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Making of Kubricks "2001" Wahnwitz im Weltraum

"2001 - Odyssee im Weltraum": Wie der Science-Fiction-Klassiker entstand Fotos
DDP

"2001 - Odyssee im Weltraum" gilt als bester Science-Fiction-Film der Geschichte. Ein Bildband zeigt, mit welchen Perfektionismus Stanley Kubrick sein Meisterwerk drehte - und wie ein Fußballspiel einen Teil der Aufnahmen ruinierte. Von

In diesem Film wird kaum gesprochen. Er dauert 143 lange Minuten. 95 davon gehören der Stille oder der Musik von Komponisten wie György Ligeti und Richard Strauss. "2001 - Odyssee im Weltraum" ist über weite Strecken ästhetisch eher Ballett als das, was man heute unter "Science Fiction" versteht. Dass der Film trotzdem seit 45 Jahren als unerreichter Höhepunkt des Genres gefeiert wird, ist vor allem der an Wahnsinn grenzenden Akkuratesse des Regisseurs zu verdanken.

Der Kontrollwahn Kubricks, über den nun erstmals ein Buch erschöpfend Auskunft gibt ("The Making of Stanley Kubrick's '2001: A Space Odyssey'"), erstreckt sich auf alle Bereiche der Produktion. Allein der Weg zur Entwicklung des Rechners HAL 9000, den manche Kritiker als den einzigen echten Charakter im Film bezeichneten, ist eine Odyssee für sich. Beteiligt daran war auch der Schriftsteller Arthur C. Clarke.

Am 31. März 1964 schrieb Kubrick einen bewundernden Brief an den in Sri Lanka lebenden Clarke: "Ich wollte mit Ihnen schon immer die Möglichkeit diskutieren, einen sprichwörtlich richtig guten Science-Fiction-Film zu drehen". Clarke antwortete umgehend, ein "richtig guter Science-Fiction-Film ist seit vielen Jahren überfällig". Kubrick und Clarke trafen sich am 22. April 1964 in New York und mochten einander auf Anhieb.

Unberechenbarer Killer im Weltraum

Clarke selbst war weniger Romancier als ein Raumfahrt-Visionär. Heute würde man ihn als einen Nerd bezeichnen. Schon 1945 hatte Clarke in einem Aufsatz über "Die drahtlose Welt" den Einsatz geostationärer Satelliten vorhergesagt, sein erstes Buch über "Interplanetare Flüge" steckte voller mathematischer Berechnungen für Reisen, an die damals noch niemand zu denken wagte.

Beide spazierten durch die Stadt, sprachen über Anthropologie, Astronomie, Astronauten - und setzten sich an ein erstes Drehbuch: "A Journey beyond the Stars". Darin war HAL 9000 zunächst ein humanoider Roboter namens "Socrates", dann ein Computer namens "Athena" mit weiblicher Stimme. Beide waren noch als nützliche Helfer konzipiert. Involviert in die Entwicklung waren Experten von IBM.

Am Ende bestand HAL nur aus einer herkömmlichen Kameralinse, rotem Licht und einer sorgfältig ausgesuchten, "nicht zu amerikanischen" (Kubrick) und möglichst milden Stimme. Es soll einige Schwierigkeiten gemacht haben, IBM zu erklären, dass der von ihnen mitentwickelte Computer sich in der finalen Drehbuchfassung in einen unberechenbaren Killer verwandelt hatte.

Mysteriöser Holzklotz

Während HAL als körperloser Bösewicht in die Filmgeschichte eingehen sollte, lieferte IBM auch die Idee für eine kuriose Fußnote - die gefilmt wurde, später aber nicht ihren Weg in den Film fand. Dabei handelte es sich um kleine Tafelrechner mit Touchscreens, an denen die Astronauten ihre Zeitungen lesen. Die Geräte erinnern stark an heutige Tablets, was zeigt, wie akribisch Kubrick und sein Team das technisch Machbare durchdachten.

Während an den meisten, auch neueren, Science-Fiction-Filmen sehr schnell der Zahn der Zeit nagt, wirken viele Details und Szenen in "2001", als wären sie erst gestern gedreht worden - und das, obwohl 1966 von der heute eingesetzten CGI-Technik nicht einmal geträumt werden konnte. Umso verblüffender, mit welchen Taschenspielertricks manche Effekte umgesetzt wurden. Ein in der Schwerelosigkeit im Shuttle schwebender Kugelschreiber war nur auf einer Glasplatte aufgeklebt. Aufnahmen mit im Weltall schwebenden Astronauten wurden mit Zirkusequipment an Modellen in Realgröße und vor einem an der Studiodecke angebrachten schwarzen Hintergrund gedreht, wobei die Kamera vom Fußboden nach oben filmte. Auf diese Weise waren die Seile an der Decke vom Körper des Stuntman verdeckt, und es entstand die Illusion, die schwerelose Szene von der Seite zu beobachten.

Beim außerirdischen Monolithen, dem ursprünglich als Pyramide geplanten zentralen Mysterium des Films, handelte es sich um einen mit schwarzer Farbe gestrichenen und mit einer speziellen Graphitmischung beschichteten Holzklotz. Davon gab es aus guten Gründen gleich mehrere. Ein Mitarbeiter des Studios erinnerte sich: "Es war ein Alptraum, das Ding sauber zu halten. Aus irgendwelchen Gründen zog es Staub an. Wir stellten es auf die Bühne, und - zack! - war es mit Staub bedeckt. Du dachtest: 'Oh Gott! Ob Stanley das sehen wird?' Und wenn irgendwer seine Hand darauf legte, hieß es: 'Schluss mit dem Shooting! Zurück ins Atelier damit und neu einsprühen!'". Darüber hinaus warf die Beschichtung unter der Hitze der Scheinwerfer Blasen, die den Eindruck makelloser Härte störten.

Supercomputer auf dem Trödelmarkt

Um die Dinge mächtig und groß erscheinen zu lassen, wurden sie von einer auf Schienen an ihnen entlangfahrenden Kamera abgefilmt, bei der in drei Stunden das Material für drei Minuten zusammenkam. Allein an der finalen Einstellung mit dem in einer Fruchtblase über der Erde schwebenden Kind, im Film nur zehn Sekunden lang, wurde Film für acht Stunden verbraucht.

Einmal kam es bei den extrem aufwendigen "Außenaufnahmen" der Objekte im Raum zu einer folgenschweren Panne. Bei der Sichtung des Testmaterials zuckte das Schiff plötzlich von einer Bildschirmseite auf die andere: "Was zum Teufel war das?!", brüllte Kubrick entsetzt. Es stellte sich heraus, dass die fraglichen Aufnahmen an einem Samstag im Juli 1966 gemacht worden waren - und alle Techniker im Studio vor dem Fernseher das WM-Finale zwischen Deutschland und England verfolgt hatten. Die Freudensprünge der Crew beim Siegtor der Engländer hatten den Boden schwingen lassen und die Aufnahme ruiniert.

Alle Requisiten - die riesigen Modelle der Raumschiffe, der Monolith, das Rad - lagerten jahrelang in den MGM-Studios in Borehamwood. Bis Stanley Kubrick aus Angst, seine Exponate würden für andere Filme zweitverwertet werden, eines Tages ihre Vernichtung anordnete. So landete alles auf dem Müll und ist für immer verloren.

Fast alles jedenfalls: 2009 entdeckte ein junger Mann bei einem Trödelhändler in London die originale Benutzeroberfläche von HAL 9000, von der mehrere angefertigt worden waren. Er kaufte sie für ein paar Cents. Ein Jahr später wurde diese letzte Requisite vom Auktionshaus Christie's versteigert. Für mehr als 20.000 Euro.

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1.
Carl Zippel, 02.06.2014
Erwähnt werden sollte auch der Anteil von PanAm am Film, speziell an der Raumschiffszene, in dem die damalige leading airline of the world bereitwillig ihr Logo zur Verfügung stellte.
2. Der Film ist grottenlangweilig. Damals ein Effektwunder - aber nicht mehr.
Stephan Sehmsdorf, 02.06.2014
Bunte Bilder machen einen guten Film aus? Ja, sagen die Experten von vor 45 Jahren. Schauen Sie den Film von Anfang bis zum Ende ohne Pause an, und nehmen dann nochmal dazu Stellung, ob Sie den Film genossen haben und wenn ja warum. Hier passt ein Zitat von "Sinnlos im Weltall": "Der Weltrauuum... unendliche Langeweiiile"
3.
Mathias Völlinger, 02.06.2014
Das war ja auch mitten in der Euphorie der Gemini und Apollo Projekte (und Psychosubstanzen waren auch noch legal, wenn man den Schluss betrachtet). Geil ist auch, wie der Computer am Schluss zerlegt wird, so viele RAMs fliegen da durchs Raumschiff. Die hatten wirklich Spezialisten mit Vorahnung. Von IBM und wohl auch von der NASA :-)
4. Laaaangweilig
Norbert Kempinski, 02.06.2014
Wohl weniger der der beste, sondern mit Abstand der laaaangweiligste SciFi-Film aller Zeiten.
5. So haben wir uns in den Sechzigern....
Linda Zenner, 02.06.2014
2001 vorgestellt. Und wie sind wir betrogen worden!
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