Star-Pathologe von Hollywood Der Aufschneider

Er kannte Marilyn Monroe, Bobby Kennedy und Janis Joplin wie kein anderer - er obduzierte ihre Leichen. 20 Jahre lang war Thomas Noguchi Hollywoods Gerichtsmediziner. Die mysteriösen Todesfälle der Prominenten machten den Leichenbeschauer selbst zum ruhmsüchtigen Star. Und zum Paten einer legendären TV-Serie.

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Er brauchte sieben Schweineohren. Und sieben Kopfattrappen aus glattem Musselin-Stoff. Mit diesen seltsamen Requisiten wollte Thomas Noguchi am 8. Juni 1968 Licht in einen Mord bringen, der gerade die Welt aufwühlte: Vier Tage zuvor hatte ein Attentäter in Los Angeles in einer Hotelküche Robert F. Kennedy in den Kopf geschossen. Stundenlang kämpften die Ärzte im Good Samaritan Hospital um das Leben des New Yorker Senators. Eine ganze Nation bangte - vergebens. Den charismatischen Politiker, den viele Amerikaner schon als nächsten US-Präsidenten sahen, ereilte dasselbe Schicksal wie fünf Jahre zuvor seinen Bruder John.

Als Bobby Kennedy am 6. Juni 1968 gegen 3 Uhr morgens seinen Verletzungen erlag, begann die Arbeit von Thomas Noguchi, dem obersten Gerichtsmediziner von Los Angeles. Der Tote aus der einflussreichsten Politikerdynastie der USA wurde sein Fall Nummer 68-5731. Noguchi führte, wie er stolz verkündete, die "sorgfältigste Autopsie meines Lebens durch". Sie dauerte sieben Stunden. Nicht nur das: Anders als Gerichtsmediziner in Deutschland arbeiten "Coroner" in den USA auch als eine Art ärztliche Polizei - sie dürfen Zeugen befragen oder den Tatort inspizieren. Und so erdachte Noguchi einen spektakulären Ballistiktest.

Zwei Tage nach der Obduktion ließ der Mediziner einen Polizeibeamten aus verschiedenen Entfernungen auf sieben präparierte Schädelnachbildungen mit je einem Schweineohr schießen. Sie sollten die Stelle imitieren, an der die tödliche Kugel in Kennedys Kopf eintrat - zweieinhalb Zentimeter links von seinem rechten Ohr. Als Noguchi die frischen Einschusslöcher inspizierte, war er sicher, einen entscheidenden Hinweis entdeckt zu haben. Und er hatte ein Problem: Das Ergebnis seines Experiments stand im krassen Widerspruch zu allen Aussagen der Augenzeugen. Es legte die Saat für wilde Spekulationen und Verschwörungstheorien, die bis heute andauern.

Intimste Geheimnisse

Nicht, dass Noguchi so etwas störte. Der gebürtige Japaner, der nach seinem Studium in den USA eine Blitzkarriere hingelegt hatte, entsprach kaum dem gängigen Klischee eines introvertierten, mausgrauen Pathologen. Er gefiel sich in der Rolle des unbequemen Einzelkämpfers, genoss das Scheinwerferlicht der Medien. Denn in seinen Zuständigkeitsbereich fiel auch Hollywood - und damit die Untersuchung gestorbener Weltstars wie Marilyn Monroe, Rocklegende Janis Joplin oder Schauspielerin Sharon Tate.

Noguchi, der ab 1962 zwei Jahrzehnte lang als Hollywoods Gerichtsmediziner arbeitete, sah die Leinwandhelden, wie sie kein anderer sah - am Ende eines intensiven, glamourösen, nicht selten selbstzerstörerischen und oft viel zu kurzen Lebens. Er kannte ihren letzten Gesichtsausdruck, entlockte ihren toten Körpern die letzten intimen Geheimnisse: Mageninhalt, Alkoholpegel, Drogengewohnheiten.

Die Medien tauften Noguchi den "Leichenbeschauer der Stars" - und machten ihn selbst zum Prominenten. Seine Kritiker hielten den Mediziner daher schon bald für genauso geltungsbedürftig wie die toten Stars, die bei ihm regelmäßig auf dem Seziertisch landeten. "Sicherlich war ich vielleicht etwas extravagant, ja sogar ein Publicity-Jäger", gab Noguchi in seiner Autobiografie "Der Coroner" 1983 zu. Und: "Ich konnte die Vorwürfe über mein Ego nicht bestreiten, denn ich war stolz auf meine Leistungen." Ruhm habe er aber nie von sich aus gesucht.

Können sich 74 Augenzeugen täuschen?

Ehrgeizig war er zweifellos: Robert Kennedy lag noch schwerverletzt im Koma, da überlegte sich Noguchi schon, wie er eine mögliche Autopsie zu einer "nationalen Leistung für Pathologen" machen könnte. Den prominenten Fall wollte er nutzen, um den Berufsstand des Gerichtsmediziners aufzuwerten. Dazu lud er Kollegen aus Washington ein, die Obduktion zu überwachen und so spätere Legendenbildungen zu verhindern. Nebenbei wollte der clevere Noguchi auf diese Weise aber auch verhindern, dass man ihm den Fall abnahm - nach der Ermordung von John F. Kennedy hatte der zuständige Gerichtsmediziner in Dallas die Leiche des Präsidenten nicht untersuchen dürfen, sondern nur Militärärzte in Washington.

Das Kalkül ging auf: Unter der Beobachtung von Washingtoner Experten durfte sich Noguchi den Kennedy-Leichnam vornehmen. Von den Füßen arbeitete er sich langsam hoch, notierte jede kleine Verletzung. Zwei Einschusslöcher fand er unterhalb der rechten Achselhöhle und barg ein wichtiges Beweisstück: eine verformte Patrone vom Kaliber 0.22. Der tödliche Schuss, so stellte er eindeutig fest, stammte vom Treffer in Kennedys Kopf in der Nähe des rechten Ohrs.

Die wahre Sensation lieferte aber die Analyse der Haare. Sie enthielten Spuren von Ruß, verbrannten Pulverkörnerchen. Das wies darauf hin, dass der Schuss aus kürzester Distanz erfolgt sein musste. Mit den Schießtests auf die Stoffschädel konnte Noguchi diesen Verdacht bestätigen und belegen, dass der Täter aus etwa sieben Zentimeter Entfernung auf Kennedys Kopf gefeuert haben musste. Insgesamt 74 Augenzeugen hatten jedoch beobachtet, dass der Todesschütze aus einem Meter Entfernung schoss. Lagen sie alle falsch? Oder gab es gar einen zweiten Täter, der entkam?

Marilyn auf dem Edelstahltisch

Auch wenn Noguchis Gutachten den gefassten Schützen Sirhan Sirhan teilweise entlastete, wurde Sirhan 1969 zu lebenslanger Haft verurteilt. Noguchi selbst glaubte stets eher an einen Einzeltäter und vermutete, dass Sirhan nach dem ersten Schuss aus nächster Nähe zurückgesprungen sein könnte und dann erneut schoss - und die Augenzeugen erst das wahrgenommen hatten.

Mit der Untersuchung des toten Kennedy schloss sich für den Gerichtsmediziner ein Kreis. Denn sein erster berühmter Fall war ausgerechnet Marilyn Monroe - die Frau, die angeblich eine geheime Liebschaft mit Robert Kennedy gehabt haben soll. Und die - glaubt man einer der zahlreichen Verschwörungstheorien um ihren frühen Tod - eben deswegen ermordet worden war.

Als Thomas Noguchi am Morgen des 5. August 1962 das weiße Laken von der Leiche auf dem Obduktionstisch Nummer 1 in dem fensterlosen, nur mit Neonlicht beleuchteten Autopsiesaal zog, erstarrte er. "Es war das erste Mal, dass mich der Anblick einer Toten auf einem Obduktionstisch persönlich berührte", schrieb er später in seiner Autobiografie. Bis dahin hatte er nicht damit gerechnet, dass er die Monroe obduzieren würde. Sein Chef hatte ihm zwar mitteilen lassen, dass er eine Marilyn Monroe untersuchen solle. An die weltberühmte Schauspielerin hatte Noguchi keine Sekunde gedacht. Sie war auch für ihn ein so weit entrücktes Idol, dass es kaum vorstellbar war, dass sie plötzlich tot sein sollte.

Viele Stars und viele Neider

Jetzt lag sie, ein von Millionen vergötterter Star, als Fall Nummer 81128 auf einem kalten Edelstahltisch. Noguchi notierte nüchtern Gewicht (53 Kilogramm) und Größe (1,66 Meter) der "gut entwickelten, gut genährten Frau weißer Hautfarbe". Sie habe "gefärbte blonde Haare, die Augen sind blau". Er fand keine Hinweise, die auf einen Mord hindeuteten, auch keine Spuren eines gewaltsam injizierten Drogencocktails. Marilyn Monroe starb höchstwahrscheinlich, so Noguchis Analyse, weil sie Selbstmord mit einer Überdosis Schlafmittel beging.

Die Aufmerksamkeit, die der junge Pathologe mit den Fällen Kennedy und Monroe auf sich zog, bescherte ihm jede Menge Neider und Feinde. 1968 wurde er als Chefpathologe vom Aufsichtsrat abgesetzt, begleitet von einer wüsten Verleumdungskampagne. Mitarbeiter sagten aus, Noguchi habe sich Flugzeugabstürze und Unglücke regelrecht herbeigesehnt, um berühmt zu werden. Als Kennedy im Sterben lag, habe er gar gerufen: "Ich hoffe, er stirbt, dann wird mein internationaler Ruf gesichert werden."

In einem spektakulären Zivilprozess konnte der unbeliebte Pathologe die Vorwürfe entkräften und klagte erfolgreich auf Wiederanstellung - und nur wenige Wochen später landete ein weiterer Weltstar auf seinem Seziertisch: die Schauspielerin Sharon Tate. Die hochschwangere Ehefrau von Regisseur Roman Polanski war im August 1969 zusammen mit drei Freunden bestialisch ermordet worden. Die Täter, Gefolgsleute des Sektengründers Charles Manson, hatten ihre Opfer mit mehr als hundert Stichen und etlichen Schüssen regelrecht hingerichtet und an eine Tür mit Blut "Schwein" geschrieben. Wieder erregte der Pathologe Aufsehen, als er die genaue Form und Länge des Tatmessers rekonstruieren konnte.

Tabuthema Alkohol

Dann wurde es stiller um Thomas Noguchi - bis er Anfang der achtziger Jahre erneut aneckte: In kurzem Abstand hatte er die Todesumstände der Schauspieler Natalie Wood und William Holden zu untersuchen. Beide Fälle entpuppten sich als tragische Unfälle, bei denen Alkohol eine zentrale Rolle spielte. Wären die Opfer nicht betrunken gewesen, so ließ Noguchi durchblicken, hätten sie wohl überlebt. Ein Sturm der Entrüstung brach los, Noguchi wurde des Rufmords bezichtigt. Sogar Showlegende Frank Sinatra warf dem Pathologen vor, intime Details auszuplaudern.

Ein zweites Mal versuchten seine Vorgesetzten, Noguchi abzusetzen - diesmal mit Erfolg: 1982 wurde er an die Universität von Südkalifornien versetzt. Es schadete ihm wenig, denn damals war der "Pathologe der Stars" längst selbst eine Legende. Seit 1976 lief im US-Fernsehen der Seriendauerbrenner "Dr. Quincy", in der Jack Klugman einen akribischen Gerichtsmediziner aus Los Angeles spielt - Vorbild für Quincy soll Noguchi gewesen sein.

Der TV-Held allerdings hatte dem echten Pathologen zwei Dinge voraus: Er war bei seinen Kollegen beliebt. Und er löste wirklich jeden Fall.



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