Stasi-Akten Vergangenheit in Fetzen

Sie lehren Ex-Spitzel das Fürchten: Im fränkischen Zirndorf setzen Profi-Puzzler eilig geschredderte Stasi-Akten wieder zusammen - auch unter den freigegebenen Dokumenten, die Gregor Gysi belasten, ist mühsam von Hand rekonstruiertes Material.

AP

Von Daniela Schröder


"Links oben", "Mitte-Mitte", "Rechts unten" steht auf den kleinen Etiketten an den bunten Plastikablagen. Darin liegen Papierfetzen mit Wortsilben und Satzteilen. Die einen klein wie Briefmarken, die anderen in Notizblock-Format. Heinz Lay greift in die Unten-Rechts-Ablage und legt das Papierstück an ein zusammengeklebtes Blatt auf seinem Schreibtisch, dem noch eine Ecke fehlt. Passt nicht. Er fischt nach dem nächsten Schnipsel.

Lay verdient sein Geld puzzelnd. In einem Sechziger-Jahre-Bürogebäude in Zirndorf bei Nürnberg kleben er und seine acht Kollegen in Handarbeit Säcke vergilbter Papierschnipsel zu Stasi-Akten zusammen. In den letzten Tagen der DDR versuchten die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) die Beweise jahrzehntelanger Spitzelarbeit zu vernichten. Als die Aktenhäcksler heiß liefen, zerfetzten die Stasi-Leute die belastenden Unterlagen mit der Hand. Die zerrissenen Papiere stopften sie in mehr als 17.000 Säcke. Das Material aus 6.000 Säcken gilt als rekonstruierbar.

Heniz Lay holt einen Papphefter aus dem Regal. "In charakterlicher Hinsicht erscheint H. ruhig, zurückhaltend, unsicher (im gesamten Auftreten), beeinflussbar", schreibt ein Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit über einen 38 Jahre alten Bauingenieur. Mehr als 170.000 IM spionierten im Osten das Leben anderer aus, fast 20.000 spitzelten in Westdeutschland. Vier Millionen Akten über DDR-Bürger legte die Stasi an, dazu eine Million über Westdeutsche und etwa 200.000 über Ausländer.

Akten statt Asylanten

"Mit der Einschätzung des IM beginnen die Berichte", sagt Lay. "Da geht es darum, wie jemand aussieht, ob die Schuhe geputzt oder ungeputzt sind, die Hose zu lang oder zu kurz. Total banal." In den rekonstruierten Blättern kann man aber auch solche Sätze lesen: "Die Disharmonie in der Ehe resultiert aus K.'s Unternehmungslust, Energie und Geselligkeit im Gegensatz zu dessen Frau (2. Arbeitsverhältnis, alleinige Urlaube)", schreibt der IM in einem zweiten Bericht über den Ingenieur. "Tja", sagt Lay und zwinkert. "Geselligkeit ist schon ein schönes Wort für Seitensprung."

Das kleine Radio auf der Fensterbank in seinem Büro spielt Hits der Siebziger und Achtziger. Ein Gummitroll mit giftgrünen Wuschelhaaren sitzt darauf. Das rosarot-orangefarbene Blumenmuster in Lays Hemd harmoniert mit dem satten Orange der Stoffvorhänge. 1951 ist er geboren, da war die DDR zwei Jahre alt. Verwandte oder Freunde drüben, die hatte er nicht, sagt Lay, in Ostdeutschland sei er nie gewesen. Das Leben in dem kleinen, abgeschotteten Staat kennt er nur aus den Akten, die er montags bis freitags zwischen 8 und 17 Uhr zusammenpuzzelt.

Die Arbeit der "Projektgruppe Manuelle Rekonstruktion" der Stasi-Unterlagen begann im Februar 1995. Weil die Zahl der Anträge auf Asyl in Deutschland geschrumpft war, hatte das in Zirndorf ansässige Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge 45 unterbeschäftigte Angestellte an die Birthler-Behörde ausgeliehen.

630.391 Seiten aus 335 Säcken Schnipsel

Heute sind es nur noch neun. Pro Tag schafft ein Akten-Puzzler im Durchschnitt zehn Seiten. Anfang Mai 2008 hatte die Gruppe den Inhalt von 335 Säcken zu 630.391 Seiten DDR-Erbe zusammengesetzt. Geht es im gleichen Tempo und mit gleicher Mitarbeiterzahl weiter, würde die Rekonstruktion der Stasi-Akten 700 Jahre dauern, schätzt die Stasi-Akten-Behörde. Nun soll ein Computersystem des Fraunhofer-Instituts Tempo machen und die restlichen 600 Millionen Papierschnipsel in fünf Jahren in Stasi-Akten zurückverwandeln. Die Testphase läuft seit Mai 2007.

Handwerkszeug in Zirndorf sind säurefreies Archivklebeband, Falzbeil - und Eselsgeduld. "Wenn ich nur kleinen Krusch in dem Sack habe, und rein gar nichts geht, dann hockst du hier den ganzen Tag nur rum, da kannst du echt depressiv werden", sagt Martina Metzler, die einzige Frau im Team und seit zehn Jahren dabei. Bastelrekord der Gruppe war eine in 98 Teile zerrissene Seite, groß wie zwei Postkarten. Fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit brauchen die Puzzler für das Bewerten der zusammengeklebten Dokumente. Die Computertechnik sei vielleicht schneller als die Handpuzzler, sagt Metzler. Aber das, worauf es wirklich ankomme, das könne nur der Mensch: "Aufmerksam lesen und die Zusammenhänge erkennen."

An den Schreibtischen in Zirndorf werden Beschreibungen zu Personen, Ereignisse wachsen zu Geschichten. Ein Puzzle der Vergangenheit. Banales und Brisantes, akribisch notiert. Dass in Zirndorf tagtäglich zerrissene DDR-Geschichte wieder aufersteht, hat die Hoffnung vieler IM zerschlagen, ihre Schnüffelei werde nie auffliegen: So wurde der einstige Rektor der Berliner Humboldt-Universität, der Theologieprofessor Heinrich Fink, durch die Profi-Puzzler als IM "Heiner" geoutet und Thüringens ehemaliger Landesbischof Ingo Braecklein als langjähriger Stasi-Zuträger entlarvt. Zusammengesetzte Dokumente über die in Erfurt untergetauchte RAF-Terroristin Silke Maier-Witt enthüllten, dass die Stasi ihr eine neue Identität verschafft hatte, und in Zirndorf zusammengeklebt wurden auch die 1200 Seiten Privates und Berufliches, die der Ost-Berliner Dichter Sascha Anderson über seine Künstlerfreunde zusammentrug. Und auch unter den Dokumenten, die die Birthler-Behörde nach jahrelangem Rechtsstreit nun über Gregor Gysi freigegeben hat, war geschreddertes und wieder zusammengeklebtes Material. Die Behörde vermutet in den Säcken noch brisantes Material, denn die Akten ihrer Top-Quellen zerrissen die Stasi-Offiziere oft erst in letzter Minuten, bevor die Bürgerkomitees anrückten

"Da sträuben sich mir die Nackenhaare"

"Wenn ich lese, was die alles aufgeschrieben haben, laufen jedes Mal kleine Filme vor meinen Augen ab", sagt Lay. Zur grau-braunen Wuschelfrisur trägt er einen dünnen Zwirbelbart, die gekringelten Spitzen enden auf exakt gleicher Höhe. "Das geht einem echt unter die Haut, dass Verheiratete sich gegenseitig ausspioniert haben, wie zwei Fremde, das ist der Wahnsinn, da sträuben sich mir echt die Nackenhaare."

DDR-Dokumentationen im Fernsehen guckt Lay mit den Ohren. "Wenn ich einen Namen höre, den ich schon mal gelesen habe, da bin ich dann wie elektrisiert. Ich habe schon mal das Standbild eingestellt, als sie einen General zeigten, den ich schon mal auf dem Schreibtisch hatte. So siehst du also aus, du Stasi-Schwein, habe ich gedacht."

An Lays Bürotür klebt eine Liste mit seinem Nachnamen, darin trägt er ein was er geschafft hat an einem Arbeitstag. Ist es einer mit "prima Teilen" gewesen, "richtig schönen Teilen, die ich nur nach Art des Papiers und nach dem, mit was sie beschrieben worden sind, ordnen muss", dann quetscht er eine dreistellige Zahl in das Tageskästchen. "213" hat Lay vergangenen Mittwoch notiert. Meist aber füllt er die Felder mit etwas Zweistelligem, das mit einer "1" beginnt. An einem Tag, an dem "rein gar nichts gegangen ist", macht Lay Feierabend mit einer "0", andere mit einem Schrägstrich.

"Typisch westdeutscher Bundesbeamter. Nicht beobachtungswürdig"

Gerd Schleyer geht das oft so. Er arbeitet seit einem halben Jahr aus demselben Sack. Sein Büro riecht stärker nach muffigem Papier als die der Kollegen. Die Zwei-Tassen-Kaffeemaschine macht gerade Pause. In dem Metallregal neben Schleyers Bürotür liegen gelbbraune Pappmappen in identisch aussehendem Abstand. Rudi, Karle, Kurt, Ernst, Jochen, Elfi, Mike und Günther heißen ihre Titel, handschriftlich in Bleistift. Knipst Schleyer um kurz nach 16 Uhr das Neonröhrenlicht im Büro aus, stecken neue Akten in den Ordnern - meist schulheftdünn, manchmal zwei Daumen dick.

"Typisch westdeutscher Bundesbeamter. Nicht beobachtungswürdig", steht auf einer Aktenkopie, die Schleyer sich neben den Wandkalender der örtlichen Raiffeisenbank geheftet hat. "Das ist mein Lieblingszitat", sagt Schleyer. Ein verstorbener Kollege habe die schrägsten Vermerke der Stasi-Spitzel immer auf den Weihnachtsfeiern der Projektgruppe vorgetragen. "Ein Irrsinn, was da alles aufgeschrieben wurde", sagt Schleyer und lockert den Krawattenknoten. "Wenn ich mir das vorstelle, dass ich abends ein Bier in der Kneipe trinke, und am nächsten Tag steht es in einer Akte."

Über Namen, die in den Stasi-Akten stehen, dürfen die Zirndorfer Puzzler nur untereinander reden, alljährlich müssen sie eine Schweigeverpflichtung unterschreiben. Schleyer sagt, er gehe immer wieder "auf einen Schwatz" in die Büros der Kollegen. "Aber nach Feierabend, da kann ich gut abschalten." Lay erzählt, er habe sich anfangs nicht vorstellen können, "dass ein Volk so überwacht wird, dass so ein Misstrauen herrscht. Wenn ich jetzt zu Hause am Computer sitze, dann denke ich manchmal: Mein Gott, wer kontrolliert dich jetzt, wer protokolliert das?" Seit insgesamt sieben Jahren setzt Lay zerfetzte Spitzelberichte zusammen. Zwischendurch war er zum Asyl-Bundesamt zurückgekehrt. "Man muss auch mal was anderes machen, man kann doch nicht nur Schnipsel zusammen kleben."

Ein Training für ihre weltweit einzigartige Aufgabe haben die Akten-Puzzler in Zirndorf nie bekommen. "Man liest sich halt so ein mit der Zeit", sagt Lay. Dass die Abkürzung PKK nichts mit einer kurdischen Arbeiterpartei zu tun hat, sondern für einen per Lochsystem verschlüsselten Code in der "Personenkerblochkartei" steht, schlägt er in einem Handbuch der Stasi-Akten-Behörde nach. Als letzter Eintrag steht dort "Z/E". Im Stasi-Sprech das Kürzel für "Zuverlässigkeit/Ehrlichkeit".

"Soviel dazu", sagt Lay und stellt das Handbuch zurück in sein Regal.



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