Stasi im Westen Die ausgespitzelte Republik

Stasi im Westen: Die ausgespitzelte Republik Fotos
Muri Eren

Kein Geheimdienst hat je ein anderes Land so total ausgespäht wie die Stasi Westdeutschland. Zu Tausenden saßen Mielkes Mannen in bundesdeutschen Schlüsselpositionen. Erst die Öffnung der Stasi-Akten machte das Ausmaß deutlich - der Fall Kurras zeigt, dass wir noch längst nicht alles wissen. Von Christian Habbe

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Das giftige Erbe der DDR-Staatssicherheit wird heute von einer ordentlichen bundesdeutschen Behörde verwaltet, und die ehemalige Stasi-Zentrale ist ein Museum geworden. Doch auch 20 Jahre nach dem Untergang des Imperiums von Stasi-Minister Erich Mielke geht der Geist des berüchtigten Geheimdienst-Chefs noch um, gruselig und ominös wie einst.

Jetzt ist wieder eine dieser im den Akten vergrabenen Altlasten an die Oberfläche geschwemmt worden. In der Stasi-Unterlagenbehörde fand sich jetzt ein Hinweis, der scheinbar fest zementierte westdeutsche Gewissheiten zum Einsturz brachte: Der Berliner Kriminalpolizist Karl-Heinz Kurras, der mit seinen tödlichen Schüssen auf den Studenten Benno Ohnesorg 1967 den Aufstand der jungen Linken gegen die bundesdeutsche Nachkriegsdemokratie mit lostrat und vielen seither als "faschistisches Bullenschwein" galt, war mehr als das - ein heimlicher SED-Genosse und hochbezahlter Stasi-Agent.

Prompt steht die Frage nach dem Einfluss des MfS auf Politik und Gesellschaft der Bonner Republik wieder auf der Tagesordnung. Viele Westdeutsche würden das Thema lieber zu den Akten legen. Doch jetzt ist klar: Da schlummert wohl noch manches. Dass der DDR-Geheimdienst vor 1989 in der gesamten westdeutschen Gesellschaft präsent war, ist zwar lange bekannt. Doch im Licht der Causa Kurras fällt der Blick auf andere Schlüsselereignisse der westdeutschen Historie, bei der Hinweise auf das MfS bisher als Verschwörungstheorien abgetan wurden.

Mischte die Stasi bei Morden im Westen mit?

Ob nicht auch beim Pistolenattentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke 1968 das MfS seine Finger im Spiel hatte, fragt Marek Dutschke, jüngster Sohn des 1979 an den Folgen des Anschlags verstorbenen SDS-Führers. Und auch der Sohn des 1977 von RAF-Terroristen ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback teilt mit, er habe schon früher geglaubt, "meinen Vater holt mal die Stasi" - schließlich hatte der Strafverfolger gegen DDR-Agenten ermittelt.


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Denkbar ist vieles, bewiesen werden muss es meist noch. Doch auch jetzt schon ist die Bilanz des vierzigjährigen Feldzugs der Stasi gegen den "imperialistischen Klassenfeind" westlich der Elbe aus bundesdeutscher Sicht bedrückend. Auch wenn vieles vielleicht für immer verborgen bleibt, weil die Akten der Stasi-Auslandsabteilung während der Wende und noch danach vernichtet wurden - fest steht, dass die Ausspitzelung der Bundesrepublik durch den ostdeutschen Aufklärungsapparat weltweit ohne Parallele war.

Berühmt wurden Spitzenleistungen, wie die Plazierung des Kanzleramtsspions Günter Guillaume im Büro Willy Brandts oder der Spitzenquelle Rainer Rupp alias "Topas" im Allerheiligsten der Nato in Brüssel. Mielkes Leute zapften militärische Planungen an, stahlen Diplomatenpost säckeweise und infiltrierten den Sicherheitsapparat der Bundeswehr. Die Stasi-Spitzenquelle Gabriele Gast, die nach dem Ende der DDR ausgerechnet in der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes aufflog, war schon 1968 von der "Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) des MfS angeworben worden und erfreute sich, verständlicherweise, besonderer Wertschätzung des HVA-Chefs Markus Wolf.

Liebesattacke auf Vorzimmerperlen

Einen gehörigen Schreck versetze dem Establishment der Bonner Republik aber auch die Riege der aus Ost-Berlin gesteuerten Einflussagenten auf dem politischen Parkett der Bundesrepublik. Da gab es schwärmerische Idealisten wie den Fotounternehmer Hannsheinz Porst, der im Stasi-Auftrag seine Freunde aus der FDP-Spitze umgarnte, oder graue Eminenzen wie den SPD-Insider Karl Wienand, Strippenzieher zahlreicher Bonner Affären. Die Stasi manipulierte sogar Bundestagsentscheidungen - durch Bestechung verhinderte sie 1972 wohl die Abwahl von SPD-Bundeskanzler Willy Brandt.

Schlagzeilen machte nach 1989 die Enthüllung, dass Spionage-Chef Wolf auf einsame Bonner Chefsekretärinnen smarte Heiratsschwindler angesetzt hatte - altgediente Vorzimmerperlen von Bonner Ministern und Fraktionsoberen hatten sich auf Geheiß ihrer "Romeos" der Liebe wegen über die Schubladen ihrer Chefs hergemacht.


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Schwer durchsetzt mit Spitzeln waren aber nicht nur die Parteien, Ministerien und Behörden. In bundesdeutschen Redaktionen protokollierten Heerscharen als Journalisten getarnte Geheimagenten, was es über Kollegen und Informanten Neues gab. Die Stasi horchte selbst in Gemeinderäten. Die Hauptlast trugen nicht die paar Top-Quellen, sondern Wolfs Fußvolk, nach Expertenschätzung zwischen 3000 und 4000 Kundschafter, die im verhassten Nachbarland insgeheim für die Sache der SED unterwegs waren.

Tausender im Umschlag

Ein kleines Heer von Überzeugungstätern, Lohnspitzeln oder Erpressungsopfern hatte sich in westdeutschen Amtsstuben eingenistet. Auch widerstrebende Perspektivagenten waren leicht zu "überzeugen": In West-Berlin etwa mussten Sicherheitsbeamte jeden östlichen Anwerbungsversuch in ihrer Behörde melden. Also schickten Wolfs Akquisiteure interessanten Kandidaten einfach Briefe mit beigelegten Tausendmarkscheinen. Viele Beamte behielten das Geld und verschwiegen lieber den Empfang des Schreibens. Das reichte, um sie erpressbar zu machen - und zu Spitzeldiensten zu nötigen.

Andere Westbeamte boten sich der Gegenseite aus Geldnöten an, andere einfach aus Frust über ihre Lebenssituation. Solche "Selbststeller" brachten dem bundesdeutschen Verfassungsschutz auch seine schwerste Niederlage bei: das Debakel der beiden übergelaufenen Spitzenkräfte Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge. Tiedge, Chef der Spionageabwehr, setzte sich 1985 mit dem Interzonenzug in die DDR ab, nachdem er seines Alkoholproblems nicht mehr Herr geworden war. Kuron, verantwortlich für westliche Doppelagenten in der DDR, arbeitete ab 1981 für das MfS und gab seine in Ostdeutschland operierenden Leute preis, weil er einfach nur das Geld wollte.

So gelangte die Stasi im "Operationsgebiet" (MfS-Jargon für die BRD) höchste Schlagkraft - keine Branche im Westen, die nicht "Zielobjekt" war, kaum ein Vorhaben, das nicht ausgespäht worden wäre. Erst durch einen Überläufer erfuhr Bonn etwa, dass die DDR zur Abschöpfung westdeutscher Industrie- und Forschungsgeheimnisse einen Riesenapparat unterhielt: Als sich der MfS-Abteilungsleiter Oberleutnant Werner Stiller 1979 in den Westen absetzte, musste die HVA Dutzende ihrer Geheimen aus westdeutschen Unternehmen und Labors zurückrufen.

Solche Pannen allerdings unterliefen den Ost-Berliner Agentenführern nur ausnahmsweise. Denn in aller Regel war das MfS über Ermittlungen und Gegenmaßnahmen der westdeutschen Spionageabwehr bestens im Bild. Denn auch die erwiesen sich - lange vor den Kurras-Enthüllungen - als unterwandert.

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1.
Thomas Scheen 28.05.2009
Kann zu diesem Thema auch das Buch "Einsatzkommandos an der unsichtbaren Front" von Thomas Auerbach empfehlen. Hervorragend recherchiert. Erschienen im Ch. Links Verlag, Berlin. Zwar neu nicht mehr verfügbar aber Google hilft weiter für gebrauchte, leider recht teure, Exemplare.
2.
Reinhard Munzert 28.05.2009
Stimmt, wir wissen längst noch nicht alles: An Heimtücke und Hinterhältigkeit kaum zu überbieten sind Zersetzungsmassnahmen - von der Stasi perfektioniert -, mittlerweile in ganz Deutschland zur Erledigung "störender" Menschen im Einsatz: Bestrahlung von Opfern, Einsatz von Mikrowellen-Waffen und Radioaktivität, Morden mit Zeitverzögerung und hohem Verschleierungspotential, Angriff von allen Seiten, Vortäuschung von Paranoia bei Gegnern die mundtot gemacht und/oder weggesperrt werden sollten: http://www.findefux.de/forum/read.php?84,9463,9476#msg-9476 , http://www.findefux.de/forum/read.php?84,9463,9463#msg-9463 , http://www.findefux.de/forum/read.php?84,4495,4531#msg-4531 , http://www.findefux.de/forum/read.php?84,3780,3782#msg-3782 , http://www.findefux.de/forum/read.php?84,9463,9478#msg-9478 http://einestages.spiegel.de/static/profile/33606/reinhard_munzert.html Stasi-Recycling beinhaltet sowohl das Personal (Ex-Stasimitarbeiter) als auch Methoden und Aktivitäten der Stasi: Überwachung, Zersetzung, Morden mit Zeitverzögerung und hohem Verschleierungsfaktor (unsichtbar, auf neuestem technischen Stand und für viele Nicht-Opfer unfassbar).
3.
Reinhard Munzert 29.05.2009
TEUFLISCHSTE STASI-WAFFE: MIKROWELLEN Nach der Wende erschien ein Zeitungs-Bericht in Dresden(3.9.1992) mit dem Titel: "TEUFLISCHSTE STASI-WAFFE: MIKROWELLEN (Auszüge): "Das Projekt war streng geheim - und teuflischer als alles, was bisher über die Stasi bekannt wurde: ,In Dresden wurden Mikrowellen-Waffen gebaut, mit denen Gegner unbemerkt ausgeschaltet werden konnten.' Das enthüllten jetzt mehrere hochkarätige Ingenieure gegenüber Bild... Wie können Mikrowellen als Waffe eingesetzt werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich seit 1960 Wissenschaftler im Dresdner ,Zentrum für Forschung und Technik' und ,Zentrum für Mikroelektronik'. Anfang der 70er Jahre war's soweit 500 Mann wurden eingestellt... ,Alle Mitarbeiter waren zu strengstem Schweigen verpflichtet... Im Oktober 89 wurde das Projekt gestoppt, alle Bauanleitungen und Geräte verschwanden'. (Eines Ingenieurs) Befürchtung: ,Irgendwo gibt es sie noch' ". (Bild-Zeitung Dresden: "TEUFLISCHSTE STASI-WAFFE: MIKROWELLEN" 9.3.1992). Diese Waffen wurden und werden von der Stasi auch in ganz Deutschland angewandt! Mikrowellenverbrecher befolgen das von der Stasi entwickelte System des Mordens mit Zeitverzögerung und des hohen Verschleierungspotentials der Taten: Die Opfer werden nicht mit einer Schußwunde aufgefunden, sondern sterben scheinbar an "normalem" Herzversagen, Hirnschlag, Krebs usw.
4.
Michael Sontheimer 29.05.2009
Der Mutmaßung, die Stasi könnte hinter dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback stecken, bin ich mal nachgegangen. Ich habe keinerlei seriöse Indizien dafür gefunden. Die Stasi wird gerne mystifiziert und für Verschwörungstheorien aller Art funktionalisiert.
5.
Reinhard Munzert 02.06.2009
Stasi im Westen (nach der Wende) Spiegel-online berichtet 2008: STASI-RECYCLING - Der lautlose Transfer der DDR-Spione http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,557609,00.html "Das Handwerk haben sie bei der Stasi gelernt, nach dem Mauerfall wurden sie arbeitslos. Zehntausende Ex-DDR-Spione fanden in der neuen Republik Arbeit: als Privatdetektive, Polizisten oder Spitzel..." Aufgrund eigener Erfahrungen und Insider-Informationen habe ich bereits ab 2001 über die Beteiligung von Ex-Stasi-Mitarbeitern an Mikrowellen-Verbrechen im Westen berichtet; u.a. in diesen Artikeln festgehalten: MIKROWELLEN-VERBRECHEN (2003) http://www.mikrowellenterror.de/artikel/munzert1.htm Neue Technologie und Kriminalität - Aktuelle Erkenntnisse und Quellen Auszug: "Es gibt neue Tatwaffen für Kriminelle. Technische Entwicklungen werden nicht selten von Verbrechern mißbraucht. Durch die illegale Anwendung innovativer Technologien werden HighTech-Waffen möglich. ...Ähnlich wie Terroristen führen manche Täter scheinbar ein bürgerliches Leben, für konventionelle kriminelle Aktivitäten (z.B. Abhören; Wohnungseinbrüche, um die idealen Besendungseinstellungen zu messen) bedienen sie sich Ex-Stasi-Mitarbeiter und gewöhnlicher Krimineller." Schon 2002 in englisch: Targeting the Human with Directed Energy Weapons http://www.mikrowellenterror.de/english/mw-weapon.htm "In some cases, the lifestyles of the criminals are well known to us. Similar to terrorists, many pretend good citizenship or student lifestyles to cover their crimes. Conventional criminal activities, (i.e. burglary) are undertaken by normal gangsters or former members of the Stasi (which was the secret service of former GDR). In this network, they have division of labor and a support structure that includes foreigners as well." Sowie: Mikrowellen-Angriffe: Das perfekte Verbrechen - wie lange noch? (2003) http://www.mikrowellenterror.de/artikel/mwangriffe.htm Auszug: "Die Stasi (Staatssicherheit der DDR) hat Mikrowellen-Waffen schon vor Jahrzehnten erforscht, entwickelt und angewandt."
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