Stasi und DDR-Opposition Zoff um Zion

Mit der Aktion "Falle" wollte die Stasi Ende November 1987 die Ost-Berliner Opposition zerschlagen. Doch der Sturm auf die "Umweltbibliothek" in der Berliner Zionsgemeinde geriet zum PR-Desaster - der erste Übergriff auf kirchliche Räume seit der Stalin-Ära wurde zur Geburtsstunde der Massenproteste gegen die SED.

Robert-Havemann- Gesellschaft/BStU

In der Nacht zum 25. November 1987 stürmten ungefähr 20 Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes die Umwelt-Bibliothek (UB) in Ost-Berlin. Der für das MfS in gewohnter Manier penibel ausgeklügelte und somit scheinbar sichere Vorgang, sollte allerdings eine überraschende Wende nehmen und ein unvorhersehbares Ende mit sich bringen.

Die erst ein gutes Jahr zuvor unter dem Dach der evangelischen Zionsgemeinde als Begegnungs- und Informationsort gegründete Bibliothek war innerhalb kürzester Zeit zum wichtigsten Zentrum der DDR-Umweltbewegung geworden. Vor allem aber war sie zu einer der wichtigsten Schaltstellen der Opposition im kommunistischen Teil Deutschlands avanciert. In den Kellerräumen von Hans Simon, dem Pfarrer der Gemeinde, wurde verbotene oder zumindest unerwünschte Literatur gesammelt und zugänglich gemacht.

Darüber hinaus veranstaltete die UB Diskussionsabende, Filmvorführungen und Konzerte. Damit schuf sie Raum für die Behandlung tabuisierter politischer Themen und gab verbotenen Künstlern eine kleine Bühne. Unter enormem Aufwand und nicht geringem Risiko bewerkstelligten Wolfgang Rüddenklau, Gründungsmitglied der UB sowie redaktioneller Mittelpunkt, und seine Mitstreiter die monatliche Herausgabe der "Umweltblätter". Gelegentlich wurde in den Kellerräumen der UB auch der illegale "Grenzfall", die Publikation der Oppositionsgruppe "Initiative für Frieden und Menschenrechte", gedruckt. Den regierenden Kommunisten entging die fortschreitende Vernetzung und Entfaltung der Systemkritiker keineswegs - folglich rückte die UB in immer stärkerem Maße ins Visier der Stasi.

Aktion "Falle"

Um weitere Ausgaben von Untergrundpublikationen zu verhindern und im gleichen Atemzug mehrere Berliner Oppositionelle aus dem Verkehr zu ziehen, schmiedete die Staatssicherheit im Verbund mit dem Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft der DDR, Gläsner, einen ebenso akribischen wie perfiden Plan: Man wollte die Drucker in den Kirchenräumen beim Vervielfältigen des nicht genehmigten "Grenzfall" auf frischer Tat ertappen und damit die Kirchenleitung zum Stillhalten zwingen. Ziel dieser Aktion mit dem Decknamen "Falle" war also nicht nur die UB - es ging um die Ausschaltung eines wesentlichen Teils der systemkritischen Kräfte in der DDR-Hauptstadt.

Am Abend des 24. November wartete die Stasi bereits an der Zionskirche, in deren Nähe sich die UB befand. Ein Spitzel hatte verraten, dass in der kommenden Nacht die Vervielfältigungsgeräte angeworfen und illegale Zeitschriften hergestellt werden sollten. Gleichzeitig hatte er die "Grenzfall"-Redakteure überredet, entgegen den üblichen konspirativen Gepflogenheiten beim Druck anwesend zu sein. Doch die "Grenzfall"-Macher erschienen nicht, und die von Ungeduld geplagten Stasi-Leute beschlossen schließlich, den Einsatz dennoch durchzuführen.

Das Kommando holte die Pfarrersfamilie aus dem Bett und überrumpelte kurz nach Mitternacht tatsächlich die Drucker auf frischer Tat. Die waren allerdings nicht, wie erwartet, mit dem Druck des "Grenzfall" beschäftigt, sondern noch beim Druck der "Umweltblätter" - die aber waren offiziell eine "innerkirchliche" Publikation und nicht wie der "Grenzfall" illegal. Dennoch wurden die anwesenden sieben Aktivisten der UB festgenommen und verhört, die Räume durchsucht, das Druckmaterial und die -ausstattung konfisziert.

Obwohl damit eine weitere Arbeit der Oppositionsgruppe verhindert schien, war das Ziel der Stasi weit verfehlt, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen sollte.

Der "Kampf um Zion"

Was nun folgte, war ein Schlüsselereignis für die Entwicklung der Jahre 1988/89 in der DDR. Noch in der Nacht informierte Pfarrer Simon die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley über die Stasi-Aktion gegen die Zionskirche. Bohley ihrerseits gab die Nachricht umgehend an weitere DDR-Oppositionelle - vor allem gelang es ihr, den 1983 ausgebürgerten SED-Kritiker Roland Jahn in West-Berlin zu informieren, der nun als auf der anderen Seite der Mauer arbeitete. Jahn gelang es noch in der Nacht, alle wichtigen Westmedien über den Übergeiff zu informieren. Bereits am nächsten Morgen war die ARD vor Ort, um über den Tabubruch zu berichten: Seit der Stalinzeit, genauer seit 1953 war die SED-Staatsmacht nicht mehr derart offensiv in Kirchenräume eingedrungen, sondern hatte sich auf Spitzel und Wanzen beschränkt. So war die Durchsuchung der Zionsgemeinde nicht nur eine Herausforderung an die Opposition, sondern auch ein Schlag ins Gesicht der Kirche.

Was folgte, ging als "Kampf um Zion" (so der Titel eines Berichts) in die Geschichte ein. Denn auf die Aktion "Falle" folgte eine Welle der Solidarisierung mit den Verhafteten, die alle Erwartungen derjenigen übertraf, die den Protest auslösten. Trotz weiterer Festnahmen von Demonstranten im Umfeld der Kirche ließ sich der Protest nicht mehr aufhalten. Vor der Zionskirche selbst sammelte sich sogar eine Mahnwache und drängte somit direkt in die Öffentlichkeit - in der DDR bis dahin fast unvorstellbar. Offen forderten die Demonstranten die Freilassung der Inhaftierten, die Herausgabe der konfiszierten Sachen sowie eine Garantie für den Fortbestand und die volle Arbeitsfähigkeit der Umwelt-Bibliothek.

Protestschreiben von wütenden DDR-Bürgern gingen bei der SED-Führung ein, die Westmedien berichteten von zunehmenden Protesten von Bürgern und Organisationen auch in der Bundesrepublik. Aus den Reihen der Grünen beispielsweise wurde das Vorgehen der Obrigkeit im Osten als "staatlicher Willkürakt gegen die Ökologie- und Friedensbewegung in der DDR" kritisiert und gefordert, die "die Freiheit beschneidenden Maßnahmen rückgängig zu machen". Angesichts der unerwarteten öffentlichen Kritik sah sich die SED-Führung gezwungen, die inhaftierten Oppositionellen nach wenigen Tagen wieder frei zu lassen.

Ungewöhnliche Danksagung

Mit der Aktion "Falle" hatte sich die Stasi selbst einen Bärendienst erwiesen. Die Opposition in der DDR wurde nicht geschwächt, sondern rückte statt dessen in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit, in der DDR wie im Westen. In einem Neujahrsgruß der "Umweltblätter" zur Jahreswende 1987/88 wandten sich die Aktivisten denn auch in ironischem Ton direkt an ihre "Gönner" und bedankten sich bei den DDR-Behörden für "die großartige weltweite Gratis-Reklame für die Umwelt-Bibliothek". Außerdem hieß es dort, man rufe "der DDR-Regierung zum neuen Jahr zu: 'Macht weiter so, Jungs!'" Der Wunsch ging - trotz einiger Rückschläge für die Opposition in den folgenden Monaten - in Erfüllung. Bereits zwei Jahre später war die SED fertig mit dem Schaufeln des eigenen Grabes.

Text: Juana Pusch/Tom Sello



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