Stasi-Knast Palast des Psychoterrors

Isolationshaft, Demütigung, Schlafentzug: Die Methoden im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen waren menschenverachtend. Gilbert Furian hat sie erlebt. Nun ist der Ex-Häftling in das Haus des Terrors zurückgekehrt.

SPIEGEL TV

Von Martin Heller


Gilbert Furian drückt auf den grünen Knopf, das schwere Gefängnistor öffnet sich. Heute weiß der ehemalige Häftling, wo die trostlos grauen Gebäude und die Backsteinmauern mit Stacheldraht stehen: in Berlin-Hohenschönhausen. Auf DDR-Stadtplänen von Ost-Berlin war hier eine weiße Fläche. In den angrenzenden Wohnhäusern lebten nur Stasi-Leute.

"Man wusste nicht, wo man war. Egal, wie lange man hier war, das kriegte man einfach nicht gesagt", die Worte von Gilbert Furian hallen in dem kargen garagenähnlichen Raum, in dem er am 27. März 1985 aussteigen musste - aus einem fensterlosen Bus Marke Barkas B 1000. Vier Männer von der Stasi hatten ihn an seinem Arbeitsplatz im VEB Wärmeanlagenbau verhaftet.

Furian wurde durch einen langen Flur in ein Umkleidezimmer geführt, musste sich nackt ausziehen. "Da war ein Schließer, der in alle Löcher guckte, oben, unten, vorne und hinten", erklärt der heute 63-Jährige ganz sachlich. Seinen Schmerz hat er sich inzwischen von der Seele geredet. Jetzt will er einfach nur über die brutalen Methoden der DDR-Staatsicherheit informieren. Desorientierung und Demütigung - das sei das erste gewesen, was ein Inhaftierter hier zu spüren bekommen habe.

Eingesperrt im Kellergefängnis

Das Verbrechen, für das Gilbert Furian büßen musste: Er führte Interviews mit Punks aus Ost-Berlin. Seine Aufzeichnungen wollte er in den Westen schicken. Der Zoll hat sie gefunden. Sieben Monate saß der Hobbyjournalist in Untersuchungshaft, dann wurde er zu zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt.

Das Ministerium für Staatsicherheit (MfS) übernahm im Jahr 1951 ein sowjetisches Kellergefängnis in Hohenschönhausen. Ende der fünfziger Jahre mussten Häftlinge eines benachbarten Arbeitslagers im hinteren Teil des Geländes ein neues Gefängnis mit mehr als 200 Zellen und Vernehmerzimmern errichten. Bis zur Auflösung der Stasi und seiner Gefängnisse im Laufe der friedlichen Revolution 1989 waren hier Hunderte Systemgegner inhaftiert.

Die Liste der Gefangenen reicht von Streikführern des Aufstands am 17. Juni 1953 bis zu Anhängern der Zeugen Jehovas. Auch bekannte Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Vera Lengsfeld und der Schriftsteller Jürgen Fuchs waren in Hohenschönhausen inhaftiert. Heute leitet Hubertus Knabe das Gefängnis, beziehungsweise das, was davon übriggeblieben ist. Eine beeindruckende Gedenkstätte, in dem Schulklassen lernen, was die Stasi war und wie sie Systemkritiker terrorisiert hat. Allein im Jahr 2007 hat die Einrichtung mehr als 208.000 Besucher gezählt.

Neue Wut im Bauch

Hubertus Knabe steht in dem langen Gefängnisflur, nicht weit von dem fensterlosen Umkleidezimmer. Er ist ein Mann in dunklem Anzug, Seitenscheitel. Bevor er Fragen beantwortet, denkt er einen Moment nach. Und dann wird er deutlich. "Die Menschen sind vergesslich", sagt er, "die Menschen neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären, mit einer rosaroten Brille zurückzuschauen".

Knabe ist Historiker. Seine Mission ist die Erinnerung an die dunkelsten Seiten des totalitären Regimes. Er ist sachlich, doch im Bauch hat er Wut. Dass die Nachfolger der SED knapp 20 Jahre nach der Wende die Schlagzeilen in der Politik bestimmen, im Westen Wahlerfolge feiern und von etablierten Parteien salonfähig gemacht werden, das kann er nicht verstehen. Diese "starken politischen Kräfte" legten es zurzeit gezielt darauf an, "die DDR zu rehabilitieren".

Für die Opfer des totalitären Staats sei das Comeback der Täter von einst "geradezu verstörend", legt Knabe nach. "Es löst auch die Schmerzen wieder aus, die ihnen zugefügt wurden." Der Historiker spricht immer noch nachdenklich und langsam. Doch seine Sätze wirken wie ein Donnerhall auf dem kühlen Gefängnisflur. Dann kommt eine Reisegruppe.

Psychoterror, bis man durchdreht

Auf dem Programm in Teil eins des Rundgangs stehen die Haftbedingungen. Stasi-Opfer Furian erzählt den Gästen aus dem Westen von seinem persönlichen Umgang mit dem Psychoterror: "Ich habe mich praktisch tot gestellt." Vom Leben hätte er ohnehin nichts mitbekommen.

Die Isolation der Häftlinge war oberstes Gebot in Hohenschönhausen. Eine Ampel an der Kreuzung zweier Flure regelte den "Verkehr", signalisierte den Gefängniswärtern, wann ein Häftling über den Gang geführt wurde. Sichtkontakt war streng verboten. Reden durften die Wärter auch nicht.

Einziger Ansprechpartner der Gefangenen war somit der Vernehmer. Die Strategie: Psychoterror, bis der Systemfeind durchdreht und anfängt "auszupacken", für das MfS verwertbare Aussagen macht.

Wiedersehen mit dem Vernehmer

Gilbert Furian hat damals bei der Vernehmung gleich gesprochen, über die Interviews mit den Punks. "Das war mein gutes Recht", war seine Überzeugung. Er hatte den Terrorstaat DDR unterschätzt.

Erst zur Wende konnte sich Furian wieder politisch engagieren. Im Herbst 1989 gründete er die "Projektgruppe Politische Justiz in der DDR" in der Initiative für Frieden und Menschenrechte. Er vertrat die Bürgerbewegung "Neues Forum" am Runden Tisch. Das Gremium erarbeitete viel beachtete Vorschläge für die Politik in der zusammenbrechenden DDR.

Ein kleines bisschen konnte er sich sogar für seine persönliche Demütigung rehabilitieren. 1991 traf er in einem Berliner Kaufhaus zufällig seinen Vernehmer aus Hohenschönhausen wieder. Furian schrieb gerade an einem Buch über die Handlanger des SED-Regimes. Jetzt konnte er den Spieß umdrehen. Er überredete den ehemaligen Stasi-Mann, der zu diesem Zeitpunkt in einem privaten Wachschutzunternehmen arbeitete, zu einem Interview. Diesmal stellte Furian die Fragen.



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Frank Müller, 20.10.2008
1.
Meiner Meinung nach fehlt dem Text die Schärfe. Ich war letztes Jahr in Hohenschönhausen. Dass ein Stasi-Knast kein Urlaub ist, war mir auch vorher klar - auf das Grauen dort war ich aber nicht vorbereitet. Und ich rede nicht vom dem brutalen Terror der Sowjets. Die Stasi ging zwar weniger körperlich zu Werke, an der Dimension ändert das aber wenig. Es wird im Text angedeutet, aber es kommt nicht so recht zur Geltung, dass dort systematisch versucht wurde, die Gefangenen psychisch zu zerbrechen - was auch oft genug gelungen ist. Müttern vageste Andeutungen über das Schicksal ihrer Kinder zu machen, damit diese sich wochenlang quälen, und ähnliche "Spielchen" ... Menschen tagelang in einer runden, dunklen Gummizelle einzusperren, dass sie wahnsinnig werden ... Aber vielleicht muss man sich das auch ansehen.
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