Pannen-Kampfjet "Starfighter" Sie nannten ihn den "schönen Tod"

Pannen-Kampfjet "Starfighter": Sie nannten ihn den "schönen Tod" Fotos
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Er sollte den Luftkampf revolutionieren und wurde zur Überschall-Todesfalle: 1954 schoss der erste "Starfighter" zum Jungfernflug in die Lüfte. Schon bald brach das US-Kampfflugzeug etliche Rekorde. Nur taugte es nicht dazu, wozu es eigentlich konstruiert war - Kriege zu gewinnen. Von Marc von Lüpke

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Anthony "Tony" LeVier konnte es nicht fassen. "Wo sind die Flügel?", platzte es aus dem Piloten heraus, als er zum ersten Mal sein neues Testflugzeug in Augenschein nahm. Aus dem Rumpf der XF-104, besser bekannt unter dem Namen "Starfighter", wuchsen tatsächlich nur kleine Stummel heraus. Auf gerade einmal 6,69 Meter Spannweite brachte es das Jagdflugzeug - bei einer Länge von rund 15 Metern. Seinen anfänglichen Bedenken zum Trotz saß LeVier schließlich am 4. März 1954 im ersten Prototyp des "Starfighter". Langsam zog ein Hilfsfahrzeug das Flugzeug aus dem Hangar der Edwards Air Force Base in den Ausläufern der kalifornischen Mojave-Wüste. Die gleißende Sonne spiegelte sich auf der silbernen Metallhaut des Kampfjets, der dem Bodenpersonal eher wie ein Raketengeschoss erschien.

Akribisch arbeitete LeVier währenddessen im Cockpit seine Checkliste ab: Er prüfte die Instrumente, testete die Höhen- und Seitenruder. Dann konnte es losgehen, die Beobachter hielten den Atem an. LeVier lenkte sein silbernes Hochgeschwindigkeitsgeschoss auf die Startbahn, gab Schub, und schon schoss der Jet in die Lüfte. Der surrende Klang des Triebwerks hallte über das Gelände. Kurz nach dem Start rasten Beobachtungsflugzeuge hinterher und nahmen die Verfolgung auf. Doch bald schon meldete Tony LeVier technische Probleme: Das Fahrwerk ließ sich nicht einfahren. Irgendwie gelang es dem erfahrenen Piloten am Ende jedoch, das Flugzeug wieder wohlbehalten auf die Erde zurückzubringen.

Und so begann die Militärkarriere des "Starfighter" schon mit dem Jungfernflug eher rumpelig. Es blieb nicht die einzige Schwierigkeit: Über Jahrzehnte hinweg sollte der Hightech-Jet unzählige technische Mängel an den Tag legen - und viele Piloten das Leben kosten.

Flügel wie Messer

Dabei hatte sich der Schöpfer des "Starfighter", Clarence "Kelly" Johnson vom Flugzeugbauer Lockheed, in den vorangegangenen Jahren redlich bemüht, alles richtig zu machen: 1951 war der Flugzeugkonstrukteur nach Korea gereist und hatte diejenigen befragt, die am besten wussten, was ein modernes Kampfflugzeug ausmachen sollte: US-Piloten im Korea-Krieg. Ihre Flugzeuge vom Typ F-86 Sabre hatten sich damals den sowjetischen MiG-15 klar unterlegen gezeigt. Die amerikanischen Streitkräfte hielten Johnson für genau den richtigen Mann, diesen Missstand zu beseitigen. "Dieser verdammte Schwede kann die Luft wirklich sehen", urteilte der Chefingenieur von Lockheed über den schwedischstämmigen Johnson. Keine unnötigen Spielereien, sondern Konzentration auf das Wesentliche - das war Johnsons Devise. Leicht zu fliegen sollte der neue Abwehrjäger sein, gleichzeitig aber große Höhen erreichen. Vor allem jedoch sollte das Flugzeug bei Geschwindigkeiten im Überschallbereich die Sowjets abhängen können.

Irgendwann kam Johnson schließlich eine Idee, die einen Sturm der Entrüstung entfachte: die Stummelflügel des "Starfighter". Auf diese Weise wollte Johnson den Luftwiderstand während der Überschallgeschwindigkeit minimieren. Nicht nur die geringe Länge schockierte die Fachwelt, auch die Dicke der Flügel stand in der Kritik. Nur sieben Zentimeter maß sie direkt am Rumpf, etwas mehr als drei Zentimeter an der Spitze. Das spätere Wartungspersonal musste sich in Acht nehmen - denn die Vorderkanten der Flügelflächen waren messerscharf.

Schließlich setzte sich Johnson gegen alle Widersacher durch. Vor allem die unzähligen Versuchsraketen in Form des "Starfighter", die Johnson in den Wüstenhimmel schießen ließ, gaben dem Flugzeugbauer recht. Und so orderte das US-Verteidigungsministerium im März 1953 zwei Prototypen.

Auf der Jagd nach Rekorden

Am 24. Februar 1954 verließ ein Lastwagen die Werkshalle von Lockheed in Burbank, unter dessen Ladeflächenplane sich verräterische Umrisse abzeichneten: die scharfe Spitze des "Starfighter", die Wölbung des Cockpits und nicht zuletzt die eigentümlich kurzen Flügel. In einer Rekordzeit von weniger als zwölf Monaten hatten die Lockheed-Mitarbeiter die beiden bestellten Prototypen fertiggestellt.

Angesichts der Fahrwerksprobleme, die der Pilot beim Jungfernflug festgestellt hatte, strahlten allerdings nicht alle Gesichter vor Freude als Tony LeVier am 4. März 1954 seinen "Starfighter" wieder auf dem staubigen Boden des Rogers Dry Lake landete. Auch die erreichte Geschwindigkeit war kein Grund zur Freude. Das verwendete Triebwerk ohne Nachbrenner schaffte es nicht, den Jet auf die erhoffte Höchstgeschwindigkeit im doppelten Überschallbereich zu beschleunigen.

Nur einen Monat später war dieser Makel allerdings beseitigt. Ausgerüstet mit einem verbesserten Triebwerk mit Nachbrenner zeigte die Maschine, was in ihr steckte: Mit zweifacher Schallgeschwindigkeit durchschnitt der Jet den Himmel. Es begann eine Jagd nach Superlativen: 2259 Kilometer pro Stunde Durchschnittsgeschwindigkeit flog ein Pilot im Mai 1958 - Weltrekord. Im gleichen Monat erklomm der "Starfighter" eine Höhe von 24.813 Metern - auch dies ein neuer Rekord. Ein paar Jahre später durchschnitt ein weiteres Exemplar die Atmosphäre gar in einer Höhe von 36.828 Metern. Als erstes Flugzeug hielt der Jäger schließlich die Rekorde für Flughöhe, Geschwindigkeit und Steigrate. Bald hatte der "Starfighter" einen neuen Spitznamen: "missile with a man in it" - "bemanntes Raketengeschoss".

"Der schöne Tod"

Doch die Begeisterung für den Hightech-Flieger war keineswegs einhellig. Zu viele Unfälle und technische Schwierigkeiten nagten am Image des Super-Kampfjets. Schon ein Jahr nach dem Jungfernflug war einer der beiden Prototypen am Boden zerschellt. Während eines Flugs war plötzlich der Druck abgefallen, dem Piloten war nichts anderes übriggeblieben, als sein nacktes Leben zu retten. Im Juli 1957 dann hatte Lockheed auch den anderen Prototyp abschreiben müssen: Während eines Testflugs hatte es dem Jet gleich das ganze Leitwerk abgerissen, der Pilot hatte sich mit dem Schleudersitz aus dem Flieger geschossen.

Aber es kam noch schlimmer: Bald schon forderte das Kampfflugzeug Menschenleben. Im Juli 1958 starb Testpilot Iven C. Kincheloe, als er sich aus seinem defekten "Starfighter" herauskatapultieren wollte - und nicht konnte. Er flog in geringer Höhe, und verhängnisvollerweise waren die Schleudersitze in den frühen Modellen des Kampfjets so konstruiert, dass sie den Piloten nicht nach oben, sondern nach unten aus dem Cockpit schossen. Kincheloe hätte sich also geradewegs in den Erdboden katapultiert. Verzweifelt versuchte der Pilot, das Flugzeug auf den Rücken zu drehen - ohne Erfolg: Er schoss sich seitwärts heraus.

Die Unglücksreihe riss nicht ab: Bereits im September 1960 zerschellte ein weiterer "Starfighter" samt Piloten an einem Berg, nicht mal ein Jahr später versagte bei einem anderen Modell der Nachbrenner - ebenfalls mit tödlichem Ausgang. Die US-Piloten verpassten dem eleganten Flugzeug nun einen neuen Spitznamen: "der schöne Tod".

Schönwetter-Kampfjet

Die Verantwortlichen im US-Verteidigungsministerium zogen nach weiteren Unfällen und technischen Schwierigkeiten schließlich die Reißleine. Gerade mal 296 "Starfighter" hatte Lockheed für die US-Streitkräfte gebaut. Andere Staaten, unter anderem Deutschland, griffen hingegen weiter gerne zu. Insgesamt wurden 2578 Exemplare des Kampfflugzeugs gebaut. Doch auch die Bundeswehr bekam bald die Mängel des Kampfjets zu spüren: Von ihren 916 Maschinen stürzten 292 ab. Zudem mussten die "Starfighter"-Piloten die Erfahrung machen, dass ihr im sonnigen Kalifornien gebautes Flugzeug mit miesem Wetter schlecht zurechtkam.

Neben allen technischen Pannen machte aber vor allem ein zentraler Schwachpunkt den Piloten des "Starfighter" zu schaffen: Er war einfach kein gutes Kampflugzeug. Das lag nicht zuletzt daran, dass der Jet in engen Kurven nur sehr schwer zu manövrieren war - ein katastrophaler Schwachpunkt in Luftkämpfen. Und so verabschiedeten sich schließlich auch die letzten Armeen von dem Stummelflügel-Kampfflieger - so visionär seine Konstruktion auch einst gewesen war.

Am schönsten auf den Punkt gebracht haben das Dilemma des "Starfighters" vermutlich Johnnie Johnson und John Nicholls. Eigentlich waren die beiden britischen Royal-Air-Force-Offiziere begeisterte Anhänger des Flugzeugs, betonten jedoch auch: "Ziehen Sie auf keinen Fall in einen Krieg damit!"

Zum Weiterlesen:

Gerhard Lang: "Starfighter". Motorbuch Verlag, Stuttgart 2013, 224 Seiten.

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1.
Berni Kirkheim 05.03.2014
nun ja, dass man beim ersten Flug ohne eingefahrenes Fahrwerk keine Spitzengeschwindigkeit erreichen konnte, liegt nicht unbedingt am Triebwerk ... soviel ist selbst einem Laien wie mir klar. Werde mir das Buch eines solchen Experten jedenfalls nicht kaufen
2.
Peter Kreft 05.03.2014
Der Starfighter war als Abfangjäger für hochfliegende Bomber geplant und als solcher ein exzellentes Flugzeug. Um Bomber abszuschiessen muss man weder wendig noch groß sein. Das er bei der Bundeswehr zur eierlegenden Wollmilchsau gemacht wurde ist vor allem FJS und den Geldkoffern aus Burbank zu verdanken. Um einen Witz aus meiner Jugend zu zitieren: Wie kommt man am schnellsten an einen Starfighter? Ein Grundstück kaufen und abwarten....
3.
Oliver Kluge 05.03.2014
Eines schreibt der Autor nicht: Es gibt noch einen zweiten Schwachpunkt: Die Flächenbelastung war viel zu hoch, weil der Bordcomputer zum Konturenfolgen zu schwer war, vor allem die europäische Version. Die US-Version konnte nur Hügeln ausweichen, nicht Bergen. Der leistungsfähigere Rechner war aber noch schwerer, so dass praktisch keine Nutzlast für eine Bewaffnung übrig blieb...
4.
Lennart Lammers 05.03.2014
Natürlich war der Starfighter unfallträchtig, aber er wurde auch "zweckentfremdet". Der F-104 G (ermany) sollte eine eierlegende Wollmilchsau sein, nur ein Muster für alle Aufgaben, von Luftüberlegenheit, über Aufklärung bis hin zum Jagdbomber. Bei Zulauf zur Bundeswehr waren des Weiteren auch nicht genügend Hangars und Shelter zur Verfügung standen, sodass viele Maschinen permanent draußen standen (Garagenautos sind auch in besserem Zustand, als solche, die permanent draußen stehen), das bekommt den meisten westlichen Mustern nicht gut. Außerdem wurde zur Hochzeit des "Kalten Krieges" einfach "mehr geflogen", bei (fast) jedem Wetter und im gesamten Einsatzspektrum.
5.
Manfred Kestel 05.03.2014
Die Bezeichnung "Witwenmacher" stimmt nur bedingt. Ich war selbst am Starfighter beschäftigt- in einer Aufklärungsstaffel- und kann sagen dass bei uns nicht eine Maschine abstürzte. Nach meiner Meinung trägt die Schuld an den Abstürzen die Überheblichkeit der Deutschen, alles besser machen zu können, zum Beispiel sollte die als reiner Schönwetterjäger konzipierte Maschine bei uns als Aufklärer, Jagdbomber etc. eingesetzt werden und diese diversen Umbauten sehe ich als ursächlich für die Unfälle. Ich kann sagen,unsere Piloten liebten die F 104. Gruß M.Kestel
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