Historische Rekordreise Lästermaul auf großer Fahrt

Historische Rekordreise: Lästermaul auf großer Fahrt Fotos

Chinesen? Dreckig. Leprakranke? Widerlich. 1889 brach die Reporterin Nellie Bly auf, um in 72 Tagen die Welt zu umrunden - und wurde zum Star. Die deutsche Erstausgabe ihrer Reiseaufzeichnungen zeigt nun: Die schreibende Pionierin war nicht die weltoffene Amerikanerin, als die sie sich feiern ließ. Von Fabienne Hurst

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Nellie Bly beginnt ihr großes Abenteuer mit dem Kopf über der Reling des Ozeandampfers "Augusta Victoria". Die 25-jährige Reporterin ist schwer seekrank und muss sich immer wieder übergeben. Als sie am 14. November 1889 zu ihrer Reise aufbricht, ist sie noch nie zuvor mit einem Schiff gefahren. "Und die will die Welt umrunden!", höhnt ein Mitreisender. Doch die junge Reporterin ist fest entschlossen: Sie will der Welt beweisen, dass sie Jules Vernes fiktiven Rekord "in achtzig Tagen um die Welt" brechen kann. Mit Hilfe von Dampfschiff, Eisenbahn, der Allgegenwart der englischen Sprache - und nur einer Handtasche als Gepäck.

Bei ihrer Abreise ist Nellie Bly bereits über die Landesgrenzen hinaus ein Star. Zwei Jahre zuvor hatte sie sich für eine Reportage zehn Tage lang in eine berüchtigte New Yorker Psychiatrie einweisen lassen und durch ihren Erfahrungsbericht den menschenverachtenden Umgang mit den Insassinnen angeprangert. Die Weltumrundung soll ihr zweiter journalistischer Coup werden. Die Chefredaktion von Joseph Pulitzers Tageszeitung "The World" mit Sitz in New York inszeniert die Reise als riesiges Spektakel. Wetten werden abgegeben und es gibt sogar Fanartikel zur Weltumrundung: darunter ein Nellie-Bly-Brettspiel, Nellie-Bly-Globen und Nellie-Bly-Kleider. Ganz Amerika ist im Nellie-Fieber.

Aus heutiger Sicht fragt man sich: Warum eigentlich? Nellie Bly war mehr verwöhnte Touristin als wissbegierige Reisereporterin. Das zeigt ihre nun im Aviva-Verlag erstmals auf Deutsch erschienene Reportage "Around the World in 72 Days". Der tagebuchartige Reisebericht liest sich so trivial wie die Tourismustipps in einer Frauenzeitschrift. Aufschlussreich sind ihre unverstellten Aufzeichnungen trotzdem: als Zeitdokument über die frühe Form des globalisierten Tourismus.

Haarsträubende Aufzeichnungen

Ihre Seekrankheit hatte Nellie Bly schnell überwunden. Über das unangenehme Wanken des Ozeandampfers gingen die Gefahren auf der Reise auch nicht hinaus: Bly reiste zu einer Zeit, in der eine Weltumrundung kein wildes Abenteuer mehr sein musste und alle Pfade bereits breit ausgetreten schienen. Sie reiste per Schiff und Bahn, immer erster Klasse, meistens all inclusive. Den Revolver, den man ihr riet mitzunehmen, packte sie erst gar nicht ein. Ihre Reise war bis ins kleinste Detail geplant:

Von New York nach London, dann Calais, Brindisi, Port Said, Ismailia, Suez, Aden, Colombo, Penang, Singapur, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York.

Nur einmal wich sie von ihrer Route ab, um den Schriftsteller Jules Verne im französischen Amiens zu besuchen. Doch weil die Reporterin neben Englisch keine weitere Sprache sprach, beschränkte sich ihr Aufenthalt bei den Vernes auf freundliches Lächeln, gelangweiltes Herumsitzen und stummes Teenippen.

In Europa angekommen, ereiferte sie sich seitenweise über nichtige Details: über schmutzige Wagenfenster, zugige Eisenbahnabteile, langweilige Passagiere und schlechtes Essen an Bord. Im Zug nach Brindisi sehnte sie sich nach Nervenkitzel und dachte neidisch daran, "welch ein Glück die Passagiere der vergangenen Woche in diesem Zug gehabt hatten": Sie waren von einer Räuberbande überfallen worden.

Je weiter sich Bly von ihrer Heimat entfernte, desto haarsträubender wurden ihre Aufzeichnungen. Im ägyptischen Port Said wich ihre nervtötende Unzufriedenheit allmählich echtem Hochmut, der sich in China zu einer menschenverachtenden Ignoranz entwickelte.

Zusammen mit ihren Mitreisenden erkundete Bly das ägyptische Küstenstädtchen Port Said und erstand ein paar Schlagstöcke, für den Fall, sie gegen die lästigen Einheimischen einsetzen zu müssen. "Wir sahen eine große Anzahl von Bettlern, die ihrem Gewerbe gemäß jammernd und mit ausgestreckten Händen ihre Bitten hervorbrachten", erinnerte sie sich später. "Aber sie waren nicht so aufdringlich und lästig, dass es erforderlich wurde, ihnen statt Almosen den Stock zu geben."

Leprakranke? Abstoßend!

Der Reporterin ging es bei ihrer Reise nicht darum, fremde Kulturen zu erforschen oder neue Bekanntschaften zu machen. Sie war besessen davon, eine Wette zu gewinnen, deren Einsatz ihr eigener Ruhm war. "Ich komme lieber tot und erfolgreich als lebendig und zu spät an", schrieb sie in ihr Tagebuch, als sie in Hongkong erfuhr, dass ihr Anschlussschiff sich verspäten würde.

Die Journalistin wollte sich selbst möglichst gut in Szene setzen, als gebildete, emanzipierte Amerikanerin. Auf dem Schiff umgab sie sich gerne mit Frauen, die sie für ihre Freiheit bewunderten, oder mit jungen Männern, die ihr den Hof machten. Doch ihre Mitpassagiere auf dem Schiff blieben in ihrem Bericht allesamt namenlose Statisten, und Einheimische betrachtete sie wie Tiere im Zoo. In Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, ließ sich Bly von einem Mann in einer Rikscha umherziehen und bemerkte: "Es war so beruhigend, ein Pferd zu haben, das auf sich selbst achtgeben konnte." Nur knapp widerstand sie der Versuchung, einen ägyptischen Jungen oder ein singhalesisches Mädchen zu erstehen. Am Ende kaufte sie sich einen Affen.

In China ließ sich Bly von einem Kuli durch die staubigen Straßen von Hongkong schleppen und beschwerte sich, dass die Männer "wie Schweine grunzen, wenn sie einen tragen". Um unnötiges Holpern auf dem Rücken ihres Trägers zu vermeiden, verharrte sie in einer aufrechten, angespannten Haltung - was sie später bereute. "Noch bevor der Tag vorüber war, hatte ich starke Kopfschmerzen, und das nur, weil ich zu sehr auf die Bedürfnisse des Chinesen Rücksicht genommen hatte."

Bei ihrem Besuch in der Stadt fielen ihr die überfüllten Bezirke auf, in denen "die Einheimischen sich in all ihrem Unflat zusammendrängen". Als sie erfuhr, dass über einhunderttausend Menschen in einem Bezirk von Hongkong lebten, der keine drei Quadratkilometer groß war, schloss sie daraus: "Das ist ein Beispiel dafür, wie die Chinesen sich zusammendrängen. Sie erinnerten mich an ein Ameisenheer auf einem Stück Zucker." Für die chinesischen Leprakranken und Bettler hatte Bly nur Verachtung übrig: "Sie waren so abstoßend, dass sie statt Mitleid nur Abscheu erregten."

Geschönte Geschichte

Als Nellie Bly nach 72 Tagen wieder in ihrer Heimat ankam, war sie eine "nationale Persönlichkeit" - wie es die "New York Times" später in ihrem Nachruf über die Reporterin ausdrückte. Auf der Fahrt mit einem Sonderzug von San Francisco nach New York wurde sie von so vielen jubelnden Menschen empfangen, dass die Polizei einschreiten musste.

Die heiklen Passagen in Nellie Blys Reportage blieben lange Zeit unerwähnt oder wurden von Herausgebern und Biografen geschönt. Der amerikanische Autor Ira Peck etwa schrieb 1998, Bly sei "fasziniert" von den Chinesen gewesen; und der Schriftsteller Jason Marks bewunderte ein Jahr später Blys Begabung, das "Wesen Hongkongs und Kantons" in ihrem kurzen Aufenthalt begriffen zu haben.

Besonders rassistische Stellen ("die Chinesen sind das schmutzigste Volk der Welt") wurden oft weggekürzt. "Zu schlecht", schreibt der Literaturhistoriker Martin Wagner im Vorwort zur aktuellen deutschen Erstausgabe, "passen diese Ausfälle in das Bild der engagierten und innovativen Journalistin." So war die Reporterikone als Weltreisende am Ende nichts weiter als eine Allerweltstouristin.

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1.
Joshek Joshekus 01.05.2013
irgendwie merke ich doch immer mehr um wie vieles mir die altvorderen aus dem 19ten jahrhundert lieber sind als die multikulti benebelte 68er truppe. nellie nennt die dinge beim namen - den dreck, den gestank und wie sich die dortige bevoelkerung darin suhlt. das geht natuerlich gar nicht in den augen der hippie generation die jeden stinkenden mist gaaaaanz toll findet - solange es nur exotisch ist und als "weltoffen" gewertet werden kann.
2.
thorsten krach 30.04.2013
Eine Frage bleibt: Werden die Leser der deutschen Erstausgabe in den ungekürzten Genuss von Frau Blys Befindlichkeiten kommen?
3.
Mörre Nasenweis 30.04.2013
Die Autorin zeigt modernen und politisch korrekten Abscheu gegenüber HEUTE auffallend herablassenden Äußerungen dieser Frau. Leider ZU politisch korrekt. Wenn sich diese Journalistin z.B. darüber auslässt, dass die Chinesen das "dreckigste Volk der Welt" seien, wäre es nett sich auch mal zu erkundigen (ICH weiß es nicht), ob sie dafür evtl. einen Grund hatte. Evtl. waren die Chinesen ja wirklich mehrheitlich sehr schmutzig? Immerhin lebten sie ja in der von dieser Frau besuchten Stadt Hongkong im Zeitalter vor allgegenwärtiger Kanalisation in für damalige Verhältnisse unglaublicher Dichte zusammen. Selbst vom alten Rom lese ich heute, dass es damals (außer in den Villen) sehr dreckig und stinkend gewesen sein muss. Wenn also jetzt Äußerungen kritisiert werden, obwohl sie wohl einfach nur damalige Fakten darstellen, weil sowas heute einfach nicht mehr sein DARF, dann sagt mir das mehr über die (schlechte) Qualität des Journalismus DIESER aktuellen Journalistin, als über den jener Frau aus dem vor-vorigen Jahrhundert.
4.
Boris Hartwig 30.04.2013
Eigentlich ist es doch positiv wenn man die persönlichen Eindrücke eines Reisenden dieser Zeit ungefiltert und nicht durch die rosarote Brille bekommt. Danke Nelly Bly!
5.
Daniel Hönig 30.04.2013
Mehr als über die Arroganz der reisenden Reporterin wundere ich mich über die Arroganz der heutigen Eines-Tages Reporterin. Es ist doch sehr einfach, sich aus der heutigen Sicht negativ über die Einstellungen der Menschen vor über 100 Jahren auszulassen. Letztendlich spiegelt Frau Hursts Artikel genau so den heutigen Zeitgeist wieder wie Frau Blys den der damaligen Zeit. Diese Verurteilungen im ARtikel sind fehl am Platze, denn sich aus dem jeweilig herrschenden Zeitgeist zu befreien ist immer nur einigen wenigen Individuen vergönnt.
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