Stars im Hotel Limousine im Ballsaal

Er baute für Sammy Davis Jr. eine Orangenpyramide und organisierte weibliche Hummer für Modefuzzis: Jürgen Hurtig war in den siebziger Jahren PR-Manager des Hilton in West-Berlin. Im Interview erzählt er seine besten Storys - und zeigt nie gesehene Privatfotos.


einestages: Herr Hurtig, als das alte West-Berlin in den siebziger Jahren noch als bunte Insel inmitten des grauen Einheitssozialismus ein Magnet für Besucher aus aller Welt war, arbeiteten Sie als Pressechef im legendären Berlin Hilton an der Budapester Straße, direkt am Zoo. Das Hotel wurde 1958 eröffnet und Ende der Siebziger von der Interconti-Kette übernommen. Im Nachkriegs-Berlin war es das erste Haus am Platz. Prominenz jeglichen Kalibers verkehrte dort, von Popstars bis zum Schah von Persien. Was ist das Verrückteste, was Ihnen in Ihrer Zeit dort passiert ist?

Hurtig: Das war die Geschichte von Henry Kissinger und seiner gepanzerten Limousine. Die nämlich war 6,30 Meter lang, die Hotelgarage aber nur glatte sechs Meter. Was also tun mit dem Ungetüm? Da hatte ich eine Idee: Es gab im Hilton einen Ballsaal, in den an unseren jährlichen Alt-Berlin-Abenden vom Hof aus ein Vierspänner gefahren wurde. Warum nicht das Gleiche mit der gepanzerten Limousine vom Kissinger machen - der Ballsaal war ohnehin die nächsten Tage frei? Gesagt, getan - wir parkten die Staatskarosse im Ballsaal. Das Foto davon ging um die Welt.

einestages: Gab es während Ihrer Zeit im Hilton auch handfeste Skandale? Rockstars, die Suiten zerstörten, oder wilde Feiern?

Hurtig: Sicherlich gab es die. Bei ihrem Besuch demolierte zum Beispiel Ike Turner, der Mann von Tina Turner, die Präsidenten-Suite. Er hatte dort eine Party veranstaltet, nach der das Zimmer aussah wie Sodom und Gomorrha. Für uns waren solche Vorfälle kein wirklicher Skandal, sondern gang und gäbe - wir haben einfach renoviert und der Agentur die Rechnung geschickt.

einestages: Haben Sie sich eigentlich in irgendeiner Form auf die Ankunft von Prominenten vorbereitet?

Hurtig: Das war meine Aufgabe. Ich habe jeden Morgen vom Empfang eine Liste mit den prominenten Gästen im Hotel bekommen. Waren echte Stars dabei, habe ich ein bisschen recherchiert, ein Interview vorbereitet und dann die Presse informiert. Auf diesem Wege ist zum Beispiel eine wirklich tolle Geschichte mit Fats Domino zustande gekommen. Ich hatte herausgefunden, dass zur gleichen Zeit auch ein Jazz-Sänger in Berlin auftrat, mit dem Fats mal befreundet war, den er aber jahrzehntelang nicht gesehen hatte. Ich habe ein Wiedersehen arrangiert. Wie die sich gefreut haben! Das war wirklich rührend.

einestages: Konnten Sie Ihren Stargästen häufiger so eine Freude machen?

Hurtig: Ich habe mir schon Mühe gegeben. Einmal war zum Beispiel Sammy Davis Jr. bei uns zu Gast. Neben der üblichen VIP-Behandlung - also Zimmer besonders schick machen, Blumen arrangieren, Champagner bringen - haben wir uns für ihn etwas ganz Besonderes ausgedacht: Wir wussten, dass er ein absoluter Orangen-Fan ist. Also habe ich in seinem Zimmer einen Turm aus Orangen errichten lassen, der war fast einen Meter hoch. Er hat uns als Dank zu seinem Konzert in die Deutschlandhalle eingeladen.

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Geheimnisse eines Hoteliers: Orangen, Pelze, Hummer

einestages: Haben von den vielen Musikern, die Sie im Hilton beherbergt haben, auch mal welche spontane Konzerte auf ihren Zimmern gegeben?

Hurtig: Nein, während meiner Zeit nicht. Aber ich habe eine wirklich schöne Anekdote mit der weltberühmten Opernsängerin Maria Callas erlebt. Sie wohnte eigentlich im Kempinski am Kurfürstendamm. Doch dann bekam ich einen Anruf von meiner Kollegin dort: "Macht euch mal fertig, die Callas zieht zu euch um." Ich fragte: "Wieso das denn?" "Ihr war die S-Bahn zu laut." Damals war das Kempinski noch nicht ausreichend isoliert, deswegen kam die Callas mit ihrem Bühnenpartner Guiseppe di Stefano zu uns.

einestages: Und dann?

Hurtig: Am Montag sollte sie ihr Konzert geben - und am Sonntag hat sie sich eingesungen, bei uns im Veranstaltungssaal mit dem Namen Salon Ambassador. Das war wirklich ein unglaublicher Moment. Ich war natürlich über die ganze Dauer ihres Aufenthalts präsent. Bei so wichtigen Gästen gehörte das zu meinem Job, und plötzlich höre ich die Stimme der Callas. Aber eben nicht nur ich, sondern auch die anderen Hotelgäste. Wie angewurzelt blieben wir vor dem Salon stehen. Natürlich war es streng verboten, reinzugehen. Aber das war auch gar nicht nötig, denn ihre herrliche Stimme hörte man noch bis vorne zur Rezeption. Am Ende standen 30, 40 Leute vor dem Saal. Ich habe dem Barchef gesagt: "Mensch, stell doch ein paar Stühle auf und ein paar Tischchen, da machst du ein Geschäft." Und wirklich: Die Gäste saßen dann vor dem Salon und haben still und andächtig der Callas gelauscht.

einestages: Apropos tolle Frauen - viele berühmte männliche Gäste hatten sicher ein Gefolge von weiblichen Fans im Schlepptau?

Hurtig: Über solche Dinge schweige ich wie ein Grab.

einestages: Haben Sie eigentlich eine Vorstellung davon, was Ihre prominenten Gäste an Ihrem Hotel so schätzten?

Hurtig: Pauschal kann ich das nicht sagen. Den Schlagersänger Rex Gildo habe ich das mal gefragt, der war sehr gern im Hilton. Und das, obwohl das Hotel Schweizer Hof vis-à-vis stets die ganze Hitparade zu Gast hatte. Nur Rex kam immer zu uns. Als ich ihn fragte, warum, sagte er: "Wegen der freundlichen Telefonistinnen." Damals wurden die Verbindungen noch von Hand gestöpselt. Und wenn man bei uns ein Gespräch anmeldete, hatte man eben die sympathische Stimme von Frau Dittberner im Ohr.

einestages: Wenn man, wie Sie, dauernd von Stars umgeben ist, wird man dann mit der Zeit auch selbst ein wenig zum Star im eigenen Hotel?

Hurtig: Nein, ich habe mich nie so gefühlt. Natürlich wurde ich sehr oft eingeladen, zum Beispiel zu Konzerten oder Theaterpremieren. Auf einer Premierenfeier habe ich zum Beispiel meine zweite Frau kennengelernt.

einestages: Und was war der bizarrste Sonderwunsch, den Sie in Ihrer Zeit im Berlin Hilton erfüllen mussten?

Hurtig: Wir hatten mal einen muslimischen Gast, der wollte unbedingt einen Schinkentoast ohne Schweinefleisch haben.

einestages: War das schon alles? Das muss es doch noch mehr gegeben haben!

Hurtig: Ich erinnere mich auch noch an einen Modefuzzi, der die Präsidenten-Suite belegt hatte, nur Champagner der Marke Dom Pérignon vom Jahrgang 1964 trank und unbedingt einen weiblichen Hummer haben wollte. Fragen Sie mich nicht warum, ich bin kein Krustentier-Fan. Ich fragte den Küchenchef und der erklärte mir, dass das Fleisch ein wenig anders schmecke. Es gibt sogar ein Riesenfoto aus der "B.Z.", auf dem der Küchenchef eben jenen weiblichen Hummer zeigt. Das Beste an der Geschichte: Am Ende wollte der Modemensch nicht bezahlen. Als die Rechnung kam, hatte er nur Ausreden, aber kein Geld.

einestages: Verraten Sie uns, wer das war?

Hurtig: Natürlich nicht.



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