Stan Lees 90. Geburtstag Super, Mann!

Stan Lees 90. Geburtstag: Super, Mann! Fotos
AP

Er ist der Mann, der Superhelden menschlich machte. Mit Heroen wie den X-Men, Hulk und Spider-Man veränderte Stan Lee die Comic-Welt. Dabei wollte der Übervater der bunten Bildergeschichten Anfangs lieber große Romane schreiben - und seinen Namen nicht mit der Arbeit an Comics besudeln. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
    3.4 (7 Bewertungen)

Schon als Kind träumte Stanley Martin Lieber davon, ein bedeutender Literat zu werden. Nichts Geringeres als einen großen Gesellschaftsroman, eine "Great American Novel", wollte er schreiben. Und irgendwie ist ihm das gelungen. Der Sohn rumänischer Einwanderer, der am 28. Dezember 90 Jahre alt wird, erfand in den fünfziger und sechziger Jahren für den Comic-Verlag Marvel Geschichten und Figuren, die längst zum Kanon der amerikanischen Literatur gehören, auch wenn sie nicht zwischen zwei edel gebundenen Buchdeckeln erschienen sind.

Hulk, die Fantastischen Vier, Spider-Man, Iron Man, der Silver Surfer - noch heute haben Marvels zum Teil mehr als 50 Jahre alte Superhelden noch genug Strahlkraft, um im Kino für Blockbuster-Umsätze zu sorgen. Dies verdankt der Marktführer unter den amerikanischen Comic-Verlagen zum großen Teil dem ebenso bewunderten wie umstrittenen Stanley Martin Lieber, viel besser bekannt als Stan Lee - ein Name, der am Anfang nichts als ein verschämtes Pseudonym war.

Der junge Stanley Lieber hatte Angst, seinen Namen, unter dem er schon bald große Literatur verfassen wollte, durch seine Mitarbeit an Schmuddelheftchen zu besudeln. Als er im Mai 1941 erstmals in einem Comic-Heft genannt werden sollte - er füllte ein paar überschüssige Seiten mit einem Textabenteuer namens "Captain America vereitelt die Rache des Verräters" - nannte er sich Stan Lee.

Den Job beim New Yorker Pulp- und Comic-Verlag Timely, der später erst in Atlas, dann in Marvel umbenannt werden sollte, bekam der Teenager Lee dank guter familiärer Beziehungen: Die Tochter seines Onkels Robbie Solomon, Jean, war mit Timely-Herausgeber Martin Goodman verheiratet. Lee, 1922 unter kleinbürgerlichen Verhältnissen auf der New Yorker Westside als Sohn eines Anzugschneiders geboren, heuerte als Assistent an, also als besserer Laufbursche: "Ich holte (den Zeichnern und Autoren) ihr Mittagessen, ich las ihre Texte gegen und entfernte die Bleistiftreste von den fertigen Seiten", erinnerte sich Lee 2009 in der "Los Angeles Times".

Superhelden wie du und ich

Zu jener Zeit dominierten zwei Männer die Comic-Sparte von Timely: Chefredakteur Joe Simon und der Zeichner Jack Kirby. Zusammen hatten sie die immens populäre Patriotenfigur Captain America erfunden. Besonders der aus der Arbeiterklasse stammende Kirby, nur fünf Jahre älter als Lee, aber bereits eine Instanz in der Szene, hatte den quirligen Stanley auf dem Kieker und hielt den jungen Verwandten des Herausgebers primär für eine talentlose Nervensäge. Als Simon und Kirby nach einem Disput mit Goodman Timely verließen, machte der kurzerhand den damals gerade mal 19 Jahre alten Stanley Lieber als Übergangslösung zum Chefredakteur - eine Position, die er dann allerdings bis 1972 innehatte. In diesem Jahr löste er Goodman als Herausgeber von Marvel ab.

Ein Glücksfall für den Verlag, wie sich herausstellte, denn Stan Lee entdeckte als Chefredakteur, Art Director und Autor zahlreicher Comics, dass sein wahres Talent nicht etwa die Schriftstellerei war. Lee war vor allem eines: ein hervorragender Redakteur, der aus den Kreativen des Verlags das Beste herauskitzeln konnte.

Lees wahre Erfolgsstory begann spätestens 1958, als Jack Kirby zum Verlag zurückkehrte und binnen kurzer Zeit zum dominanten Zeichner avancierte. Der Kirby-Stil gilt bis heute als Blaupause für jegliche Superhelden-Comics. Doch es war der Redakteur und Texter Lee, der den Zeichnungen Kirbys mit wichtigen Anregungen und gewitzten Dialogen ihren besonderen Esprit verlieh - und die Charaktere der Heldenfiguren geschickt in zeitgeistige Bahnen lenkte.

Gebrochene, Verstoßene, Verfolgte

Mit der ersten Ausgabe der "Fantastischen Vier" im November 1961 begann eine neue Zeitrechnung: Helden waren auf einmal nicht mehr entrückte Halbgötter wie die DC-Konkurrenten Superman, Batman oder Wonder Woman - sie hatten menschliche Züge, waren Wissenschaftler, die durch kosmische Strahlen zu übernatürlich begabten Wesen mutiert waren und ihre neuen Kräfte in den Dienst der Menschheit stellten. Vor allem "Das Ding", der zum grotesken steinernen Monster geratene Ben Grimm, vereinte die menschliche Tragödie von Frankensteins Monster mit deftiger Straßen-Lingo. Sein Kampfschrei: "It's clobberin' time!" - in der deutschen Übersetzung hieß es "Jetzt geht's rund!" - wurde in den frühen Sechzigern zum geflügelten Wort.

Auch spielten sich die Abenteuer der neuen Helden nicht in kosmischen Weiten oder fiktiven Städten wie Metropolis ab, sondern im echten New York, wo sich die vier auch mal mit Kleinganoven herumplagten - wenn nicht gerade galaktische Über-Bösewichte die Welt bedrohten.

Den Fantastischen Vier folgten gebrochene Figuren wie der verstoßene Gottessohn Thor, der von Wutausbrüchen getriebene Hulk, die verfolgte Mutanten-Truppe The X-Men, der afroamerikanische Widerstandskämpfer Black Panther - und Marvels Ende der fünfziger Jahre eher dümpelndes Comic-Geschäft begann zu florieren.

Geht Spider-Man zum Zahnarzt

"Es hört sich wie ein Widerspruch an, wenn man über Fantasy-Charaktere schreibt", sagte Lee 2009 der "Financial Times", "aber ich habe versucht, alles so realistisch wie möglich zu machen. Es gab einen Spider-Man-Comic, in dem er zum Zahnarzt musste. Superman würde das nie machen! Abgesehen davon, dass der Bohrer an seinen Zähnen zerbrechen würde."

Spider-Man, dieser sympathische, Sprüche klopfende Teenager, der durch den Biss einer Spinne zum Superhelden wird, ist Stan Lees Meisterwerk. Wohl kaum einer seiner Helden ist bis heute populärer und bietet jungen wie alten Lesern mehr Identifikationspotential, indem er sich mit den großen Fragen von Schuld und Verantwortung quält. Als Comic-Heft gehört er seit seinem ersten Erscheinen 1962 zu den erfolgreichsten Titeln im Marvel-Programm.

Doch damit nicht genug: Lee schaffte es, die Marvel-Mannschaft selbst wie Superhelden erscheinen zu lassen. Konsequent führte er den Dialog mit den Lesern ein, etablierte mit "Stan's Soapbox" eine eigene Kolumne, in der er den Alltag im sogenannten Bullpen, dem innersten Zirkel der Redaktion, schilderte - und stilisierte die zum Teil für magere Seiten-Honorare und kleine Gehälter hart arbeitenden Zeichner, Autoren und Redakteure zu Rockstars. Auch in die Comics selbst fügte Lee immer wieder ironisierende, der Pop-Art entlehnte Kommentare ins Kampfgetümmel seiner Helden ein, etwa: "Don't worry, frantic friends. This will all make sense eventually… we hope!".

Mit den kosmisch-philosophischen Gedankenspielen des Silver Surfers, einer Nebenfigur der Fantastischen Vier, die er zusammen mit Zeichner John Buscema zu neuem Leben erweckte, endete 1969 Stan Lees aktive Zeit als Autor und Chefredakteur. Anfang der achtziger Jahre zog sich Lee als Herausgeber nach Kalifornien zurück und setzte sich dafür ein, die von ihm geschaffenen Helden auf die Kinoleinwand zu bringen - was ihm nie richtig gelang. Erst heute, da die technischen Mittel ausreichen, um die Fähigkeiten der Helden adäquat umzusetzen, laufen die in den sechziger Jahren geprägten Marvel-Figuren auch im Kino zu voller Größe auf.

Lee ist auch seit seinem Abschied von Marvel in den Neunzigern noch aktiv in der Comic-Szene. Nennenswerte Erfolge oder Schöpfungen gelangen ihm jedoch weder mit seiner finanziell glücklosen Firma Stan Lee Media, die Ende der neunziger Jahre mit Web-Comics experimentierte, noch mit seinem jüngsten Label POW! Entertainment. Lees Vermächtnis reduziert sich auf einige sehr kreative Jahre in den Sechzigern, dem Jahrzehnt der gesellschaftlichen Umbrüche und Pop-Explosionen, das auch die Marvel-Helden nachhaltig prägte.

Stan Lee? Nur ein Bürohengst!

Doch Lee ist nicht nur beliebt. Denn in diesen wilden, inspirierten Jahren machte man sich über das Urheberrecht wenig Gedanken. So bleibt bis heute ein wenig undurchsichtig, wer denn nun die Fantastischen Vier geschaffen hat, wer sich den Hulk ausdachte und wessen geistiges Eigentum Spider-Man ist. Um diese Fragen kreisten in den vergangenen Jahren viele Kontroversen, in deren Verlauf auch der Nimbus Stan Lees angekratzt wurde.

In einem höchst umstrittenen Interview, das der greise Jack Kirby 1990, vier Jahre vor seinem Tod, dem Journalisten Gary Groth gab, bezeichnete der in der Szene als "King" gefeierte Zeichner seinen ehemaligen Chef als nichtsnutzigen "Office Worker", als Bürohengst, der zu Unrecht Ansprüche anmeldet, weil er nie eine Zeile geschrieben habe und sich keinen einzigen der legendären Charaktere ausgedacht habe: "Stan Lee und ich haben nie zusammengearbeitet! Ich habe nie gesehen, wie Stan irgendetwas geschrieben hat. Ich habe alles gezeichnet und geschrieben, wie sonst auch."

Kirby hatte Marvel 1969 frustriert über den Umgang mit seinem Material, vor allem Lees Übernahme des von ihm erfundenen Silver Surfers, verlassen. Später, nach vorübergehender Rückkehr in den Siebzigern, wollte er bei Marvel sein Urheberrecht auf zahlreiche Charaktere einklagen, unterlag jedoch vor Gericht.

Auch Steve Ditko, der Zeichner, mit dem Lee Spider-Man erfand, verließ Marvel bereits 1966 unter bisher unklaren Umständen. Nur einmal, ebenfalls um 1990, ließ er vage durchblicken, dass sein Abschied etwas mit Lees Verhalten zu tun gehabt haben könnte. Lee selbst schweigt sich zu beiden Konflikten beharrlich aus.

Fakt ist: Jack Kirbys Werk als Autor und Zeichner hatte nach seiner Zeit mit Lee kaum Höhepunkte zu bieten. Und auch Steve Ditkos Meisterschaft beschränkt sich größtenteils auf die Jahre, in denen er zusammen mit Lee an Spider-Man und Dr. Strange arbeitete. In Wahrheit dürfte es also so gewesen sein, dass keiner ohne den anderen jene Magie entfacht hätte, die den Geschichten um die Fantastischen Vier, den Hulk oder Spider-Man bis heute innewohnt. Kirby und Lee hätten zusammen "etwas wirklich Erstaunliches geschaffen", sagte Sean Howe, Autor eines kürzlich veröffentlichten Buches über die Marvel-Historie in einem Interview, "ganz unabhängig davon, wer mehr wovon erfunden hat".

"Wir wollen Comics so gut machen, wie sie gemacht werden können. Wir wollen das Medium emporheben", sagte Lee 1968 in einem Interview, das Tom Spurgeon und Jordan Raphael in ihrer Biografie "Stan Lee and the Rise and Fall of the American Comic Book" zitieren. "Unser Ziel ist, dass ein intelligenter Erwachsener sich irgendwann nicht mehr schämen muss, mit einem Comic-Heft die Straße entlang zu gehen." Seinen Namen ließ Stanley Lieber übrigens schon vor vielen Jahren auch offiziell in Stan Lee ändern.

Artikel bewerten
3.4 (7 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Torsten Abel 28.12.2012
Der Black Panther war/ist kein "afroamerikanischer Widerstandskämpfer", sondern der König und Beschützer des fiktiven afrikanischen Landes Wakanda, die es aufgrund eines Exklusivvorkommens des Metalls Vibranium (aus dem unter Anderem der Schild Captain Americas besteht) zu beträchtlichem Wohlstand gebracht hat und innerhalb des Marvel-Universums die technologisch fortschrittlichste Nation Afrikas darstellt.
2.
Rainer Laws 29.12.2012
Völlig richtig, der "Black Panther" ist somit eher das Gegenteil eines Widerstandskämpfers! Da hat der Autor wohl eine Comic-Figur mit der real existierenden Schwarzen-Bewegung verwechselt!:) Im Übrigen halte ich es für völlig undenkbar, daß Jack Kirby die Serien aus der legendären Phase selbst geschrieben hat! Alles was ich von ihm unter eigener Urheberschaft kenne ist ziemlich grenzdebil/wirr. Wer je eine Ausgabe seines "Devil Dinosaur" gelesen hat (bzw. versucht hat zu lesen) , weiß wovon ich spreche...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH