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Stalins Sohn "Schaffte es nicht einmal, sich zu erschießen"

Jakow Stalin: Ungeliebter Sohn - gnadenloser Vater Fotos
imago

Millionen Rotarmisten nahm die deutsche Wehrmacht nach dem Überfall auf die Sowjetunion gefangen - auch Stalins Sohn Jakow. 1943 starb er im KZ Sachsenhausen. Suchte er in seiner Verzweiflung selbst den Tod? Von

Joseph Goebbels war glücklich - Hitlers Sprachrohr schwelgte in bestem Propagandamaterial. "Vollkommene Planlosigkeit" herrsche bei der Roten Armee, las der deutsche Propagandaminister im Verhörprotokoll eines Kriegsgefangenen namens Jakow Dschugaschwili. "Liederlich und schlecht" seien die sowjetischen Truppen organisiert; "unklug", "blödsinnig", gar "idiotisch" habe die Führung die "Einheiten ins Feuer, direkt ins Feuer geschickt".

Dieses Feuer hatte am 22. Juni 1941 die deutsche Wehrmacht an der sowjetischen Grenze entfacht. Über drei Millionen Soldaten überfielen die Sowjetunion, die Rote Armee wurde völlig überrascht. Hunderttausende Rotarmisten nahm die Wehrmacht in den ersten Wochen gefangen, darunter am 16. Juli Oberleutnant Dschugaschwili.

Jakow Dschugaschwili Zur Großansicht
ullstein bild

Jakow Dschugaschwili

Sein Vater war Josef Dschugaschwili - besser bekannt als Stalin.

Kaum war diese Nachricht bekannt, lief der Nazi-Propagandaapparat auf Hochtouren. Rundfunksender strahlten die Verhöraufzeichnung in russischer Sprache aus, um Rotarmisten zum Überlaufen zu bewegen. Und über den sowjetischen Linien abgeworfene Flugblätter zeigten Stalins Sohn umgeben von deutschen Offizieren.

Schwiegertochter verhaftet, Enkelin ins Heim

In Moskau ließ der Diktator Stalin derweil seine Schwiegertochter Julia stellvertretend für ihren Mann büßen. Sie wurde verhaftet, Jakows und Julias Tochter in ein Heim gebracht. Mit "Verrätern" machte Stalin stets kurzen Prozess - genau wie mit seinem erstgeborenen Sohn.

Jakow war erst ein paar Monate alt, als seine Mutter Ketewan Swanidse 1907 im georgischen Tiflis starb - Stalins große Liebe. Der hatte sich ganz dem Sozialismus verschrieben. Und überfiel Banken, um die Parteikasse zu füllen. Pathetisch klagte Stalin laut seinem Biografen Simon Sebag Montefiore bei der Beerdigung seiner Frau: "Mit ihr sind meine letzten warmen Gefühle für alle menschlichen Wesen gestorben." Kurzerhand überließ er seinen Sohn Verwandten.

Angriffskrieg: Am 22. Juni 1941 überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion ohne vorherige Kriegserklärung. Über drei Millionen Soldaten der Wehrmacht und verbündeter Staaten hatte der deutsche Diktator Adolf Hitler an der Grenze der Sowjetunion aufmarschieren lassen (Aufnahme einer Flussüberquerung deutscher Soldaten Anfang Juli 1941). Bei dem gnadenlos geführten Krieg starben rund 27 Millionen Sowjetbürger.

Der deutsche General Gotthard Heinrici schrieb in den Jahren 1941 und 1942 zahlreiche Briefen an seine Frau, Tagebucheinträge sowie Berichte an die Familie. So dokumentierte er das "Unternehmen Barbarossa" wie kaum eine andere historische Quelle.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 101I-152-1842-22
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Erschöpfung: Die Frontlinie erstreckte sich von der Ostsee bis ans Schwarze Meer. "Die russische Armee ist buchstäblich aus ihren Betten herausgeschossen worden", schrieb der Gotthard Heinrici zum Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion.

Fahrlässigkeit: Zahlreiche Warnungen hatte der sowjetische Diktator Josef Stalin zuvor ignoriert. Er hielt den deutschen Aufmarsch lediglich für eine Drohgebärde. So wurde die Rote Armee von der deutschen Attacke völlig überrascht. Mit Tausenden Geschützen hatte die Wehrmacht den Angriff eingeleitet, deutsche Kampfflugzeuge griffen sowjetische Flughäfen an und zerstörten zahlreiche Flugzeuge bereits am Boden. Als "Kindsmord" bezeichneten deutsche Jagdpiloten den Abschuss der überrumpelten sowjetischer Flieger, die überhaupt starten konnten. Das Foto vom 14. Juli 1941 zeigt zerstörte sowjetische Maschinen, im Hintergrund ein deutsches Flugzeug.

Vormarsch: Im August 1939 hatte Adolf Hitler mit Stalin einen Nichtangriffspakt geschlossen. Auch deshalb wägte sich der Sowjetherrscher in Sicherheit. Das Abkommen beinhaltete ein Zusatzabkommen, das die Aufteilung Polens vorsah. Tatsächlich hatten das Deutsche Reich und die Sowjetunion das Nachbarland nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 vereinbarungsgemäß besetzt. Als Deutschland knapp zwei Jahre später die Sowjetunion angriff, sollten schnelle Panzerverbände vorstoßen und die Rote Armee einkesseln.

Mühsal: In endlosen Kolonnen folgte die Infanterie den Panzerverbänden. Zunächst ging die deutsche Strategie auf: In Kesselschlachten nahmen die Wehrmachtsverbände Hundertausende Rotarmisten gefangen und erbeuteten zahlreiches Kriegsgerät. Die Rote Armee kämpfte allerdings erfolgreicher, als die Deutschen es annahmen. "Erstaunlich ist für uns alle immer wieder die Zähigkeit, mit welcher der Russe kämpft", notierte Gotthard Heinrici im August.

Kriegsverbrechen: Der Angriff auf die Sowjetunion war von Anfang an als verbrecherischer Vernichtungs- und Ausbeutungskrieg geplant. Deutschland wollte "Lebensraum" erwerben, dafür sollten nach deutschen Planungen Millionen sowjetische Bürger verhungern. Die Wehrmacht requirierte beispielsweise gnadenlos Nahrungsmittel und Vieh der Bauern. Das Bild zeigt eine deutsche Behelfsbrücke im Juli 1941. Die ursprüngliche Brücke hatte die Rote Armee beim Rückzug zerstört.

Hungerkrieg: Die deutschen Plünderungszüge waren von vornherein einkalkuliert worden. Angesichts des schnellen deutschen Vormarsches konnte der Nachschub nicht mithalten, die Truppen sollten sich "aus dem Land" ernähren. Verzweifelt suchten diese Zivilisten Ende Juli 1941 nach Kartoffelschalen zum Überleben.

"Keine Kameraden": Rund 5,7 Millionen Rotarmisten nahm die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gefangen, viele davon in den großen Kesselschlachten der ersten Kriegsmonate. Für die Versorgung dieser Menschen, wie hier links zu sehen, hatte die Wehrmacht allerdings entgegen dem Völkerrecht so gut wie keine Vorsorge getroffen.

Massenmord: Gefangene Rotarmisten vegetierten oft notdürftig bewacht auf offenen Feldern, ohne Nahrungsmittel oder ärztliche Versorgung. Millionen von ihnen starben unter der Verantwortung der Wehrmacht. Allein zwischen dem 22. Juni 1941 und dem Frühjahr 1942 kamen mehr als zwei Millionen Rotarmisten in deutscher Kriegsgefangenschaft um. Sowjetische Soldaten fielen auch anderen deutschen Verbrechen zum Opfer. Im Konzentrationslager Auschwitz erprobte die SS das Vergasen von Menschen als erstes an sowjetischen Kriegsgefangenen. Das Oberkommando der Wehrmacht hatte vor dem Angriff im "Kommissarbefehl" verfügt, dass Politische Kommissare der Roten Armee nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern zu erschießen seien. Zuvor war bereits die Kriegsgerichtsbarkeit im sowjetischen Operationsgebiet aufgehoben worden. Demnach mussten Übergriffe deutscher Soldaten auf die Zivilbevölkerung nicht mehr verfolgt werden.

Völkermord: Hinter den Verbänden der Wehrmacht marschierten Einsatzgruppen der SS in die Sowjetunion ein. Sie brachten Hunderttausende Juden, Sinti und Roma und kommunistische Funktionäre um. Allein in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew ermordete das Sonderkommando 4a über 30.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Später lobte die SS ausdrücklich die "gute Zusammenarbeit" mit der Wehrmacht. Das Foto einer Propagandakompanie zeigt zur Arbeit gezwungene Juden im weißrussischen Mogilew nach dem deutschen Einmarsch.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 101I-138-1084-09
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"Heldenstadt": Im September 1941 schnitt die deutsche Heeresgruppe Nord das sowjetische Leningrad von allen Landverbindungen ab. Die deutsche Strategie war ein Kriegsverbrechen: Statt die Stadt zu erobern, sollte sie ausgehungert werden. Bis die Rote Armee nach rund 900 Tagen den deutschen Belagerungsring sprengen konnte, war Schätzungen von Historikern zufolge über eine Million Zivilisten an Hunger, Seuchen, Kälte und deutschem Beschuss umgekommen. Sowjet-Diktator Stalin hatte Leningrad zur "Heldenstadt" erklärt.

Schweigen: Nach dem deutschen Überfall schien Stalin unter Schock zu stehen. Er zog sich auf seine Datscha zurück. Erst Anfang Juli wandte sich der Diktator an die Bevölkerung und rief zum absoluten Widerstand gegen die Invasoren auf (Aufnahme aus dem November 1941). Rücksicht auf die Zivilbevölkerung und seine Soldaten nahm auch Stalin nicht. Rotarmisten, die sich den Deutschen ergaben, und Zivilisten, die unter den deutschen Herrschaftseinfluss gerieten, galten Stalin als "Verräter". Sein eigener Sohn Jakob geriet als Offizier Mitte Juli 1941 in deutsche Gefangenschaft.

Guerillakrieg: Hinter den deutschen Linien formierten sich bald Partisanenverbände, die immer wieder Wehrmachtssoldaten angriffen und Sabotageakte verübten (hier Partisanen im August 1941). Die Deutschen reagierten unerbittlich. Partisanen und Menschen, die Landser für solche hielten, wurden kurzerhand hingerichtet. "Insgesamt 12 Partisanen erledigt", schrieb Gotthard Heinrici am 2. November 1941 in sein Tagebuch.

Überlegenheit: Bei Beginn des Überfalls hielten die deutschen Generäle die Wehrmacht überlegen. Den stalinistischen Säuberungen in den Dreißigerjahren waren zahlreiche Offiziere zum Opfer gefallen, auch das deutsche Kriegsgerät galt als technisch ausgereifter. Während der Kampfhandlungen erwies sich der sowjetische Panzer "T-34" aber als weitaus kampfstärker als vermutet (Aufnahme von 1941).

Mühsal: Im einsetzenden Herbst verwandelten Regenfälle die sowjetischen Straßen in Schlammbahnen. Bald versank der Vormarsch der Wehrmacht im Schlamm und dann im Eis.

Mangel: Die deutsche Generalität ging von einem schnellen Sieg über die Rote Armee aus. Vorbereitungen für einen Winterkrieg hatte sie nicht getroffen. Als sich der Feldzug immer länger hinzog, wurden in Deutschland eilig Kleiderspenden gesammelt (Aufnahme von Wehrmachtssoldaten in Witebsk im nordöstlichen Weißrussland).

Rassenhass: General Gotthard Heinrici war bestürzt über die Lebensbedingungen der Bevölkerung in der Sowjetunion, was zugleich seine rassistischen Überzeugungen befeuerte. "Dies Volk ist schon garnicht mehr mit unseren Maßstäben zu messen", schrieb er im Oktober 1941. Das Foto zeigt deutsche Truppen in einem eroberten sowjetischen Dorf zwei Monate zuvor.

Zermürbung: Die von den Deutschen als "hinterlistig" und "verschlagen" verurteilte Kampfweise der Roten Armee war äußerst effektiv. Gotthard Heinrici urteilte bereits Ende Juli 1941: "Die Truppe geht in den unaufhörlichen Waldgefechten kaput. Die Kampfesart der bolschewistischen Nadelstiche macht sie kaput, denn in diesem Wald u. Sumpfland kann sich der beste Mann des Überfalls nicht erwehren."

Kriegsziel: Die Einnahme der sowjetischen Hauptstadt Moskau sollte die Rote Armee zur Kapitulation zwingen. Angesichts des bevorstehenden deutschen Angriffs führte das sowjetische Oberkommando aber Divisionen aus Sibirien heran, die bestens für den Winterkrieg ausgerüstet waren. Das Foto zeigt eine Flakstellung in Moskau 1941.

Verzweiflung: Weil Hitler der Wehrmacht zunächst die Eroberung der Ukraine befohlen hatte, begann der Vormarsch auf Moskau viel zu spät im Jahr. Angesichts von Regen- und Schneefällen fiel die Versorgung der Truppen immer schwerer. Die Soldaten froren in ihren leichten Uniformen, angesichts der Tiefsttemperaturen fielen immer mehr Motoren aus.

Geschosshagel: Vorgeschobene deutsche Posten konnten aus ihren Ferngläser bereits den Kreml erkennen. Erbittert wurde vor Moskau gekämpft. Bei Temperaturen bei minus 30 Grad zeigte sich die sowjetischen Truppen überlegen, während die Wehrmachtssoldaten am Ende ihrer Kräfte waren. Die Rote Armee drohte die deutschen Einheiten zu umkreisen. Immer mehr Landser fielen. "In 4 Tagen haben wir an 1000 Mann verloren, 790 tot u. verwundet, 180 durch Erfrierungen", beklagte Heinrici bereits im November (Aufnahme sowjetischer Raketenwerfer 1941, die auch in der Schlacht um Moskau eingesetzt wurden).

Starrsinn: Erst im Januar 1942 erlaubte Adolf Hitler seinen Truppen vor Moskau einen Rückzug auf sicherere Stellungen. Das Foto zeigt Hitler (rechts), den italienischen Diktator Benito Mussolini (Mitte) und den deutschen Generalfeldmarschall von Rundtstedt 1941 bei einer Besichtigung der Ostfront.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 146-1987-121-09A
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Anfang vom Ende: Mit der Niederlage vor Moskau war die deutsche Strategie zur Bezwingung der Sowjetunion endgültig zusammengebrochen. 1944 gelang der Roten Armee ihrerseits mit ihrer großen Sommeroffensive der Durchbruch durch die deutschen Frontlinien. Im April 1945 stand die Rote Armee vor Berlin, wenig später endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der deutschen Kapitulation. General Gotthard Heinrici hatte die Entwicklung vorausgeahnt. "Sie werden in 4 Wochen mit dem Verlust ihrer Armee vor Moskau und später mit dem Verlust des Krieges enden", hatte er Hitler und seinen Strategen bereits am Weihnachtsabend 1941 prophezeit (Aufnahme aus dem Dezember 1941 bei Wolokolamsk, nördlich von Moskau).

Stalins Worte sollten sich als prophetisch erweisen. Mit Intelligenz und völliger Skrupellosigkeit wurde er spätestens Mitte der Dreißigerjahre zum "starken Mann" der Sowjetunion. Millionen ließ er in Lager sperren oder ermorden, selbst alte Genossen verschonte er nicht.

Stalins Härte sollte auch sein Sohn erfahren. Anfang der Zwanzigerjahre wohnte Jakow wieder im Haushalt des Vaters, der 1919 die 23 Jahre jüngere Nadeschda Allilujewa geheiratet hatte. Die Stiefmutter kam mit dem Jungen nicht zurecht. Der Fünfzehnjährige "macht Blödsinn und raucht", beklagte sie sich in einem Brief.

"Haha, danebengeschossen", spottete Stalin

1922 wurde Stalin Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Drei Jahre später wollte Jakow eine 16-jährige Priestertochter heiraten, es kam zum Eklat. In seiner Verzweiflung versuchte Jakow, sich mit einem Schuss ins Herz zu töten. Vergeblich. "Haha, danebengeschossen", spottete Stalin. Monatelang war sein Sohn im Krankenbett. Als "Straßenlümmel" und "Erpresser" bezeichnete ihn Stalin noch Jahre später.

Äußerlich ähnelten Vater und Sohn einander, innerlich waren sie völlig verschieden. Während Stalin brutal und berechnend auftrat, wurde Jakow von seiner Halbschwester Swetlana als "friedlich", "ruhig" und "bescheiden" beschrieben. Ohne Patronage von Stalin versuchte Jakow, sich eine eigene Existenz aufzubauen, wurde Ingenieur und arbeitete in einem Moskauer Automobilwerk, das nach seinem allmächtigen Vater benannt war.


Historische Filmaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg

Spiegel TV

Erst als Jakow in die Rote Armee eintrat, schien Stalin ihn zu respektieren. Anfang Mai 1941 erhielt Jakow sein erstes Kommando: Er befehligte eine Haubitzeneinheit. Wenige Wochen später marschierten die Deutschen ein.

"Geh und kämpfe", befahl der Diktator seinem Sohn per Telefonat nach Beginn der Invasion. Am 9. Juli 1941 attestierte ein Vorgesetzter Jakow noch "besondere Tapferkeit", fünf Tage später wurde er als vermisst gemeldet.

Gefangennahme galt als Vaterlandsverrat

"Schaffte es nicht einmal, sich zu erschießen", kommentierte Stalin die deutsche Bekanntmachung von der Gefangennahme. Seinem anderen Sohn Wassili, einem Luftwaffenoffizier, verbot er kategorisch Kampfeinsätze. "Eine Gefangengabe an den Feind ist Vaterlandsverrat", ließ Stalin die Soldaten der Roten Armee bei ihrer Vereidigung schwören. In der paranoiden Vorstellungswelt des Diktators war jeder Kriegsgefangene ein Verräter - und alle seine Verwandten.

Der bald nach Kriegsbeginn erlassene "Befehl 270" bedrohte insbesondere jeden Offizier der Roten Armee, der in Gefangenschaft geriet, bei der Rückkehr mit dem Tod. Ihre Familien konnten zur Zwangsarbeit verhaftet werden, oft wurde jegliche staatliche Unterstützung gestrichen. Seinen eigenen Befehlen zufolge hätte sich Stalin durch Jakows Gefangennahme selbst verhaften lassen müssen. Stattdessen brachte er kurzerhand seine Schwiegertochter ins Gefängnis.

Sein Sohn Jakow verbrachte die nächsten zwei Jahre in deutschen Kriegsgefangenenlagern: erst im fränkischen Hammelburg, dann nahe Lübeck, schließlich im KZ Sachsenhausen bei Berlin. Dort waren in einem Sonderlager wichtige Kriegsgefangene untergebracht - Briten, Griechen, Russen, neben Stalins Sohn auch ein Neffe des Sowjet-Außenministers Wjatscheslaw Molotow.

Tödlicher Zaun, tödliche Schüsse

Auf dem kleinen Gelände, umgeben von einem hohen elektrisch geladenen Zaun, durften sich die Insassen weitgehend frei bewegen. Jakow Dschugaschwili trug weiterhin seine Uniform, erhielt SS-Kost und konnte sich regelmäßig waschen. So blieb Stalins Sohn körperlich gesund, litt aber wahrscheinlich unter Depressionen. "Während wir anderen richtig marschierten, um uns fit zu halten, schlenderte er nur herum", erinnerte sich der Mitgefangene Thomas Cushing 1968 im SPIEGEL.

Am 14. April 1943 kam es zur Katastrophe. "Er war völlig durchgedreht und lief erregt im Lager herum", sagte der SS-Mann Karl Jüngling später aus. "Posten schießen", brüllte Jakow und stürmte auf den tödlichen Elektrozaun zu. Der Wachmann Konrad Harfich feuerte. So starb Jakow Dschugaschwili.

Einige Tage später schrieb SS-Reichsführer Heinrich Himmler an Außenminister Joachim von Ribbentrop: "Lieber Ribbentrop. Anliegend übersende ich Dir einen Bericht über die Tatsache, dass der Kriegsgefangene Jakob Dschugaschwili, Sohn von Stalin, bei einem Fluchtversuch im Sonderlager A in Sachsenhausen bei Oranienburg erschossen worden ist."

Hatte Jakow tatsächlich einen dilettantischen Fluchtversuch gewagt - oder wollte er sterben?

Verstört und ausgelaugt

Thomas Cushing berichtete, er habe seinen Mitgefangenen nach einer deutschen Propagandasendung im Radio völlig verstört erlebt. Darin wurde Stalin so zitiert: "Hitler hat überhaupt keine russischen Gefangenen, er hat nur russische Verräter, und die werden wir erledigen, sobald der Krieg vorbei ist." Als Stalins Sohn machte sich Jakow sicher keine Illusionen darüber, wozu sein Vater imstande war. Auch er selbst wurde in der Sendung angesprochen. "Ich habe gar keinen Sohn Jakow", erinnerte sich Thomas Cushing an Stalins angebliche Worte.

Schon Jakows Gefangennahme durch die Deutschen hatte Fragen aufgeworfen. Als sowjetische Spähtrupps im Juli 1941 vergeblich im Kampfgebiet nach ihm fahndeten, stießen sie auf einen versprengten Soldaten aus Jakows Einheit. Zusammen waren sie vor den Deutschen geflüchtet, wie der SPIEGEL vor einigen Jahren aus lange verschlossenen Akten des russischen Verteidigungsministeriums berichtete. Gemeinsam hatten sie sich als Zivilisten getarnt und ihre Dokumente verborgen. Bis Jakow seinen Kameraden allein weiterziehen ließ: "Er aber wolle sich ausruhen."

Gut möglich, dass Jakow Dschugaschwili sich 1941 freiwillig in deutsche Gefangenschaft begeben hatte. Sehr wahrscheinlich, dass er unter einer Haftpsychose litt und den Tod suchte, ausgelaugt und verzweifelt. Der Griff in den Hochspannungszaun und praktisch zeitgleich die Kugel, die seinen Schädel zertrümmerte - Stalins Sohn war auf der Stelle tot.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Oberleutnant........
Adalbert Ullrich, 22.06.2016
....... und Kommandeur eines Haubitzenregiments. Dürfte ein ziemlicher Quatsch sein. Ansonsten: Gnadenlos wurde der Krieg von beiden Seiten geführt. War zwar nicht wie mein Vater dabei, kannte aber viele ehemalige Kriegsteilnehmer und Spätheimkehrer mit ihren (sicher etwas ) eingefärbten Berichten....
2. Völlig überraschte sowjetische Armee ?
Rolf Elmar Hofmeister, 22.06.2016
Das dürfte zutreffen. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion kam aber zumindest für Stalin und seinen Auslandsgeheimdienst alles andere als überraschend, da die Sowjets sowohl von dem deutschen Spionagering "Rote Kapelle" (Harro Schulze-Boysen, David Harnack, u.a.) als auch von Richard Sorge in Tokio über die Angriffsplanungen und den genauen Angriffstermin detailliert in Kenntnis gesetzt wurden. Stalin wollte das nicht wahrhaben, traute den Geheimdienstinformationen nicht und schrieb sogar noch unflätig-ordinäre Bemerkungen auf die geheimen Berichte. Ein ganz gewöhnlicher, machtgieriger Idiot, der seine eigenen Soldaten nicht vor der drohenden Gefahr warnte und beim absehbaren deutschen Angriff auf Moskau unter Angstzuständen litt und tagelang völlig apathisch war. Nicht Stalin gewann den Krieg, das waren seine Generäle, denen er freie Hand ließ. Zumindest in dieser Hinsicht war er Hitler überlegen.
3. Ja, ja,
Hardy Voss, 22.06.2016
Das Wort "gleichzeitig" ist wohl in die Verbannung geschickt worden, auch beim SPON; obwohl es hier richtiger wäre, "zeitgleich" heißt es, wenn zwei Rennfahrer zu verschiedenen Zeiten jeder eine Runde fährt und dafür genau so lange braucht wie der jeweils andere, dann sind die Runden "zeitgleich". Hier werden aber zwei Dinge genannt, die genau zur gleichen Zeit geschehen, also "gleichzeitig".Aber auch der SPON rennt jeder Mode nach, sei sie auch noch so abwegig.
4. Die Söhne der grössten russischen Diktatoren..
Daniel Apostol, 22.06.2016
hatten ein hartes Los, wenn man sich die bekanntesten ansieht: 1. Ivan IV. "der Schreckliche": erschlug seinen älteren Sohn und Thronfolger im Zorn mit seinem Zepter, dieser starb in seinen Armen, der Zar nun offiziell wahnsinnig. 2. Peter I. "der Grosse": liess seinem geflohenen Sohn unter falschen Zusicherungen von freiem Geleit den Prozess machen, zum Tode verurteilen und defakto zu Tode foltern, bzw. an den Folgen der Folter sterben, bevor er sich zur Durchführung des Urteils durchringen konnte. 3. und Stalins ältester natürlich. schon eine interessante Sammlung
5. Geschichte wiederholt sich doch
Ulrich Schneider, 22.06.2016
Denn genau 75 Jahre nach dem Überfall auf die Soviet Union rotten sich wieder faschistische Truppen an der russischen Grenze zusammen, als wolle die NATO den Krieg der Nazis doch noch gewinnen.
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