Verschwundener Ex-Spion James Hall Jagd nach dem "Stasi Superstar"

Verschwundener Ex-Spion James Hall: Jagd nach dem "Stasi Superstar" Fotos
SPIEGEL TV Magazin

Der US-Amerikaner galt als bester Mann des DDR-Geheimdienstes: In den Achtzigern verkaufte James Hall streng geheime NSA-Akten an die Stasi. Der Ex-Spion gilt heute als verschollen, SPIEGEL TV fand ihn dennoch. Auf einestages berichtet die Journalistin Karin Assmann von ihrer Suche - und dem ersten Treffen.

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
    4.3 (3 Bewertungen)

"Finde James Hall." Als ich im November letzten Jahres den Auftrag erhalte, scheint die Mission auf den ersten Blick ziemlich einfach. Gut, es gibt ein paar tausend James Halls in fast jedem US-Bundestaat, aber der Steckbrief ist aufschlussreich: Ehemaliger US-Soldat, in den achtziger Jahren in Deutschland stationiert, unter anderem in der "Field Station Berlin", dem Berliner NSA-Horchposten, besser bekannt als Teufelsberg. Vor allem aber lieferte der Gesuchte zunächst dem KGB und dann der Stasi sechs Jahre lang hochbrisante Geheimdokumente. 1988 wurde er verhaftet und im Jahr darauf zu vierzig Jahren Haft verurteilt. Jetzt, so heißt es, sei er angeblich wieder frei.

Ich nehme die Herausforderung an, für SPIEGEL TV will ich James Hall finden und den Ex-Spion davon überzeugen, mir ein Interview vor laufender Kamera zu geben.

Bereits nach einer Woche komme ich mir selbst vor wie ein NSA-Spion, der sich durch Datenbanken wühlt, Querverbindungen sucht, Adressen und Telefonnummern kombiniert. Zumindest eins ist bald klar: Der Mann wird gesucht - und zwar nicht nur von mir. Auch andere Journalisten sind hinter ihm her. Und: James Hall will definitiv nicht gefunden werden. Keine Adresse, keine Telefonnummer, keine Einträge im Internet. Freunde und Verwandte gehen nicht ans Telefon, rufen nicht zurück. All das schreit: Lasst mich in Ruhe.

Doch fast jeder Schutzpanzer hat eine schwache Stelle, so auch der des geheimnisvollen James Hall. Ich finde sie am fünften Tag meiner obsessiven Suche in seiner Vergangenheit. Ich musste Hall versprechen, an dieser Stelle der Geschichte nicht mehr zu verraten. Eine Journalistin, die seinen Aufenthaltsort kenne, sei schon mehr als genug. Nur so viel: Er hat seinem alten Kumpel die Indiskretion mittlerweile verziehen. Dieser hatte mir ganz nebenbei erzählt, wo Hall arbeitet.

"Kann ich mit Jim sprechen?"

Drei Tage später rufe ich dort an. "Kann ich mit Jim sprechen", frage ich so, als sei "Jim" ein Freund, den ich nur mal kurz sprechen wolle. Man möchte ja nicht zu förmlich daherkommen. Wer weiß, ob seine Vorgesetzten Kenntnis davon haben, dass er 25 Jahre im Gefängnis saß - und vor allem warum. Als ich ihn endlich am anderen Ende der Leitung habe und ihm sage wer ich bin, hält Hall kurz die Luft an. Würde er jetzt auflegen? "Ich bin überrascht, dass mich bis jetzt noch niemand gefunden hat", sagt er dann.

Seine Stimme klingt rau und unverhofft diktiert er mir seine E-Mail Adresse. Besser so, als vor den Kollegen über die heikle Vergangenheit zu sprechen. Tagelang warte ich auf eine Antwort und als ich ihn schließlich wieder anrufe, will er mich ganz eindeutig loswerden. Er hätte es sich überlegt, den Presserummel wolle er nicht. Presserummel? Ich will mich nur mit ihm treffen. Nein. Kein Interview. Doch in der harschen Ablehnung schwingt ganz leise ein "Ja" mit. Einer Einladung zum Mittagessen könne er kaum widerstehen, sagt er schließlich. Er werde sich einen Ort überlegen.

Zwei Wochen später stehe ich vor dem Eingang eines Truck Stops. Der Schnee fällt immer dichter als mir ein untersetzter Mann mit weißen Haaren entgegenkommt. Er hat gerade Mittagspause. Hall kneift die Lippen zusammen, angespannt, aber seine Augen leuchten hellblau und neugierig. Jetzt höre ich zum ersten Mal sehr deutlich seinen Slang: Er ist in der Bronx aufgewachsen, kriegt die Zähne kaum auseinander, als er mir den Weg weist, die Treppe hoch in das Restaurant mit Blick auf fünfzehn Trucks, ihre Fahrer auf mehrere Tische verteilt, gebeugt über ihre Burger und Steaks.

Allein unter Patrioten

Man kennt sich hier und vor allem kennt die Kellnerin James Hall, der immer Tomaten als Beilage nimmt und nicht die Pommes, denn er kämpft - wie schon als junger Soldat - immer noch mit den Pfunden. Weiß sie von seiner Vergangenheit? Auf jeden Fall ist sie ziemlich neugierig und er dankbar für jede Unterbrechung. In mir tickt die Uhr: Eine Stunde Mittagspause hat er und ich somit sechzig Minuten, um den Ex-Spion zu überzeugen, mir vor laufender Kamera ein Interview zu geben. Aber Betty möchte nicht nur wissen, ob er zum Corned-Beef-Sandwich tatsächlich wie immer Tomaten essen möchte, sondern auch, warum er heute nicht mit den Kollegen hergekommen ist und warum er nicht wie immer in der dunklen Ecke hinten rechts sitzt. Mal was anderes, meint Hall und fragt sie auch noch, ob sie dieses Jahr wieder die ganze Familie zum Thanksgiving Dinner eingeladen hat.

"Ich konnte die Nacht nicht schlafen, so nervös war ich", raunt Hall schließlich. Als er die Serviette vom Schoß hebt, um sich den Mund abzuwischen, sehe ich wie seine Hand, sein ganzer Arm zittert. Er sieht meinen Blick und erklärt: "Ich weiß nicht, warum ich hier sitze. Wenn meine Kunden herausfinden, wer ich einmal war, dann verliere ich meinen Job." Seine Kunden, das sind Bauern, deren Gerätschaften er repariert. "Patrioten."

Seinem Chef musste er sagen, warum in seinem Lebenslauf eine verdächtig große Lücke klafft. Der hat es akzeptiert und zehn der zwölf Mitarbeiter schließlich auch. Nur zwei lehnen Hall ab, denn er ist, das sagt er selber, "ein Verräter". Das könne er doch jetzt einmal erklären, in einem Fernsehinterview, meine ich. Hall lacht: "Selbst wenn ich wollte, ich darf es nicht." Er rutscht ungeduldig hin und her. Die Tomaten hat er schon verspeist, die Zeit rast dahin. "Ich musste etwas unterschreiben, da steht das drin. Damit ich nicht die Todesspritze bekomme." Das Schreiben habe er wahrscheinlich im Gefängnis weggeworfen und es sei bestimmt auch streng geheim, erklärt er dann. Ich nehme mir vor, es zu finden, wahrscheinlich ist es Teil der Protokolle aus dem Prozess.

Keine Journalisten, kein Interesse - bis jetzt

"Du kannst ja die geschwärzten Papiere anfordern", lacht er und grinst. "Ich erinnere nur, dass ich keine Interviews geben darf, keine Geheimsachen besprechen und dass ich vorher den NSA-Direktor, die Army und noch ein paar andere Leute fragen muss." Als ich ihm erzähle, wer aus seiner Vergangenheit schon Bücher geschrieben und weit mehr verraten hat, als er meint erzählen zu dürfen, hält er die Luft an.

"Stasi Superstar" hatten manche ihn damals genannt, einen "Top-Spion". Das geht ihm sichtlich durch den Kopf. Seine Augenbrauen zucken, er kneift die Lippen zusammen. Alle anderen dürfen reden, nur er nicht?

Ein bisschen Enttäuschung schwingt mit, als er erzählt, wie es war, als er endlich entlassen wurde. Keine große Pressekonferenz vor dem Militärgefängnis, nicht ein einziger Journalist wartete dort. Niemand. Stattdessen machte er sich, nach fünfundzwanzig Jahren hinter Gittern, alleine auf zum Busbahnhof. Das Ticket für den Greyhound-Bus hatte ihm der Staat bezahlt. Für einen Flug oder eine Zugfahrt hätte er selber aufkommen müssen und so starrte er zwei Tage lang auf die vorbeiziehenden Landschaften und dachte nach über das Wiedersehen mit seinen beiden Schwestern, die ihn am frühen morgen abholten. Auch dort: kein großes Empfangskomitee, keine Journalisten, kein Interesse. Bis jetzt.

Bereits seit zwei Jahren ist er auf freiem Fuß, hat ein neues Leben begonnen. Nun hat der Fall Snowden ihn plötzlich interessant gemacht. Jetzt quält er sich durch die Geschichten aus einer neuen Welt der Telekommunikation, die er nur noch in groben Zügen wiedererkennt. Schon dass es ihm gelänge, E-Mails zu verschicken und aus seinem Spam-Ordner zu löschen, ließe ihn jedes Mal aufs Neue staunen. "Das hier", sagt er und nimmt einen Kugelschreiber aus seiner Tasche, "war 25 Jahre lang meine Textverarbeitung." Er kokettiert mit seiner Entfremdung und versteckt sich hinter der selbstgewählten Bezeichnung "technologischer Dinosaurier".

Die Spur der Schande

Hall ist entweder unglaublich abgebrüht oder erschreckend naiv. Den Vorschlag, in seiner Korrespondenz über unverschlüsselte Mails eher zurückhaltend zu sein, weist er mit einem Schulterzucken zurück. SMS? Verschickt er ungern. Sein Telefon sei keines dieser Dinger mit großer Tastatur, er müsse für jeden Buchstaben immer so viele Knöpfe drücken. Soziale Medien? Da macht er nur mit, um mit seiner jüngsten Tochter Kontakt zu halten. Sie war keine zwei Jahre alt, als er ins Gefängnis kam.

Was das wichtigste Dokument gewesen sei, das er verkauft hat? Hall grinst und schüttelt den Kopf. In die Falle tappt er nicht.

"Es gibt nichts, was ich tun oder sagen könnte, um wieder gut zu machen, was ich damals getan habe", sagt er stattdessen. Hauptsächlich aus Geldgier habe er damals an die Stasi verkauft, was noch heute als die "Kronjuwelen" der NSA bezeichnet wird. Doch Hall meint auch und vielleicht viel mehr die Spur der Schande, die er durch seine Familie gezogen hat. Ständig riefen Journalisten bei den Eltern und bei seinen Schwestern an und die Nation wunderte sich laut, was wohl in der Erziehung des James Hall schief gelaufen sein mag, um solch einen Verräter zu produzieren. Schließlich hatte er den Sowjets und der Stasi die intimsten Geheimnisse der US-amerikanischen Funkaufklärung verraten.

Möglich sei es, dass man ihn jetzt abhören würde. Aber wahrscheinlich? "Die haben doch gerade größere Probleme als mich", meint er und fährt sich erneut mit der Serviette über die Lippen. Die Hand zittert nicht mehr.

Die Zeit ist bald um, Hall schaut immer wieder auf die Uhr. Seine Mittagspause ist gleich vorbei.

Das Coming-out des Top-Spions

Ich könne ruhig versuchen, die Erlaubnis für ein Interview bei der Army, der NSA und weiteren Behörden einzuholen, meint er jetzt, ganz ruhig und dann mit einem zynischen Lachen: "Viel Glück". Ich nehme die Herausforderung an und melde mein Gesuch gleich bei der Pressestelle im Pentagon an. Die Prozessunterlagen hatte ich bereits angefragt, um zu sehen, worüber er sprechen darf und worüber nicht.

Zwei Tage später, die Antwort: Ob wir bereits mit ihm in Kontakt stünden, wollen sie wissen. Erst als sie hören, dass Hall sich standhaft weigert, interviewt zu werden und darauf verweist, eine Genehmigung - wenn nicht "eine Order" - von ganz oben zu benötigen, heißt es: Ja, er habe im September 2011 die US-Disciplinary Barracks Fort Leavenworth, Kansas verlassen und man möge schnellstmöglich einen "Freedom of Information Act"-Antrag stellen, um die gewünschte Information zu erhalten. Der könne allerdings in der Bearbeitung etwas dauern. Sie selbst wüssten nicht, welche Auflagen es gebe und eigentlich sei es an Hall, um Erlaubnis zu bitten, nicht an mir.

Auch bei der National Security Agency frage ich nach. Ich will wissen wie die "Kronjuwelen" nach dem Fall der Mauer aus den Stasi-Archiven wieder in die USA zurückgekommen sind. Den Fall James Hall kenne man auf Anhieb nicht, man würde recherchieren. Erst einmal wollten sie bei der Army nachfragen. "Still checking" heisst es einige Wochen lang und dann: "Wir verweisen an die CIA und das FBI". Von der CIA erhalte ich kurz nach meiner Anfrage eine Antwort. Sie seien nicht zuständig. Bitte das FBI fragen, die hätten ihn ja schließlich verhaftet.

Mein Tanz mit der Drei-Buchstaben-Behörden dauert bis heute an. James Hall lächelt über jedes Update. Wir sind bis heute in Kontakt. Kürzlich erklärte er mir am Telefon, er sei erstaunt, woran er sich nach all den Jahren noch erinnere. Ich solle ihm Bescheid geben, wenn der Beitrag läuft, damit er sich vorbereiten kann. Auf die Apokalypse.

Das Coming-out des Top-Spions James Hall nimmt seinen Lauf. Ganz unrecht scheint ihm das nicht zu sein.

Zum Weiterschauen:

Den SPIEGEL-TV-Beitrag über James Hall und die Akten der NSA können Sie hier sehen. Oder auf der SPIEGEL-TV-Website.

SPIEGEL TV

Artikel bewerten
4.3 (3 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Andreas Lembke, 21.01.2014
Ein lustiger Nullartikel. Füllwörter ohne Ende, Informationen nicht. Außer natürlich, wenn man diese tolle investigative Journalistin für Ihren unendlichen Heldenmut bewundert.
2.
Siegfried Wittenburg, 21.01.2014
"Hauptsächlich aus Geldgier habe er damals an die Stasi verkauft..." Da haben wir´s: Kapitalismus!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH