"Star Wars Holiday Special" Röhrende Wookiee-Weihnachten

Mit einem TV-Special wollte Regisseur George Lucas 1978 das Warten auf den nächsten "Star Wars"-Film überbrücken. Verkitschte Story, entnervte Darsteller, röhrende Wookiees - es wurde eine der grottigsten Sendungen aller Zeiten.

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CBS/Getty Images

"Uörgs." Der Pilot im Lederwestchen und der Haarzottel an seiner Seite werden durchgeschüttelt. Der Frachter "Millenium Falcon" rast durch die Unendlichkeit des Raums, zwei imperiale Sternzerstörer hinter ihm her, und er sieht noch schrottiger aus als sonst. Laser zischen durch das Schwarz.

"Rörgs", röhrt Chewbacca wieder. "Das reicht. Ich dreh um", sagt Han Solo. "Blörg. Örgs. Rööörgs", röhrt Chewbacca. "Ich weiß, die Familie wartet", seufzt Solo und aktiviert den Hyperraumantrieb seines Schiffs. Sein felliger Kopilot lautorgelt weiter.

Jetzt lächelt der Schmuggler. "Das ist die richtige Einstellung! Ehe du dich versiehst, feiern wir Lebenstag." Während das Raumschiff auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, die Sterne sich zu Streifen verziehen, ertönt majestätisch John Williams Hymne an den "Krieg der Sterne" - und eine Stimme, die verkündet: "The Star Wars Holiday Special".

Ehepaar Chewbacca: Unterm Baum vereint
CBS/Getty Images

Ehepaar Chewbacca: Unterm Baum vereint

Am 17. November 1978, einem Freitag, lief am Abend in den USA bei den Fernsehzuschauern daheim die Fortsetzung des größten Kinoabenteuers aller Zeiten - das "Star Wars Holiday Special". Mit allen Stars: Mark Hamill als Luke Skywalker. Harrison Ford als Han Solo. Carrie Fisher als Prinzessin Leia. Sogar C-3PO-Darsteller Anthony Daniels und Peter Mayhew, der Riese im Chewbacca-Kostüm, waren dabei. Was konnte da schon schiefgehen?

Alles. Aber das ahnte selbst "Star Wars"-Schöpfer George Lucas zunächst nicht.

Ein Jahr zuvor hatte "Star Wars: Eine neue Hoffnung" an den Kinokassen Rekorde gebrochen. Der Mix aus verblüffenden Effekten und einer simpel-dualistischen Märchengeschichte über den Kampf von Gut und Böse im Weltraum begeisterte das Publikum. Eine Marketingmaschine sondergleichen flutete die Läden mit "Star Wars"-Spielzeug. Jetzt sollte der Hype weiterleben, bis zur nächsten Kino-Episode "Das Imperium schlägt zurück".

Schon die Dreharbeiten ein Desaster

Mit dem Sender CBS einigte sich Regisseur George Lucas auf ein TV-Spezial im Stil US-amerikanischer Variety-Shows, ein etabliertes Format, um Künstler vor der Kamera zu vereinen. Fürs "Star Wars"-Ensemble sollte pünktlich zum Weihnachtsgeschäft eine fernsehtaugliche Geschichte um Chewbaccas Reise auf seinen Heimatplaneten Kashyyyk starten. Um die Feiertagszeremonien mit seiner Wookiee-Familie am "Lebenstag" zu begehen, dem "Star Wars"-Äquivalent zu Weihnachten.

Im Sommer 1978 hatte sich ein Team erfahrener TV-Produzenten und Drehbuchschreiber gemeinsam mit Lucas an ein Konzept gemacht. Einer von ihnen, Bruce Villanch, haderte schon mit der Grundprämisse der Produktion.


YouTube-Video: Ausschnitt aus dem total verkorksten Holiday-Special


"Ihr habt euch entschieden, eine Story über diese Charaktere zu erfinden, die nicht sprechen können. Die einzigen Geräusche, die sie von sich geben, klingen wie fette Menschen, die einen Orgasmus haben": Damit habe er George Lucas konfrontiert, erzählte Villanch dem Magazin "Vanity Fair". Doch Lucas habe ihm nur einen eiskalten Blick zugeworfen und auf der Festtags-Familienshow bestanden. Es war der Auftakt zu einem Desaster.

Unter der Regie von David Acomba begannen die Dreharbeiten, zu denen die Hauptdarsteller nur mit Mühe und Not bewegt werden konnten - Carrie Fisher etwa nur unter der Bedingung, dass sie eine Gesangsnummer erhalten würde. Immer krudere Ideen entstanden. Die Haupthandlung um Chewies Familie, seine Frau Malla, Vater Itchy und Sohn Lumpy, wurde zwar mit Filmresten aus dem Kinoabenteuer erweitert, aber mit den Trickeffekten der Vorlage war das kaum vergleichbar.

"Die schlimmsten zwei Stunden Fernsehen aller Zeiten"

Die angeödeten Filmstars, allen voran ein sichtlich genervter Harrison Ford, lieferten unterirdische Leistungen ab. Während des Drehs einer Musikszene wurden mehrere Darsteller unter ihren Alien-Latexmasken ohnmächtig. Vollkommen mürbe warf Acomba das Handtuch. Für ihn übernahm Regisseur Steve Binder - um die Trümmer der Produktion zusammenzuleimen. Ihm blieb nur ein Handbuch über Wookiee-Gebräuche, um das Schreckenswerk zu vollenden. George Lucas hatte längst resigniert und sich auf die Arbeiten am nächsten Kinofilm konzentriert.

Das Resultat war ein LSD-Trip zur Weihnachtszeit, gesponsert von General Motors. Eine wilde Nummernrevue aus Gesangseinlagen, Alien-Kochshows, gebastelten Holz-X-Wings, einem Clip der Band Jefferson Starship und Tanzdarbietungen holografischer Faune - mit infernalischer Zirkusmusik untermalt.

In einer Szene entspannte Chewies Vater sich mit einem an Softporno grenzenden Hologramm. "Ich existiere nur für dich allein. Oh ja, ich kann meine Entstehung fühlen", wisperte Schauspielerin Diahann Caroll dem erregten Pelzknäuel zu. "Oh, oh, da ist aber jemand aufgeregt. Entspann dich, ja, ja. Wir können eine gute Zeit zusammen haben, nicht wahr? Ich bin dein Traum, also erforsche mich. Ich bin dein Vergnügen, also genieße mich." Der TV-Kritiker David Hofstede beschrieb das "Star Wars Holiday Special" als "die schlimmsten zwei Stunden Fernsehen aller Zeiten".

"Wenn ich einen Hammer hätte"

Ein Lichtblick blieb nur der knapp zehnminütige Zeichentrick-Clip, den sich Wookiee-Kind Lumpy auf seinem Computer anschaut: Zum ersten Mal tauchte Kopfgeldjäger Boba Fett auf und sollte auch in den folgenden Kinofilmen eine Rolle spielen. Diese Passage wurde als einzige 2011 als Blu-ray-Extra von Lucasfilms veröffentlicht. Der absurde Rest wanderte nach der TV-Ausstrahlung in die Archive und sollte nie, nie, nie mehr den Weg in die Öffentlichkeit finden.

Kopfgeldjäger Boba Fett: Erster Auftritt im TV-Special
CBS

Kopfgeldjäger Boba Fett: Erster Auftritt im TV-Special

Doch George Lucas hatte die Rechnung ohne seine Fans gemacht. Die hatten das erbärmliche Machwerk auf VHS aufgenommen und handelten Bootlegs auf dem Schwarzmarkt. "Wenn ich die Zeit und einen Vorschlaghammer hätte, würde ich jede Kopie dieser Show suchen und zermalmen", grollte der Regisseur bei einer Fan-Convention. Später bezeichnete er das Special nur noch als "Travestie" oder weigerte sich ganz, darüber zu sprechen. Als sich im Internet digitale Versionen der Mitschnitte verbreiteten, hatte Lucas den Kampf gegen die Windmühlen längst verloren.

"Ihr alle seid so ein wichtiger Teil meines Lebens", sagt Han Solo am Ende, als sich die Wookiees zum großen Finale unterm Baum versammelt haben. Rebellenführerin Leia singt über die leicht modifizierte Titelmelodie der Filme. "Wir feiern einen Tag des Friedens, einen Tag der Harmonie." Han und Luke schauen besinnlich, C-3PO wackelt festlich hin und her. "Ein Tag, der uns durch die Dunkelheit führt, ein Tag, der uns ins Licht führt. Ein Tag, der uns dazu bringt, das Leben zu feiern", jault Leia.

In einem Interview erzählte Carrie Fisher, sie habe eine Kopie des Specials zu Hause. Und zeige den Film, wenn sie wolle, dass Gäste nach Hause gehen.

Zum Autor
  • Christian Neeb (Jahrgang 1983) schrieb für das Fachmagazin "GEE" über Videospielkultur und verfilmte sie bei "Reload" für den SWR. Auf einestages erinnert er an Wichtiges oder Erstaunliches von gestern.


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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Werner Ehrlich, 16.12.2015
1. köst-lich
Fast so schlimm wie Episode 1
Alan Lee, 16.12.2015
2. Wie das?
?Ein Jahr zuvor hatte "Star Wars: Eine neue Hoffnung" an den Kinokassen Rekorde gebrochen.? Der Film ist 1977 in das Kino gekommen?
Martin Schnelle, 16.12.2015
3. Eben, 1977
Genau, 1977 lief "Star Wars" im Kino. Demzufolge war das Special 1978 ein Jahr später im Fernsehen. Und ich hab's gesehen - bitte nicht anschauen. Es ist in der Tat elendig langweilig und schlecht.
Hans-Gerd Wendt, 16.12.2015
4. Wie?
"...Chewbaccas (...) Heimatplaneten Kashyyyk..." Ähemm - wusst' ich gar nicht. Wie spricht man "Kashyyyk" aus?
Christian Kohnert, 16.12.2015
5. @4
'Ka-schiek Und, liebe Redakteure, Wookiee schreibt sich mit zwei 'e' am Ende.
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