Vergessene "Star Wars"-Kulissen Weltraumruinen im Wüstensand

Vergessene "Star Wars"-Kulissen: Weltraumruinen im Wüstensand Fotos
Rä die Martino

Plötzlich in Luke Skywalkers Haus: 2010 entdeckte die Künstlerin Rä di Martino im Internet seltsame Bauwerke in der Wüste Tunesiens. Sie brach auf zu einer Entdeckungsreise durch Nordafrika - und fand dort Science-Fiction-Städte, verwaiste Comic-Sphinxen und einen Horrorfilm-Spielplatz. Von

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Einen lebensfeindlicheren Drehort hätte er sich kaum aussuchen können: Ausgedorrter Wüstenboden, so weit das Auge reicht. Gluthitze von 40 Grad Celsius, die Menschen an ihre Grenzen treibt und selbst Maschinen zusammenbrechen lässt. Ausgerechnet in der kargen Wüstenlandschaft Tunesiens begann US-Regisseur George Lucas am 22. März 1976 mit den Dreharbeiten für sein neues Filmprojekt: "Star Wars".

Daran, dass aus den Strapazen unter der Sonne Nordafrikas ein Jahr später eines der einflussreichsten Werke der Filmgeschichte hervorgehen würde, wagte damals niemand auch nur im Traum zu glauben. Weder die schwitzenden Schauspieler und Filmcrew-Mitglieder, die sich immer wieder fragten, warum sie sich diese Quälerei antaten, noch Regisseur Lucas selbst, der schon nach wenigen Tagen einem Nervenzusammenbruch nahe war.

Das höllische Klima hatte jedoch auch sein Gutes: Es verlieh nicht nur dem Wüstenplaneten Tatooine im Film Authentizität - Trockenheit und Sonne konservierten auch die extra für den "Star Wars"-Dreh aus Holz und Putz errichteten Bauten, zum Teil bis heute. Noch immer pilgern abenteuerlustige "Star Wars"-Fans nach Tunesien, um die in der Einöde von Schatt al-Dscherid nahe Nefta und in der Wüste nordwestlich von Tozeur zurückgelassenen Kulissen des Science-Fiction-Epos zu besichtigen.

In Luke Skywalkers Fußstapfen

Die italienische Künstlerin Rä di Martino konnte eigentlich nie viel mit dem Kult um die Weltraumsaga anfangen. Als Kind habe sie die Filme zwar gesehen, doch "als Fan würde ich mich nicht bezeichnen". Dennoch war sie fasziniert, als sie 2010 auf Google Earth zufällig auf die Filmset-Ruinen stieß. Die Idee für eine Fotoserie, die sich spielerisch mit dem Thema Reisefotografie beschäftigen sollte, war geboren. Kurz darauf saß sie im Flugzeug nach Tunesien.

Was sie dort vorfand, war zunächst - rein gar nichts. "Ich hatte Schwierigkeiten, den genauen Ort ausfindig zu machen, an dem sich die Überreste von Luke Skywalkers Zuhause befinden sollten", sagt sie. Die Gegend war vollkommen verlassen. Es war niemand zurückgeblieben, den sie um Hilfe bitten konnte. "Zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen, was hier äußerst selten vorkommt", erinnert sich di Martino. Auf dem nassen Grund der Salzwüste kam sie mit ihrem Wagen nur noch mühsam vorwärts.

Am Ende fand sie dennoch, was sie gesucht hatte: Am Horizont erschien plötzlich der Umriss einer Hütte mit rundem Dach - ein kleines Iglu mitten im Nirgendwo. "Star Wars"-Fans kennen die Szene, in der Luke Skywalker aus eben diesem Iglu - dem Eingang zur Farm seines Onkels - hinaustritt und in Gedanken versunken auf die zwei untergehenden Sonnen seines Heimatplaneten blickt, während er von einer Zukunft als Sternenpilot träumt. Und Tausende Kinder rund um die Welt träumten diesen Traum mit ihm, als der Film 1977 in die Kinos kam.

Rä di Martino stand nun an genau diesem Ort. Jenem Schauplatz aus einer weit entfernten Galaxie, den sie aus ihrer Kindheit noch immer in Erinnerung hatte. Obwohl beinahe 35 Jahre vergangen waren, befand sich das Gebäude in einem erstaunlich guten Zustand. "Ich hatte das Gefühl, etwas wiedergefunden zu haben, das lange verloren gewesen war", sagt di Martino. "Die Stille und die Leere der Wüste verleihen jedem Objekt eine gewisse Kraft. Aber wenn es auch noch Teil einer Geschichte wie 'Star Wars' war, fühlt es sich ungemein aufregend an, wenn man es plötzlich vor sich sieht."

Horrorfilm-Kulisse als Spielplatz

Inspiriert von ihrem Erlebnis machte sich di Martino auf die Suche nach weiteren verwaisten Filmsets in Afrika. In der Nähe von Tozeur fotografierte sie die halb verfallenen Häuser von Mos Espa - einem weiteren fiktiven Ort aus "Star Wars". Die Kulissen der Stadt waren 1997 für das Prequel "Episode I: Die dunkle Bedrohung" errichtet worden und gehören zu den wenigen Sets des Films, die nicht am Computer entstanden sind. "Ein Bettler, der in den Ruinen saß, hatte sich ein weißes Laken übergeworfen und eine Taucherbrille aufgesetzt, um sich einen Sci-Fi-Look zu geben", erinnert sich di Martino.

Und nicht nur das Science-Fiction-Genre hat Spuren in der Wüste Nordafrikas hinterlassen. In Marokko stieß di Martino auf eine Tankstelle, die sich auf den zweiten Blick als Attrappe entpuppte. Es handelte sich um das verwaiste Filmset von "The Hills Have Eyes", einem Horrorfilm aus dem Jahre 2006. Das heißt - völlig verwaist war das Bauwerk doch nicht: Zwei kleine Kinder hatten die Horrorkulisse als Spielplatz für sich entdeckt.

Als sie kurz darauf der 50 Kilometer weiter östlich gelegenen Stadt Ouarzazate einen Besuch abstattete, fand sich di Martino an einem ganz besonderen Ort wieder: den am Stadtrand unter freiem Himmel errichteten Atlas Studios. Dort waren bereits Filme wie "Lawrence von Arabien", Ridley Scotts "Gladiator" und "Die letzte Versuchung Christi" von Martin Scorsese entstanden. Und auch die Macher der aktuellen US-Fernsehserie "Game Of Thrones" schätzen den Drehort. Viele ausrangierte Kulissen stehen heute noch dicht an dicht auf dem weitläufigen Gelände und laden Touristen dazu ein, durch die Filmgeschichte zu stolpern.

"Es ist interessant", sagt di Martino, "wenn der reale Verfall dieser Kulissen mit den Filmbildern kollidiert, die wir in unseren Köpfen herumtragen." Kuratoren und Galeristen scheinen das ähnlich zu sehen: So wurden di Martinos Arbeiten bisher unter anderem im renommierten Tate Modern Museum in London gezeigt. "Viele Besucher meiner Ausstellungen halten die Fotos zunächst für gewöhnliche Wüstenaufnahmen", sagt die Künstlerin. "Wenn sie dann genauer hinsehen und ein Detail aus einem Film wiedererkennen, haben sie auf einmal dieses überraschte Lächeln im Gesicht. Das gefällt mir."

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1.
Gudrun Gaus, 09.09.2013
Ich würde mich bedanken, wenn z.B. Bollywood seinen Kulissen-Schrott und alte Autoreifen bei mir auf dem Acker einfach stehen lassen würde anstatt die Reste vernünftig zu entsorgen - unglaublich.
2.
Hergen Schulz, 09.09.2013
Rä di Martino scheint nicht nur kein Star Wars Fan zu sein, auch als Tourist ist er eine Niete. Die Drehorte zu den Star Wars Filmen in Tunesien kann man in vielen Touristenangeboten als geführte Busausflüge buchen... na ja, Künstler müssen sich v.a. gut verkaufen können. Hergen Schulz
3.
Sebastian Maier, 09.09.2013
Dass sich der Planetenname Tatooine vom relativ nahe gelegenen tunesischen Örtchen Tataouine ableitet, wäre noch anzumerken. Ansonsten beeindrucken mich weder die Bilder, noch die Tatsache an sich, weil man beides in besserer Qualität in jedem Tunesien/Marokko-Reiseführer findet. Ich habe die erwähnten Kulissen schon etliche Jahre vorher "entdeckt" (Stichwort Reiseführer), habe es leider versäumt, meine geknipsten Bilder ausstellen zu lassen. Vielleicht entdeckt mich ja auch jemand als "Künstler"? ;)
4.
Volker Altmann, 10.09.2013
Warum solch verbitterte Kommentare? Herr Schulz, bei Rä di Martino handelt es sich um eine Frau - das dürfte Ihnen beim Betrachten der Bilder eigentlich nicht entgangen sein. Ich finde den Bericht interessant geschrieben, die Bilder mögen vielleicht von jedem beliebigen Touristen gemacht werden können, aber offenbar hat sich bisher niemand gefunden, der sie in einer Ausstellung gezeigt hat. Inwiefern Frau di Martino eine Künstlerin ist, lasse ich mal dahin gestellt sein. Aber offensichtlicher Neid ist doch wohl nicht angebracht. Einfach selber machen, dann braucht man sich über andere nicht zu ärgern.
5.
Volker Altmann, 10.09.2013
Frau Gaus, hätte ich einen Acker, auf dem Filmkulissen aufgebaut werden, würde ich vermutlich auch gefragt, wie das später mit der Entsorgung vor sich gehen soll. Dass die Kulissen von Star Wars in Reiseführern erwähnt werden, spricht doch für sich. Hierbei handelt es sich wohl eher um einen touristischen Anreiz, als um ein Aufreger.
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