Starreporter Meyer Berger Der Star der Fakten

Vom Zeitungsjungen zur Journalistenlegende: Starautor Meyer Berger verkörperte wie kaum ein Zweiter den amerikanischen Reporter-Traum. Berühmt wurde er mit seinen nachdenklichen Kolumnen über das New York der Dreißiger - den Pulitzer-Preis gewann er mit einem Bericht über ein blutiges Massaker.

Von Hans-Jörg Michaelsen


Wenn sich Veteranen aus dem City Room der "New York Times" an Meyer Berger erinnern, fällt ihnen zuerst das Ritual ein, mit dem er die Fertigstellung eines Artikels feierte: Ein lauter Pfiff ertönte. Dann stand der schlaksige Reporter mit dem kahlen Schädel und der Brille auf, "sprang auf seinen Schreibtisch und drehte eine Siegesrunde durch den Newsroom, indem er von Pult zu Pult sprang", erinnert sich der Redakteur Arthur Gelb.

Kein anderer verkörperte die Tugenden des klassischen Zeitungsjournalismus besser als Meyer Berger, der vor 50 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls starb. Geboren wurde er am 1. September 1898 in der New Yorker Lower East Side als Sohn jüdischer Eltern. Als Achtjähriger verkaufte Berger Zeitungen auf der Straße. Mit 13 Jahren verließ er die Schule; ein schüchterner, kurzsichtiger Junge, der oft unter Magenschmerzen litt und nie lange von zu Hause wegbleiben konnte.

Er trat einen Botenjob bei der "New York World" an, die Joseph Pulitzer 1883 erworben und zu einem einflussreichen Lokalblatt entwickelt hatte, das für die Rechte der Arbeiter eintrat und korrupte Politiker aufs Korn nahm. Hier arbeitete der junge Berger als Kopierjunge und Rewriteman - er verteilte getippte Stories innerhalb des Redaktionsgebäudes, schnitt sie auseinander, setzte sie neu zusammen und korrigierte später auch Fakten und Stil.

Geschichten aus der "dunklen Tagesordnung"

1917 erschlich er sich das Okay zum Wehrdienst, indem er die Testtafel der Musterungsärzte auswendig lernte und so ein gutes Sehvermögen vortäuschte. Er diente in Frankreich bei der Infanterie, wurde mehrmals verwundet und mit dem "Purple Heart" und dem "Silver Star" ausgezeichnet. Nach dem Ersten Weltkrieg, zurück in Amerika, wurde er zunächst Polizeireporter für die "World" und danach Redakteur für die "Standard News Association", einem lokalen Zweigunternehmen der Nachrichtenagentur "Associated Press".

Im März 1928 betrat Meyer Berger zum ersten Mal den legendären City Room der ehrwürdigen "New York Times" im Herzen Manhattans: eine Höhle aus Stein und Stahl, so lang wie ein ganzer Straßenzug. Wollte der Chef vom Dienst wissen, wer am entgegengesetzten Ende des Raumes arbeitete, muss er zum Fernglas greifen.

Geschrei, Durcheinander, Zigarettenrauch, rhythmisches Klappern unzähliger Schreibmaschinen, klingelnde Telefone, der dröhnende Herzschlag großer Setzmaschinen im Stockwerk darüber. Ein Teppich aus Zigarettenstummeln, gemischt mit verschüttetem Kaffee, bedeckt den Zementfußboden. Papier überall: in Stapeln, aufgespießt auf Nägeln, über den Boden verstreut. An hufeisenförmigen Pulten hantierten altgediente Zeitungsprofis mit Bleistift, Schere, Leimtopf und Durchschreibpapier. Spucknäpfe aus Messing standen im ganzen Raum verteilt. Redakteure und Korrektoren mit grünen Augenschirmen oder Filzhüten, die vor dem blendenden Licht der Hängelampen schützten.

Von hier startete Meyer Berger jahraus, jahrein, um über Hitzewellen und Schneekatastrophen zu berichten, über ausgebrochene Zirkustiere, Beerdigungen, Festivals, Großfeuer und schlitzohrige Gauner am Broadway, die mit leim- und honigbestrichenen Stöcken Münzen aus Gullys und Schächten angelten.

Pulitzer-Preis für den Starreporter

Seine Themen entnahm Berger oft der "dunklen Tagesordnung" der Acht-Millionen-Stadt: Korruption, Drogen, Kriminalität, Mord. Seine Serie aus Chicago über den Strafprozess gegen Al Capone, der wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurde, ist 1932 für den Pulitzer-Preis nominiert worden. Sie verkörperte literarischen Journalismus in bestem Stil - Szenen, Dialoge, Beschreibung, Lokalkolorit, Fakten und Stimmungen.

1945 trat Berger eine Reise durch Europa und Nordafrika an und kabelte Depeschen über die verwirrenden und turbulenten Ereignisse des Kriegsendes in die heimatliche Redaktion. Bergers Reportage über gefallene US-Soldaten, die per Schiff aus Europa zurückgebracht wurden, wird später zum Klassiker. Berger schrieb: "Die ersten Kriegstoten aus Europa sind gestern nach Hause gekommen. Im Hafen herrschte Sabbat-Ruhe als das Transportschiff 'Joseph V. Conolly' mit 6248 Särgen an Bord mit der Morgenflut einlief. Ein aus dem Schiff entladener Sarg wurde durch die Straßen der Stadt gefahren, begleitet von gedämpften Trommelwirbeln und Marschrhythmen. 400.000 New Yorker, die an den Straßen standen und an dem Gedenkgottesdienst im Central Park teilnahmen, erwiesen den Toten mit andächtiger Stille und offen gezeigten Tränen die letzte Ehre."

Die Ereignisse vom Mittwoch, dem 7. September 1949, brachten Berger den begehrten Pulitzer-Preis. Hayes Sulzberger, Herausgeber der "Times" von 1935 bis 1957, berichtete später: "Als Howard Unruh in Camden, N.J. [...] wie ein Berserker 13 Menschen erschoss, sandte die 'Times' ihren besten Mann." Sulzberger beschrieb Meyer als schlanken, sanften Starreporter, der sofort nach Camden jagte. Berger sei dort mehrmals die River Road auf und ab gegangen und habe mit mehr als 50 Leuten gesprochen. Er habe sich Notizen und Zeichnungen über die Einzelheiten gemacht und genau aufgezeichnet, was die schockierten Leute ihm erzählten. "Dabei", so Sulzberger, "versuchte er die ganze Zeit, sich in die makabre Logik von Unruh hineinzuversetzen, um zu rekonstruieren, was genau passiert war."

Literarisches Denkmal für eine Stadt

Neben seiner Arbeit als Reporter schrieb Berger die Kolumne "About New York". Sie erschien regelmäßig von 1939 bis 1940 und von 1953 bis zu seinem Tod am 8. Februar 1959. Sie setzte Maßstäbe für Genauigkeit und Leichtigkeit der Sprache und für nachdenkliche, farbige und stilistisch gelungene Berichte über Orte und Schicksale von Menschen. Berger durchstreifte auch in seiner Freizeit mit Bleistift, Block und Kamera die Straßen und Plätze der Stadt.

Über die New Yorker schrieb er: "Sie strömen nach Manhattan von 6 Uhr morgens bis 9 Uhr 30, bevölkern die Wolkenkratzer, Fabriken und Kaufhäuser und arbeiten acht Stunden oder länger diszipliniert und pünktlich an ihren Aufgaben. In der Abenddämmerung dreht sich der Strom um und die Untergrundbahnen, Busse und Fähren bringen sie zurück nach Queens, in die Bronx, nach Brooklyn und Staten Island. Oft sind sie nicht gut drauf in den Rush Hours am Morgen und Abend, aber man darf sie nicht danach beurteilen, wie genervt sie dann aussehen. Wenn sie drängeln und stoßen, dann deshalb, weil sie pünktlich am Arbeitsplatz sein müssen. Und wenn sie sich auf dem Weg nach Hause wieder [...] anrempeln, dann nur, weil das Abendessen in der Familie wartet, oder [...] weil sie nicht zu spät zum Rendezvous kommen wollen."

Generationen von Lesern liebten "Mike" Berger wegen seiner nie ermüdenden Leidenschaft für den Big Apple und dafür, dass er ihnen in seinen Kolumnen ein Denkmal setzte. In ihrer Zeitung, in ihrer Stadt, von der man sagt, dass sie niemals schläft.



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