Sachsenhausen bei Oranienburg erschossen worden ist."

Hatte Jakow tatsächlich einen dilettantischen Fluchtversuch gewagt - oder wollte er sterben?

Verstört und ausgelaugt

Thomas Cushing berichtete, er habe seinen Mitgefangenen nach einer deutschen Propagandasendung im Radio völlig verstört erlebt. Darin wurde Stalin so zitiert: "Hitler hat überhaupt keine russischen Gefangenen, er hat nur russische Verräter, und die werden wir erledigen, sobald der Krieg vorbei ist." Als Stalins Sohn machte sich Jakow sicher keine Illusionen darüber, wozu sein Vater imstande war. Auch er selbst wurde in der Sendung angesprochen. "Ich habe gar keinen Sohn Jakow", erinnerte sich Thomas Cushing an Stalins angebliche Worte.

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Schon Jakows Gefangennahme durch die Deutschen hatte Fragen aufgeworfen. Als sowjetische Spähtrupps im Juli 1941 vergeblich im Kampfgebiet nach ihm fahndeten, stießen sie auf einen versprengten Soldaten aus Jakows Einheit. Zusammen waren sie vor den Deutschen geflüchtet, wie der SPIEGEL vor einigen Jahren aus lange verschlossenen Akten des russischen Verteidigungsministeriums berichtete. Gemeinsam hatten sie sich als Zivilisten getarnt und ihre Dokumente verborgen. Bis Jakow seinen Kameraden allein weiterziehen ließ: "Er aber wolle sich ausruhen."

Gut möglich, dass Jakow Dschugaschwili sich 1941 freiwillig in deutsche Gefangenschaft begeben hatte. Sehr wahrscheinlich, dass er unter einer Haftpsychose litt und den Tod suchte, ausgelaugt und verzweifelt. Der Griff in den Hochspannungszaun und praktisch zeitgleich die Kugel, die seinen Schädel zertrümmerte - Stalins Sohn war auf der Stelle tot.

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Adalbert Ullrich, 22.06.2016
1. Oberleutnant........
....... und Kommandeur eines Haubitzenregiments. Dürfte ein ziemlicher Quatsch sein. Ansonsten: Gnadenlos wurde der Krieg von beiden Seiten geführt. War zwar nicht wie mein Vater dabei, kannte aber viele ehemalige Kriegsteilnehmer und Spätheimkehrer mit ihren (sicher etwas ) eingefärbten Berichten....
Rolf Elmar Hofmeister, 22.06.2016
2. Völlig überraschte sowjetische Armee ?
Das dürfte zutreffen. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion kam aber zumindest für Stalin und seinen Auslandsgeheimdienst alles andere als überraschend, da die Sowjets sowohl von dem deutschen Spionagering "Rote Kapelle" (Harro Schulze-Boysen, David Harnack, u.a.) als auch von Richard Sorge in Tokio über die Angriffsplanungen und den genauen Angriffstermin detailliert in Kenntnis gesetzt wurden. Stalin wollte das nicht wahrhaben, traute den Geheimdienstinformationen nicht und schrieb sogar noch unflätig-ordinäre Bemerkungen auf die geheimen Berichte. Ein ganz gewöhnlicher, machtgieriger Idiot, der seine eigenen Soldaten nicht vor der drohenden Gefahr warnte und beim absehbaren deutschen Angriff auf Moskau unter Angstzuständen litt und tagelang völlig apathisch war. Nicht Stalin gewann den Krieg, das waren seine Generäle, denen er freie Hand ließ. Zumindest in dieser Hinsicht war er Hitler überlegen.
Hardy Voss, 22.06.2016
3. Ja, ja,
Das Wort "gleichzeitig" ist wohl in die Verbannung geschickt worden, auch beim SPON; obwohl es hier richtiger wäre, "zeitgleich" heißt es, wenn zwei Rennfahrer zu verschiedenen Zeiten jeder eine Runde fährt und dafür genau so lange braucht wie der jeweils andere, dann sind die Runden "zeitgleich". Hier werden aber zwei Dinge genannt, die genau zur gleichen Zeit geschehen, also "gleichzeitig".Aber auch der SPON rennt jeder Mode nach, sei sie auch noch so abwegig.
Daniel Apostol, 22.06.2016
4. Die Söhne der grössten russischen Diktatoren..
hatten ein hartes Los, wenn man sich die bekanntesten ansieht: 1. Ivan IV. "der Schreckliche": erschlug seinen älteren Sohn und Thronfolger im Zorn mit seinem Zepter, dieser starb in seinen Armen, der Zar nun offiziell wahnsinnig. 2. Peter I. "der Grosse": liess seinem geflohenen Sohn unter falschen Zusicherungen von freiem Geleit den Prozess machen, zum Tode verurteilen und defakto zu Tode foltern, bzw. an den Folgen der Folter sterben, bevor er sich zur Durchführung des Urteils durchringen konnte. 3. und Stalins ältester natürlich. schon eine interessante Sammlung
Ulrich Schneider, 22.06.2016
5. Geschichte wiederholt sich doch
Denn genau 75 Jahre nach dem Überfall auf die Soviet Union rotten sich wieder faschistische Truppen an der russischen Grenze zusammen, als wolle die NATO den Krieg der Nazis doch noch gewinnen.
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