Industrial Light & Magic Die Traumfabrik

Im Mai 1975 gründete Regisseur George Lucas die Effektfirma Industrial Light & Magic. Eigentlich nur, um einen einzigen Film zu drehen: "Star Wars". Die Gummipuppen, Glasmaler und Computerkünstler des Studios prägen seither die Filmgeschichte.

ILM/ Lucasfilm/ Atari

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Grüne Lichtblitze erhellen den Weltraum um den Planeten Yavin Prime. Die Turbolaser-Geschütze des Todessterns feuern mit sattem Schmatzen auf die Angreifer. Kreischend stürzen sich die Kampfflieger in Pirouetten hinab. Dicht über der Oberfläche der gigantischen Raumstation gehen sie in Gefechtsformation über, rasen an Tausenden Tonnen Metall und Tod vorbei. Hektischer Funkkontakt, röhrende Triebwerke, das Stakkato des Laserfeuers - und wieder zerbirst ein X-Wing in einer Wolke aus Schrott und Feuer.

"Ich wollte einen Actionfilm machen", sagt George Lucas in einem Interview, Jahrzehnte nachdem sein Science-Fiction-Märchen "Star Wars" die Kinowelt im Sturm erobert hatte. "Die Kameras sollten Schwenks vollführen, die den Raumschiffen folgten. Ich wollte mit schnellen Schnitten arbeiten, etwas mit viel Rhythmus erschaffen. Sehr viel Geschwindigkeit und Bewegung auf der Leinwand. Aber zu diesem Zeitpunkt war das schlicht unmöglich."

Bevor der junge Filmemacher George Lucas 1975 mit den Dreharbeiten zu seinem Weltraumepos beginnen konnte, hatte er einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Mehrere Studios hatten Lucas' Entwürfe eines Weltraum-Märchens dankend abgelehnt. Die Space-Oper "2001: Odyssee im Weltraum", die Kubrick 1968 mit bis dahin nicht machbaren Effekten abgeliefert hatte, war eine Eintagsfliege gewesen. Ein Effektfeuerwerk in der Geschwindigkeit, die Lucas sich vorstellte, galt als unmöglich.

imago

Es werde Licht

In Hollywood war greifbares Kino angesagt. Filme wie "Easy Rider", die beinahe komplett "in camera" am Drehort entstanden, ohne aufwendige Effektarbeiten. Doch Lucas plante eine pompöse Parabel um den Konflikt zwischen Gut und Böse. Mit Weltraumrittern und Kopfgeldjägern, Lichtschwertkämpfen und Duellen zwischen Raumschiffen, die an die Luftschlachten des Zweiten Weltkriegs erinnern sollten. Absage folgte auf Absage. Ein "Krieg der Sterne" war für die Studios undenkbar.

Schließlich erklärte sich 20th Century Fox bereit, Lucas eine Chance zu geben. Eher aus Interesse an dem jungen Regisseur, der mit seinen Filmen "American Graffiti" und "THX 1138" erste Erfolge erzielt hatte, als an seinem neuen, hanebüchenen Projekt. Nachdem er grünes Licht für den Sternenkrieg bekommen hatte, gründete Lucas im Mai 1975 ein eigenes Effektstudio, das seine irrsinnigen Ideen umsetzen soll. In einem Lagerhaus in Van Nuys, einem Stadtteil von Los Angeles, entstand auf 2.500 Quadratmetern "Industrial Light & Magic".

Lucas kaufte altes Equipment auf, das in den Studios großer Filmvertriebe vor sich hin gammelte. Für die Leitung seiner Effektfirma hatte er Douglas Trumbull im Visier, der mit den elegischen Aufnahmen in Kubricks "2001" Kinogeschichte geschrieben hatte. Doch Trumbull verwies ihn an den gerade mal 27-jährigen John Dykstra. Gemeinsam mit einem Team aus Kameraleuten, Studenten, Künstlern und Technikern begannen Lucas und er ein ganzes Universum zu basteln.

Weltraumkrieg in Handarbeit

"Als ich das Skript las, dachte ich nur: Mein Gott, was ist dieser Film?" In einem Interview erinnert sich Dennis Muren an seinen Start in der Traumfabrik. Im Laufe seiner Karriere sollte er neun Oscars für seine Arbeit in dem Studio gewinnen. Und als erster Special-Effects-Macher einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame bekommen. Doch sein erster Kontakt mit dem Drehbuch von Lucas und den Konzeptzeichnungen von Ralph McQuarrie ließ ihn fassungslos zurück. "Als ich die letzten dreißig oder vierzig Seiten las, folgte Effekt auf Effekt. Auf jeder Seite. Ich dachte, damit werden wir niemals fertig."

Und beinahe wäre es genauso gekommen. Die Detailarbeit wurde den Schöpfern des Sci-Fi-Universums mehrmals fast zum Verhängnis. Beinahe die Hälfte des 3,5-Millionen-Budgets verbrauchte ILM für gerade einmal vier Szenen. Statt aus erfahrenen Effektmachern setzte sich das Team aus jungen Träumern zusammen. Das Durchschnittsalter unter den Mitarbeitern lag bei Ende 20. In den Hallen des Lagerhauses stapelten sich bald Modelle von X-Wing-Kampfjägern und riesigen Sternenkreuzern. Auf Glasplatten malten Künstler Dioramen, sogenannte Matte-Paintings, in denen einzelne Segmente freigelassen werden, um in ihnen später gefilmte Szenen einbauen zu können.

ILM/ Lucasfilm

"Wir benutzten archaische Kameras, die gebaut wurden, bevor wir geboren waren, und bauten Hybride aus ihnen, indem wir verschiedene Teile zusammenschraubten", erinnert sich Dykstra. "Niemand sonst erfand 1975 Kameras, um Filme zu drehen. Wir waren dort, als ein Genre geboren und wiedergeboren wurde."

Volle Kontrolle

Um die rasanten Raumschlachten zu ermöglichen, konstruierte John Dykstra ein computergesteuertes Motion-Control-System. Das Dykstraflex getaufte Gerät koordinierte die Bewegungen von Kamera und gefilmtem Objekt und ließ so Einstellungen beliebig oft und vor allem punktgenau wiederholen. Vor blauen Hintergründen wurden im Bluescreen-Verfahren die Flugbewegungen einzelner Modelle aufgenommen und im Anschluss mit einem alten optischen Drucker von mehreren Filmspulen auf einen einzigen Streifen zusammengefügt.

"Ich wusste, was ich machen wollte. Aber ich stieß ständig gegen die Hürde des technisch Machbaren", sagt George Lucas über die Aufnahmen. "Manchmal hatten wir Hunderte Elemente. Es dauerte 24 Stunden, eine Szene zu verwirklichen. Und wenn es einen Fehler bei einem dieser Elemente gab, mussten wir von vorne anfangen."

Doch all die Mühe und die Zweifel waren nicht vergebens. Nach zwei Jahren Arbeit am Rande des Nervenzusammenbruchs verzauberten die Tricks aus der Lagerhalle ein Millionenpublikum.

Raumschiffe, Nazis und Dinosaurier

ILM/ Lucasfilm

Der Erfolg von "Star Wars" wurde auch für ILM zum Durchbruch. Dykstra und sein Team erhielten für die visuellen Effekte ihren ersten Oscar. Und George Lucas verlegte die Effektmacher aus dem Lagerhaus in die Kleinstadt San Rafael, nahe seinem neuen Firmensitz in Marin, Kalifornien. Industrial Light & Magic war gegründet worden, um einen einzigen Film zu realisieren. Nun machte sich das Studio daran, die Filmwelt erneut zu revolutionieren.

Während Lucas und ein Teil der Belegschaft bereits an "Das Imperium schlägt zurück", der Fortsetzung zu "Krieg der Sterne", arbeiteten, öffnete sich Industrial Light & Magic anderen Produktionen. Für Steven Spielbergs ersten "Indiana Jones"-Film ließen die Tricktechniker Nazis im Zorn Gottes zerschmelzen. Und als 1984 der erste Macintosh-Rechner erschien, nahm sich Dennis Muren ein halbes Jahr Auszeit, um seinen Nutzen für die Tricktechnik zu testen. Schon bald begann Industrial Light & Magic mit computergenerierten Effekten zu arbeiten. Eine Entwicklung, die besonders in den Neunzigern mit "Terminator II", "Jurassic Park" und den "unsichtbaren" Effekten von Forrest Gump ihren Höhepunkt erreichte.

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Archivaufnahmen zeigen den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy bei einem Empfang im Weißen Haus.

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Die Effektspezialisten von Industrial Light & Magic schneiden den Präsidenten aus dem Filmmaterial heraus, um seine Bewegungen genau erfassen zu können.

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Vor einem Blue-screen wird Schauspieler Tom Hanks in seiner Rolle als Forrest Gump aufgenommen. Anhand von Markierungen aus dem originalen Video wird die Bewegung Hanks mit der des Präsidenten synchronisiert.

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Im letzten Schritt wird das Blue-screen-Material in das originale Material editiert und mit verschiedenen Filtern an das Alter der Aufnahme angepasst.

Doch im Haus sorgte die Verlagerung von mechanischen auf digitale Effekte für gespaltene Gefühle, die auch das Publikum teilte. Als George Lucas 1999 den Auftakt einer neuen "Star Wars"-Trilogie in die Kinos brachte, waren vielen Zuschauern die "Zaubertricks" zu künstlich. Sie hatten sich in die handfesten Effekte der ersten Reihe verliebt. Neuen Projekten wie den "Harry Potter"-Filmen oder der "Fluch der Karibik"-Reihe nahm das Publikum die immer raffinierteren Schummeleien am Computer hingegen wohlwollender ab.

Zurück zu den Wurzeln

Mit dem Verkauf der Filmrechte zu "Star Wars" 2012 ist auch Industrial Light & Magic für 4,05 Milliarden US-Dollar von George Lucas an Disney übergegangen. Für den neuesten Film der Reihe hat Regisseur J. J. Abrams sich auf die Gründerjahre der Firma besonnen. Obwohl weiterhin viele Effekte aus dem Rechner stammen, gibt es neue Spielereien, wie den quirligen Roboter BB-8, die wieder ganz mechanisch funktionieren. Das Geheimnis eines echten Magiers ist eben doch ein vielfältiges Repertoire - und überzeugende Handarbeit. Oder wie George Lucas es beschreibt: "ILM wurde aus einem Gedanken heraus geboren: Es ist alles ein Trick. Und wir sind die Zauberer."



insgesamt 11 Beiträge
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Manfred vom Hoevel, 11.05.2015
1. Opitsche Drucker?
Zitat:" ...im Anschluss mit einem alten optischen Drucker von mehreren Filmspulen auf einen einzigen Streifen zusammengefügt." Hier mangelt es wohl an Übersetzungsqualität. Der "optische Drucker" ist in der deutsche Sprache eine Trickkamera oder eine optische Kopiermaschine.
Carsten Grafflage, 11.05.2015
2.
Zu dem Thema kann ich nur die Dokumentation "Empire of Dreams" empfehlen, welche als Extra für die 2004er DVD-Version produziert wurde.
Matthias Petersbach, 11.05.2015
3.
…schade nur, daß das Ergebnis eher Schrott ist. Ich bin damals völlig erschüttert aus "Das Imperium schlägt zurück" gekommen, weil man offensichtlich mit so wenig Mittel einen hochgelobten Film machen kann. Die Erschütterung dauert immer noch nach. Dialoge wie in Bonanza, ein Plot wie morgens auf dem Klo ausgedacht, hanebüchene "Kampf"szenen und ein bescheuertes Additiv in Form von 2 Roboterclowns, wohl um was fürs amerikanische Publikum zu machen. Den Flug des Falken schau ich mir allerdings immer noch gerne an - aber bei nem Film zählt doch auch ein wenig das Gesamtpaket. Und wenns da in 9 Rubriken (incl. Fantasie) ne sechs gibt, reist es die 2 in den Spezialeffekten halt auch nicht mehr raus.
Eric Zimmermann, 11.05.2015
4. Ein sehr schöner Artikel mit nur 2 kleinen Fehlern :-)
Ein schöner Artikel, der praktisch ohne Fehler ist. Danke dafür. :-) Zwei Kleinigkeiten sind meiner Erinnerung nach nicht ganz korrekt. (1.) Der Gesicht-Schmelzeffekt von Toht im ersten Indiana Jones Film wurde nicht mit einer Zeitlupen-Aufnahme, sondern mit einer Zeitraffer-Aufnahme relaisiert (also in dem Sinne das exakte Gegenteil). Wenn ich es recht weiß, dauerte das Schmelzen der Gelantine nämlich länger als im Film dargestellt. (2.) Der mechanische T-Rex aus Jurassic Park wurde nicht von ILM gebaut, sondern von dem (leider zu früh verstorbenen) Stan Winston und seinem Team, die Experten für Animatronics und Make-Up-Effekte waren. Aber dennoch nochmals Lob für den Artikel. :-)
Christian Matschke, 11.05.2015
5. Ich finde, die viel größere Story i.Z.m. Star Wars ist diese:
Mit Star Wars hat George Lucas dem Filmgeschäft gezeigt, wie Merchandising geht. Er ließ sich 100% der Rechte geben und verzichtete im Gegenzug auf Bargeld - das Studio fand, es hatte einen tollen Deal gemacht. Doch Lucas hatte den besseren Riecher. Allein die Merchandisingrechte an Spielzeug bringen heutzutage immer noch 3 Mrd. Dollar pro Jahr. Quelle: http://www.celebritynetworth.com/articles/entertainment-articles/how-one-genius-decision-made-george-lucas-a-billionaire/
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