Stalins Spion Josef Grigulewitsch Botschafter unter falscher Flagge

Costa Rica entsandte ihn als Botschafter, doch seine Befehle erhielt er aus Moskau: Getäuscht von Charme und Eloquenz des angeblichen Kaffeehändlers "Castro" nahm der mittelamerikanische Staat in den fünfziger Jahren einen Agenten Stalins in Dienst. Der hatte zuvor die Ermordung Trotzkis geplant.

Verlag Molodaja Gwardija, Moskau

Von


Wenn es um Moskaus Machtpolitik ging, lief Costa Ricas Diplomat Teodoro Castro zur Höchstform auf. Im Kalten Krieg zwischen dem Westen und der Sowjetunion erwarb sich der Botschafter des zentralamerikanischen Staates Anfang der fünfziger Jahre einen Ruf als enthusiastischer Verbündeter der USA.

Das Kernproblem seiner Karriere aber blieb seinen Verehrern verborgen. Der Mann hieß weder Castro noch war er Mittelamerikaner. Moskau jedoch kannte er weit besser, als seine westlichen Partner sich vorstellen konnten.

Josef Romualdowitsch Grigulewitsch, wie "Castro" wirklich hieß, war einer der erfolgreichsten Späher der Sowjetunion und avancierte in der zweiten Lebenshälfte zu einem exquisiten Lateinamerika-Experten. Seine wahre Herkunft ließ das nicht vermuten.

Harte Schule unter spanischer Sonne

Dort, wo Grigulewitsch 1913 eigentlich geboren worden war, hatte er nicht lange bleiben können. Der Sohn einer jüdischen Familie stammte aus Vilnius, der heutigen Hauptstadt Litauens, die damals zu Russland gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg war Vilnius von Polen annektiert worden, der Gymnasiast Grigulewitsch aber lehnte das autoritäre polnische Regime zum Wohle reicher Gutsbesitzer ab. Als junger Mann trat er deshalb der illegalen Kommunistischen Partei bei. Er wurde verhaftet und 1933 ausgewiesen.

Der Jungkommunist emigrierte nach Paris und arbeitete dort für die Kommunistische Internationale (Komintern). Nach dem Putsch des ultrarechten Generals Francisco Franco ging er nach Spanien - und begann dort seine Karriere als Agent des sowjetischen Geheimdiensts NKWD. Er gehörte zu der Gruppe um den NKWD-Residenten Alexander Orlow alias Naum Belkin, Deckname "Der Schwede".

Mit dem Vorwand, die Spanische Republik gegen die Faschisten zu verteidigen, sollten Stalins Männer mit abtrünnigen Ex-Genossen und moskaufeindlichen Linken abrechnen. Im Mai 1937 schlugen sie in Barcelona eine gegen die Zentralregierung gerichtete bewaffnete Rebellion von Linkssozialisten und Anarchisten nieder. Grigulewitsch war auch dabei, als der NKWD den ehemaligen Justizminister Andrés Nin, Mitglied der linkssozialistischen Partei POUM, entführte. Nin war ein enger Mitarbeiter von Stalins Antipoden Leo Trotzki und hatte sich von der Moskau-treuen Kommunistischen Partei abgewandt. NKWD-Leute töteten ihn im Juni 1937 bei Madrid.

Das eigentliche Ziel der geheimen Operationen aber war Trotzki alias Lew Bronstein selbst. Der Führer der bolschewistischen Revolution in Russland war auf Befehl Stalins 1927 aus der Partei ausgeschlossen und 1929 ausgewiesen worden. Angebliche Anhänger Trotzkis ließ das Stalinsche Regime in der Sowjetunion in großer Zahl verurteilen und hinrichten.

Auftrag: Mord an Trotzki

Der wortgewaltige Weltrevolutionär lebte seit 1937 in Mexiko und versuchte von dort aus, aus linken Splittergruppen eine "vierte Internationale" zu zimmern. Im Mai 1938 schickte der sowjetische Geheimdienst eine Killer-Truppe nach Mexiko - Grigulewitsch gehörte dazu.

Als in "nassen Sachen" erfahrener Geheimdienstler organisierte er im Mai 1940 einen Anschlag auf Trotzki. Gekleidet in mexikanische Polizeiuniformen attackierte dabei eine 20-köpfige Angreifergruppe Trotzkis Haus im Süden von Mexiko-Stadt mit Waffen, die Grigulewitsch besorgt hatte. Trotzki überlebte das Attentat. Drei Monate später aber wurde er von dem Sowjetagenten Ramón Mercader mit einem Eispickel erschlagen. Grigulewitsch hatte Mercader zuvor in Spanien für den sowjetischen Nachrichtendienst geworben.

Wenige Wochen nach Trotzkis Tod schickte der Geheimdienst Grigulewitsch nach Buenos Aires. Der illegale Gesandte organisierte ein Spionagenetz von rund 200 Leuten gegen die Nazis. Seine Agenten begingen Sabotage, vor allem Sprengstoffanschläge gegen deutsche Handelsschiffe.

Seinen größten Coup aber landete Grigulewitsch nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit Hilfe eines Schriftstellers aus Costa Rica bekam der Sowjetbürger Dokumente, die ihn als Sohn eines wohlhabenden costa-ricanischen Kaffeehändlers ausgaben. Nun hieß er Teodoro Castro.

Sein Zielgebiet war Italien, damals als Verbündeter der USA ein aktiver Partner bei der westeuropäischen Einigung. Der angeblich costa-ricanische Kaffeehändler ließ sich 1949 in Rom nieder. Personalmangel im Diplomatischen Korps der Costa-Ricaner ermöglichte ihm eine Karriere als Quereinsteiger. Bald fand er Kontakt zu Präsident José Figueres Ferrer, einem sozialdemokratischen Reformpolitiker.

Das Staatsoberhaupt des mittelamerikanischen Landes war von dem charmanten und gebildeten Kaffeehändler so angetan, dass er ihn zum diplomatischen Vertreter in Europa ernannte. Der Mann, der unter dem Decknamen "Maks" Moskau diente, wurde Botschafter Costa Ricas in Italien, beim Vatikan und in Jugoslawien. Nie zuvor hatte ein hauptamtlicher Agent Moskaus im Westen eine ähnliche Stellung erreicht.

Tarnung mit Kaffeebohnen

Alle drei Staaten waren für die Sowjets von besonderem Interesse: Italien als Nato-Mitglied, das seine Beziehungen zur Bundesrepublik intensivierte, Jugoslawien wegen dessen von Moskau abgefallenen Führers Josip Broz Tito und der Vatikan erst recht. In ihm sah Stalin einen weltweit tätigen "Hort des Obskurantismus und der Reaktion".

Großherzig ließ Grigulewitsch Papst Pius XII einen Sack Kaffee zukommen. Der Papst ahnte nicht, dass der Diplomat "Castro", der ihm bei Audienzen den Ring küsste, kein katholischer Glaubensbruder, sondern ein gottloser Kommunist war.

"Castros" halbseidener Charme betörte selbst den bundesdeutschen Botschafter in Rom, Clemens von Brentano, Bruder des späteren Außenministers. Auch Diplomaten der westlichen Führungsmacht USA waren von dem eloquenten Gesprächspartner fasziniert. Sie schätzten den Kollegen, der so gescheit über Moskaus ruchlose Taktik dozierte.

Scheinattacke gegen Moskau

Bei der sechsten Vollversammlung der Vereinten Nationen, an der Grigulewitsch 1951 teilnahm, traf er US-Außenminister Dean Acheson, und damit den wichtigsten Strategen der antisowjetischen "Eindämmungs"-Politik. Der sagte ihm, was er gerne von einem Diplomaten Costa Ricas vor der Uno hören würde - und so zitierte "Castro" in einer brillanten Attacke auf die Sowjetunion die Bibel und päpstliche Enzykliken. Der sowjetische Vertreter bei der Uno, Andrej Wyschinski, antwortete voller Verachtung, der Vertreter Costa Ricas sei ein "Schwätzer", der "in den Zirkus" gehöre.

Das Wohlleben des falschen Botschafters mit üppigen Banketten und italienischer Feinkost fand ein jähes Ende, als die sowjetische Zentrale ihn Ende 1953 nach Moskau abberief. Die Übersiedlung in die Mangelgesellschaft war ein Kulturschock für den Lebemann und seine nur spanische sprechende Ehefrau Laura, eine Mexikanerin. So berichtete es Grigulewitschs Tochter dem Moskauer Journalisten Nikolai Dolgopolow.

Grigulewitsch hatte Moskau bis 1953 stets nur heimlich zur Schulung besucht. Es dauerte lange, bis er sich in der kalten Heimat einlebte. Der Workaholic machte Karriere als Buchautor, mit dem Familiennamen seiner Mutter Lawrezki als Pseudonym.

Als Mitarbeiter und ab 1979 als korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften wurde Grigulewitsch maßgeblicher Sowjetfachmann für Lateinamerika und den Vatikan. Dabei arbeitete er zusammen mit anderen Lateinamerika-Experten wie dem Generalleutnant der Auslandsaufklärung und späteren Duma-Abgeordneten Nikolai Leonow, einem alten Freund der Brüder Fidel und Raúl Castro.

In 30 Büchern und 400 weiteren Veröffentlichungen schrieb der Ex-Agent über lateinamerikanische Revolutionäre wie Simón Bolívar, José Martí und Che Guevara. Für die Che-Biografie schrieb Fidel Castro ein Vorwort.

Manche von Grigulewitschs Studien, etwa "Seelenfänger ohne Gnade - Sekten, Kulte und Wundertäter in der kapitalistischen Welt" wurden auch auf Deutsch veröffentlicht, in der DDR. In der Sowjetunion stieß der Südamerika-Kenner trotz seiner Loyalität schon mal an ideologische Schranken. Sein Buch über Che Guevara passierte die sowjetische Zensur nur mit Mühe. Der vitale, experimentierfreudige Che passte nicht in das Weltbild verknöcherter Parteiideologen.

Auf die Frage, was ihn als sowjetischen "Kundschafter" angetrieben habe, antwortete er im Alter: "Den Aufklärer treibt die Illusion, vor allem die Illusion." Im Juni 1988 starb Grigulewitsch 75-jährig in Moskau.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.