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Startbahn West Die Wucht des Widerstandes

Startbahn West: Die Wucht des Widerstandes Fotos
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100.000 Menschen gegen 4000 Meter Beton: Die Demonstrationen gegen die Startbahn West in den achtziger Jahren waren ein Musterbeispiel friedlicher Protestkultur. Dann wurde die Bewegung abrupt zerschlagen - durch den Mord an zwei Polizeibeamten. Von

In den ruhigen Feierabend des Polizisten Wolfgang Link platzte eine schreckliche Nachricht. Per Telefonkette informierten die Kollegen einander, dass vor wenigen Minuten am Gelände der Startbahn West die Polizisten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm erschossen worden waren. Der Abend des 2. November 1987 wurde zur schwarzen Stunde für die Frankfurter Polizei. Der Doppelmord, für den später Andreas E. zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt wurde, markierte das schlimme Ende einer einzigartigen Protestbewegung im Rhein-Main-Gebiet.

Unermüdlich pflegten die Bürgerinitiativen seit drei Jahren an der Betonmauer der schon in Betrieb genommenen Startbahn friedlich mit ihren "Sonntagsspaziergängen" zu demonstrieren. An diesem Tag im November 1987 jährte sich allerdings zum sechsten Mal das Ende des umfassend organisierten Widerstandes: Ein Großaufgebot aus Polizisten und Sonder-Einsatzkommandos (SEK) aus verschiedenen Bundesländern hatte in den Morgenstunden des 2. November 1981 das legendäre Hüttendorf im Flörsheimer Wald geräumt. Nach diesem Schlag gegen das Zentrum des Widerstandes verlegten sich die Startbahngegner auf einzelne Aktionen.

Aufstand der Langhaarigen und der Grauhaarigen

Das war eine Zeit, in der auch junge Polizisten wie Wolfgang Link nicht nur physisch an die Grenze ihrer Belastbarkeit getrieben wurden - sondern auch den Sinn ihres Einsatzes bezweifelten. "Ich habe die Notwendigkeit dieses Baus in Frage gestellt", sagt Link, der sich heute noch als kritischer Polizist versteht, und das als 51 Jahre alter Gewerkschafter und Personalrat des Frankfurter Polizeipräsidiums auch deutlich formuliert.

Da war der Fluglärm des Frankfurter Flughafens, unter dem die dicht besiedelte Region schon ohne die neue Startbahn litt. Da war der alte Bannwald, der dem Bau dieser Betonschneise geopfert werden sollte, und da war die Wut der Menschen, dass die hessische Landesregierung hier um jeden Preis ein Projekt realisieren wollte. Damit hatten die Politiker ein Problem, "denn die alten Feindbilder aus Apo-Zeiten stimmten nicht mehr", sagt Michael Wilk, damals Frankfurter Medizinstudent und ein Kämpfer gegen den Bau, heute Arzt und Psychotherapeut in Wiesbaden. Hier demonstrierten nicht nur die "Chaoten", jetzt waren es plötzlich auch brave Bürger, über deren Reihenhäuschen im Kreis Groß-Gerau ein Jumbo Jet hinwegdröhnen sollte. "Es war der Aufstand der Langhaarigen und der Grauhaarigen", sagt Michael Wilk.

"Das war gelebter Alltagswiderstand"

Es war auch die Zeit, in der viele Menschen ihre Scheu ablegten und dem Staat mehr entgegenschleuderten, als nur Unterschriften, Plakate und böse Worte. Michael Wilk sagt, dass Widerstand überhört wird, "wenn er nur auf einer appellativen Ebene bleibt". Sachbeschädigungen, Sabotageaktionen und Blockaden waren für ihn deswegen moralisch legitimierter Widerstand. Von den tödlichen Schüssen auf die Polizisten hat sich Wilk aber schon damals distanziert, heute spricht er von einer "unmenschlichen und politisch verheerenden Tat". Denn der Doppelmord bedeutete das Ende der Bewegung.

Das Zentrum dieser Bewegung war das Hüttendorf im Flörsheimer Wald, entstanden aus einem Holzhäuschen der Bürgerinitiative im Frühjahr 1980. Diese konspirative Siedlung auf dem Baugelände der geplanten Startbahn war eine Mischung aus Woodstock, Campingplatz und Trutzburg gegen den Staat. Die rund 60 stabilen Hütten wurden von Handwerkern aus der Region errichtet, es gab eine Kirche, in der Kinder getauft wurden. Flörsheimer Hausfrauen bildeten eine Küchenbrigade, um die Versorgung der Bewohner sicherzustellen. "Das war gelebter Alltagswiderstand", erinnert sich Michael Wilk. Wenn wieder demonstriert werden sollte, dann läuteten in den Ortschaften rundherum die Kirchenglocken, um die Leute zu mobilisieren, "denn es gab ja noch keine Handys. Das waren bewegende Momente".

Die Startbahn West erfasste damals die Menschen im Rhein-Main-Gebiet in fast allen Lebenslagen. In den Schulen wurde darüber im Gesellschaftskunde-Unterricht diskutiert, in allen größeren Städten regelmäßig demonstriert. "Entweder war man dafür oder dagegen. Niemand konnte sich dieser Sache entziehen", sagt Wilk. Diese Trennlinie ging auch durch die Polizeibeamten. Denn die meisten wohnten ja auch im Umfeld der Startbahn. Wolfgang Link erinnert sich, dass Kollegen aus dem am meisten betroffenen Kreis Groß-Gerau von Einsätzen verschont geblieben sind, zu groß wäre der Interessenkonflikt gewesen. Denn es hätte ja leicht die absurde Szene geben können, dass ein Polizist mit Schlagstock seinem demonstrierenden Nachbarn gegenübergestanden hätte - obwohl man eigentlich einer Meinung war.

Schlacht am Bauzaun

Wolfgang Link aus Frankfurt-Niederrad musste aber Dienst schieben. Es gab Urlaubssperre und Überstunden. Link versuchte sich schon zu jener Zeit in einem Umgang mit den Demonstranten, den man später "Deeskalation" nennen sollte. "Mit ehrlicher Ansprache lässt sich mehr erreichen", sagt der heutige Hauptkommissar. Den krassen Gegensatz bildeten damals herangekarrte Kollegen aus Bayern, denn die hessischen Polizisten waren allein zahlenmäßig auf Dauer überfordert. "Und für die Bayern war das wie Krieg". Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten bei Zusammenstößen zwischen Polizei und gut 10.000 Demonstranten am 11. Oktober 1981, als ein 2,50 Meter hoher Bauzaun errichtet werden sollte. Der Tag blieb als sogenannter "Blutsonntag" in Erinnerung.

Die Wucht des Widerstandes, getragen von einer gewaltigen Menschenmasse, brachte Ministerpräsident Börner damals in Schwierigkeiten - und sorgte für Zerrissenheit innerhalb der regierenden SPD. "Die Startbahn ist politisch nicht mehr durchsetzbar... so, wie es jetzt aussieht, stehen wir das nicht durch", wurde der damalige Landtagsabgeordnete Frank Breucker 1981 in der Frankfurter Rundschau zitiert. "Die Sache stand auf der Kippe", sagt Michael Wilk. Börner ließ kurz danach sogar den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt einfliegen, um seine Fraktion auf Linie zu bringen. Börner fühlte sich durch die Proteste seines Volkes "in seinem Stolz verletzt", glaubt Polizist Link. "Er wurde ja damals sogar im Alltag beschimpft."

"Es geht auch um Widerstandskultur"

Auch ein Volksbegehren mit 220.000 Unterschriften von 1981 konnte Ministerpräsident Holger Börner nicht umstimmen. "Ich hatte den Glauben an die Demokratie verloren", sagt der Polizist Wolfgang Link heute. "Meine Meinung war damals, dass wir in einer Diktatur leben." Juristische Auseinandersetzungen verzögerten den Baubeginn zwar um Jahre. Aber auch Einsprüche betroffener Kommunen (vor allem Mörfelden-Walldorf) konnten die Flughafenerweiterung letztlich nicht verhindern. Am 12. April 1984 wurde die Startbahn 18 West (so die offizielle Bezeichnung) ihrer Bestimmung übergeben. Aber schon zwei Tage später demonstrierten dort wieder 15.000 Menschen gegen diese 4000 Meter Beton am südwestlichen Zipfel des Frankfurter Flughafens. Trotz der Erkenntnis, dass Mitbestimmung der Bürger eben ihre Grenzen hat.

Nur wenige Wochen nach dem "Blutsonntag" wurde mit der Räumung des Flörsheimer Hüttendorfes dann die Bauphase eingeleitet. Als Verlierer fühlen sich alte Kämpfer wie Wilk trotzdem nicht. "Es geht auch um Widerstandskultur. Wie lernen es die Leute, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Und wir haben den Flughafenausbau um Jahre verzögert." Wolfgang Link spricht von reichen Erfahrungen als junger Polizist, die ihm später beispielsweise einen professionellen Umgang mit Demonstranten gegen Studiengebühren ermöglichte. Trotzdem spürt man bei ihm Frust über den Startbahnbau und immer noch viel Trauer für seine ermordeten Kollegen. "Diese Schüsse habe ich nie verstanden. Das Ding war gebaut, die Bevölkerung hatte verloren. Ich habe verloren."

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