Stasi-Akteneinsicht "Ein falscher Schritt, und Sie wären abgestürzt"

Jahre nach dem Mauerfall wollte Siegfried Wittenburg wissen, wie die Stasi ihn ausspioniert hatte. Und welche seiner vermeintlichen Freunde systemtreue Spitzel waren. Einen Informanten traf er wieder.

Siegfried Wittenburg

An einem Sonntag im Juli 1990 begegnen wir beim Familienspaziergang in Rostock unserem Bekannten Joachim Gauck, seit wenigen Monaten Volkskammerabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen. Er erzählt von seiner Tätigkeit als Vorsitzender im Sonderausschuss zur Auflösung der Stasi. Sie wollen, so erläutert er, den Aktenbestand sichern und zugänglich machen. Es gebe aber Bestrebungen der Bundesrepublik, die Akten verschwinden zu lassen. Gauck rät uns, schon mal einen formlosen Antrag zu stellen, um Druck zu machen. Er gibt uns seine Adresse, wir spazieren weiter.

Kurz darauf beantrage ich tatsächlich Akteneinsicht. Um Druck zu machen, nicht weil ich glaube, wirklich etwas zu finden. So kurz nach der Wende gibt es Dringenderes als Hinterlassenschaften des Spitzelministeriums: Für meine Familie steht die Welt Kopf. Wir müssen in einer total veränderten Welt eine neue Existenz aufbauen. Erst 1999 erinnere ich den Außenstellenleiter der Gauck-Behörde an meinen Antrag. Die Antwort: Ja, es gibt tatsächlich eine Akte.

Termin bei der Rostocker Außenstelle des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik": Eine Mitarbeiterin leitet mich über den Flur des ehemaligen Stasigebäudes in ein karges Lesezimmer zur Rechtsbelehrung. Sie legt eine recht schmale Akte auf den Tisch und sagt mit ernstem Gesicht, mein Leben in der DDR sei ein Balanceakt auf einem Hochseil gewesen: "Ein falscher Schritt, und Sie wären abgestürzt!" Sogar Anbahnungsgespräche seien schon geplant gewesen, um mich als IM, als inoffiziellen Mitarbeiter, zu gewinnen. Aber dazu kam es nicht mehr.

Für Verwanzung fehlten die Kapazitäten

Bevor ich die Akte aufschlage, ahne ich nicht, was meine Suche nach der Wahrheit mir enthüllen wird. Noch weiß ich nicht, welche vermeintlichen Freunde sich als Spitzel entpuppen werden. Oder welchem von ihnen ich später wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen werde.

Stundenlang lese ich gebannt meine Akte. Mal stehen mir die Haare zu Berge, mal muss ich laut lachen. Gleich der erste Bericht ist von der Nachbarin meiner Eltern. Sie fing die Briefe ab, die ich aus dem NVA-Grundwehrdienst an die Kollegen meiner Brigade schrieb, wo sie als Sekretärin arbeitete, Tarnname IM "Erich Kästner".

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Ich lese auch von einer Operativen Personenkontrolle (OPK), die eingeleitet wurde aufgrund einiger unserer Hochzeitsfotos, die Angehörige an Bekannte im Westen schickten. Die hatten Jahre zuvor die DDR verlassen und standen vermutlich als nicht systemkonforme Personen unter Beobachtung. Daraufhin traten IMs "Quartier" und "Hannes Zölck" in Aktion. Die OPK wurde beendet, als ich auf eigenen Wunsch das Kollektiv im volkseigenen Elektronikbetrieb verließ, das prinzipiell unter Beobachtung stand. Ich wollte meine Kontakte zu anderen jungen Menschen und Verwandten ungeachtet ihres Wohnsitzes wieder etwas freier wählen können.

Einen weiteren Vorgang gegen mich löste der Leiter des Kulturhauses aus, wo ich einen Fotozirkel leitete. Nachdem wir solidarisch eine willkürlich zensierte Ausstellung boykottiert hatten, sollte eine OPK mit dem Namen "Linse" mir staatsfeindliche Tätigkeiten nachweisen. Ich las, dass es für die Stasi keine leichte Aufgabe war. Sie konnte den IM-Ring, der mich zuvor umgeben hatte, wegen meines Arbeitsplatzwechsels nicht mehr aktivieren und wohl auch in meinem unmittelbaren Wohnumfeld anzapfen.

In der Akte lese ich meine kopierten und stellenweise markierten Briefe, die abgefangen wurden, und stoße sogar auf eine konspirative Durchsuchung meiner Wohnung. Sauber wird aufgeführt, welche Bücher in meinem Regal standen, wie viel Geld, darunter tschechische Kronen und D-Mark, sich im Schrank befand, wie hoch der Kontostand bei der staatlichen Sparkasse war, und wie die Anschriften meiner Verwandten und Bekannten lauteten.

Reise zum "Playboy" als Spitzel-Belohnung

Lachen muss ich darüber, dass die Schnüffler keine Probe von den Typen meiner Schreibmaschine anfertigen konnten, um damit Schriftstücke zu identifizieren. Denn unvorhergesehen kam der Nachbar nach Hause - der meines Wissens wiederum Stasi-Offizier war. Heiterkeit erzeugt auch ein Hinweis, dass für eine Verwanzung meiner Wohnung die Kapazitäten fehlten: Die Misswirtschaft des Staates zeigte offenbar auch Folgen, was die Überwachung der Bevölkerung betraf.

Die Aktenlektüre beantwortet Fragen und wirft neue auf: Wer waren die Informanten? Ich beantrage die Offenlegung ihrer Klarnamen - und bekomme endlich Gewissheit. Wie oft hatte ich Freunde verdächtigt, wenn in der vergifteten Atmosphäre der DDR Unstimmigkeiten auftraten. Und wer weiß, wie oft ich verdächtigt wurde?

Über mein kulturelles Engagement berichtete damals IM "Hans Runge". Viele Jahre später erzählte er mir fast freundschaftlich und nicht ohne Stolz, er sei schon als Kind Elite-Schüler der SS gewesen. IM "Hannes Zölck" war der Gewerkschaftsvertrauensmann des "Kollektivs der sozialistischen Arbeit", dem ich lange angehört hatte. "IM Quartier" war mein staatlicher Leiter.

Der letzte Eintrag meiner Akte ist datiert auf den 27. November 1989 - über zwei Wochen nach dem Mauerfall. Der Verfasser, IM "Klaus Müller", durfte zum Dank für seine staatstreuen Spitzeldienste jedes Jahr aus der DDR zur "Studienreise" in den Westen reisen, etwa zum "Playboy"-Studio in München. Er hatte mir jedes Mal begeistert davon erzählt.

Zugleich stelle ich erstaunt fest: Einer der Informanten hatte offenbar dazu beigetragen, dass die OPK "Linse" gegen mich eingestellt worden war. Es war der Lebensgefährte der besten Freundin meiner Frau, ein Unterleutnant der Stasi. Ich hatte ihm ermöglicht, im von mir geleiteten Fotozirkel mitzuarbeiten, wo eine offene Atmosphäre herrschte. Aus der Akte erfahre ich: Die Stasi hatte ihn planmäßig eingeschleust.

Ich finde aber, dass er im Gegensatz zu den anderen IM nichts Belastendes berichtet hat, das Engagement der jungen Fotoamateure sogar lobte und von der Offenheit begeistert war. Sicher, er hätte weniger über mein Privatleben berichten können. Doch letztlich waren diese ausführlichen Informationen ausschlaggebend dafür, dass die Stasi schließlich die OPK einstellte, weil Informationen fehlten, die mich als Staatsfeind ausgewiesen hätten.

"Wir können uns wieder in die Augen blicken"

Erst zwölf Jahre nach meiner Akteneinsicht von 1999 ergibt sich die Gelegenheit, meinen Freund von damals darauf anzusprechen. "Ich habe gar nicht gewusst, dass es für dich so wichtig ist", sagt er am Telefon. Wenige Tage später steht er vor meiner Tür. Er ist älter geworden, wie ich auch, und ich sehe ihm seine Angst an. Ich habe zu tun, ihm seine Angst zu nehmen, damit er erzählen kann.

Dann bricht das Eis, und er berichtet: wie er zu Hause systemtreu erzogen wurde, wie er sich nach seiner Ausbildung zum Ingenieur in einer Stasi-Kreisdienststelle wiederfand und nach einiger Zeit einen Ausweg suchte. Er sagt, er weiß nicht wie, aber es sei ihm gelungen, das Ministerium zu verlassen und eine Stelle als Ingenieur in einem volkseigenen Großbetrieb der Bezirksstadt zu finden. Der Großbetrieb, der eben dieses Kulturhaus meines Fotozirkels unterhielt.

Er habe sich gewundert, als man ihn zum Gespräch in einen konspirativen Raum des Betriebs einlud. Zwei Herren redeten eine Weile um den heißen Brei herum, bis der Ingenieur feststellte, dass es um mich ging und er berichten sollte. Er habe Angst gehabt um seine kleine Tochter. Also verhielt er sich so, wie es von ihm erwartet wurde, wie das System es ihm anerzogen hatte.

Ich erzähle ihm vom Ergebnis seiner Berichte. Als er geht, verabschiede ich ihn mit den Worten: "Danke. Wir können uns wieder in die Augen blicken. Doch Freunde können wir nicht wieder werden."


Ausstellung "Siegfried Wittenburg. Heimat - Leben in der Utopie": Vernissage am 12. Februar 2016 auf dem diesjährigen Duesseldorf Photo Weekend

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.


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Moor Graf, 10.02.2016
1. keine freunde mehr werden...
komischer Satz; wenn die beiden 12 Jahre nicht miteinander gesprochen haben, war es ohnehin kein sehr freundschaftliches Verhältnis, umgekehrt verstehe ich nicht, was er ihm vorwirft, wenn er im Text schreibt, dass er nachvollziehen kann, in welcher Notlage sein damaliger Freund war und dass er nichts Belastendes über ihn gesagt hatte... ich wäre aus der Aussprache rausgegangen mit "versteh ich nicht, akzeptiere ich nicht" oder mit "dann ist jetzt alles ausgesprochen und wieder gut", je nachdem, wie tief der Verletzung des Verrats gewesen wäre, aber so ein "in die Augen blicken, aber nie wieder Freunde" finde ich schräg Auf jeden Fall aber mal Danke für den Bericht! Als Westdeutscher ist das sehr interessant, wie ein Unterdrückungsstaat wie die DDR funktionierte und wie auch im Nachhinein zwischen Spitzeln und Bespitzelten umgegangen wird (oder werden kann).
Edelbert Hackenberg, 10.02.2016
2. Da
... "Berufs-Ex-DDR-Bewohner" über Nichtigkeiten aus seinem ereignislosen Leben. Und dem Gauck ist er auch mal begegnet, schau, schau. Es wäre mal interessant das "private" Spitzelwesen in westdeutschen Großbetrieben in der damaligen Zeit zu durchleuchten. Wurde selbst einmal als 15-jähriger Lehrling (1957) vom einem Werkschutz in "die Mangel" genommen - mein Vater, der im gleichen Betrieb Abteilungsleiter war traute sich nicht zu intervenieren da er Angst um seine Stellung hatte. 1957 war die Zeit, als alle Kommunisten, die nach dem Krieg zB von den Briten in Verwaltungsführungspositionen eingesetzt worden waren wieder gefeuert wurden und die alten NAZIs wieder Oberwasser bekamen.
Thomas Ludwig, 10.02.2016
3.
1989 der letzte Spitzeldienst des jungen Mannes; 12 Jahre nach Akteneinsicht, also 22 Jahre nach dem letzten Spitzeldienst "können wir keine Freunde mehr werden": Ein Verlust, der zu verschmerzen ist, wenn man 22 Jahre nicht den Wunsch nach gegenseitigem Kontakt hatte. Ich habe schon einige Artikel des Herrn Wittenburg gelesen und ich glaube auch durch diesen Artikel hier, dass die Verletzungen bei Herrn Wittenburg sehr tief sitzen.
Ulrich Zenker, 10.02.2016
4. Die Banalität
der DDR Lebensläufe wurde akribisch von der Stasi aufgeschrieben. Ist das etwas Besonderes gewesen ? Wen interessiert der "Mut" der Jugendlichen DDR-Opposition heute noch, die das Aufkleben eines Kirchenstickers als Heldentat feierten. Das sind doch Relikte aus längst vergangenen Zeiten, die nur noch ein paar Rentner im Osten aus der politischen Totalversenkung hervorholen. Die aktuellen Gefährdungen der staatlichen Überwachungssysteme für den Bürger sind diskussionswürdiger.
Hans-Gerd Wendt, 10.02.2016
5. Aufschluss
Interessant ist doch eigentlich dieser Satz: "...Sie wollen, so erläutert er (Gauck!), den Aktenbestand sichern und zugänglich machen. Es gebe aber Bestrebungen der Bundesrepublik, die Akten verschwinden zu lassen. ..." Da fragt man sich, ob in den "Wirren" nach dem Mauerfall und dem Anschluss der DDR an die BRD die "Bestrebungen" nicht doch erfolgreich waren und zumindest gezielt Akten aus dem Verkehr gezogen wurden. Vor dem Hintergrund der damals herrschenden Konfusion in DDR-Ämtern, der verdeckten Korruption und vor allem der erdrückend scheinenden Omnipotenz westlichen Einflusses halte ich es für geradezu gegeben, dass da einiges verschwand, das sehr aufschlussreich auch über Westpolitiker gewesen wäre.
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