Stasi-Personalchef tot Das Misstrauen in Person

Er war der wichtigste Mann hinter Erich Mielke: Generalleutnant Günter Möller war für Ordnung und Diszplin in der DDR-Staatssicherheit zuständig. Der Hardliner ließ sogar die eigenen Leute abhören. In der Wendenacht aber sorgte er mit dafür, dass keine Schüsse fielen.

Von Hans Halter


Runder Schädel und schmale Augen, kurzer Hals und breite Brust: Günter Möller, 74, war ein Hardliner wie aus dem Bilderbuch. 1952, im Alter von 17 Jahren, trat er in den Staatssicherheitsdienst der DDR ein. Dort blieb er bis zum bitteren Ende. Zuletzt war er Generalleutnant und der gestrenge Zuchtmeister des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der wichtigste Mann hinter Erich Mielke.

Auf dem "Friedhof der Sozialisten" in Berlin-Friedrichsfelde betten die Treuesten der Treuen den Geheimdienstgeneral an diesem Mittwochmorgen um 10.30 Uhr zur letzten Ruhe. In seinen großen Zeiten war Möller der Personalchef des MfS, 1989 noch Herr über 92.000 hauptberufliche Geheimpolizisten und 174.000 "inoffizielle Mitarbeiter" (IM). Weitaus die meisten Spitzel leben noch, wollen aber an den Leiter der Hauptabteilung "KuSch" nicht erinnert werden. KuSch - man schreibt es ohne Ausrufungszeichen - steht für "Kader und Schulung" und sorgte "auf der Schiene Disziplinar", so Möller, für "innere Sicherheit, militärische Disziplin, Ordnung, Kontrolle und Ermittlungen". Kurzum: KuSch war die Stasi in der Stasi, die "Innere Abwehr".

Das klappte bis zum Wende-Herbst 1989. Dann aber kam der Wind von vorn. Das Volk der DDR drängte durch die wenigen Grenzübergänge nach West-Berlin. Es krabbelte halsbrecherisch über die Mauer, die Berlin teilte. Die neue Losung hieß: "Stasi in den Tagebau!"

Gesunder Menschenverstand in der Stunde der Not

In dieser Stunde der Not zeigte der gelernte Werkzeugmacher Möller überraschend seinen gesunden Menschenverstand. In der Nacht des Mauerfalls war er der ranghöchste General im Hauptquartier des MfS. Ober-Chef Mielke, ein Armeegeneral, war nicht erreichbar, es gab keine Autotelefone in der DDR (dazu war sie zu arm). Also kommandierte Möller die "Verfügungstruppe" der Staatssicherheit, das "Wachregiment Feliks Dzierzynski", 11.200 kampfbereite, modern gerüstete "Söhne der Partei". Die wollten die Grenze ruckzuck wieder dichtmachen, koste es, was es wolle. Doch dazu brauchten sie Günter Möllers Befehl und Unterschrift. Und die gab er ihnen nicht.

"Sucht euch mal einen Dümmeren!", hat er in dieser Nacht den hauseigenen Elitesoldaten geraten. Die fanden aber keinen, alle waren bereits abgetaucht. Auch deshalb fiel in der Nacht des Mauerfalls kein einziger Schuss. Deutschlands Wiedervereinigung begann, auch dank Herrn Günter Möller aus Förtha in Thüringen, ganz friedlich.

Dass ausgerechnet der allgemein als "Betonkopf" eingeschätzte KuSch-Chef plötzlich weich wurde, hat im "Organ" - so nannte Möller seine Firma - die Zahl seiner Sympathisanten blitzschnell erhöht. Die meisten rangniederen MfS-Kader wollten nämlich auch nicht im Klassenkampf sterben. Möller wusste, was sie wirklich wollten: In Deutschland, einig Vaterland, als Geheimdienstler weiterbeschäftigt werden, beim Bundesnachrichtendienst (BND) oder als Verfassungsschützer, und zwar für Westgeld.

Die Auflösung der eigenen Firma

Darum hat sich Bullerkopf Möller im Wendejahr 1990 redlich bemüht. Er verhandelte, nunmehr als Berater des DDR-Komitees zur Auflösung seines eigenen Dienstes, mit den Herren aus Bonn und Köln über den Modus des weiteren Zusammenlebens. In Köln sitzen die Verfassungsschützer, doch die wollten Möllers Dunkelmänner partout nicht haben.

Damals begann für den KuSch-Chef ein "Leben in Bitternis". Mielke, der ihn immer "Mein Guter" oder liebevoll "Caballero" genannt hatte, saß im Knast. Die enttäuschten Stasi-"Mitarbeiter" verloren das Vertrauen. Entwaffnet waren sie ohnehin, mit Möllers Segen, denn der General hatte völlig richtig am Ende seines Berufslebens erkannt: "Eine Waffe verleitet in der Endkonsequenz zu diesem oder jenem."

Außerdem kam seit 1990 heraus, wem KuSch alles misstraut hatte. Genaugenommen: allen. Den schnieken Markus Wolf, Generaloberst, Chef der Auslandsspione (HVA) und wie Möller von Jugend an Geheimdienstler, ließ er 1988 monatelang abhören. Wolf war ihm durch seine starke Sehnsucht nach West-Geld aufgefallen. Das Arbeiterkind Möller, nach 1990 wieder ein armer Mann: "Jeder Geheimdienst macht Drecksarbeit." Und im Übrigen: "Markus Wolf war der größte Verräter, der jemals beim MfS Mitarbeiter war."

Über die vielen kleinen Verräter mochte sich Möller am Ende seines Lebens gar nicht mehr aufregen. Am meisten hat ihn deprimiert, dass seine ehemaligen IM, die es im vereinigten Deutschland zu Parlamentsmandaten und Ministerwürden gebracht haben, die gemeinsame Vergangenheit nicht nur leugnen, sondern so gar nichts für die alten Kameraden tun wollen.

Geplagt von der Zuckerkrankheit, mürrisch durch die Misserfolge, in seiner Dynamik durch eine zunehmende Demenz gemindert, verbrachte Günter Möller die letzten Jahre in einem Pflegeheim. An die "Firma" konnte er sich am Ende beim besten Willen nicht mehr erinnern.



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Jens Gieseke, 20.01.2009
1.
Was für ein Unsinn: Erich Mielke soll am 9. November über Stunden im Auto und nicht erreichbar gewesen sein? Es gab keinen Diensthabenden Stellvertreter? Alles Quatsch! Wie es wirklich war, ist bei Hans-Hermann Hertle: Chronik des Mauerfalls, nachzulesen.
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