Stasi-Akten Doppeltes Spiel des schnelles Zeichners

Stasi-Akten: Doppeltes Spiel des schnelles Zeichners Fotos
Stefan Appelius/Peter Jahn

Er hetzte gegen die DDR - und soll für sie spioniert haben: Der Karikaturist Gernot Hilliger galt im Westen als "schnellster Portraitzeichner der Welt" und Gegner des SED-Regimes. Erstmals komplett ausgewertete Akten legen jedoch nahe, dass er Jahrzehntelang enge Freunde an die Stasi verraten hat. Von Stefan Appelius

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Im Sommer 1980 lag die Postkarte in seinem Briefkasten, abgestempelt in New York. Er sei ein "A....", las Gernot Hilliger. Und: Er solle sich nie wieder im Hause des Cartoonisten Erich Rauschenbach blicken lassen. Der prominente ehemalige Fluchthelfer Peter Jahn erinnert sich genau: "Hilliger zeigte die Karte damals überall herum. Er schäumte vor Wut und schwor Rauschenbach ewige Rache."

Ein paar Tage zuvor hatte der SPIEGEL eine Karikatur von Hilliger nachgedruckt und bundesweit eine Welle der Empörung ausgelöst. Unter der Überschrift "Wir Genossen sind gegen Strauss" waren darin mehrere "arbeitsscheue" und "kriminelle" Gestalten zu sehen. Darunter auch ein kleiner Mann mit einer großen Ratte auf dem Arm, der meint, er müsse die Bundesrepublik "im Auftrag des DDR-Geheimdienstes" für den "Tag der Befreiung durch die NVA" vorbereiten. "Wenn damals jemand behauptet hätte, dass Hilliger selbst ein Stasi-Spitzel sei – den hätte man für verrückt erklärt", sagt Jahn heute. Denn niemand verhöhnte die DDR so laut wie Hilliger.

Erst Jahre nach dem Fall der Mauer wurde bekannt, dass Hilliger, "der schnellste Porträtzeichner der Welt", als "IMB Brunnen" für die Stasi gearbeitet haben soll. Ein IMB ist ein "IM mit Feindberührung", oder – wie es der Direktor der Stasi-Unterlagenbehörde (BSTU) und spätere BND-Präsident Hansjörg Geiger einmal formulierte, eine "Perle" der ostdeutschen Staatssicherheit.

In Westberlin galt Hilliger jahrelang als DDR-Gegner, der schon mal öffentlich erklärte, es wäre am besten, man würde alle Kommunisten niederschießen oder erschlagen. In der Akte des "IMB Brunnen" heißt es zufrieden: "Seine persönliche Entwicklung weist für die gegnerische Abwehr keine besonderen Merkmale auf, die ihn der Sympathie bzw. der Zusammenarbeit mit Organen der DDR verdächtig machen könnten."

Keine Angst mehr

Als junger Mann verbrachte der gelernte Chemielaborant Hilliger einige Jahre in DDR-Gefängnissen. Zuerst verurteilte man ihn wegen Fahnenflucht, später kam ein Verfahren wegen versuchter Spionage hinzu. Damals prophezeite ihm ein Mithäftling aus der Bundesrepublik, mit seinem "sentimentalen Charakter" würde er im Westen untergehen. Jenseits der Mauer wehe ein rauer Wind. Er müsse rücksichtslos sein und korrupt, um sich drüben durchzusetzen.

Als Hilliger im Frühjahr 1974 endlich in den Westen ausreisen durfte, schien sich die düstere Prophezeiung zu erfüllen. Niemand nahm ihn an die Hand, alle waren nur mit dem eigenen Fortkommen beschäftigt. Schon bald muss sich Hilliger wieder nach den "humanistischen Idealen" der ostdeutschen Diktatur gesehnt haben.

Anteilnahme fand Hilliger nur bei seiner Verlobten. Die aber lebte auf der anderen Seite der Mauer, in der Hauptstadt des "Arbeiter- und Bauernstaates". Die DDR-Behörden lehnten es jedoch strikt ab, die junge Frau in den Westen zu lassen. Schließlich wandte sich Hilliger an die Medien. Der SPIEGEL machte den Fall im Oktober 1976 in einer Geschichte über legale Ausreiseanträge aus der DDR ("Keine Angst mehr") öffentlich, mit Namen und Foto der jungen Frau.

Inzwischen war Hilliger in Westberlin zur Jungen Union gestoßen. Seit Jahren schon träumte er davon, als Grafiker und Zeichner zu arbeiten. Den Grundstein dazu legte er mit Plakaten für den CDU-Jugendverband, auf denen er die Zustände in der DDR schonungslos anprangerte. Damit machte er sich nicht nur in der Berliner Union einen Namen, sondern auch in der Gesellschaft für Menschenrechte. Es war der Durchbruch: Selbst im vornehmen Club des Axel-Springer-Hauses ging der Künstler ein und aus.

Ein einmaliges Gespräch

Rein äußerlich gab es gewiss schneidigere Stasi-Offiziere als den Leiter der Kreisdienststelle Fürstenwalde des MfS. Es war jener Adolf Storch, der nach Aktenlage im Frühjahr 1977 bei Hilligers Verlobter anklopfen ließ und ein "einmaliges Gespräch" mit dem Künstler vorschlug. Und zwar auf dem Staatsgebiet der DDR – den Termin dürfe der Künstler selbst bestimmen. Bei der Gelegenheit könne man "gemeinsam nach Wegen suchen", die derzeitige Situation "zugunsten beider Seiten" zu lösen. Man erwarte allerdings von ihm, dass er vorerst keine "feindseligen Akte" mehr gegen die DDR in der Öffentlichkeit begehe.

Am 7. Mai 1977 soll Hilliger erstmals mit seinem Auto über den Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße in die DDR eingereist sein, um sich in Bad Saarow mit der Stasi zu treffen. In einer Notiz von Adolf Storch heißt es über Hilliger: "Zu Beginn des Gespräches erklärte er, dass er mit mir als Privatperson sprechen möchte, nicht als Vertreter unseres Organs. Dazu habe ich ihm unmissverständlich klargelegt, dass ich als Privatperson seine Einreise zu diesem Gespräch nicht ermöglichen hätte können."

Die Zusammenarbeit zwischen "IMB Brunnen" und der Staatssicherheit dauert jahrelang an und soll erst drei Wochen nach dem Fall der Mauer beendet worden sein. Akten in der BSTU legen den Verdacht nahe, dass die mutmaßliche Zusammenarbeit mit der Stasi Hilliger nicht nur viel Geld, sondern auch mehrere Orden einbrachte. Gleich bei der ersten Begegnung mit Storch soll Hilliger seinen Freund Peter Jahn denunziert haben. Jahn hatte Hilliger angeboten, dessen Verlobte in den Westen zu holen. Ein guter Fang, galt Jahn doch in der DDR als "krimineller Menschenhändler" und Staatsfeind erster Klasse.

Laut Aktenlage machte sich der "IMB Brunnen" im Frühjahr 1978 bei einem gemeinsamen Skiurlaub mit Jahn heimlich an dessen Tasche zu schaffen und schrieb sich sämtliche Adressen aus dem Notizbuch des Fluchthelfers heraus. Diese soll er dann an die Staatssicherheit geliefert haben - darunter auch den Brief eines Kantors aus Uelzen, der seine Schwester und deren Familie mit Hilfe von Peter Jahn aus der DDR in den Westen holen wollte. Die betreffende Familie geriet daraufhin in eine großangelegte Überwachungsaktion der Staatssicherheit und wurde monatelang von fünf Stasi-Spitzeln kontrolliert: "Durch die KD (Kreisdienststelle; die Red.) Fürstenwalde wurde durch eine Operativinformation vom 26.4.78 bekannt, dass der … die Ausschleusung seiner Schwester … vorbereiten soll."

"Freund Adolf"

Im März 1981 notierte Stasi-Oberst Adolf Storch eine besonders tollkühne Aktion seines Informanten: "Der IM erschien in großer Erregung und übergab mir beim Treff zwei Holzteile, die von außen mit Klebefolie mit Holzstruktur und Reklameschildern für eine bulgarische Gaststätte und für bulgarische Gerichte gekennzeichnet waren." Der "IMB Brunnen" habe daraufhin die Verpackung entfernt, und seinem Führungsoffizier das Gedenkkreuz für ein 18-jähriges Mädchen gezeigt, das kurz zuvor beim Fluchtversuch an der Mauer erschossen worden war. Das Mädchen hieß Marienetta Jirkowsky - die Mauertote, deren Erinnerung die Stasi später mit allen Mitteln auslöschen wollte.

Im Sommer 1984, so legen es die Akten der BSTU nahe, wäre der "IMB Brunnen" beinahe enttarnt worden. Demnach überraschte seine Freundin Hilliger dabei, wie er im Hause des prominenten DDR-Regimegegners Wulf Rothenbächer bei einem gemeinsamen Besuch vertrauliche Unterlagen, die auf dessen Schreibtisch lagen, fotokopierte. Sie soll ihn daraufhin zur Rede gestellt und ihm heftige Vorwürfe gemacht haben. Glaubt man den Akten, wiegelte Hilliger ab und erklärte, das Material sei für seinen "Freund Adolf" bestimmt, mit dem er sich von Zeit zu Zeit treffe und der dazu beigetragen habe, seine Vorbehalte gegen die DDR abzubauen. Ob Birgit K. das wirklich glaubte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die junge Frau kam bald darauf nach einem Verkehrsunfall in Westberlin ums Leben, erinnert sich Rothenbächer.

Bare Dollars

Erst zehn Jahre später, im Sommer 1994, flog der dienstbare Zuträger des MfS dann auf. Nach Angaben des Berliner Journalisten Lutz-Peter Naumann hatten einige Abwehroffiziere der HVA (Hauptverwaltung Aufklärung; die Red.) die mehr als tausend Seiten umfassenden Stasi-Akten des "IMB Brunnen" nicht vernichtet, sondern angeblich beim amerikanischen Geheimdienst "gegen bare Dollars eingetauscht".

Hilliger, mit den Vorwürfen konfrontiert, reagierte empört. Er habe der Stasi weder berichtet, noch Geld oder Medaillen erhalten. Seine Stasi-Akten seien "getürkt" und das Verfahren gegen ihn eine "Rufmord-Kampagne", erklärte er in Interviews. Vor Gericht erklärte er, seine Verbindung zu Oberstleutnant Adolf Storch sei eine private Bekanntschaft gewesen: "Für mich war er ein Freund. Wir haben nur über Persönliches gesprochen", sagte Hilliger, der 1996 zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt wurde. Die Richter urteilten, es sei kein "nachweisbarer Schaden für Dritte enstanden".

Dass Hilliger sich nichts vorzuwerfen habe, glaubten damals auch noch alte Freunde wie Wulf Rothenbächer. Bis ihm im Sommer 1998 mehrere umfangreiche Aktenstücke mit Berichten des "IMB Brunnen" zugespielt wurden. Rothenbächer: "Es traf mich wie ein Blitz. Einmal habe ich noch mit ihm telefoniert, ihn dabei einen 'S...' genannt und der Hoffnung Ausdruck gegeben, ihn nie wieder in meinem Leben zu sehen. Ich war bis ins Mark erschüttert."

Interna aus der Betonfraktion

Auch der Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski hielt damals weiter zu Hilliger. Dombrowski, der selber wegen Republikflucht und "Staatsverleumdung" in der DDR zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hegte nicht den geringsten Verdacht, zumal sich in seinen eigenen Akten keinerlei Hinweis auf die mutmaßliche Stasi-Tätigkeit Hilligers fand. Nach seinem Freikauf in den Westen war Dombrowski wegen seiner politischen Aktivitäten gegen den Unrechtsstaat DDR über Jahre hinweg eine "operative" Zielscheibe der Staatssicherheit. Sein Freund Bernd Moldenhauer wurde 1980 von einem Auftragskiller der Stasi ermordet.

Erst jetzt erfuhr der Generalsekretär der Brandenburgischen CDU, dass der vermeintliche Freund an einer "Zersetzungsmaßnahme" gegen ihn und seine Frau mitgewirkt haben soll: Das Ehepaar wurde mehrere Jahre abgeschöpft, sensible Interna aus der "Betonfraktion" der Berliner CDU gelangten in den Osten - oft politischer Natur, gerne aber auch intime Details aus der Privatsphäre führender Unionspolitiker. Von dieser Art Verrat war vor allem das Ehepaar Dombrowski selbst betroffen – und zwar über Jahre hinweg.

Dass man den "IMB Brunnen" im Osten für einen besonders wertvollen Mitarbeiter hielt, lässt sich auch daran ersehen, dass er am Ende nicht mehr aus Fürstenwalde, sondern direkt durch die "Zentrale Koordinierungsgruppe" (ZKG) des MfS in Ostberlin geführt wurde und noch rund drei Wochen nach dem Fall der Mauer, Ende November 1989, 2000 DM von der Stasi kassierte: "Im Ergebnis seines Einsatzes konnte eine Vielzahl feindlicher Aktivitäten besonders gegen die Staatsgrenze der DDR erkannt und zum Teil vorbeugend verhindert werden." Adolf Storch war inzwischen durch Oberstleutnant Konrad Berger ersetzt, mit dem Hilliger ebenfalls freundschaftliche Beziehungen aufgenommen und diese nach dem Fall der Mauer fortgesetzt haben soll.

"Er hat sich maßlos überschätzt"

Eigene Fehler erkennt Gernot Hilliger bis heute nicht. Er habe stets die Menschenrechtsverletzungen in der DDR angeklagt, schreibt Hilliger in einer Stellungnahme für SPIEGEL ONLINE. Schließlich hätten ihn Oberst Adolf Storch und Oberstleutnant Konrad Berger vor dem Berliner Kammergericht entlastet. Seine "freundschaftliche Beziehung" zu dem Stasi-Offizier Storch sei eine wesentliche Garantie seiner "ungestörten Feindarbeit gegen die DDR" gewesen.

Hat Hilliger als "IMB Brunnen" die Stasi unterwandert? "Er hat sich maßlos selbst überschätzt", sagt Peter Jahn. Wulf Rothenbächer kennt die Akten des "IMB Brunnen" genau: "Alle mir bekannten Fakten sprechen gegen Gero Hilliger."

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Angelika Dr. Fritz, 13.09.2010
wie gräßlich - das ist eine Charajktereigenschaft - und niemand sollte Hilliger je vertrauen: Einmal - immer
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